Privatsache?

Am Wochenende stimmen wir mal wieder ab. Unter anderem über die Frage, ob es einen Tieranwalt geben soll. Ich habe zwar meinen Stimmzettel noch nicht ausgefüllt, (Notiz an mich selber: DRINGEND Stimmzettel ausfüllen!) aber den Kopf zerbreche ich mir dennoch über die Frage. Das heisst, eigentlich habe ich mich noch nicht so sehr mit der Frage befasst, ob es einen Tieranwalt braucht, sondern vielmehr mit der Frage, weshalb man sich in der Schweiz (zu Recht) für den Tierschutz einsetzt, sich aber um den Schutz der Kinder einen Dreck schert.

Da legt man fest, dass ein Meerschweinchen nicht alleine leben darf, hat aber kein Problem damit, dass es Kinder gibt, die sich den lieben langen Tag alleine durchschlagen müssen, weil keiner Zeit hat für sie. Da misst man auf den Millimeter genau, wie viel Platz ein Kaninchen zur Verfügung haben muss, aber wenn Kinder in einer Betonwüste in engen Wohnungen ihr Dasein fristen müssen findet man das vollkommen normal. Man legt fest, wie viel Auslauf eine glückliche Kuh braucht, aber dass es Kinder gibt, die sich nicht vors Haus wagen dürfen, weil ihnen sonst der Tod unter dem Lastwagenrad droht, ist kein Thema. Da macht man sich Gedanken über die richtige Ernährung von Schweinen, dass es aber zig Kinder gibt, die mit Fertigfutter von miesester Qualität abgespeist werden, kümmert kaum jemanden.

Ich will nicht den Tierschutz gegen den Kinderschutz ausspielen. Tierschutz ist eine wichtige Sache und ich bin voll und ganz dafür, dass man sich für das Wohl der Tiere einsetzt. Doch warum stimmen wir über Tieranwälte ab, nicht aber über Kinderanwälte? Warum darf man in  unserem Land noch immer ungestraft behaupten, Kinder seien Privatsache und deshalb habe sich die Öffentlichkeit nicht darum zu kümmern, dass sie „artgerecht“ gehalten seien? Kinder sind keine Privatsache, Kinder sind Gesellschaft und wenn es den Kindern mies geht, dann geht es bald einmal der ganzen Gesellschaft mies.

So, jetzt habe ich mir meinen Frust wiedermal von der Seele geschrieben. Ich geh dann mal meinen Stimmzettel ausfüllen…

Ach, Pooh Bär!

So schnell werde ich kein Stossgebet mehr gen Himmel schicken, wenn ich nicht weiss, worüber ich bloggen soll. Kaum hatte ich fertig geklönt, stellte ich mit Schrecken fest, dass der Schlüssel zur Vorratskammer weg war. Nicht einfach weg im Sinne von auf dem Fussboden liegend, sondern wirklich weg. Und niemand war Schuld; Karlsson nicht, Luise nicht, der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht, der Zoowärter erst recht nicht. Nein, es war Winnie the Pooh, der das Ding zum Verschwinden gebracht hatte und zwar fünf Minuten bevor es Zeit war, zu kochen. Winnie the Pooh hatte das Ding offenbar in den Abfallkübel geschmissen, erzählte mir der FeuerwehrRitterRömerPirat. Er habe es genau gesehen. Dumm war bloss, dass Pooh nirgends zu finden war, denn derjenige, der gewöhnlich Pooh ist, war im Moment ein ganz anderer, nämlich Donald Duck. Und auch wenn Pooh vor dem Abendessen wieder auftauchen würde, hatte ich keine Gewähr, dass er sich noch an den Verbleib des Schlüssels erinnern würde. Man weiss ja, wie vergesslich Pooh ist.

Was also sollte ich tun? Den Abfallsack nach dem Schlüssel durchwühlen? Keine gute Idee. Ich bin eine bekennende Memme und mein Magen hat heute schon einmal rebelliert, als ich Luises eitrige Wunde am Fuss – nicht am Auge, Gott sei Dank! – verarztete. Also blieb mir nichts anderes übrig, als zu warten, bis „Meiner“ nach Hause käme, bevor ich mich weiter um den Schlüssel kümmern konnte. Und so kochte ich für einmal ohne Olivenöl, ohne Bouillon, ohne Zwiebeln und ohne getrocknete Kräuter. Also ja, ohne Zwiebeln koche ich fast immer, weil ich die Dinger hasse, aber weil es heute Fleisch gab und ich das Zeug bekanntlich nicht esse, hätte ich „Meinen“ und Karlsson gerne mit Zwiebeln überrascht. Aber ohne Schlüssel keine Zwiebeln. Und kein Öl. Und keinen Besen, um endlich den Dreckhaufen auf dem Fussboden aufzuwischen, damit ich nicht immer reintrete.

Kurz vor dem Abendessen tauchte Winnie the Pooh wieder auf. Ist mir noch gar nicht aufgefallen, wie ähnlich sich Pooh und unser Zoowärter sind…  Wie ich vermutet hatte, konnte Pooh sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, ob er den Schlüssel in den Abfallsack, auf die Strasse oder auf den Baum geschmissen hatte. Nun, „Meiner“ hat das Ding dann wieder gefunden. Es lag tatsächlich im Abfallsack. Und deshalb kann ich ab morgen zusammen mit der Frau von Costa y Bravo wieder getrost sagen: Hombré! Ich koche nur mit Olivenöl.

Und wer meinen Schlusssatz nicht verstanden hat, soll gefälligst mal wieder seine Asterix-Sammlung entstauben!

Schuld(un)bewusstsein

Es ist schon verrückt: Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann kurz hintereinander Tapete von den Wänden reissen, Tinte auf Mamas Bürotisch ausgiessen, Löcher ins Leintuch schneiden, die Wände mit dem Namen seiner Liebsten verzieren, das Bad unter Wasser setzen und ich weiss nicht was noch alles. Und wenn man ihn zur Rede stellt, dann zuckt er mit der Schulter, lächelt einen schelmisch an und zieht weiter fröhlich seines Weges. Okay, neulich hat er mir versprochen, dass er nur noch Unfug machen wird, wenn er böse ist auf jemanden und im Moment scheint er mit der Welt im Reinen zu sein. Aber grundsätzlich gilt für ihn: Ich mache Unfug, wann immer es mir passt und wenn jemand etwas dagegen einzuwenden hat, ist das nicht mein Problem.

Wenn aber Luise vergessen hat, die Türe von Grossmamas Gefrierschrank zu schliessen und sie weiss ganz genau, dass sie den Gefrierschrank nicht hätte öffnen dürfen, dann kommt sie beinahe auf Knien angekrochen, fleht um Entschuldigung, heult, als hätte sie einen schlimmen Unfall verursacht und lässt sich kaum mehr trösten. Sie macht sich Vorwürfe und man kann ihr hundertmal sagen, dass so etwas passieren kann, sie schafft es dennoch kaum, sich den Fauxpas zu verzeihen.

Was lernt die stets lernwillige Mama aus dem so unterschiedlichen Verhalten ihrer Kinder? Dass sie nie, aber auch wirklich gar nie ihre fünf Kinder über den gleichen Kamm scheren darf. Dass es auf der ganzen Welt nicht einen einzigen Erziehungsratschlag gibt, der für alle seine Gültigkeit hat. Und dass sie wohl bis ans Ende ihrer Tage immer erst im Nachhinein wissen wird, wo sie die Schraube mehr hätte anziehen sollen und wo sie ein Auge hätte zudrücken müssen.

Und raus damit!

Es ist vielleicht sechzehn Jahre her, da sass eines Abends ein junger Mann an seinem Schreibtisch und lernte auf eine Prüfung. Vielleicht in Geschichte, vielleicht auch in Französisch, ja, es könnte gar sein, dass es eine Physikprüfung war. Ist ja auch nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass er, als er so richtig in seine Bücher vertieft war, seine Mama aus der Küche rief, ob er eine Banane essen wolle. Er wollte nicht und wenn seine Mama eine gewöhnliche Mama gewesen wäre, hätte sie sein Nein akzeptiert. Seine Mama war aber eine Italienische Mama und deshalb fragte sie noch einmal, worauf der junge Mann wieder nein sagte. Weil die Mama aber eine Italienische Mama von altem Schrot und Korn war, fragte sie noch einmal und als der junge Mann ein drittes Mal nein sagte, stand die Mama bald darauf mit der geschälten Banane im Zimmer des jungen Mannes. Worauf der junge Mann so wütend wurde, dass er das Fenster öffnete und die Banane in Nachbars Garten schmiss.

Zu der Zeit, als dies geschah, war der junge Mann mit einer jungen Frau liiert, die diesen Vorfall äusserst witzig fand. Die Geschichte mit der Banane wurde zu einer der beliebtesten Anekdoten, welche die beiden erzählten, wenn jemand wissen wollte, wie denn das Verhältnis zur Mama des jungen Mannes sei. Eine weitere Bedeutung mass die junge Frau dieser Begebenheit nicht zu und es fiel ihr auch über Jahre nicht auf, dass der junge Mann immer mal wieder Dinge aus dem Fenster schmiss, wenn sie zu lange herumlagen oder ihm sonst auf irgend eine Weise auf die Nerven fielen.

Neulich aber sah die junge Frau, die inzwischen mit dem jungen Mann verheiratet ist und mit ihm zusammen fünf Kinder hat, dass in der Dachrinne eine Strumpfhose der Tochter lag. Und auf der Rutschbahn ein Paar Socken des zweitjüngsten Sohnes. Und im Erdbeerbeet ein T-Shirt des mittleren Sohnes. Die junge Frau,- die inzwischen übrigens schon einige graue Haare hat und deshalb eigentlich gar nicht mehr jung ist – fragte ihre Kinder, weshalb all die Kleider im Garten liegen würden. Worauf ihr Ältester gleichmütig erklärte: „Die haben die anderen in meinem Zimmer liegen lassen und weil sie sie nicht weggeräumt haben, habe ich sie eben zum Fenster raus geschmissen. Das macht der Papa ja auch immer, wenn wir nicht aufräumen.“

Eines ist jetzt schon klar: Die Mama dieser Kinder wird sie nie mit bereits geschälten Bananen belästigen, wenn sie am Lernen sind. Aber sie ist ja auch keine italienische Mama.

Nein! Nicht jetzt schon!

Nach der doch sehr anstrengenden Kleindkind-Phase und der nicht minder anstrengenden Zeit des Einstiegs in den Kindergarten folgen ein paar wunderbare Jahre mit den Kindern. Sie ziehen sich selbständig an, können ihr Zimmer selber aufräumen, so sie denn wollen, sie schlafen nachts durch. Sie können selber lesen, wenn man keine Zeit hat, Geschichten zu erzählen, sie brauchen nur noch ein paar Anleitungen um einen Kuchen zu backen oder Spaghetti zu kochen. Sie saugen Wissen in sich auf, sind noch klein und niedlich aber nicht mehr so klein, dass es für die Erwachsenen anstrengend wäre. Und das Beste an allem: Die Eltern sind die Grössten! Was Mama sagt, ist wahr, was Papa cool findet, findet man auch cool. Karlsson und Luise sind gerade in dieser Phase. Es ist einfach herrlich, wenn auch nicht immer konfliktfrei.

Auch Lehrpersonen sind hoch geachtet in diesem Alter. Sagt die Lehrerin, die Kinder sollten über Mittag ein wenig frische Luft schnappen, dann tut Karlsson dies gewissenhaft. Sagt sie, die einzige Hausaufgabe über die Ferien sei die, dass die Kinder sich so richtig erholen, dann liegt Karlsson während Stunden auf dem Bett und erholt sich. Soweit alles perfekt. Doch in letzter Zeit gibt es da eine Veränderung, die mir nicht gefallen will. Nehmen wir das Beispiel mit der Erholung: Da liegt er also auf dem Bett, der Karlsson, vertieft in ein Buch und erholt sich mit heiligem Ernst. Die Mama klopft sanft an die Zimmertür, Karlsson murmelt irgend etwas, was die Mama als Aufforderung versteht, hereinzukommen. „Karlsson, in einer halbe Stunde essen wir. Ich möchte, dass du vorher noch deine Schuhe wegräumst. Nicht gerade jetzt, aber einfach noch vor dem Essen“, sagt die Mama mit Engelsstimme. Worauf Karlsson losheult, das Buch in die Ecke knallt und brüllt: „Immer muss ich aufräumen! Du bist so unfair! Und die Lehrerin hat doch gesagt, wir müssten uns erholen.“

Ein weiteres Beispiel gefällig? Karlsson steht vor dem Spiegel und betrachtet sich kritisch, schiebt sich die etwas zu langen Haare aus den Augen und murmelt, dass er kaum mehr etwas sehen kann wegen seiner Haare.

Mama, zuckersüss: „Karlsson, was meinst du? Sollen wir mal wieder zum Coiffeur gehen mit dir? Deine Haare stören dich bestimmt.“

Karlsson, schreiend: „Ich will mir nicht die Haare schneiden! Meine Haare sind genau richtig. Du bist immer so gemein zu mir!“

Mama, geduldig, aber mit der nötigen Strenge: „Hör mal, ich war  ganz nett mit dir. Ich habe nur einen Vorschlag gemacht und du brüllst mich an. So kannst du mit mir nicht umgehen.“

Karlsson, lauter brüllend: „Immer schimpfst du mit mir! Ich will dir überhaupt nie mehr zuhören. Du schreist mich immer an!“

Mama, noch immer ruhig, aber noch eine Spur strenger: „Ich habe dich nicht angeschrien. Ich habe dir bloss klargemacht, dass du so nicht mit mir umgehen kannst. Klar geht man sich in einer Familie hin und wieder auf die Nerven. Aber so können wir miteinander nicht reden.“

Karlsson, stapft wütend davon, knallt die Türe, heult und schreit dazu: „Immer seid ihr alle so gemein zu mir!“

Mama steht verdattert da und fragt sich im Stillen, ob der Junge einfach schlecht gelaunt ist, oder ob dies – Gott bewahre! – bereits die Vorpubertät ist.


Kleiner Hinweis an die Mütter, die dies Lesen und die diese Phase bereits hinter sich haben: Ihr dürft von mir aus denken, dass dies die Vorpubertät ist. Aber schreiben dürft ihr mir dies nicht. Ich bin noch nicht bereit, mich der Tatsache zu stellen. Noch lange nicht.

Der Mythos vom eigenen Zimmer

Wer bei Google nach dem Thema „eigenes Zimmer für Kinder“ sucht, stösst schnell einmal auf Foren, in denen Eltern einander gegenseitig in der Meinung bestärken, dass ein Kind ohne eigenes Zimmer ein ganz unglückliches Kind ist. „So früh wie möglich“ solle man die Kinder in ein eigenes Zimmer stecken, liest man da. „Ein eigenes Zimmer zu haben ist nie zu früh“, schreiben andere. Auf einer anderen Seite stosse ich auf den Hinweis, dass in Deutschland Hartz IV-Empfängern der Umzug in eine grössere Wohnung, damit jedes Kind ein eigenes Zimmer habe, nicht verweigert werden dürfe (was ich übrigens vollkommen richtig finde).

Bevor ich nun weiter auf die Frage nach den eigenen Zimmer eingehe, hier ein kleiner Hinweis: Dies ist kein Beitrag zur Diskussion über Hartz IV-Empfänger. Eine Diskussion, die, wie ich beim Surfen festgestellt habe, äusserst gehässig ist. Erstens verstehe ich als Schweizerin von Hartz IV viel zu wenig und zweitens bereiten mir schon all die Schweizer schlaflose Nächte, die über „Sozialschmarotzer“, „Scheininvalide“ und anderes „Gesindel“ herziehen. Also bitte keine Kommentare, die in die Richtung gehen, ob ein Sozialhilfeempfänger auch ein Recht auf Leben habe oder nicht. Klar? Okay, dann kann ich ja jetzt wieder auf mein eigentliches Thema zurückkommen.

Zurück also ins Kinderzimmer. „Meiner“ und ich haben uns damals, als wir noch mehr Kinder als Kinderzimmer hatten, grosse Vorwürfe gemacht weil man ja eben weiss, dass jedes Kind so früh wie möglich ein eigenes Zimmer braucht. Gut, ich als Jüngste von sieben Kindern habe mir da nicht allzu viele Sorgen gemacht. Wusste ich doch genau, dass man erst abends, wenn es dunkel ist, erfährt, in wen die grosse Schwester verliebt ist und solche Geheimnisse musste man einfach wissen, wenn man bei Tageslicht eine Erpressungsmöglichkeit in den Händen halten wollte. Wollte man erfahren, dass auch der grosse Bruder nur ein normaler Mensch mit Ängsten ist, musste man warten, bis im Haus alles still war und er einem das Herz öffnete. Solche Dinge erfuhr man nur, wenn man miteinander das Zimmer teilte. Aber ob heutige Pädagogen und andere Experten diese Erfahurngen noch gutheissen würden, wusste ich natürlich nicht.

Seit einiger Zeit nun hat jedes unserer Kinder sein eigenes Zimmer. Oder besser gesagt hätte jedes unserer Kinder sein eigenes Zimmer. Wenn nicht der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich standhaft weigern würden, ein eigenes Zimmer zu beziehen. Und nicht nur das, sie weigern sich auch, in ihrem eigenen Bett zu schlafen. Und so stehe ich jeden Morgen im Halbdunkel neben ihrem Bett und suche zwischen Bergen von Stofftieren und Kuscheldecken nach dem Kind, das ich wecken muss, damit es nicht zu spät in den Kindergarten kommt. Und probiere gleichzeitig um alles in der Welt zu verhindern, dass das Kind, das noch zu Hause bleiben darf, dabei aufwacht. Eigentlich habe ich kein Problem damit, dass die zwei ihr Zimmer teilen wollen, nur morgens, wenn nicht beide gleichzeitg wach sein sollten (und abends, wenn sie sich gegenseitig vom Schlafen abhalten) verstehe ich, warum man für getrennte Kinderzimmer plädiert: Für die Eltern ist es eindeutig bequemer.

Ach ja und dann gibt es noch das Argument der Privatsphäre. Alle Kinder brauchten nachts ihre Privatsphäre, sagt man. Ob das wohl stimmt? Wo doch fast alle Kinder – mit Ausnahme von Karlsson, der es hasst, mit jemandem sein Bett zu teilen – jeweils nachts ins Elternbett geschlichen kommen. Man könnte also auch die Behauptung aufstellen, dass einzig die Eltern so bald als möglich ihre Privatsphäre haben wollen. Und um diese zu bekommen, sollten sie ihre Kinder so lange als möglich im gemeinsamen Zimmer schlafen lassen. Aber ich werde mich davor hüten, diese Behauptung in Stein zu meisseln. Weiss ich doch genau, dass bei der Kindererziehung die Worte alle und immer gefährliche Worte sind.

Einen Schritt weiter

Es ist jetzt ziemlich genau zehn Jahre her, seitdem sich eine winzige befruchtete Eizelle auf den Weg gemacht hat, um sich in meiner Gebärmutterwand einzunisten. Diese Eizelle wuchs in der Folge ganz kräftig, entwickelte sich in Riesenschritten, schlüpfte irgendwann aus meinem Bauch, um mehr Raum zum Wachsen zu haben. Heute misst die ehemalige Eizelle rund 140 cm und ist somit nur noch einen halben Kopf kürzer als die Mama, die ihn einst im Bauch getragen hatte. Meinen Lesern ist diese ehemalige Eizelle unter dem Namen Karlsson bekannt und dieser Karlsson hat heute, ziemlich genau ein Jahrzehnt nachdem er zu sein begann, einen weiteren Schritt in Richtung Selbständigkeit getan. Und das kam so:

Karlsson war heute Morgen ziemlich übel gelaunt, als er aus dem Bett gekrochen kam. Die ganze Welt war ungerecht: Luise durfte noch in Ruhe fertig frühstücken, während er bereits in seine Kleider hätte schlüpfen sollen. Dem Zoowärter wurden die Kleider aus dem Schrank geholt, während man ihn einfach so alleine liess bei der Auswahl seiner Kleider. Und dann erinnerte sich Karlsson auch noch daran, dass gestern Abend der Babysitter ganz unglaublich gemein gewesen war. Sie hatte nämlich den FeuerwehrRitterRömerPiraten eine Gutenacht-Geschichte auswählen lassen und so musste der arme Karlsson vor dem Einschlafen die Legende von König Artus hören, wo er doch viel lieber ein „Lustiges Taschenbuch“ erzählt bekomme hätte. Als ob man „Lustige Taschenbücher“ erzählen könnte!  Als dann auch noch das Gejammer losging, weil die Kleinen ihren Toast bebuttert bekamen, während Karlsson das Messer selber in die Hand nehmen musste, hatte „Meiner“ genug. „Dann bleib doch zu Hause und komm in zwei Stunden mit dem Bus in die Stadt!“, sagte er.

Karlssons Augen strahlten, in mir aber meldete sich sofort  die Glucke zu Wort: „Darf man denn das, einen fast Zehnjährigen am Sonntagmorgen alleine zu Hause lassen, während der Rest der Familie zur Kirche geht?“, fragte sie.  „Ich denke schon“, sagte ich. „Karlsson ist ja ein ganz vernünftiger Junge.“ „Ja, aber stell dir bloss vor, was passiert, wenn der ‚ganz vernünftige Junge‘ auf die Idee kommt, mit Zündhölzern zu spielen. Oder wenn er sich während eurer Abwesenheit am Computer zu schaffen macht? Weisst du überhaupt, was ihm alles zustossen kann so alleine zu Hause?“, fragte die Glucke mit vorwurfsvollem Unterton. „Karlsson weiss genau, dass er nicht mit Zündhölzern spielen darf. Und vom Computer wird er auch die Finger lassen. Er hat ja gesagt, dass er lesen will.“ „Ja, aber du kannst doch den armen Jungen nicht alleine Bus fahren lassen. Was, wenn er an der falsche Station aussteigt?“, keifte die Glucke. „Karlsson ist den Weg schon hundertmal gefahren“, beruhigte ich sie. „Na und? Was, wenn er ausgerechnet beim hundertersten Mal nicht mehr weiss, wo er aussteigen muss?“

Irgendwie gelang es mir, die Glucke zum Schweigen zu bringen. Sie versuchte zwar noch, mich dazu zu bringen, Karlsson zu fragen, ob er sich wirklich ganz sicher sei, dass er die zwei Stunden ohne uns zurechtkommen würde und ob er nicht lieber doch mit uns kommen wolle, aber ich konnte der Glucke gerade noch rechtzeitig den Mund zuhalten. Und so liessen wir unseren Ältesten zum ersten Mal unbeaufsichtigt zu Hause, versehen mit unserer Handynummer und vielen gut gemeinten Ermahnungen. Und nachdem ich die Glucke endlich zu Boden gerungen hatte, konnte ich mir eingestehen: Es ist gar kein schlechtes Gefühl, nach zehn Jahren der rund um die Uhr-Betreuung zu wissen, dass das älteste Kind für eine kurze Zeit ganz gut auf sich selbst aufpassen kann. Er ist ja jetzt schon eine ganze Weile her, seitdem er eine Einzelle war.

Führungskräfte von morgen

Im Rahmen meiner Weiterbildung kämpfe ich mich im Moment durch ein Oevre mit dem spannenden Titel „Anforderungen an Führungskräfte von morgen“. Darin erfahre ich, dass von einer guten Führungskraft Selbstmanagement erwartet wird, damit sie sich nicht vollkommen auskotzt und danach auf dem Zahnfleisch geht. Sie muss ein Leben lang lernfähig bleiben und systematisch denken können, damit sie im ganzen Chaos nichts Wichtiges übersieht. Die Führungskraft braucht „kommunikative Kompetenz“, damit es nicht zu unnötigen Konflikten kommt und wenn es dennoch kracht, muss sie gut sein im Konfliktmanagement. Und für all dies braucht sie eine überdurchschnittliche Kreativität. Sie muss teamfähig sein und ihre Mitarbeiter motivieren können, auch Dinge zu tun, die ihnen keinen Spass machen und dabei soll sie ihnen so oft wie möglich die Chance bieten, ihre eigenen Erfahrungen und ihr Wissen einzubringen, oder etwas weniger geschwollen gesagt: Sie sollen zeigen dürfen, was sie können. Und die Führungskraft muss dafür sorgen, dass die Mitarbeiter sich entfalten und entwickeln können. Bei all dem hat sie dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter das Vertrauen in sie nicht verlieren.

Das Elaborat umfasst 55 Seiten Text, zahlreiche Wiederholungsaufgaben sowie einen umfangreichen Anhang. Ich finde, man hätte das Ganze in einem Satz schreiben können: „Die Führungskraft von morgen muss eine erfahrene Mutter und Hausfrau sein.“ Punkt. Ende.

Rabenmama?

Im Grossen und Ganzen halte ich mich für eine ziemlich besonnene Mutter. Eine, die sich nicht gleich in die Hose macht vor lauter Angst, bloss weil das Kind Nasenbluten hat. Eine, die nicht jedem Trend hinterherläuft, bloss weil „Wir Eltern“ darüber berichtet, dass ein Ungeborenes schon im Mutterleib von seiner Umgebung beeinflusst wird. Eine, die nicht alles kauft, was für die Kinder angeblich gut sein soll – allein schon, weil das Budget all den überteuerten Mist gar nicht mitmachen würde. Eine, die nicht alle drei Tage beim Kinderarzt sitzt, weil sie im Internet wieder von einer neuen Gefahr für Babys Gesundheit gelesen hat. All die Dinge lassen mich ziemlich kalt und ich bin ganz glücklich dabei.

Aber manchmal beschleichen mich dennoch Zweifel: Bin ich eine Rabenmutter, wenn ich nicht zum Notarzt fahre, wenn das Prinzchen auf die Nase gefallen ist? Ich meine, das Kind war nach dem ersten Heulen wieder vollkommen zufrieden und zeigte keinerlei Auffälligkeiten. Aber ich weiss, dass andere Mütter dennoch zum Arzt gehen. Oder wie ist das mit der Förderung? Müsste Karlsson vielleicht so langsam oder sicher etwas weniger verspielt werden und seine freie Zeit mit pädagogisch wertvollen Lernspielen verbringen? Verpasst er die grossen Chancen des Lebens, wenn er auf Bäume klettert anstatt Chinesisch zu lernen? Okay, eigentlich weiss ich, dass auf Bäume klettern viel wertvoller ist, aber wenn ich dann wieder von Eltern lese, die ihre Kinder in jeden erdenklichen Förderkurs stecken, beschleichen mich doch die Zweifel, ob ich nicht etwas mehr tun müsste, um meinen Ältesten zu pushen. Und wie ist das mit diesen kleinen mathematischen Defiziten, die sich bei Luise bemerkbar machen? Reicht es, wenn „Meiner“, der als Primarlehrer doch immerhin als Fachmann durchgehen kann, mit ihr lernt? Oder müsste ein Spezialist her? Bin ich eine gleichgültige Tante, wenn ich lauthals lache, weil mir jemand vorschlägt, den FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Heim zu stecken, bloss weil er hin und wieder über die Stränge schlägt? Müsste ich mich sorgen über seine unüberlegten Missetaten oder darf ich wirklich mit einem Schulterzucken auf Michel aus Lönneberga verweisen, aus dem schliesslich doch noch ein Gemeinderatspräsident geworden ist? Nimmt der Zoowärter Schaden, weil ich ihn zuweilen alleine ein Buch anschauen lasse, anstatt ihm rund um die Uhr vorzulesen, wie er es sich wünschen würde?

Ja, ich weiss, meine Zweifel sind absurd, aber welche Mütterzweifel sind das nicht? Ich weiss ja auch, dass sich jede Mama hin und wieder mit solchen Zweifeln in den Wahnsinn treibt. Aber ich weiss auch, dass man bei Mamas von vielen Kindern sehr viel schneller von Vernachlässigung redet als bei Mamas von weniger Kindern. Was bei einer Mama von weniger Kindern noch als Erziehung zur Selbständigkeit hoch angerechnet wird, wirft man uns Grossfamilienmüttern schnell mal Gleichgültigkeit vor. Und darum nutze ich die Zeit, die andere Mamas zum Grübeln über ihr vermeintliches Versagen brauchen dazu, darüber zu grübeln, ob ich noch als relaxed oder schon als gleichgültig angesehen werde.