Nicht systemkonform

Okay, diese Gesichtserkennungsdinger sind ja ganz praktisch, wenn man mal ein wenig Ordnung in die endlose Sammlung an Digitalbildern bringen will. Manchmal verwechselt der Computer zwar den FeuerwehrRitterRömerPiraten mit dem Zoowärter, aber das passiert Menschen, die die beiden nicht so gut kennen, auch hin und wieder. Zuweilen hält er auch Karlsson für mich und mich für Karlsson, aber auch das ist nicht weiter verwunderlich, musste sich der arme Karlsson doch schon öfters anhören, er sei mir wie aus dem Gesicht geschnitten. Einmal hat der Computer sogar den kolossalen Fehler begangen, Zoowärters beste Freundin für eins von unseren Kindern – ich glaube, es war das Prinzchen – zu halten, aber alles in allem läuft das wirklich ganz gut mit dem Einordnen der verschiedenen Vendittis. Einzig mit „Meinem“ scheint das System seine liebe Mühe zu haben. Es hat doch tatsächlich geglaubt, ihn in diesem Bild hier wieder zu erkennen: 

"Meiner", wie ihn der Computer sieht

„Meiner“, wie ihn der Computer sieht

Na ja, „Meiner“ ist halt nicht immer ganz systemkonform. 

Schlafverschwendung

Früh aufstehen ist eine Qual, darin sind wir uns hoffentlich einig. (Nein, bitte lasst es mich NICHT wissen, wenn ihr das anders seht. Es würde meinem positiven Bild, das ich von euch da draussen habe, einen schlimmen Kratzer verpassen und ich weiss nicht, ob ich eure Kommentare danach noch freundlich beantworten könnte.) Also, früh aufstehen ist eine Qual und jede Sekunde, die man länger im Bett bleiben darf, ist ein kostbares Geschenk, das es mit Schnarchen und Kuscheln gebührend zu würdigen gilt. Lässt man seine Knöpfe also jeden Morgen so lange schlafen, wie es nur irgend möglich ist, ohne dass sie zu spät zur Schule kommen, erweist man ihnen einen wunderbaren Dienst, für den sie einem gefälligst auf den Knien danken sollen. 

So sehe ich das und darum war meine Erklärung für das allmorgendliche „Ich will nicht zur Schule“-Theater, das uns der FeuerwehrRitterRömerPirat seit Jahr und Tag aufführt, naheliegend: Das Kind hasst die frühen Morgenstunden ebenso sehr wie ich. Lassen wir ihn also so lange schlafen, wie es nur geht, dann kommt das schon gut. Es kam…na ja, wie soll ich sagen? Nicht so gut. Immer nur antreiben, mit Belohnungen ködern, drohen, neben ihm sitzen, damit er sich endlich anzieht… Das volle Programm, das im Erziehungsratgeber allerhöchstens unter der Rubrik „Auf gar keinen Fall so!“ auftaucht. Ein elender Teufelskreis, aus dem wir alle erst ausbrechen konnten, als „Meiner“ beschloss, nicht mehr mitzuspielen.

„Dann sieh doch selber, wie du in die Schule kommst“, sagte er eines Tages und weckte den Jungen fortan frühmorgens um sechs, also ganze neunzig Minuten bevor er aus dem Haus muss. (Wenn ihr mich fragt, grenzt so etwas an Kindesmisshandlung, aber mich fragt ja mal wieder keiner…) Und was tat unser bis anhin so störrische Dritte? Trödelte am Frühstückstisch. Trödelte beim Anziehen. Trödelte auf dem Sofa rum. Trödelte beim Zähneputzen. Trödelte neunzig Minuten lang fröhlich vor sich hin (und zog sich dabei mein „GEO Epoche“ über die RAF rein, weshalb er mich jetzt andauernd nach Menschen fragt, die er sich auf gar keinen Fall zum Vorbild machen soll). Trotzdem war er früher aus dem Haus als je zuvor, aufgedreht und fröhlich wie sonst noch nicht mal am ersten Schultag.

Bedenklich, finde ich, aber ich muss wohl lernen, damit zu leben, dass es Menschen gibt, die fröhlich auf fünfundvierzig Minuten kostbaren Schlafes verzichten, nur um eine geschlagene Viertelstunde damit vergeuden zu können, sich zwei Socken über die Füsse zu ziehen. 

l' heure bleue; prettyvenditti.jetzt

l‘ heure bleue; prettyvenditti.jetzt

Druckfrisch

Seit Jahren schon hat er davon geträumt und jetzt ist der Traum wahr geworden: „Meiner“ hat sein erstes Bilderbuch veröffentlicht. Eine farbenfrohe Geschichte über Freundschaft für Kindergarten- und Primarschulkinder. Wer eins haben möchte, darf sich gerne per Mail an mich wenden, ich leite die Bestellung dann an den Herrn Gemahl weiter. 

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Geschäftstüchtig, Teil II

Wie geschäftstüchtig das Prinzchen ist, haben wir in Frankreich ja bereits erfahren, wie sehr er sich von ungewöhnlichen Verkaufsmethoden beeindrucken lässt, zeigt sich allerdings erst jetzt. Dehillerin, den berühmten Küchenladen in Paris, hat er zwar nur von aussen gesehen, weil ich keine Lust hatte, meine ganze Brut durch die engen Gänge zu schleusen, meinen Erklärungen, wie das dort drinnen läuft, hat er aber offenbar sehr aufmerksam gelauscht. „Dort drinnen hat jeder Artikel seine Nummer“, sagte ich, als ich wieder draussen war, „und wenn man wissen will, wie viel etwas kostet, muss man im Katalog nach dieser Nummer suchen.“ Während die anderen Kinder wissen wollten, warum in aller Welt die das so kompliziert machen, sagte das Prinzchen überhaupt nichts. Damals fiel mir das nicht auf, heute aber weiss ich, dass er wohl mit Nachdenken beschäftigt war.

Heute Nachmittag war Eröffnung in Prinzchens neuem Geschäft. Schneckenhäuser, Muscheln, Muschelfragmente, Strandgut aus der Grossstadt – also ein ähnliches Sortiment wie schon in Frankreich. Jetzt aber sind die Artikel nicht mehr mit einem Preisschild versehen, sondern mit einer Nummer. Zu jeder Nummer gibt es ein Kapla-Hölzchen, auf dem der Preis notiert ist und diese Kapla-Hölzchen werden in einer Schublade gelagert. Sagt man nun also „Ich hätte gern die Nummer 18. Wie viel kostet die denn?“, verschwindet das Prinzchen unter seinem Schreibtisch, kramt endlos lange in seiner Schublade und verkündet irgendwann – wenn man schon fast in Versuchung gerät, irgend einen überrissenen Preis zu bezahlen, nur damit man wieder aus seinem Laden rauskommt -, was man ihm schuldig ist. 

Wirklich beeindruckend, wie er das Dehillerin-System kopiert hat. Am Tempo muss er allerdings noch ein wenig arbeiten. Das Geschäft in Paris verliess ich nämlich mit leeren Händen, weil es mir irgendwann zu blöd wurde, darauf zu warten, bis die Amerikanerin vor mir endlich zu jeder gewünschten Nummer einen Preis hatte. 

prettyvenditti.jetzt

prettyvenditti.jetzt

Zu Hause ist es….

Patriotismus ist nicht so mein Ding und auch bei längerer Abwesenheit will sich das einst „Schweizer Krankheit“ genannte Heimweh nicht so richtig einstellen.* Im Gegenteil, meist spüre ich so etwas wie Enge, wenn ich – egal aus welcher Himmelsrichtung kommend – wieder heimatlichen Boden unter den Füssen habe. Dennoch fallen mir jetzt, wo wir seit einer Woche wieder zu Hause sind, zwei oder drei Dinge auf, die ich ganz nett finde: 

  • „Grüezi“ – Nein, ich meine nicht das Wort an sich, das ja eigentlich eher dämlich klingt, sondern unsere Angewohnheit, wildfremde Menschen freundlich zu grüssen, wenn sie unseren Weg kreuzen. Ein echt sympathischer Zug an einem Volk, das sonst ja nicht unbedingt für seine Herzlichkeit berühmt ist.
  • Die Möglichkeit, andauernd irgendwo für irgend ein Volksbegehren die Unterschrift auf einen Sammelbogen zu setzen. Echt jetzt, ich mag die Illusion, man hätte hier etwas mitzureden, auch wenn ich morgen mit allergrösster Wahrscheinlichkeit wieder auf der Seite der Abstimmungsverlierer stehen und vom Auswandern träumen werde.
  • Die Migros. (Mehr brauche ich dazu wohl nicht sagen.)
  • Die Fünfliber. Habe ganz vergessen, wie gut sich so eine grosse Münze im Portemonnaie macht. 
  • Das Zeug hier ist so sündhaft teuer, dass man gar nicht erst auf die Idee kommen kann, zu viel einzukaufen. 
  • Kinderfreundlich sind sie ja auch nicht gerade hier, aber immerhin hat in der Schweiz noch keiner gewagt, unsere Kinder anzubrüllen, bis sie heulen. 

Na ja, für Patriotismus reicht das natürlich bei Weitem nicht, aber das ist auch nicht mein Ziel. Ein bisschen Zufriedenheit ist alles, was ich brauche, um mich wieder zu Hause zu fühlen. 

* Zugegeben, die Erfahrung ist mir nicht gänzlich fremd. In Nebraska litt ich ganz intensiv, aber das zählt nicht, denn erstens war ich damals ein verliebter Teenager, der für ein ganzes Jahr weit weg von zu Hause war und zweitens muss man sich an diesem verlassenen Ort ja mit irgend etwas die Zeit vertreiben und bei der topfebenen Landschaft bietet sich Heimweh nach einem Alpenland geradezu an. 

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Wir müssen reden…

„Frau Venditti, Ihr Sohn hat gestern…“

„Da müssen wir wirklich mal über die Bücher, Frau Venditti. Es läuft mit ihm einfach nicht, wie es sollte.“

„Frau Venditti, könnten Sie bitte dafür sorgen, dass er…“

„So kommen wir nicht weiter, Frau Venditti. Er sollte unbedingt…“

Was auch immer wir tun, die Sätze, die wir zu hören bekommen, ähneln sich alle irgendwie. Richten wir unser Augenmerk auf die eine Sache, läuft es in einem anderen Bereich schief und wenn wir glauben, jetzt sei mal alles in Butter, erfahren wir, dass dennoch etwas krumm gelaufen ist. Er fühlt sich schlecht, weil wir wieder schimpfen, wir fühlen uns schlecht, weil wir wieder dastehen, als würden wir uns nicht kümmern. Es will einfach nicht gelingen, weder ihm noch uns, darum fange ich an, sie zu fürchten, diese „Frau Venditti, wir müssen reden“-Sätze.

Was bin ich froh, dass in diesen Tagen vorzugsweise „Meiner“ ans Telefon geht. Irgendwie befreiend, wenn es zur Abwechslung mal heisst: „Herr Venditti, wir müssen reden…“

(Ach ja, was ich noch sagen wollte: Wir glauben trotzdem an ihn. Da gäbe es nämlich auch Qualitäten zu entdecken, nicht nur Probleme.)

 

Kleine Erkenntnis zum Feierabend

Man glaubt ja zuweilen, wenn die Kinder grösser seien, dann würde es etwas einfacher mit dem Nachtschlaf, aber dann kommt die Nacht, in dem die eine zu heiss hat, der andere sich vor einem schlecht bearbeiteten Bild fürchtet, der Dritte noch etwas auf eBay gefunden hat, das Mama bestellen soll, der Vierte sich mit Sack und Pack ins Elternbett schleicht… Dann dämmert dir, dass du, solange du mit deinem Nachwuchs unter einem Dach lebst, wohl nie ungestört schlafen wirst.

(Und die Geschichte mit „Wo bleibt er/sie bloss? Wir haben doch Mitternacht vereinbart“, hat noch gar nicht erst begonnen.) 

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Badezimmer-Renovation in 10 Schritten

Schritt 1: Beim Baden mal die Mischbatterie etwas genauer unter die Lupe nehmen. Vielleicht könnte man das hässliche Ding ja mal ersetzen, wenn es sich ergibt.

Schritt 2: Den Fussboden gründlich schrubben und feststellen, dass das rein gar nichts bringt.

Schritt 3: Die Wand anstarren und dich fragen, ob ein Putzschwamm noch reicht, oder ob der Farbroller her muss.

Schritt 4: Am Regal rütteln. Nicht fest, nur gerade so viel, um zu überprüfen, wie lange es noch stehen wird.

Schritt 5: Mit „Deinem“ darüber philosophieren, weshalb ihr beide dazu neigt, Widrigkeiten wie verkalkte Wasserleitungen, schief hängende Duschstangen und hässliche Spiegelschränke als unverrückbare Gegebenheiten zu akzeptieren. (Es muss da irgend einen geheimnisvollen Zusammenhang geben zwischen deiner Kindheit in einem Renovationsobjekt und seiner Kindheit in einer Bruchbude.)

Schritt 6: Möbelkataloge anschauen und denken, wie schön dies und jenes doch wäre. 

Für Schritte 1 bis 6 sollte man mindestens ein Jahr, vielleicht auch zwei einplanen. 

Schritt 7: Das Regal tüchtig ausmisten. Einfach so, ohne Hintergedanken, versteht sich.

Schritt 8: Vor einem längeren Auslandaufenthalt präventiv den hässlichen Spiegelschrank von der Wand reissen und den Rollenhalter ruinieren. Zwei neue Regale und einen neuen Spiegelschrank kaufen und demonstrativ vor den Wohnungseingang stellen, damit du bei der Heimkehr gar nicht erst auf die Idee kommst, das Bad wieder so zu nehmen, wie es ist.

Für Schritte 7 und 8 sollte man noch einmal mit ca. einem halben Jahr rechnen. 

Schritt 9: Nach einem längeren Auslandaufenthalt nach Hause kommen, das Bad betreten und einen Schreikrampf bekommen.

Schritt 10: Alles demolieren, was raus muss. Alles aufbauen, was rein muss. Farbe an die Wand, Bodenplatten hinklatschen, Fugen neu, alter Duschvorhang runter, neuer Duschvorhang rauf, potthässliche Rollos weg, neue Klobürste, neuer Abfalleimer, neuer Rollenhalter, neues Waschbecken, sogar an ein neues WC denken und das alles bitte schön ein bisschen dalli! 

Schritte 9 und 10 dürfen auf gar keinen Fall mehr als drei Tage in Anspruch nehmen. In diesem Dreckloch kann ja kein Mensch hausen!

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Vive la lenteur!

Dienstag, 6. 4. 2015, Supermarché Saint-Rémy-de-Provence: „Himmel, das dauert ja eine Ewigkeit an dieser Kasse. Schläft die Kassiererin vielleicht? Nicht dass ich im Stress wäre, aber irgendwann möchte man ja auch wieder aus diesem Laden rauskommen.“

Ein paar Tage später, wieder an der gleichen Kasse aber mit einer anderen Kassiererin: „Schon wieder so eine Schlaftablette. Und jetzt fängt sie auch noch an, mit der Arbeitskollegin zu quatschen. Das kann dauern…“

Wieder ein paar Tage später, anderer Supermarkt, andere Kassiererin, gleiche Langsamkeit: „Scheint hierzulande üblich zu sein, dass man sich Zeit lässt an der Kasse. Na ja, ist nicht weiter schlimm…“

Nach ein paar Wochen, wieder so ein gigantischer Laden mit langer Warteschlange vor der Kasse: „Ist eigentlich noch ganz spannend, hier zu stehen und die Leute zu beobachten. Wollen wir den Grosspapa vorlassen? Der hat kaum etwas in seinem Korb und wir sind ja nicht in Eile.“

Irgendwann kurz vor der Abreise, irgendwo an irgendeiner Kasse: „Stell dich doch schon mal in die Schlange, ich hole noch ein paar Sachen. Dauert ja ohnehin noch eine Weile bis wir dran sind.“

Montag, 8. 6. 2015, Migros: „Himmel, was ist bloss mit dieser Verkäuferin los? Ist die auf der Flucht, oder was? Die hat ein Tempo drauf, dass mir beinahe schwindlig wird. Ach so, stimmt, so läuft das hierzulande. Immer diese elende Hetze…“

prendi la rabbia; prettyvenditti.jetzt

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Potential

Nach acht Wochen Provence und einer Woche Paris heute Abend die Ankunft in der dritten Behausung. Viel kann ich noch nicht sagen, aber der erste Eindruck ist schon mal nicht schlecht. Ruhige Lage, breite Treppe, die nicht bei jedem Tritt knarrt, grosse, helle Räume, anständiger Umschwung, für jedes Kind ein Zimmer… Die Nachbarn, die ich bis jetzt getroffen habe, sind äusserst nett, mir scheint, sie mögen sogar unsere Kinder. Und es gibt Katzen hier. Drei Stück, hat man mir gesagt, obschon wir erst zwei getroffen haben. Ganz ansprechend, würde ich sagen. 

Gut, das Badezimmer ist etwas in die Jahre gekommen und müsste dringend renoviert werden. Im Garten gäbe es auch das eine oder andere zu tun. Die Küchenschränke dürften sie auch mal ausmisten hier und ein neuer Anstrich in den Zimmern könnte nicht schaden. Perfekt ist es nicht, das Haus, aber es hat durchaus Potential. Das sehe ich auf den ersten Blick. Würde es mir gehören, ich hätte da so die eine oder andere Idee.

Fällt mir ein: Es gehört ja mir…