Kleinkariert

Nun soll es also in der Innerschweiz dem Frühfranzösisch am den Kragen gehen. Zu anspruchsvoll für die Kinder, zu gering der Erfolg und überhaupt ist Englisch heutzutage viel wichtiger. Zugegeben, ich kann die Zweifel an der Methode, wie unseren Kindern Französisch beigebracht wird, durchaus nachvollziehen. Auch ich frage mich ernsthaft, wozu der FeuerwehrRitterRömerPirat drei zusätzliche Stunden in der Schule sitzt, wo er doch nach etwas mehr als einem Jahr nicht viel mehr als „Bonjour, je m’appelle FeuerwehrRitterRömerPirat et je parle un peu de Français“ fehlerfrei sagen kann. Dennoch stehe ich voll und ganz hinter der Idee, die Kinder früh mit Fremdsprachen – insbesondere mit Französisch – in Berührung zu bringen. 

Ja, ich weiss, das Französisch ziert sich gerne, wenn man versucht, es sich anzueignen; es zeigt sich längst nicht so zugänglich wie das Englisch, das vorgibt, fast gleich wie das Deutsch zu sein. Obendrein zwingt es einen, bei gewissen Lauten so zu tun, als hätte man sich eine schlimme Halskrankheit zugezogen. Erst wenn man die Sprache ein wenig beherrscht, zeigt sich ihre wahre Schönheit und bis es soweit ist, müssen sogar die Sprachbegabten unter uns ein wenig leiden.  Aber wir leben nun mal in einem Land, in dem man nur wenige Kilometer fahren muss, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, die lieber beurre als Butter auf ihr Brot schmieren und da ist es meiner Meinung nach absolut peinlich, wenn man sich mit seinen Landsleuten auf Englisch unterhalten muss, weil das die einzige gemeinsame Sprache ist, die man spricht. 

„Aber die Romands geben sich ja auch keine Mühe, Deutsch zu lernen“, begehren jene auf, die den Französischunterricht bei jeder Gelegenheit geschwänzt haben. Sie beklagen sich über das – angebliche? – Desinteresse der Welschen, ohne zu merken, dass sie das, was sie den anderen ankreiden, ebenso sich selber vorwerfen könnten. Und ein paar Sätze später beginnen sie dann zu schwärmen, wie herrlich romantisch doch dieses Rumantsch sei und wie viel besser es doch wäre, man würde das in der Schule lernen. Eine äusserst kleinkarierte Haltung von Menschen, die in einem Land leben, das sich seiner Vielsprachigkeit rühmt, finde ich. Leider aber auch eine weit verbreitete und darum fürchte ich, es wird noch eine ganze Weile dauern, bis jeder Schulabgänger ganz selbstverständlich mindestens zwei unsrer vier Landessprachen halbwegs anständig beherrscht. 

(Und ja, Englisch ist auch wichtig. Aber es spricht ja nichts dagegen, sich mehr als eine Fremdsprache anzueignen.)

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Die Zahnfee-Krise

Gestern Abend, kurz vor zehn Uhr, Luise kommt zu mir in die Küche: „Mama, der Zoowärter hat einen Zahn verloren und ihn unter sein Kopfkissen gelegt, damit die Zahnfee ihn holen kommt. Du musst ihm unbedingt ein kleines Geschenk unters Kissen legen.“

Ich: „Warum soll ich jetzt plötzlich die Zahnfee spielen? Das habe ich bei euch doch auch nie gemacht.“

Luise: „Wenn du wüsstest, wie sehr ich immer gehofft habe, die Zahnfee würde kommen…“

Ich: „Du armes Kind! Warum hast du mir nichts davon gesagt? Nicht im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, dass du an die Zahnfee glaubst. Woher auch? Ich habe euch diesen Bären ja nicht aufgebunden. Es tut mir ganz schrecklich leid…“

Luise (unterbricht mich): „Ist schon okay, Mama. Aber der Zoowärter muss unbedingt etwas bekommen. Er wünscht es sich doch so sehr. Stell dir vor, wie traurig er sein wird, wenn morgen der Zahn noch immer unter dem Kissen liegt.“ (Irre ich mich, oder schwingt in Luises Stimme ein Hauch von bitterer Erfahrung mit?)

Ich: „Na gut, dann leg ihm eben dieses Fläschchen Fruchtnektar unters Kopfkissen.“

Heute Morgen am Frühstückstisch. Der Zoowärter streckt mir freudestrahlend den Fruchtnektar entgegen: „Sie mal, Mama, die Zahnfee war bei mir!“

Karlsson: „Die Zahnfee war hier? Zu mir ist die nicht ein einziges Mal gekommen und dabei habe ich mir das immer so sehr gewünscht.“

Ich: „Aber Karlsson, warum hast du mir das denn nie gesagt?“

Karlsson: „Abend für Abend habe ich meine ausgefallenen Zähne unter mein Kopfkissen gelegt und Morgen für Morgen war ich enttäuscht, weil kein Geschenk unter dem Kopfkissen lag…“

Zoowärter: „Aber zu mir ist sie gekommen!“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Zu mir ist sie nur ein einziges Mal gekommen. Sie hat mir Smarties gebracht.“

Karlsson: „Und zu mir nicht ein einziges Mal. Bei den Kleinen macht man plötzlich Dinge, an die bei mir keiner gedacht hat.“

Ich: „Ich hätte überhaupt nichts gemacht, wenn Luise mich nicht bestürmt hätte.“

Karlsson: „Es ist trotzdem unfair.“

Ich: „Natürlich ist es das und es tut mir auch ganz schrecklich leid, aber ich wusste doch gar nicht, dass du an die Zahnfee glaubst. Glaub mir, hätte ich gewusst, wie sehr du dir das wünschst, ich hätte dir sofort etwas unters Kopfkissen gelegt. Es tut mir wirklich von Herzen leid. Aber ich habe euch doch immerhin sonst mal die eine oder andere Überraschung geboten…“

Karlsson: „Ja schon, aber die Zahnfee ist halt trotzdem nie gekommen…“

Irgendwann verlief das Gespräch im Sande und ich blieb alleine mit meinem schlechten Gewissen in der Küche zurück. Kein Zweifel, in Sachen Zahnfee habe ich komplett versagt, weil es mir nicht im Traum in den Sinn gekommen wäre, diesen mir vollkommen fremden Brauch zu pflegen. Und das Dümmste an der Sache ist: Ich kann es nicht wieder gut machen, indem ich bei den Kleinen nachhole, was ich bei den Grossen verpasst habe, ohne die Grossen vor den Kopf zu stossen. Die Zahnfee weiterhin ignorieren geht wohl auch nicht mehr, denn nach der heutigen Krise weiss auch das Prinzchen, was Kinder zu erwarten haben, wenn sie ihre Milchzähne verlieren. Mir bleibt also gar nichts anderes übrig, als auf diesem Gebiet weitere Fehler zu begehen.

Blöde Zahnfee.

Und zu mir ist sie auch nie gekommen. Nicht ein einziges Mal. 

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Expertengespür

Von Anfang an hat die Kinderärztin es mir eingeschärft: „Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Kind nicht mehr zu kennen, dann sollten Sie zum Arzt gehen. Sie kennen Ihr Kind am allerbesten und spüren darum auch am besten, wenn etwas nicht mehr stimmt.“ Ein einleuchtender Grundsatz, und doch hat es viele Jahre gedauert, bis ich nicht nur verstand, was sie damit meinte, sondern auch entsprechend zu handeln lernte. Mir fehlte das Selbstbewusstsein, dass ich zwar keine Expertin in Sachen Medizin bin, sehr wohl aber eine Expertin in Sachen Karlsson, Luise, FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen. Zu gross war mein Respekt vor dem medizinischen Wissen, über das entsprechend ausgebildete Menschen verfügen, das mir aber mangels einer solchen Ausbildung fehlt. 

Geändert hat sich dies erst, als ich mehrmals erlebte, wie ich mit meiner mütterlichen Intuition den Ärzten eine halbe Nasenlänge voraus war. So konnte man zum Beispiel Luises Blinddarmentzündung erst dann zweifelsfrei belegen, als der miese Kerl entfernt war, mir aber war bereits bei der Anmeldung auf der Notaufnahme klar, dass er es sein musste, der mein Töchterchen vor lauter Schmerzen schreien liess. Zwei oder drei ähnliche Begebenheiten führten mir endlich vor Augen, was ich in meinem Kopf bereits wusste: Als Mutter spürst du sehr genau, wann du deinem Kind selber helfen kannst und wann es medizinische Hilfe braucht.

Zugegeben, dieses Gespür kommt nicht über Nacht. Erst einmal brauchst du ein paar Jahre, um herauszufinden, wie jedes deiner Kinder in Sachen Krankheit tickt. Die einen – Karlsson, zum Beispiel – machen wegen jeder Bagatelle ein Geschrei, werden dann aber plötzlich ganz still und schlucken ihren Schmerz tapfer hinunter, wenn es ernst ist. Andere wiederum – bei uns der FeuerwehrRitterRömerPirat – sind so meisterhaft im Vortäuschen von Beschwerden, dass du ziemlich viel Übung brauchst, um zu erkennen, wann sie wirklich krank sind. Am einfachsten in Sachen Krankheit sind wohl Kinder wie der Zoowärter: Fast nie krank, wenn aber, dann gleich richtig und dann können sie dir auch sehr genau sagen, wo und wie es wehtut. 

Nicht nur das Verhalten der Kinder, auch der mütterliche Umgang mit diesem Gespür hat einen Einfluss darauf, wie wirksam es ist. Die leise innere Stimme lässt sich zum Beispiel ganz leicht mit Panikmache übertönen. Im Internet und im Gespräch mit der Schwiegermutter lässt sich ausreichend Material finden, mit dem man sich so richtig schön in eine Panikattacke hochschaukeln kann. Dann geschieht es, dass du heulend vor den Pforten der Notaufnahme stehst, obschon du tief in deinem Inneren wüsstest, dass du getrost noch abwarten könntest. Du kannst dir dieses Gespür auch klein reden lassen von irgend einem schnöseligen Assistenzarzt, der noch nicht begriffen hat, dass Eltern die besten Partner sind, wenn es um die Gesundheit eines Kindes geht und darum herablassend meint: „Woher wollen Sie denn wissen, dass es der Blinddarm ist?“ (Dies, meine Lieben, ist ein wortgetreues Zitat.) Natürlich kannst du dieses Gespür auch zur alleingültigen Wahrheit erheben. Schmerzhaft, wenn du dir irgendwann kleinlaut eingestehen musst, dass du dieses eine Mal vielleicht doch besser auf den Arzt gehört hättest. 

Mir scheint, inzwischen hätten auch viele Ärzte gelernt, dem Gespür der Eltern ein gewisses Gewicht beizumessen. Immer öfter fallen auf der Visite Fragen wie „Wie erleben Sie ihr Kind? Haben Sie den Eindruck, es spreche gut an auf die Behandlung? Antwortet es verlangsamt, oder entspricht dies seiner Art?“ So allmählich scheint man zu begreifen, dass Kinder am besten gesund werden, wenn man sie selber und auch ihre Eltern in die Behandlung mit einbezieht.

Auch ich fange endlich an, etwas zu begreifen und zwar dies: Im Spital pflegen sie dein Kind nur so lange, bis keine Gefahr mehr besteht und es gesund genug ist, um nach Hause zu gehen. Ob es auch gesund genug ist, den Alltag wieder in Angriff zu nehmen, liegt in meinem Ermessen, denn jetzt, wo die Experten getan haben, was ich nicht tun konnte, ist wieder meine Expertenwissen gefragt. Und dieses Wissen sagt mir, dass der Zoowärter noch längst nicht fit genug ist für Kopfarbeit. Darum ignoriere ich auch die Bemerkung der Lehrerin, der Zoowärter solle doch bitte übers Wochenende schon mal ein paar Hausaufgaben machen. 

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Bagatelle

Da meine geschätzte Leserschaft inzwischen bestimmt die Nase voll hat von Spitalgeschichten, in meinem Kopf derzeit aber nicht viel anderes herumschwirrt, heute nur diese kleine Begebenheit:

Da gehe ich abends um halb neun am Empfangsschalter der Notaufnahme vorbei. Es wimmelt von aufgeregten Eltern und weinenden Kindern und aus dem Stimmengewirr höre ich, wie die Dame am Empfang mit einer kaum wahrnehmbaren Spur von Ungeduld in der Stimme einen ziemlich forsch auftretenden Vater fragt: „Sie waren also gestern Abend bereits hier und man hat nichts Schwerwiegendes herausgefunden?“ 

Mehr brauchte ich nicht zu hören, um dem lieben Gott zu danken, dass ich damals, als es um die Berufswahl ging, nicht den Weg in Richtung Pflege eingeschlagen habe. Nicht einen Tag würde ich Eltern aushalten, die es tagsüber nicht fertig bringen, ihr Kind zum Arzt zu bringen, dann aber abends die Notfallstation wegen Bagatellfällen aufsuchen. 

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Das Schreckgespenst gibt sich zahm

Die Hirnhautentzündung ist ein Schreckgespenst, vor dem nicht nur ich grossen Respekt habe. Die meisten von uns bekommen ein mulmiges Gefühl, wenn wir davon hören und vor allem wir Eltern rennen lieber einmal zu viel zum Arzt, aus Angst vor dem, was es anrichten könnte. Inzwischen kann ich dieses Schreckgespenst bereits zum zweiten Mal aus nächster Nähe bei seiner furchterregenden Arbeit beobachten und allmählich dämmert mir, dass es ganz unterschiedlich kann.

Bei „Meinem“ erzwang es mit furchterregend hohem Fieber, heftigen Gleichgewichts- und Sprachstörungen und extremer Schwäche einen längeren Berufsausfall und noch heute, fast zwei Jahre später, erinnert es uns mit Lärmempfindlichkeit und kleinen Gedächtnislücken daran, dass es ihn mal besucht hat. Und das Ganze war noch harmlos im Vergleich zu dem, was andere erleben.

Beim Zoowärter hingegen gibt es sich ganz zahm. Okay, da sind die heftigen Kopfschmerzen, die ohne regelmässige Gabe von Schmerzmitteln nicht zu ertragen wären. Ansonsten aber tut das Gespenst so, als wäre es gar nicht da. Kein Fieber und auch sonst keine Beeintächtigungen, mal abgesehen von einer Appetitlosigkeit, die dem gut genährten Kind aber nicht schadet. Und weil es derzeit ganz danach aussieht, als sei das Gespenst auf ganz anderem Weg zum Zoowärter gekommen als zu „Meinem“, redet man bereits davon, dass der Junge das Spital morgen wieder verlassen kann, denn die Medikamente kann man ihm auch zu Hause verabreichen.

Meinen Respekt vor dem Schreckgespenst habe ich durch diese zwei Begegnungen nicht verloren, aber immerhin habe ich das Gefühl, es jetzt ein wenig zu kennen. Und weil man mit Bekannten offener reden kann als mit Fremden, werde ich es höflich bitten, uns in Zukunft nicht mehr zu besuchen. Denn auch wenn es sich beim Zoowärter äusserst gesittet aufführt, so finde ich doch, wir hätten jetzt genug miteinander zu tun gehabt.

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Wunsch erfüllt oder so ähnlich

Nach Langeweile habe ich mich gesehnt und so etwas in der Richtung habe ich auch bekommen. Tagwache irgendwann zwischen Morgengrauen und sieben Uhr, Frühstück um halb acht, um halb neun muss das Bett auf dem Balkon stehen, Mittagessen um halb zwölf, Abendessen um Viertel nach fünf, dazwischen Sirup reichen, am Kiosk kleine Überraschungen kaufen, trösten, Fragen beantworten, Fragen stellen, Trinkprotokoll führen und warten. Alles schön vorhersehbar und geregelt.

Alles? Na ja, nicht ganz, denn wie heftig Zoowärters Hirnhautentzündung ist, was diese verursacht hat und wie es weitergeht, das lässt sich nicht vorhersehen, sondern nur Schritt für Schritt nehmen. Dankbar sein, dass die Ursache für seine unerträglichen Kopfschmerzen gefunden ist, noch dankbarer, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht und hoffen, dass die Genesung rasch und ohne Komplikationen voranschreitet. Mehr gibt es im Moment nicht zu tun. Zumindest hier im Spitalzimmer nicht.

Zu Hause hingegen, na ja, da gäbe es schon zwei oder drei Dinge zu erledigen, aber das muss – und darf – jetzt halt warten.

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Nur ein bisschen Langeweile, bitte

Wäre es nicht wunderbar, wenn man sich mal wieder langweilen dürfte? Nicht allzu lange natürlich, nur einen Tag oder zwei, vielleicht auch drei. Nein, nicht diese Tage, an denen man im faul im Liegestuhl liegt und sich von der Sonne bescheinen lässt, sondern Tage, an denen alles nur langweilige Routine ist. Tage, an denen man abends getrost sagen kann, dass man erledigt hat, was man sich vorgenommen hat. Alles schön nach Plan, vielleicht sogar auf die Viertelstunde genau. 

Kein Backofen, der mitten im Einmachen von Tomaten seinen Geist aufgibt. Keine unangemeldeten Besucher, die den Schreibfluss unterbrechen. Keine Computerpannen, keine „Mist, ich muss doch heute noch unbedingt…“-Momente, keine Milchpfützen auf dem Fussboden, kein spontanes Einspringen für jemanden, der in der Tinte sitzt, keine hektische Suche nach verschwundenen linken Kindersandalen und Schulheften mit Eselsohren. Einfach nur öder, geregelter Alltag, über den man jammern würde, wenn man ihn täglich auf die gleiche graue Weise durchstehen müsste. 

Es käme mir nicht im Traum in den Sinn, mir ein solches Leben zu wünschen. Zu farblos, zu vorhersehbar, zu langweilig eben. Aber hin und wieder ein solcher Tag, der einem erlaubt, durchzuatmen und zu erledigen, was man andauernd vor sich her schiebt, weil immer irgend etwas die Pläne über den Haufen wirft, das wäre schon nett. 

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Himmel hilf, ich werde peinlich!

Schuld daran ist einzig und alleine dieser grottenschlecht geschriebene Zwillings-Ratgeber, den ich mir derzeit als Vorbereitung auf meine nächste Artikelserie bei swissmom zu Gemüte führe. Auf jeder fünften oder sechsten Seite schauen mich herzige Babies aus sanften Kulleraugen an, dazwischen steht geschrieben, wie wunderbar es doch ist, wenn die Kleinen die grosse Welt erobern. Schaue ich vom Buch auf, geistert in meinem Kopf Prinzchens Zwilling herum, dessen  winziges Herzchen leider bereits nach den ersten anstrengenden Schwangerschaftswochen zu schlagen aufgehört hat und obschon die Sache schon längst weit hinter mir liegt, frage ich mich mit nicht allzu leiser Wehmut: „Was wäre gewesen, wenn…?“ 

Derart emotional aufgeladen zwingt mich der leere Kühlschrank zu einem Kurzbesuch in der Migros, wo vor mir an der Kasse eine Mama mit zwei kleinen Jungs ist. Keine Zwillinge, aber dennoch unglaublich…na ja, also, wie soll ich sagen…so…hmmm….also ja…Mist, dann sag‘ ich eben, wie es ist: Sie sind zuckersüss und hinreissend und was einem sonst noch so an Adjektiven in den Sinn kommt, wenn man so kleine Menschen sieht. Und ehe ich mich versehe, ist es rausgerutscht: „Ihre zwei Jungs sind einfach umwerfend herzig“, sage ich zu der Mama, die vollkommen gestresst ist, weil sie versucht, ihre Einkäufe so schnell als möglich zu verstauen und gleichzeitig ihren Zweijährigen nicht aus den Augen zu verlieren. Kaum ist es gesagt, könnte ich mich selber ohrfeigen. Jetzt bin ich also auch eine von denen, die sentimentales Gebrabbel von sich gibt, wenn sie kleine Menschen sieht. Zugegeben, ich hab‘ damit gerechnet, dass es früher oder später so kommen wird, aber so früh schon?

Ich weiss genau, wie das enden wird, in fünfundzwanzig oder dreissig Jahren, wenn ich müde und verschrumpelt an der Bushaltestelle sitzen werde. „Ach, wie süss doch ihre Kinder sind“, werde ich zu der Mutter sagen, die mit ihren Kleinen auf den gleichen Bus wartet. Sie wird mich müde anlächeln und ich werde fortfahren: „Eine schöne Zeit ist das, wenn sie noch so klein sind. Geniessen Sie es, es geht so schnell vorbei.“ Die junge Mutter wird höflich nicken und nichts sagen, also werde ich fortfahren: „Ich hatte selber auch fünf. Wunderschöne Babies waren das, das können Sie mir glauben. Und so lieb. Haben fast vom ersten Tag an durchgeschlafen, waren immer so brav und hilfsbereit…Die schönste Zeit meines Lebens.“

Nur mit Mühe wird sich die junge Mutter, die gerade versuchen wird, ihren sperrigen Kinderwagen durch die noch immer nicht kinderwagenfreundlich gestaltete Bustür zu zwängen, ihre bissige Bemerkung verkneifen können, aber denken wird sie ganz bestimmt: „Sentimentale alte Kuh, warum hilfst du mir denn nicht, wenn du doch genau weisst, wie es ist?“

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Jetzt wollen sie uns also wieder

Seitdem klar ist, dass der Import von billigen Arbeitskräften über kurz oder lang schwieriger wird, wollen sie uns plötzlich wieder haben. Uns, die Mütter, die sie nicht mehr wollten, als wir Kinder bekamen und darum nicht mehr bereit waren, uns mit Leib und Seele für die Firma aufzuopfern. Gut, einige von uns haben sie damals gnädigerweise behalten, was sich für uns aber nicht wirklich bezahlt gemacht hat. Der Löwenanteil unseres Lohnes ging für den Krippenplatz drauf, was noch übrig blieb, wurde von der Steuerrechnung aufgefressen. Arbeitszeiten und Krippenöffnungszeiten wollten partout nicht zusammen passen, war ein Kind krank oder machte die Schule Ferien, brach das ganze System vollends zusammen und wir durften uns in schlaflosen Nächten einen Notfallplan zurechtlegen. Von der Hausarbeit fangen wir lieber gar nicht erst an zu reden…

Nicht alle von uns haben sich auf dieses Spiel eingelassen, einige haben sich vollends aus dem Berufsleben verabschiedet, sei es, weil ihnen das alles zu kompliziert war, sei es, weil für sie Mutterschaft und Berufstätigkeit nicht miteinander vereinbar sind. Andere haben sich selber etwas aufgebaut und sind sich nun selber der flexible Arbeitgeber, den sie sich stets gewünscht hätten. Ein paar Glücklichen ist es gelungen, eine Arbeit zu ergattern, die sich zu einem grossen Teil von zu Hause aus erledigen lässt, so dass sich die Arbeitszeiten den Bedürfnissen der Familie anpassen lassen.

Es war nicht immer leicht, aber den meisten von uns ist es gelungen, irgend einen Weg zu finden, um den Spagat zwischen Familie und Beruf zu schaffen. Und jetzt wollen sie uns also zurückhaben. Wir sollen wieder zurück auf unsere angestammten Arbeitsplätze, weil die nicht mehr einfach mit Leuten aus dem Ausland besetzt werden können. Plötzlich besinnt man sich darauf, dass wir ganz gut ausgebildet und eigentlich auch ziemlich motiviert sind, gute Arbeit zu leisten. Nun, es mag schmeichelhaft erscheinen, nach Jahren der Ablehnung wieder erwünscht zu sein. Dennoch schlage ich vor, dass wir sie erst mal ein wenig zappeln lassen. So ganz ohne Zugeständnisse sollten wir uns nicht wieder vor ihren Karren spannen lassen. 

Wenn sie sich dann eines Tages endlich dazu durchringen, einen Mutterschaftsurlaub einzuführen, der diesen Namen auch wirklich verdient, den Vätern die Möglichkeit einzuräumen, sich in der Familie zu engagieren, bezahlbare Krippenplätze für alle anzubieten, Bedingungen zu schaffen, dass sich die Arbeit auch wirklich lohnt und ausserdem endlich dafür zu sorgen, dass Frauen den gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekommen, dann können wir miteinander ins Geschäft kommen. 

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Wie lehren wir unsere Kinder…?

Wie können wir sie lehren, den einzelnen Menschen und seine Geschichte zu sehen und nicht „die Schweizer“, „die Ausländer“, „die Christen“, „die Juden“, „die Muslime“, „die Reichen“, „die Sozialschmarotzer“…?

Wie bringen wir ihnen bei, zu fragen und zuzuhören, ehe sie sich eine Meinung bilden und (ver)urteilen?

Wie zeigen wir ihnen, dass gesunde Grenzen zu ziehen nicht ausschliessen bedeutet?

Wie lernen sie, nicht mit den Wölfen zu heulen, sondern kritisch zu denken und anders zu handeln?

Wie können sie begreifen, dass teilen nicht arm macht?

Wie lehren wir sie, zu lieben anstatt zu hassen?

Vor allem durch Vorleben, ich weiss. Und doch frage ich mich zuweilen, ob das reicht, wo man heute wieder ganz ungeniert hasst und ausgrenzt. 

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