Schutzengel

„Sicherheit am, im und auf dem Wasser“, so lautet der Arbeitstitel einer kleinen Artikelserie für swissmom, an welcher ich derzeit gerade arbeite und weil ich nicht irgend etwas schreiben will, verbrachte ich den Grossteil des heutigen Nachmittags mit Recherchen zum Thema. Ich las quer durch eine Studie, schaute mir die Videos von Präventionskampagnen an, sammelte Fakten und studierte Grafiken. Weil ich den Lesern aber nicht bloss frei interpretierbare Satzbausteine liefern will, versetzte ich mich auch zurück in die Zeit, als unsere heute schon ziemlich Grossen noch ganz klein waren und ich mindestens fünf Paar Augen, zehn Hände, acht Füsse und vor allem Superkräfte gebraucht hätte, um alle so zu überwachen, wie es die Sicherheitsexperten zu Recht fordern. Ich versuchte, mir die grössten Herausforderungen von damals in Erinnerung zu rufen, damit ich nicht einfach schreibe, was man überall lesen kann, sondern auch auf die Hürden hinweise, die es einem im Mütter- und Väteralltag erschweren, so zu handeln, wie es eigentlich richtig wäre. Und plötzlich waren sie wieder da, die Erinnerungen an jene Situationen, in denen dir der Atem stockt und du nur noch handeln, nicht mehr denken kannst. 

Der Augenblick zum Beispiel, als der Zoowärter plötzlich mit dem Gesicht nach unten im Pool von Freunden trieb. Wir waren vier Erwachsene, die mit Blick auf die Kinder am Rand des Pools sassen, jeder von uns allzeit bereit, hochzuspringen. Und doch hatte es der damals noch ziemlich Kleine fertig gebracht, von uns allen unbemerkt in den Pool zu fallen. 

Oder der heisse Nachmittag in der Toscana, an dem sich die noch sehr kleine Luise entgegen aller elterlichen Ermahnungen trotzig der Schwimmflügel entledigte und auf der Treppe des Schwimmbeckens diesen einen Schritt zu viel machte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis „Meiner“ bei ihr war, obschon nur ein paar Schritte zwischen ihm und ihr lagen. 

Nicht nur ans Wasser erinnerte ich mich, auch der Abend, an dem wir aus unerfindlichen Gründen vergessen hatten, das Fenster im Wohnzimmer zu schliessen, ehe wir uns zum Abendessen an den Tisch setzten. Noch nie zuvor hatten wir es vergessen und ausgerechnet an diesem Abend kletterte Luise, damals knapp 18 Monate alt, aus dem Hochstuhl und ging aus dem Zimmer. Plötzlich wurde „Meiner“ unruhig, begab sich ins Nebenzimmer, gerade noch rechtzeitig, um Luise daran zu hindern, auch noch mit dem zweiten Bein über das Fensterbrett zu steigen. 

Vom Nachdenken über dieses Erlebnis war es nicht mehr weit bis zur Erinnerung, die mich heute noch erblassen lässt. Wir verbrachten eine Woche mit einer Schulklasse von „Meinem“ in einem Gruppenferienhaus. Gegenüber gab es irgend einen Betrieb, zu dem mehrmals am Tag Lastwagen gefahren kamen. Ich war mit Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der damals noch auf allen Vieren unterwegs war, in der Küche und wähnte uns alle in Sicherheit, denn ich glaubte, ich hätte wie immer die schwere Eingangstüre abgeschlossen, damit die zwei Racker nicht entwischen konnten. Irgendwann verliessen die beiden die Küche, um im Aufenthaltsraum zu spielen. Dann wurde es auf einmal verdächtig still, ein klares Zeichen, dass etwas nicht mehr stimmte. Im Haus waren sie nicht mehr zu finden, dafür stand die vermeintlich geschlossene Eingangstüre einen Spalt breit offen. Panisch rannte ich nach draussen, wo ich die zwei Ausreisser fand, einen knappen halben Meter neben ihnen ein Lastwagen, der am Wenden war. Fragt mich nicht, woher er kam, aber plötzlich war da ein Mann, der die beiden Kinder zu mir brachte. Kein Wort sagte er, er sah mich nur sehr eindringlich an, dann verschwand er wieder und liess mich mit weichen Knien und zwei erstaunten Kindern zurück. 

Noch heute bleibt mir beinahe das Herz stehen, wenn ich daran denke, wie diese Geschichten hätten enden können. Wenn ich jetzt darüber schreibe, was wir Eltern zur Sicherheit unserer Kinder alles beachten müssen, wird mir bewusst, dass all die Vorsichtsmassnahmen zwar wichtig sind, aber bei Weitem nicht reichen. Ohne Schutzengel – oder wie immer man das auch nennen mag – haben wir keine Chance, unsere Kinder zu beschützen. 

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Danke, meine drei Lieben

Nur ungern gebe ich es zu, aber es ist halt doch so: Das ewige Theater ums Tischdecken, das Genöle, wenn etwas nicht schmeckt, der Zoff, weil nicht mal die grundlegendsten Tischregeln ohne Widerstand eingehalten werden, das tägliche Müssen – all dies hat meiner Kochleidenschaft ganz schön zugesetzt. Klar, gutes und gesundes Essen sind mir noch immer wichtig, ich rühre weiterhin mit ziemlich viel Freude im Kochtopf, natürlich kommt immer wieder mal etwas Neues auf den Tisch und wenn ich Zeit habe, mag ich es auch richtig kompliziert und aufwendig.

Dennoch seufze ich zuweilen tief, wenn die Mittagszeit naht. Immer wieder muss ich die Ausgehungerten davon abhalten, sich über den Vorratsschrank herzumachen, währenddem ich dem Essen den letzten Schliff verpasse. Immer wieder findet mindestens einer, es wäre besser gewesen, ich hätte etwas anderes gekocht. Und wenn ich ausnahmsweise mal den Geschmack aller getroffen habe, entbrennt der erbitterte Kampf um die letzten kostbaren Bissen. Deshalb überkommen mich zuweilen die Zweifel, ob das, was ich für so wichtig halte im Familienleben, auch wirklich geschätzt wird von denen, die ich am meisten liebe. 

Doch dann, wenn die Zweifel am allerschlimmsten sind, geschieht dies:

Das Prinzchen kommt nach Hause, wirft einen Blick in die Pfanne, fragt, was es sei und sagt: „Das esse ich!“ Wenige Augenblicke später steht der FeuerwehrRitterRömerPirat mit bettelndem Blick neben mir: „Darf ich bitte jetzt schon probieren? Das sieht so unglaublich gut aus und ich bin sooooo hungrig.“ Währenddem ich noch darüber nachsinne, ob sich unsere beiden heikelsten Esser bewusst sind, dass sie soeben meine Mittagszeit gerettet haben, stürmt der Zoowärter in die Küche: „Mama, bei unserem Haus riecht man immer schon auf der Strasse, dass du am Kochen bist. Das ist so schön.“

Es lohnt sich eben doch…

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Ewiggestrig

Irgendwie hinke ich einfach meiner Zeit hintendrein. Nicht unbedingt im technischen Bereich, denn dort bin ich mehr oder weniger auf dem Stand, auf dem fast vierzigjährige Nicht-Nerds derzeit sind. In Sachen Mode mache ich zwar nicht jeden Trend mit, meine Garderobe unterscheidet sich aber nicht gross von derjenigen der anderen links-grün-kulturell-etc. Angehauchten. Auch in den Dingen, mit denen ich meine Tage fülle – Familie, Arbeit, Haushalt, Garten, Haustiere, Medienkonsum – unterscheide ich mich wenig von meinen gleichaltrigen Zeitgenossen. Ich gehöre also nicht zu den Ewiggestrigen und doch gelingt es mir einfach nicht mehr, mit dem Lauf der Zeit mitzuhalten.

Als im vergangenen Herbst die Blätter zu fallen begannen, war ich innerlich gerade in der Badesaison angekommen, als die ersten Weihnachtsdekorationen in den Läden auftauchten, wähnte ich mich im Hochsommer, als es Zeit wurde, den Samichlaus-Besuch zu organisieren, war mir eher nach Tomatenernte zumute. Weder saisonales Backen noch das Singen von Weihnachtsliedern halfen, ich blieb irgendwo im Spätherbst stecken und seither bin ich nicht viel weiter gekommen. Okay, inzwischen habe ich begriffen, dass ein neues Jahr begonnen hat, aber in meinem Kopf ist noch immer Januar. Daran vermag weder das frühlingshafte Wetter noch der Beginn der Gartensaison etwas zu ändern.

Der Kalender sagt, dass demnächst die Steuererklärung fällig ist, ich aber staune wie ein kleines Kind, wenn mir meine Auftraggeber „schon so früh“ die dafür erforderlichen Lohnausweise zukommen lassen. Die Kinder bringen Anmeldezettel für Instrumental- und Religionsunterricht für das nächste Schuljahr nach Hause, währenddem ich noch immer jedem, der es hören will, erzähle, der Zoowärter sei eben erst in die Schule gekommen und das Prinzchen in den Kindergarten. Noch erkläre ich dem Prinzchen, er müsse sich noch etwas gedulden, bis der Frühling wirklich da sei, dabei müsste ich mich schon längst auf den astronomischen Frühlingsbeginn und damit auf Luises Geburtstag vorbereiten.

Wenn das so weitergeht, verpasse ich noch meinen eigenen runden Geburtstag im Herbst. Wobei, vielleicht ist ja gerade dies der Grund für meine Rückständigkeit: Ich habe schlicht und einfach keine Lust, alt zu werden. 

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Immer auf Achse

Allmählich wird es Zeit, dem Jungen den Ausgang einzuschränken. Kommt mittags nach Hause, knallt seine Sachen in eine Ecke, schlingt sein Mittagessen herunter und verschwindet bei der ersten Gelegenheit zu seinem besten Freund. Stundenlang bleibt er weg und kommt erst nach unzähligen Ermahnungen wieder nach Hause. Samstags Übernachtung beim Cousin, heute gleich weiter auf einen Familienausflug mit dem besten Freund, Rückkehr erst nach dem Eindunkeln und dann gleich völlig übermüdet ab ins Bett.

So kann das doch nicht weitergehen. Bloss weil er jetzt schon fünf ist, heisst das doch noch lange nicht, dass das Prinzchen kommen und gehen kann, wie ihm beliebt.

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Freitagabendessen

„Im Orient dürfen sie manchmal den ganzen Tag gar nichts essen. Erst wenn die Sonne untergegangen ist, dürfen sie essen und dann essen sie ganz viel. Das heisst dann Ramadan…“, erzählt das Prinzchen. „Wie der Schulkamerad von…von wem schon wieder?“, sagt Luise.

Auf der anderen Seite versucht sich derweilen der FeuerwehrRitterRömerPirat im Schutze des Tulpenstrausses verbotenerweise ein abendliches Glas Pepsi Max einzuschenken, doch der grosse Bruder ist wachsam. „Gib sofort das Glas her“, fordert er, doch der kleine Bruder fühlt sich nicht dazu verpflichtet, Karlsson Folge zu leisten. Es entbrennt ein wilder Kampf ums halb volle Glas, die Mama malt sich schon aus, wie sie die Scherben wieder aus der einen oder der anderen Hand entfernen soll. Die väterlichen Warnrufe bleiben ungehört.

„Dann ruft der Muezzin und die Leute legen sich auf den Boden, um zu beten – so.“ Das Prinzchen wirft sich in einer perfekten Muslim-Imitation auf den Fussboden, Luise schaut bewundernd zu und fragt sich, weshalb der Kleine das Wort „Muezzin“ kennt, sie hingegen nicht. 

Der Kampf ums Glas ist zu Ende, Karlsson hat gesiegt und der FeuerwehrRitterRömerPirat ist rasend vor Wut, schnappt sich die offene Pepsi-Flasche und schüttelt sie. Der Tisch wird nass, Karlssons Pulli und Zoowärters Füsse ebenso, auch das Fenster bekommt Spritzer ab, was „Meinen“ zur Bemerkung veranlasst, zum Glück hätte er heute keine Zeit gefunden, das Fenster zu putzen. Karlsson setzt derweilen seine Fäuste ein, die zwei Pepsi-Kämpfer müssen den Tisch vorübergehend verlassen. 

„Ich hab jetzt auch schon meinen Turban angefangen und wir lernen eine Aladdin-Lied. Ich hab‘ der Lehrerin gesagt, dass ich das Aladdin-Theater gesehen habe…“

Der Zoowärter stellt fest, dass seine Socken so sehr mit Pepsi getränkt sind, dass er feuchte Fussspuren hinterlassen kann, Karlsson wird dazu verknurrt, sich für die Fausthiebe zu entschuldigen, der FeuerwehrRitterRömerPirat heult, weil er die Kampfspuren aufputzen muss, wo er doch gar nichts dafür kann, dass es in diesem miesen Schuppen nach 16 Uhr für Minderjährige keine koffeinhaltigen Getränke mehr gibt. 

Mama versucht Luise zu erklären, dass es völlig okay sei, wenn das Prinzchen im Zusammenhang mit 1001 Nacht auch etwas kulturelles Wissen zum Leben in islamischen Ländern bekomme. Dann versucht sie, ihre Liebsten davon zu überzeugen, vom Apfel-French-Toast mit Ahornsirup zu probieren, auch wenn die Bäuche schon mit Corn-Dogs vollgestopft sind. Keiner hört zu, denn die einen möchten mehr über das Leben im Orient erfahren, die anderen rekonstruieren den Hergang des Pepsi-Kampfs und il Cugino versucht verzweifelt, aus dem ganzen Schweizerdeutschen Gequatsche herauszuhören, ob von ihm heute Abend noch eine Kissenschlacht erwartet wird, oder ob er auf eine geruhsamere Art und Weise verdauen darf. 

Wie? Ihr findet meinen Text heute ein wenig chaotisch und unzusammenhängend? Na ja, ihr könnt doch nicht erwarten, dass wir ein Drehbuch verfassen, ehe wir uns zu Tisch setzen. 

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Es gibt sie noch, diese Tage, an denen…

…die Schreibblockade ausgerechnet dann zu Besuch kommt, wenn zwei Kolumnen (über)fällig sind.

…der Autoschlüssel unauffindbar ist, weil er ohne mein Wissen mit il Cugino zur Schule gegangen ist, weshalb ich nicht aus dem Haus kann, um die Zutaten, welche die Kinder schon wieder als Zvieri zweckentfremdet haben, fürs Mittagessen einzukaufen.

…das Mittagessen in Folge des oben genannten Desasters äusserst dürftig ausfällt und erst noch anbrennt.

…das Bankkonto nicht hergibt, was man vermeintlich mit voller Berechtigung von ihm erwartet hätte.

…ich „Meinem“ die Ohren voll heule, weil es mir jetzt einfach reicht. 

…der vor einer Woche gekaufte Mixer seine Arbeit verweigert, weshalb ich die Meringue-Masse von Hand schlagen muss. Was mich nicht weiter stören würde, hätte ich nicht die offensichtlich vollkommen hirnrissige Erwartung, dass ein neuer Mixer seinen Dienst länger als eine Woche tut. 

…“jemand“ ganz zufälligerweise die Ofentemperatur von 100 auf 230 Grad verstellt, was bekanntlich nicht gerade die optimale Temperatur für Meringues ist. Natürlich bemerke ich dies erst, als es schon wieder angebrannt riecht.

…ich der Tatsache ins Auge sehen muss, dass wir jetzt zu den Menschen gehören, die zu viel verdienen, um noch irgendwelche Vergünstigungen zu bekommen, aber nicht genug, um diesen Umstand problemlos verkraften zu können. 

…ich mir obendrein beim Kochen Tabasco ins Auge schmiere, was erstaunlicherweise ziemlich heftig brennt, obschon Tabasco doch gar nicht so scharf ist. 

…ich so oft die Contenace verliere, dass die Kinder anfangen, lieb und zuvorkommend zu sein, um mir keinen weiteren Anlass zum Herumbrüllen zu bieten. Ich hasse es, wenn ich so bin. Der Brief des FeuerwehrRitterRömerPiraten, in dem stand, ich solle mich doch ein wenig schlafen legen, sie würden währenddessen spielen, rührte mich dennoch zutiefst. 

Zum Glück gibt es solche Tage seltener als auch schon.

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Sonntagsfragen

Wie haben sich die 24 Besucher aus Chile heute auf meine Seite verirrt und zählen die nun in der Statistik, auch wenn sie sich bestimmt nicht länger als zehn Sekunden hier aufgehalten haben?

Warum schaut die Weltöffentlichkeit an gewissen Orten sehr genau hin, an anderen aber ganz gezielt weg?

Muss ich denn immer und immer wieder sagen, dass ich mich zwar um Gerechtigkeit bemühe, aber nicht über Jahre hinaus im Gedächtnis behalten kann, wer wann ein Stückchen Schokolade mehr bekommen hat als die anderen?

Warum haben wir unseren Kindern je das Youtube-Video von „En Kafi am Pischterand“ gezeigt?

Muss ich anfangen, die Tageszeitung vor unseren Kindern zu verstecken, weil dort so viele schreckliche Dinge drinstehen?

Warum missbraucht mein sparsamer Mann die Gemüsereste, die für die Kaninchen vorgesehen wären, für seine Fotoprojekte und zwar so, dass sie nachher nicht mehr als Kaninchenfutter taugen?

Stimmt es, dass bereits die ersten Bienen unterwegs sind, oder hat die Frau, die das neulich erzählt hat, masslos übertrieben?

Warum weiss das Prinzchen stets vor dem ersten Bissen, dass ihn das Essen nicht schmeckt?

Spielen die absichtlich mit dem Feuer, oder ist denen einfach nicht bewusst, was alles schief gehen kann, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen?

Warum bin ich nach Mitternacht immer viel wacher als am Morgen?

Wie kommt es, dass Schokolade bei uns nie länger als ein paar Stunden überlebt, wo doch il Cugino, die Kinder und ich stets so zurückhaltend sind?

Nun, zumindest auf die letzte Frage weiss ich eine Antwort. Oder auch zwei.

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Sind das wirklich schon sechs Jahre?

Sechs Jahre ist es her, seitdem ein guter Freund mich zum Bloggen herausgefordert hat. Anders kann man das gar nicht nennen. „Du solltest bloggen“, sagte er eines Tages. „Na ja…“, antwortete ich. Ein paar Tage später liess er mich wissen, mein Blog sei eingerichtet und heisse Beautifulvenditti. Noch immer war ich mir nicht sicher, ob das wirklich etwas für mich sei, also schrieb ich erst mal nichts. „Wann fängst du an zu schreiben? Ich warte“, wollte der Urheber dieser Seite nach zwei Tagen wissen. Also schrieb ich. Sehr zaghaft noch, denn ich wusste ja eigentlich gar nicht so recht, was man in einem solchen Blog schreibt. Doch die wenigen Menschen, die von meinem Schreiben wussten, ermutigten mich, weiterzumachen und irgendwann brauchte man mich nicht mehr zu schubsen, ich konnte gar nicht mehr anders, als fast täglich zu bloggen. Seither ist viel passiert.

Ich habe einen Weg gefunden, das in Worte zu fassen, was mich in meinem Leben als Mutter, Ehefrau, Ehrenamtliche, Berufstätige, Hausfrau, Schreibende, Schweizerin, Hobbygärtnerin, Glaubende, Zweifelnde, … begeistert, in den Wahnsinn treibt, zu Tränen rührt, zum Heulen bringt, überfordert, beschäftigt, zum Lachen bringt, erzürnt…

Ich bin ins Gespräch gekommen mit Menschen, die sich in meinen Texten wieder erkennen, habe erlebt, dass andere durch mein Schreiben neuen Mut gefasst haben, wurde aber auch selber immer wieder ermutigt, weil andere mir sagten, dass ich nicht die Einzige bin, der die Dinge manchmal einfach über den Kopf wachsen. Die positiven Reaktionen meiner Leserschaft haben mit dazu beigetragen, dass ich schliesslich den Mut gefasst habe, den Traum des Bücherschreibens zu verwirklichen.

Das Schreiben hilft mir, die Dinge mit mehr Humor zu nehmen. Herrlich, wie viel Schreibstoff die alltäglichen Missgeschicke bieten. Glaubt mir, ich fahre weitaus seltener aus der Haut, seitdem ich im Kopf schon mal den Blogpost entwerfe, währenddem ich klebrigen Honig vom frisch geputzten Fussboden aufputze. 

Mein Blog hat mir auch beruflich Türen geöffnet, so dass ich heute meinen Anteil am Familieneinkommen alleine durchs Schreiben erarbeite. Etwas, was ich mir stets erträumt, aber nie zu erhoffen gewagt hätte. 

Oh ja, natürlich habe ich schon tausendmal daran gedacht, die ganze Sache wieder hinzuschmeissen. Manchmal fürchte ich mich davor, dass mir eines Tages der Schreibstoff ausgehen könnte. Und an gewissen Tagen quält mich die Frage, ob ich nicht eine fürchterliche Dilettantin bin, die versucht, Dinge in Worte zu fassen, die andere viel besser ausdrücken könnten. Dann versuche ich, einfach nicht zu bloggen, doch meist dauert es nicht lange, bis die Worte wieder darauf drängen, aus meinem Kopf befreit zu werden. 

Darum schreibe ich weiter. Und darum ist es heute wieder einmal Zeit, klar und deutlich zu sagen: Danke, Tobias, dass du mich vor sechs Jahren dazu gedrängt hast, endlich anzufangen. 

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Kann mir einer erklären, was das war?

Da liegen wir zwei nichts Böses ahnend im Bett, der Käfer, den ich mir eingefangen habe und ich.  Das Telefon klingelt, die endlose Nummer beginnt mit 0049, aber ich hebe dennoch ab, weil man ja nie wissen kann, wer etwas von einem will. Es ist ein Hochdeutsch sprechender Herr, der von mir verlangt, den Computer wieder zurückzunehmen, den ich ihm auf Ebay verkauft hätte. Ich weiss nichts von einem Computer und frage deshalb, wie denn der Spitzname des Verkäufers laute. Das wisse er nicht, er habe nur diese Telefonnummer und betet sie mir langsam und deutlich herunter. Ausserdem wird der Kerl leicht gereizt, weil ich noch immer nichts von einem verkauften Computer wissen will. Er sei Dichter, behauptet er, und der Computer habe kein Windows drauf, ich solle mich nicht so dämlich anstellen und das Ding zurücknehmen. Ich will es aber nicht zurückhaben, weil es mir noch nie gehört hat. Er betet dann noch irgend eine nichtssagende Zahlenfolge herunter, fragt mehrmals „Ja? Nein?“ und mir wird es allmählich zu bunt. „Hören Sie mal, ich lege jetzt auf“, wogegen er erstaunlicherweise nichts einzuwenden hat.

War hier tatsächlich einer so blöd, von mir Geld zurückzufordern, das er mir nie bezahlt hat, weil ich ihm nichts verkauft habe? Oder haben Hamchitis mal wieder etwas ausgefressen und vergessen, dass sie ja gar nicht mehr unter ihrer alten Telefonnummer erreichbar sind?

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Sind wir denn noch immer nicht weiter?

Keine Ahnung, wie der Prospekt seinen Weg zu uns gefunden hat, aber weil er gerade herumlag und ich nichts besseres zu tun hatte, sah ich ihn mir genauer an. „Mit Frau Sieber und Herrn Marti durchs neue Fiskaljahr“, lautete der Titel, abgebildet waren eine schwangere Frau und ein Mann mit Kissen unter dem Hemd, beide dezent geschäftlich gekleidet. Die zwei werben für eine digitale Agenda, die dem Chef dabei helfen soll, die schwangere Mitarbeiterin so durch die Schwangerschaft zu begleiten, dass sie nach dem Mutterschaftsurlaub wieder zur Arbeit zurückkehrt. 

Na ja, eigentlich ist das Thema für mich erledigt, aber man hat so seine Erfahrungen gemacht mit Chefs und Schwangerschaften. Zum Beispiel die, dass man im vierten Monat dazu gedrängt wurde, sich festzulegen, wie es nachher weitergehen soll – und auch naiv genug war, sich auf das miese Spiel einzulassen. Oder die, dass der Chef Monate brauchte, um sich endlich einmal nach dem Befinden zu erkundigen. Oder die, dass der Bürokollege weiterhin ungeniert am Nebentisch rauchen durfte. Oder die, dass der Chef drei Tage nach der Geburt ins Spital anrief, um zu verkünden, der Job werde leider gestrichen. Wahrlich, nicht jeder bringt es fertig, eine frischgebackene Mama mitten im schlimmsten Baby Blues noch mehr zum Heulen zu bringen. 

Wer solche Erfahrungen gemacht hat, sollte es also begrüssen, dass man die Arbeitgeber auf ihre Pflichten aufmerksam macht und ihnen dabei hilft, sich im Dschungel der Mutterschutz-Paragrafen zurechtzufinden. Und irgendwie begrüsse ich es ja auch. Ist doch gut, wenn endlich einmal schwarz auf weiss steht, welche Rechte die (werdende) Mama hat. 

Aber es ärgert mich auch, dass wir noch immer nicht weiter sind. Muss man Chefs denn noch immer sagen, wie sie sich gegenüber einer schwangeren Mitarbeiterin zu verhalten haben (Nämlich nach dem Vorgehen GEZI: Gratulieren, Einladen, Zuhören, Informieren)? Brauchen die wirklich noch eine Vorlage, wie man das Gratulationsschreiben nach der Geburt verfasst? Muss man denen wirklich noch ans Herz legen, während des Mutterschaftsurlaubs in Kontakt zu bleiben? Ist die Schwangerschaft einer berufstätigen Frau tatsächlich noch so eine verkorkste Sache, dass man Merkblätter mit Verhaltensregeln erarbeiten muss?

Offenbar schon, sonst hätte man keine so grosse Kampagne aufgezogen. Schade, ich hatte so gehofft, es hätten sich ein paar Dinge geändert, seitdem ich allen Mut zusammennehmen musste, um meinem Chef zu verkünden, dass ich Mutter werde (Ja, ich war sehr jung, sehr berufsunerfahren und sehr naiv und heute würde ich die Sache deutlich selbstbewusster angehen…).

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