Verschwenderisch

Verschwenderisch sind wir beide, „Meiner“ und ich, bloss nicht in den gleichen Bereichen. Währenddem ich unser sauer verdientes Geld gerne mit vollen Händen ausgebe, geht „Meiner“ mit den vierundzwanzig Stunden, die uns täglich zur Verfügung stehen mehr als grosszügig um. Und natürlich findet jeder von uns beiden, der andere solle sich doch bitte ein bisschen mehr am Riemen reissen. Er findet, das Planschbecken, das ich bei Ricardo ersteigert habe, sei nun wirklich vollkommen nutzlos, währenddem ich ihm hundertmal unter die Nase reibe, dass wir nun wirklich keine Zeit gehabt hätten, so lange mit der Nachbarin zu quasseln. Er rechnet mir vor, wie viel wir sparen könnten, wenn ich Budget statt Bio kaufen würde und wenn ich mir diese umwerfende Bluse nicht bestellt hätte und ich jammere ihm die Ohren voll, dass es mir zu viel werde zweimal pro Wochenende Gäste zu haben. Er will nicht begreifen, dass ein bisschen Retail Therapy hin und wieder ganz wichtig ist für die frustrierte Hausfrau, ich kann nicht verstehen, weshalb man jede Minute des Tages mit Aktivitäten füllen muss.

Würden wir hier stehen bleiben, unsere Ehe wäre wohl die Hölle auf Erden. Aber interessanterweise scheinen wir uns perfekt zu ergänzen. Denn nachdem ich den ganzen Tag gemotzt habe, dass ich ganz gerne ein wenig Freizeit gehabt hätte, anstatt stundenlang am Herd zu stehen, bin ich diejenige, die fast in Tränen ausbricht, wenn der schöne Abend mit den Gästen so schnell zu Ende gegangen ist und ich ertappe mich dabei, wie ich all die lieben Menschen am liebsten darum bitten würde, jetzt gleich bei uns einzuziehen, damit ich sie nicht gehen lassen muss. Im Gegenzug kann „Meiner“ ohne Gesichtsverlust dazu stehen, dass ich diese wunderschöne Bluse wirklich unbedingt habe kaufen müssen, weil meine Augen damit so schön zur Geltung kommen. Einzig von den Vorzügen des Planschbeckens habe ich ihn noch nicht überzeugen können. Vielleicht lasse ich ihn demnächst an einem sehr sehr heissen Nachmittag mit allen fünf Kindern alleine ins Schwimmbad gehen. Danach wird er mir auf Knien danken, dass ich dieses wunderbare Planschbecken ersteigert habe.

Wann wird es denn endlich heiss hierzulande?

Warum so negativ, meine lieben Kinder?

Luise hatte sechs Tage Zeit, um ein kleines Gedicht auswendig zu lernen. In dem Gedicht ging es darum, wie man mit Panik umgehen kann. Aber das Auswendiglernen allein löste so grosse Panik in dem armen Kind aus, dass sie sich gar nicht auf den Inhalt konzentrieren konnte. „Ich schaffe das niiiiiiiiieeeeeeee“, heulte sie und wälzte sich auf dem Fussboden. „Ich kann das einfach nicht.“ Irgendwie konnte ich das Kind dennoch dazu bringen, mir das Gedicht vorzutragen. Und siehe da: Sie konnte es! Aber was tat meine liebste kleine Luise? Klopfte sie sich selber auf die Schulter und verkündete stolz, dass sie es kann? Nein, sie heulte weiter, weil sie es „nicht gut genug kann und überhaupt viel zu dumm ist“.

Karlsson sass still und schüchtern neben mir am Tisch und hörte artig seiner Lehrerin zu, die ihn über allen grünen Klee lobte: Im Rechnen sei er supergut, in Sprache supermegagut. Sie sei stolz auf ihn. Karlsson nickte brav, als die Lehrerin zu ihm sagte, er solle das alles wortwörtlich seinem Papa erzählen. Auf dem Heimweg erzählte mir Karlsson, wie erleichtert er doch sei, dass er die Klasse nicht repetieren müsse, denn das wäre sehr schlimm gewesen für ihn. „Wie bitte, mein liebster Karlsson, du hast geglaubt, du müsstest die Klasse wiederholen? Hast du denn nicht gehört, wie die Lehrerin deine Leistungen gerühmt hat?“, fragte ich entrüstet.  Zu Hause angekommen, forderte ich meinen Ältesten auf, zu tun, was er der Lehrerin versprochen hatte: „Erzähl dem Papa mal, was die Lehrerin über dich gesagt hat“, sagte ich und platzte fast vor lauter Mutterstolz. „Die Lehrerin hat gesagt, ich soll lauter reden und schneller arbeiten.“

Warum bloss sind unsere Kinder so streng mit sich selber? Warum sehen sie immer nur ihr Unvermögen, nicht aber ihre Stärken?

Liegt es etwa daran:

Vorgestern verbrachten wir einen traumhaften Pfingstsonntag im Garten von Freunden. Ein paar Tage vor unserem Besuch hatte unser Gastgeber, ebenfalls ein Primarlehrer, bei „Meinem“ einen Unterrichtsbesuch abgestattet und als wir da so gemütlich im Garten sassen,  liess er „Meinen“ wissen, wie gut er seine Arbeit mache, wie gut er mit der Klasse umgehen könne, wie geeignet er für seinen Beruf sei. „Meiner“ suchte verzweifelt nach Einwänden, um das Kompliment entkräften zu können, aber er hatte keine Chance: Unser Gastgeber blieb beharrlich bei seiner Meinung, dass „Meiner“ ein guter Lehrer sei. Und ich beging noch den entsetzlichen Vertrauensbruch, unseren Freund in seiner Aussage zu bekräftigen. Stand „Meiner“ nach diesem Gespräch mit stolzgeschwellter Brust da und sonnte sich in seinem Ruhm? Aber nicht doch! Am Abend gerieten wir uns in die Haare, weil er behauptete, er habe auf der ganzen Linie versagt…

Vielleicht aber liegt es ja auch daran, dass unsere beiden Ältesten so wenig auf ihr eigenes Können geben:

Da präsentierte ich heute Abend einmal mehr das Projekt, das zurzeit einen grossen Teil meiner Energie in Anspruch nimmt. Diesmal durfte ich vor Eltern reden, die dankbarste Zuhörerschaft, wenn es um den Aufbau eines Familienzentrums inmitten einer Betreuungswüste geht. Entsprechend positiv waren die Reaktionen. Alle, bis auf eine. Und was erzählte ich „Meinem“, als ich nach Hause kam? „Die sind alle total begeistert. Ich glaube, ich mache eine gute Arbeit“? Oh nein, nicht doch! Ich jammerte ihm den Kopf voll, weil mich die eine negative Reaktion so sehr getroffen hat, dass ich am liebsten die ganze Sache hingeschmissen hätte.

Auf eine gute Nachbarschaft!

Bis vor Kurzem hatte ich geglaubt, diese Art von Nachbarn sei eine Erfindung des „Beobachters“: Menschen, die aus einem anderen Kanton zuziehen, sich ausgerechnet in deinem Quartier einnisten und die sich einen Dreck darum scheren, wer links, rechts und gegenüber lebt. Anfangs denkst du noch, die Leute seien wohl zu beschäftigt mit dem Auspacken der Umzugskartons, aber irgendwann merkst du, dass es ihnen Ernst ist mit dem Ignorieren der Nachbarn. Gut, die Zeiten, wo man sich bei den neuen Nachbarn kurz vorstellt, scheinen so langsam passée zu sein. Aber grüssen könnte man einander schon, wenn sich die Wege zufällig kreuzen, findest du. Und deshalb grüsst du jedes Mal artig, wenn du an ihrem Garten vorbeigehst, oder wenn du mit Kind, sie mit Hund zu gleichen Zeit auf dem gleichen Trottoir spazieren gehen. Aber auch grüssen scheint zu viel verlangt zu sein. Stur blickt man zur Seite, egal wie freundlich du ihnen einen schönen guten Morgen wünschst. Irgendwann findest du dich damit ab, dass diese Nachbarn nicht das geringste Interesse haben, dich zu kennen und irgendwann fängst du an, sie zu ignorieren, obschon du weiterhin brav grüsst, weil dir das Grüssen in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Auf diese Weise kommst du ganz gut an den neuen Nachbarn, die inzwischen gar nicht mehr so neu und trotzdem fremd sind, vorbei. Bis du eines Tages einem jungen Menschen für ein paar Wochen dein Zuhause öffnest und ihm hin und wieder gestattest, auf dem Balkon laute Musik zu hören. Nicht um Mitternacht, versteht sich, sondern vielleicht an einem Samstagnachmittag, wenn ringsum alle Rasenmäher laufen. Oder am frühen Samstagabend, wenn die Kirchenglocken laut dröhnend den Sonntag begrüssen. Um diese Zeit kann das ja niemanden stören, denkst du. Aber du hast nicht mit deinen nicht mehr ganz neuen Nachbarn gerechnet. Denn ausgerechnet die Leute, die dich bis anhin keines Blickes gewürdigt haben, wissen nun plötzlich a) wo du wohnst, b) wie du heisst und c) finden sie endlich die Zeit, sich bei dir vorzustellen. Per Telefon. Mit einem äusserst gehässigen Unterton: „Frau Venditti, wir sind die Familie XY, wir wohnen gleich gegenüber. Den ganzen Tag über läuft bei Ihnen laute Discomusik und das stört uns sehr.“

Da kann ich nur sagen: „Nett dass sie sich endlich bei uns vorgestellt haben. Aber wäre das nicht etwas höflicher gegangen?“ Doch vielleicht wäre ich auch ein solcher Miesepeter, wenn mein Tag nur von 13:00 bis 14:00 und von 19:15 bis 20:00 Uhr dauern würde. Denn die Dame hat ja gesagt, bei uns werde den ganzen Tag lang laute Discomusik gespielt…

Dampfkochtopf

Den ersten Rückschlag des Tages erlebte ich heute Morgen, als ich einmal mehr vergeblich zum Bancomaten ging, um festzustellen, dass auf meinem Konto noch immer gähnende Leere herrscht, obschon da schon längst Geld drauf sein sollte und dass ich den Zwischendurcheinkauf erneut mit der Kreditkarte würde bezahlen müssen. Und einmal mehr wurde mir bewusst, wie sehr es an mir nagt, dass ich zwar inzwischen endlich mehrere sehr erfüllende Arbeitsfelder gefunden habe, dass ich aber so langsam nicht mehr damit klarkomme, dass die Bezahlung irgendwann erfolgt. Womit wir von jetzt bis irgendwann leben sollen, das interessiert keinen, ausser „Meinen“ und mich und das treibt mich dazu, zuweilen die Freude an meinen erfüllenden Aufgaben zu verlieren. Erfüllung ist ja wirklich wichtig, aber damit bezahle ich weder das Brot, noch die Butter die darauf gehört.

Ich war also nicht gerade bestens gelaunt, als ich von meinem Einkauf nach Hause kam und entdeckte, dass das Prinzchen nicht nur ein Trinkglas zerbrochen hatte, sondern dass er es auch fertig gebracht hatte, Karlssons Öllampe auf dem Küchenfussboden auszuschütten. Wie oft habe ich meinem ältesten Kind schon gesagt, er solle seine Öllampe an einem prinzchensicheren Ort verstauen? Nicht oft genug, nehme ich an, ansonsten müsste ich nicht am Samstagmorgen dreimal hintereinander den Boden feucht aufnehmen und danach feststellen, dass noch immer Ölspuren zurückgeblieben sind.

Meine Laune war also noch nicht besser, aber immerhin fand ich noch genügend Optimismus in mir drin, um mir und „Meinem“ zu sagen, wir würden uns den Tag nicht vermiesen lassen. Ha, von wegen! Als ich ein paar Stunden später bei grösster Hitze und mit fast leerem Tank eine Stunde lang durch Trimbach kurvte, um den Weg zu einer netten Person, die mir auf Ricardo einen Dampfkochtopf verkauft hatte, zu suchen, da brannten meine Sicherungen durch. Ein rotes Haus solle ich suchen, hatte mir der nette Herr am Telefon erklärt und weil ich gedacht hatte, in Trimbach gebe es nicht sonderlich viele rote Häuser, habe ich es verpasst, mir die Nummer des netten Herrn zu notieren. Ja, ich weiss, heute hat man GPS und kurvt nicht mehr durch Quartiere, aber weil ich so selten Auto fahre habe ich kein GPS und deshalb kurvte ich vergeblich an vielen vielen roten Häusern vorbei – ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele rote Häuser es in Trimbach gibt –  ohne meinen Dampfkochtopf zu finden.

Aber wer braucht schon einen Dampfkochtopf, wenn er selber dermassen unter Druck steht, dass er demnächst explodiert? Und an Tagen wie heute findet sich garantiert einer, der es schafft, die Explosion auszulösen. Heute fanden sich gar zwei: Ein unvorsichtiger Autofahrer und ein noch unvorsichtigerer Töfffahrer, die mir kurz hintereinander in der verkehrsberuhigten Zone mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit entgegenkamen und beinahe einen wüsten Unfall verursacht hätten. Ich versichere euch: Ihr hättet in diesem Moment nicht neben mir in unserem hübschen kleinen hellblauen Auto sitzen wollen.

Jetzt sitze ich an meinem Computer und suhle mich in meinem Elend. An gewissen Tagen fällt es mir sehr sehr schwer, Optimistin zu bleiben….

Troubleshooter-Mama

Wenn es ums Aufwachen und Aufstehen geht, ist Troubleshooter-Mama noch immer auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen, dann aber schlüpft sie in ihr unsichtbares Superwoman-Kostüm und macht sich auf, den Widrigkeiten des Tages den Kampf anzusagen. Die erste Widrigkeit des heutigen Tages: Eine zerbrochene Schale. Genauer gesagt: Eine vormals mit Reibkäse gefüllte zerbrochene Schale. Noch genauer gesagt: Eine vormals mit Reibkäse gefüllte zerbrochene Schale, die aussen mit roten Herzen verziert war und die Luise „Meinem“ zum fünfunddreissigsten Geburtstag geschenkt hatte und die Karlsson, als er sein Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen wollte, zu Boden fallen liess, weil sie im Wege stand, weil Troubleshooter-Mama gestern Abend zu später Stunde zu faul gewesen war, die Schale an einem sicheren Ort unterzubringen.

Alles klar? Nicht? Macht nichts. Es ist ja auch nicht eure Aufgabe, den heulenden Karlsson – „Papa wird so enttäuscht sein! Ich bin so uuuhhhuuungeehhhhschiiihhhhckt!“ – und die tieftraurige Luise – „Die Schale habe ich Papa zum Geburtstag geschenkt! Ich werde ihm nie mehr so eine schöne Schale schenken können!“ – zu beruhigen. Das ist ein Job für Troubleshooter-Mama und der geht so: Karlsson und Luise heulen, machen sich schlimme Vorwürfe und geraten einander schliesslich fast in die Haare, aber nur fast, denn jetzt greift Troubleshooter-Mama ein und nimmt alle Schuld auf sich: „Ich war ja so blöd, die Schale am falschen Ort hinzustellen, also bin ich Schuld.“ Karlsson will etwas einwenden, aber Troubleshooter-Mama kommt ihm zuvor: „Nein Karlsson, du bist nicht zu ungeschickt, ich habe den Fehler gemacht. Luise, wir werden für Papa eine neue Schale kaufen. Und ich bezahle, denn es war ja meine Schuld. Und ich werde auch mit Papa reden, denn es war ja nicht euer Fehler…“

Problem Nummer eins ist kaum gelöst, da steht schon Problem Nummer zwei an: Ein nicht mehr eingefasstes Zahlenbuch, das Karlsson unbedingt noch heute Morgen einfassen will, weil sonst die Lehrerin so böse wird. Aber Troubleshooter-Mama weigert sich, das Buch jetzt auf der Stelle einzufassen, denn a) sie hat gar kein geeignetes Papier im Haus, b) sie hat keine Geduld dazu, denn Karlsson wird das Buch selber einfassen wollen und danach doch nicht ohne Mamas Hilfe auskommen und c) sie hat jetzt keine Zeit dazu, denn Probleme Nummer drei, vier und fünf warten schon darauf, gelöst zu werden. Während Troubleshooter-Mama sich Problem Nummer 3 annimmt, – Luise kann die seit Wochen vermissten Bibliotheksbücher nicht mehr finden und ist deshalb in Tränen aufgelöst – heult sich Karlsson fast die Seele aus dem Leib, weil er Angst hat vor dem Zorn der Lehrerin. Warum bloss hat das Kind Angst vor dem Zorn der Lehrerin, lebt er doch immerhin seit mehr als neun Jahren mit einer emotional ziemlich wechselhaft veranlagten Mama?

Troubleshooter-Mama gerät ob der beiden zusammentreffenden Probleme beinahe ins Strudeln, besinnt sich dann aber auf ihr Allheilmittel in schwierigen Situationen: Sie greift zu Stift und Papier. Ein Briefchen für Luises Lehrerin, in dem steht, dass die Bücher nicht mehr auffindbar sind und deshalb von Vendittis ersetzt werden, ein Briefchen für Karlssons Lehrerin, in dem steht,  dass gestern zu später Stunde der Einband des Zahlenbuches kaputt gegangen sei und dass dieser Fehler selbstverständlich übers Wochenende behoben werde. Beide Briefchen mit „Besten Dank für Ihr Verständnis“ abgeschlossen und auf zu Problem Nummer vier, das da heisst „FeuerwehrRitterRömerPirat davon überzeugen, dass er noch keine Kindergartendispens erhalten hat – und diese auch nie erhalten wird – und dass er deshalb in die Kleider schlüpfen soll und zwar schnell, weil sonst all der Kuchen, den heute zwei Geburtstagskinder mitbringen werden, ohne ihn aufgegessen wird.“

Danach muss sich Troubleshooter-Mama nur noch um ein paar kleinere Problemchen kümmern: Luise trösten, die heult, weil Karlsson und sein Freund ohne sie abgezogen sind, dem Prinzchen die laufende Nase putzen, obschon sie ihm wehtut, weil sie vor ein paar Tagen eine unangenehme Begegnung mit einer Schaukel hatte, dem Au-Pair einen Glassplitter aus dem Finger entfernen und sie beruhigen, dass ihre Angst, dass der nicht mehr vorhandene Splitter in die Blutbahn geschwemmt und in ihre Herzaorta geraten und ihren Tod verursachen könnte, völlig unbegründet sei.

Dann wird es ruhiger und Troubleshooter-Mama darf sich endlich ins Büro zurückziehen, wo ein ganzer Berg Arbeit auf sie wartet. Aber der Berg Arbeit muss leider noch etwas länger warten, denn Troubleshooter-Mama muss sich mal ernsthafte Gedanken machen darüber, ob es pädagogisch sinnvoll sei, den Kindern immer und immer wieder aus der Patsche zu helfen.

Ein Ende in Sicht…

Wann hat’s das zum  letzen Mal gegeben? Ich weiss es nicht, zu lange ist es schon her, so lange, dass es schon fast einem historischen Ereignis gleichkommt: Bei Vendittis gibt’s nur noch ein einziges Wickelkind. Der Zoowärter ist seit heute nämlich auch nachts windelfrei. Ein ein einziges Wickelkind, kann man sich so etwas vorstellen? Das heisst, nur noch vier bis fünfmal am Tag am Wickeltisch zu stehen. Das heisst, nur noch etwa zweimal in der Woche zur Dusche greifen zu müssen, weil man in der Windel eine riesige Sauerei vorgefunden hat. Das heisst, beim Sonderangebot nur noch drei Pack Windeln in den Einkaufswagen zu laden. Das heisst, nur noch einen Windeleimer im Badezimmer stehen zu haben. Das heisst, nur noch bei einem Kind regelmässig die Nase an den Po zu halten – gibt es eine andere Tätigkeit auf dieser Welt, die für Nichteltern abstossender ist? -,  um zu riechen, ob es in der Windel riecht.

Ich habe zwar nie verstehen können, was die Menschheit am Wickeln so schlimm findet. Für mich gehört das zum Kinderhaben einfach dazu und ob wir nun ein Wickelkind hatten, zwei oder zeitweise gar drei, „Meiner“ und ich haben damit leben können. Klar, es gab peinliche Momente. Zum Beispiel, als wir mal mit drei Kleinkindern aber ohne Windeln auf eine Alp gondelten, wo die übervolle Windel des FeuerwehrRitterRömerPiraten ausgerechnet im Bergrestaurant den Geist aufgab. Klar wäre ich schon hundertmal froh gewesen, wenn ich keine Windeln hätte kaufen müssen, was aber nicht möglich war, weil die Verdauung unserer Kinder sich buchstäblich einen Dreck schert um unser Budget. Klar gab es zuweilen ganz böse Überraschungen. Zum Beispiel, als der damals etwa zweijährige FeuerwehrRitterRömerPirat zugleich Windpocken und Durchfall hatte und aus lauter Verzweiflung seine Exkremente grossflächig an die Wand schmierte. (Als der Durchfall dann vorbei war, fing er damit an, seine Exkremente im Zimmer herumzuschmeissen, aber auf weitere Details verzichte ich lieber.)

Ja, die Windeln gehören für uns einfach dazu, seit bald zehn Jahren schon und es gäbe da noch ein paar Anekdoten, über die man Jahre später lauthals lacht und ich bin mir sicher, dass die eine oder andere Geschichte in die Familiengeschichte eingehen wird. Aber ich bin dennoch froh, dass das Ende des Windelkapitels absehbar wird. Ich glaube, so langsam haben wir genug gewickelt.

Bleibt nur noch ein Problem: Womit fülle ich denn jetzt  bloss den zweiten, nur noch dreiviertelvollen 60-Liter-Kehrichtsack? (Nein, ich kaufe noch keine 30-Liter-Säcke; ein Wickelkind haben wir ja noch.)

Es wird alles noch viel lustiger

Das Prinzchen kann jetzt nämlich nicht bloss au dem Bett klettern – inzwischen gar ohne die Hilfe seines Riesenbären -, er hat jetzt auch herausgefunden, wie man den Trip Trap zweckentfremdet, um zum Wasserhahn zu gelangen. Und zur Herdplatte. Und zum Fenstergriff. Weil das alles noch nicht spannend genug ist, versucht unser Jüngster mit ziemlich beachtlichem Erfolg, frisch angezogen in die volle Badewanne zu klettern, wenn der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat ein Bad nehmen. Als jüngstes Kind hat der Kleine natürlich auch noch einen besonders starken Drang, die Eltern mit unerwarteten Fähigkeiten zu überraschen – ich rede da aus eigener Erfahrung – und deshalb bringt es unser Prinzchen schon im zarten Alter von 18 Monaten fertig, eine geschlagene halbe Stunde zu toben, wenn die böse Mama ihm den Zutritt zum Badezimmer und damit zur vollen Badewanne verwehrt. Wenn er dann voller Zorn seinen Nuggi (Für meine Leser aus Deutschland: Das ist das Ding, das man den Babys in den Mund stopft, damit sie aufhören zu brüllen) in die Ecke schmeisst und mit den Füssen stampft, dann sehe ich dass das Trotzalter im Anzug ist. Jetzt schon.

Oh ja, das Prinzchen zieht alle Register, um zu verhindern, dass mir langweilig wird. Er denkt sich wohl, dass ich mit meinem letzten Baby noch einmal so richtig viel Spass haben soll. Oder vielleicht hat er ja neulich mein sentimentales Gesülze gelesen und will jetzt mit allen Mitteln verhindern, dass ihm eines Tages ein kleines schreiendes Bündel den Platz streitig macht.

N-E-I-N

Mama Venditti dreht mal wieder im roten Bereich. Termine beim Kinderarzt, Elterngespräche, Konzepte verfassen, Kindern zeigen, wie sehr man sie liebt, weiterbilden, Newsletter schreiben, gute Ehefrau sein, vollwertig kochen, Wäscheberge abtragen, Vorsprechen bei Parteien und Gemeinderat, Freundschaften pflegen, Buchprojekt vorantreiben, Kindern zeigen, wie zermürbend es ist, wenn sie nicht gehorchen wollen, Hüpfburg organisieren, Mails beantworten… und der Tag hat noch immer bloss 24 Stunden. Was zur Folge hat, dass es nicht ganz ohne Getöse abgeht, wenn Mama Venditti einen der Bälle fallenlässt, mit denen sie tagtäglich jongliert. Was wiederum zur Folge hat, dass Personen, die Mama Vendittis Zusammenbruch vor zwei Jahren miterlebt haben, schüchtern fragen: „Hast du nicht gesagt, du würdest jetzt kürzer treten?“

Wenn Mama Venditti mit solchen Fragen konfrontiert wird, dann geht sie in sich, und zwar ganz tief. „Genügt es, wenn ich nur noch die Dinge tue, die ich mit Leidenschaft tun kann?“, fragt sie sich zum Beispiel. „Oder zehrt am Ende die Leidenschaft ebenso sehr an den Kräften, wie das halbherzige Durchbeissen?“ Sie forscht nach, ob sie sich selbst belügt, wenn sie behauptet, sie würde sich jetzt mehr Zeit zur Erholung nehmen. Sie überlegt, ob sie tatsächlich mehr Zeit zum Schreiben findet, oder ob die neuen Verpflichtungen schon Überhand gewonnen haben. Und das alles mündet in der überlebenswichtigen Frage: „Bin ich noch auf gutem Wege, oder bin ich schon wieder dabei, den Weg für einen nächsten Zusammenbruch zu bahnen?“

Manchmal zweifelt Mama Venditti, ob sie es schaffen wird, ob sie stark genug ist, die Aufgaben zu meistern. Doch dann fällt ihr wieder ein, dass sie ein neues Wort gelernt hat, ein Wort mit nur vier Buchstaben, aber mit einer unglaublichen Macht. Das Wort heisst N-E-I-N und Mama Venditti versucht, es dann anzuwenden, wenn jemand mit einer Bitte an sie herantritt, die sie nicht erfüllen kann oder nicht erfüllen will. Immer gelingt ihr das natürlich nicht, denn was man ein Leben lang nicht geschafft hat, lernt man nicht von heute auf morgen. Doch immer öfter kommt es vor, dass Mama Venditti nicht sagt: „Lass mich mal sehen. Vielleicht kann ich ja auf meinen freien Abend mit ‚Meinem‘ verzichten…“, sondern dass sie sagt: „Tut mir leid, im Moment bin ich vollkommen ausgelastet. Mit mir kannst du in nächster Zeit nicht rechnen.“ Und sie sagt es nicht nur dann, wenn tatsächlich jeder Abend ausgebucht ist, sondern auch dann, wenn sie nicht auf ihre Freiräume verzichten will. Denn Mama Venditti hat gelernt, dass man im Leben auch Zeit zum Erholen braucht, wenn man überleben will.

Manchmal ist Mama Venditti gar so verwegen, dass sie Nein sagt, wenn der Wäscheberg mit seinen Forderungen an sie tritt, oder der leere Kühlschrank, oder der unaufgeräumte Bürotisch. Aber bitte sagt „Meinem“ nichts davon. Der findet nämlich, bei uns sehe es momentan ziemlich schlimm aus und die Hauptverantwortung im Haushalt trägt leider noch immer Mama Venditti…

Es wäre mal wieder Zeit…

„Es wäre mal wieder Zeit“, sagt die Urmutter.

„Zeit wofür?“, fragt Mama Venditti.

„Wofür wohl? Denk mal nach.“

Mama Venditti denkt lange nach. Aber es will ihr einfach nichts in den Sinn kommen.

„Wie kannst du bloss so beschränkt sein. Ist doch klar, wofür es Zeit ist: Für ein neues Baby!“

Ein sehnsüchtiger Seufzer entfährt Mama Venditti: „Ein neues Baby. Das tönt verlockend. So ein süsses kleines Ding, hilflos und doch so stark, dass es mich im Sturm erobert.“

Doch dann landet Mama Venditti wieder auf dem harten Boden der Realität: „Du weisst ganz genau, dass ein neues Baby nicht drinliegt. ‚Meiner‘ und ich haben abgeschlossen damit. Es gibt keins mehr. Fertig. Aus.“

„Jetzt sei doch nicht so! Klar warst du nach jeder Schwangerschaft ein wenig erschöpfter. Klar ist dein Körper nicht mehr so belastbar wie früher. Klar, hast du zuweilen das Gefühl, du könntest nicht all deinen Kinder gerecht werden. Aber was tut das schon zur Sache, wenn man einem neuen, einzigartigen Menschlein das Leben schenken darf? Erinnerst du dich noch an dieses wunderbare Gefühl der ersten Kindsbewegung im Bauch? Weisst du noch, wie wunderbar es war, dein Kind zum ersten Mal im Arm zu halten?“

„Natürlich weiss ich es noch. Aber ich weiss auch noch, wie oft ich nicht mehr schlafen konnte vor lauter Rückenschmerzen. Ich weiss auch noch, wie oft ich geheult habe, wenn ich wieder mal mit einer Brustentzündung flach lag und mich nicht um die Familie kümmern konnte. Ich weiss auch noch, wie unzulänglich ich mich immer wieder gefühlt habe, wenn das Jüngste zu kurz kam, weil ich auch die Grossen nicht vernachlässigen wollte.“

„Ach, das war doch alles gar nicht so schlimm. Du hast das doch ganz gut hingekriegt. Und wenn du bedenkst, wie reich dein Leben durch all die Kinder geworden ist, dann musst du doch sehen, dass eines mehr dich noch unendlich viel reicher machen würde. Stell dir mal vor: So ein winziges, hübsches Mädchen. Vielleicht mit blonden Locken, wie Luise sie einst hatte… Oder ein Mädchen, das ‚Deinem‘ wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Sowas hast du noch nicht. Oder…“

„… oder ein Mädchen mit dunklen Augen und blonden Haaren, so wie das Prinzchen. Oder das Mädchen, von dem ich schon so oft geträumt habe, das Mädchen, das dem FeuerwehrRitterRömerPiraten so sehr gleicht . Oder vielleicht Zwillinge, eins mehr wie Karlsson, das andere mehr wie der Zoowärter…“ Mama Venditti gerät ins Schwärmen.

„Siehst du!“, triumphiert die Urmutter. „Du hast noch längst nicht genug. Ich hab’s ja gewusst: Jetzt, wo das Prinzchen grösser wird, hast du wieder den Mut, dich für ein weiteres Kind zu entscheiden. Der Zeitabstand wäre perfekt.“

„Ja, den Mut hätte ich schon, der Abstand wäre perfekt. Aber es ist dennoch zu spät.“, sagt Mama Venditti und kann die Traurigkeit in ihrer Stimme nicht unterdrücken.

„Zu spät? Warum denn?“, protestiert die Urmutter. „Du bist noch nicht zu alt, Platz habt ihr im Haus…“

„Ja, aber ‚Meiner‘ und ich haben mit dem Kapitel abgeschlossen.“

„Dann such dir eben einen neuen Mann…“, sagt die Urmutter kaltblütig.

Aber das lässt Mama Venditti nicht gelten: „Nein, ein neuer Mann kommt mir nicht ins Haus. Entweder, ‚Meiner‘ ist der Vater, oder ich will kein weiteres Kind. Verstanden?“

Die Urmutter macht sich enttäuscht aus dem Staub und Mama Venditti schaut ihr lange nach. Sie weiss, dass sie nie wieder Mama werden wird, auch wenn die Urmutter Sehnsüchte in ihr wach gerufen hat, die sich nicht leugnen lassen.  Aber Mama Venditti weiss, dass der Lebensabschnitt des Kinderkriegens für sie vorbei ist. Und wie immer, wenn etwas Schönes vorbei ist, lässt man es nicht ohne Wehmut ziehen.

Arme kleine Jungs!

Vor drei, vier Monaten noch galt der Zoowärter als drolliges kleines Kerlchen, das sich so charmant verhaspelte beim Reden und das mit seinem schelmischen Lächeln jeden für sich einnehmen konnte. Wo immer er hinkam bekam man zu hören, wie süss der Kleine doch sei, wie liebenswert, wie einmalig.

Dann aber passierte etwas: Der Zoowärter entdeckte den Kämpfer in sich und schwupps, war es vorbei mit drollig. Ein Junge, der bedrohlich Holzkellen schwingt und dazu brüllt, als ei er ein wild gewordener Löwe, geht nicht mehr als herzig durch. Ein Junge, der mal Ritter, mal böser Römer, mal angriffslustiger Wikinger ist, passt nicht ins Schema von „ach, wie süss!“. Wenn dann hin und wieder noch sein Kampfesgeist mit ihm durchgeht und er vergisst, dass die Putzfrau weder sein Feind noch die Holzkelle eine Waffe ist, dann ist fertig lustig. Dann muss man als Mama aufpassen, dass das eben noch kleine süsse Kerlchen als unmöglicher, schwer erziehbarer Bengel beschimpft wird. Das charmante Verhaspeln und das schelmische Lächeln sind zwar noch immer da, aber keiner nimmt es mehr wahr.

Wäre der Zoowärter mein erster Junge, ich wäre jetzt am Boden zerstört. Weil ich aber die gleiche Entwicklung schon bei Karlsson und beim FeuerwehrRitterRömerPiraten durchgemacht habe, bin ich einfach nur traurig. Denn warum, so frage ich mich, applaudiert man kräftig, wenn ein Mädchen die Tänzerin, die Reiterin oder die Coiffeuse in sich entdeckt, wenn aber ein Junge den Kämpfer in sich entdeckt, wendet man sich angewidert von ihm ab? Arme kleine Jungs! Ihnen bleibt so wenig Zeit, in der sie gehätschelt werden.