Der Mythos vom eigenen Zimmer

Wer bei Google nach dem Thema „eigenes Zimmer für Kinder“ sucht, stösst schnell einmal auf Foren, in denen Eltern einander gegenseitig in der Meinung bestärken, dass ein Kind ohne eigenes Zimmer ein ganz unglückliches Kind ist. „So früh wie möglich“ solle man die Kinder in ein eigenes Zimmer stecken, liest man da. „Ein eigenes Zimmer zu haben ist nie zu früh“, schreiben andere. Auf einer anderen Seite stosse ich auf den Hinweis, dass in Deutschland Hartz IV-Empfängern der Umzug in eine grössere Wohnung, damit jedes Kind ein eigenes Zimmer habe, nicht verweigert werden dürfe (was ich übrigens vollkommen richtig finde).

Bevor ich nun weiter auf die Frage nach den eigenen Zimmer eingehe, hier ein kleiner Hinweis: Dies ist kein Beitrag zur Diskussion über Hartz IV-Empfänger. Eine Diskussion, die, wie ich beim Surfen festgestellt habe, äusserst gehässig ist. Erstens verstehe ich als Schweizerin von Hartz IV viel zu wenig und zweitens bereiten mir schon all die Schweizer schlaflose Nächte, die über „Sozialschmarotzer“, „Scheininvalide“ und anderes „Gesindel“ herziehen. Also bitte keine Kommentare, die in die Richtung gehen, ob ein Sozialhilfeempfänger auch ein Recht auf Leben habe oder nicht. Klar? Okay, dann kann ich ja jetzt wieder auf mein eigentliches Thema zurückkommen.

Zurück also ins Kinderzimmer. „Meiner“ und ich haben uns damals, als wir noch mehr Kinder als Kinderzimmer hatten, grosse Vorwürfe gemacht weil man ja eben weiss, dass jedes Kind so früh wie möglich ein eigenes Zimmer braucht. Gut, ich als Jüngste von sieben Kindern habe mir da nicht allzu viele Sorgen gemacht. Wusste ich doch genau, dass man erst abends, wenn es dunkel ist, erfährt, in wen die grosse Schwester verliebt ist und solche Geheimnisse musste man einfach wissen, wenn man bei Tageslicht eine Erpressungsmöglichkeit in den Händen halten wollte. Wollte man erfahren, dass auch der grosse Bruder nur ein normaler Mensch mit Ängsten ist, musste man warten, bis im Haus alles still war und er einem das Herz öffnete. Solche Dinge erfuhr man nur, wenn man miteinander das Zimmer teilte. Aber ob heutige Pädagogen und andere Experten diese Erfahurngen noch gutheissen würden, wusste ich natürlich nicht.

Seit einiger Zeit nun hat jedes unserer Kinder sein eigenes Zimmer. Oder besser gesagt hätte jedes unserer Kinder sein eigenes Zimmer. Wenn nicht der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich standhaft weigern würden, ein eigenes Zimmer zu beziehen. Und nicht nur das, sie weigern sich auch, in ihrem eigenen Bett zu schlafen. Und so stehe ich jeden Morgen im Halbdunkel neben ihrem Bett und suche zwischen Bergen von Stofftieren und Kuscheldecken nach dem Kind, das ich wecken muss, damit es nicht zu spät in den Kindergarten kommt. Und probiere gleichzeitig um alles in der Welt zu verhindern, dass das Kind, das noch zu Hause bleiben darf, dabei aufwacht. Eigentlich habe ich kein Problem damit, dass die zwei ihr Zimmer teilen wollen, nur morgens, wenn nicht beide gleichzeitg wach sein sollten (und abends, wenn sie sich gegenseitig vom Schlafen abhalten) verstehe ich, warum man für getrennte Kinderzimmer plädiert: Für die Eltern ist es eindeutig bequemer.

Ach ja und dann gibt es noch das Argument der Privatsphäre. Alle Kinder brauchten nachts ihre Privatsphäre, sagt man. Ob das wohl stimmt? Wo doch fast alle Kinder – mit Ausnahme von Karlsson, der es hasst, mit jemandem sein Bett zu teilen – jeweils nachts ins Elternbett geschlichen kommen. Man könnte also auch die Behauptung aufstellen, dass einzig die Eltern so bald als möglich ihre Privatsphäre haben wollen. Und um diese zu bekommen, sollten sie ihre Kinder so lange als möglich im gemeinsamen Zimmer schlafen lassen. Aber ich werde mich davor hüten, diese Behauptung in Stein zu meisseln. Weiss ich doch genau, dass bei der Kindererziehung die Worte alle und immer gefährliche Worte sind.

Rabenmama?

Im Grossen und Ganzen halte ich mich für eine ziemlich besonnene Mutter. Eine, die sich nicht gleich in die Hose macht vor lauter Angst, bloss weil das Kind Nasenbluten hat. Eine, die nicht jedem Trend hinterherläuft, bloss weil „Wir Eltern“ darüber berichtet, dass ein Ungeborenes schon im Mutterleib von seiner Umgebung beeinflusst wird. Eine, die nicht alles kauft, was für die Kinder angeblich gut sein soll – allein schon, weil das Budget all den überteuerten Mist gar nicht mitmachen würde. Eine, die nicht alle drei Tage beim Kinderarzt sitzt, weil sie im Internet wieder von einer neuen Gefahr für Babys Gesundheit gelesen hat. All die Dinge lassen mich ziemlich kalt und ich bin ganz glücklich dabei.

Aber manchmal beschleichen mich dennoch Zweifel: Bin ich eine Rabenmutter, wenn ich nicht zum Notarzt fahre, wenn das Prinzchen auf die Nase gefallen ist? Ich meine, das Kind war nach dem ersten Heulen wieder vollkommen zufrieden und zeigte keinerlei Auffälligkeiten. Aber ich weiss, dass andere Mütter dennoch zum Arzt gehen. Oder wie ist das mit der Förderung? Müsste Karlsson vielleicht so langsam oder sicher etwas weniger verspielt werden und seine freie Zeit mit pädagogisch wertvollen Lernspielen verbringen? Verpasst er die grossen Chancen des Lebens, wenn er auf Bäume klettert anstatt Chinesisch zu lernen? Okay, eigentlich weiss ich, dass auf Bäume klettern viel wertvoller ist, aber wenn ich dann wieder von Eltern lese, die ihre Kinder in jeden erdenklichen Förderkurs stecken, beschleichen mich doch die Zweifel, ob ich nicht etwas mehr tun müsste, um meinen Ältesten zu pushen. Und wie ist das mit diesen kleinen mathematischen Defiziten, die sich bei Luise bemerkbar machen? Reicht es, wenn „Meiner“, der als Primarlehrer doch immerhin als Fachmann durchgehen kann, mit ihr lernt? Oder müsste ein Spezialist her? Bin ich eine gleichgültige Tante, wenn ich lauthals lache, weil mir jemand vorschlägt, den FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Heim zu stecken, bloss weil er hin und wieder über die Stränge schlägt? Müsste ich mich sorgen über seine unüberlegten Missetaten oder darf ich wirklich mit einem Schulterzucken auf Michel aus Lönneberga verweisen, aus dem schliesslich doch noch ein Gemeinderatspräsident geworden ist? Nimmt der Zoowärter Schaden, weil ich ihn zuweilen alleine ein Buch anschauen lasse, anstatt ihm rund um die Uhr vorzulesen, wie er es sich wünschen würde?

Ja, ich weiss, meine Zweifel sind absurd, aber welche Mütterzweifel sind das nicht? Ich weiss ja auch, dass sich jede Mama hin und wieder mit solchen Zweifeln in den Wahnsinn treibt. Aber ich weiss auch, dass man bei Mamas von vielen Kindern sehr viel schneller von Vernachlässigung redet als bei Mamas von weniger Kindern. Was bei einer Mama von weniger Kindern noch als Erziehung zur Selbständigkeit hoch angerechnet wird, wirft man uns Grossfamilienmüttern schnell mal Gleichgültigkeit vor. Und darum nutze ich die Zeit, die andere Mamas zum Grübeln über ihr vermeintliches Versagen brauchen dazu, darüber zu grübeln, ob ich noch als relaxed oder schon als gleichgültig angesehen werde.

Gewissensbisse

Welche Mutter kennt sie nicht, die Gewissensbisse, wenn sie zur Arbeit geht. Da mag sie noch so sehr wissen, dass ihr die Arbeit ausser Hauses guttut, sie mag noch so froh sein um den Verdienst, welcher der Familie über die Runden hilft, sie mag sich noch so sicher sein, dass ihr Nachwuchs während ihrer Abwesenheit in guten Händen ist. Irgendwo, tief in ihr steckt sie dennoch, die Übermutter, die ihr einredet, dass sie eine Rabenmutter ist, weil sie ihre Brut zu Hause sitzen lässt. Das Bild der perfekten Mama, die den lieben langen Tag nichts anderes tut, als ihren Nachwuchs auf Händen zu tragen, hat sich fest in die Köpfe eingebrannt, obschon es wohl noch nie in der Geschichte der Menschheit der Wirklichkeit entsprochen hat. Man könnte fast sagen, dass eine Mama erst dann eine richtige Mama ist, wenn sie Gewissensbisse mit sich herumschleppt.

Bei mir ist es lange her, seitdem ich diese Gewissensbisse zuletzt empfunden habe. Nachdem ich vor zwei Jahren meinen letzten Job gekündigt hatte, um mir einen Besseren zu suchen, durchkreuzte das Prinzchen meine Pläne und dann war’s vorerst vorbei mit auswärts arbeiten. Doch weil ich es nicht lange ausgehalten habe ohne die Gewissensbisse und Selbstvorwürfe, habe ich schnell dafür gesorgt, dass ich mich wieder schuldig fühlen kann. Ich habe mir flugs neue Arbeit besorgt, die ich von zu Hause aus erledigen kann. Damit ich wieder eine richtige Mama sein konnte, eine, die sich viele Vorwürfe machen kann. Und weil ein schlechtes Gewissen nur dann so richtig Spass macht, wenn es von Tag zu Tag schlimmer wird, habe ich mich dafür eingesetzt, dass meine Arbeit vorerst einmal unbezahlt ist. So kann ich mir gleich zwei Vorwürfe machen: Ich nehme meinen Kindern kostbare Zeit und Aufmerksamkeit weg und bringe damit nicht mal ein Einkommen zustande, welches ich dazu einsetzen könnte, meinen Kindern schöne Sachen zu kaufen, die sie über meine geschlossene Bürotür hinwegtrösten. Zwei Gewissensbisse zum Preis von einem, sowas lieben wir Mütter.

Seit einiger Zeit nun nun erlebe ich gar dreifachen Genuss: Ich lasse meine Kinder teilweise zu Hause fremdbetreuen, verdiene dabei keinen roten Rappen und gebe erst noch Geld für die hausinterne Kinderbetreuung aus. Mit so wenig Aufwand so viele Gewissensbisse. Das muss mir erst mal jemand nachmachen!

Manchmal muss man eben kreativ sein, wenn man eine richtige Mama sein will.

Ab in den Tischlerschuppen!

Als Kind konnte ich nie so recht begreifen, was meine Mutter gegen Michel aus Lönneberga hatte. Und gegen Pipi Langstrumpf. Und gegen Karlsson vom Dach. Sind doch wunderbare Geschichten, sagte ich mir, lachte mich bei der Lektüre fast krank und stopfte jedesmal, wenn die Kinder im Buch etwas assen, ein Butterbrot in mich hinein. Was man mir natürlich schon bald einmal ansehen konnte. Denn im Gegensatz zu den Kindern im Buch rannte ich ja zwischen den Mahlzeiten nicht über Wiesen, kletterte nicht auf Bäume und ging schon gar nicht zum See um Krebse zu fangen. Und natürlich wäre es mir nicht im Traum eingefallen, die Kinder nachzuahmen. Dazu war ich viel zu brav. Und viel zu faul.

Noch heute kann ich nicht begreifen, was man gegen Michel, Pipi & Co. haben könnte, doch zuweilen beschleichen mich Zweifel, ob es denn wirklich klug sei, den Kindern täglich mindestens einen von Michels Streichen in voller Länge zu erzählen. Und mit den Kindern mitzulachen. Heute Morgen zum Beispiel waren meine Zweifel mal wieder sehr gross, als der FeuerwehrRitterRömerPirat, kaum war das Treppenhaus fertig geputzt, einen Kessel voller Wasser über das Treppengeländer kippte und zwar mit voller Absicht und breitem Grinsen im Gesicht. Es dauerte nicht lange, bis ich herausbekam, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat zwar der Haupttäter, nicht aber der Alleinschuldige war. Karlsson und Luise hatten ihn bei der Planung tatkräftig unterstützt und nach weiterem Bohren beichteten sie mir, dass sie eigentlich etwas „viel Lustigeres“ im Schilde geführt hatten und dass der FeuerwehrRitterRömerPirat „den ganzen Spass vermasselt“ habe. Der „viel lustigere Streich“ wäre gewesen, dass die drei das Wasser über meinem Kopf ausschütten würden und dann vermutlich voller Genuss auf das berühmte „Blupp“ gewartet hätten. Ob das Wasser im Kessel warm oder kalt war, habe ich gar nicht erst gefragt.

Eigentlich ist es ja nicht verwunderlich, dass die drei auf solche Ideen kommen. Wissen sie doch ganz genau, dass wir keinen Tischlerschuppen haben, in den ich sie sperren könnte, damit sie über ihren Unfug nachdenken und Holzmännchen schnitzen könnten. Auf welche Ideen sie erst kommen würden, wenn sie zu dritt im Tischlerschuppen wären, male ich mir lieber gar nicht erst aus…

Und falls ihr wissen möchtet, wie die „(B)engel zurzeit aussehen, könnt ihr hier meine aktualisierte Bildergalerie anschauen.

Wieder mal die Hausarbeit

Ob ich die Situation nicht jeweils ein wenig überzeichnen würde, wenn ich über meinen Hausfrauenfrust berichte, wurde ich heute gefragt. Die Fragende meinte das nicht etwa kritisierend oder anklagend, es nahm sie einfach wunder, ob ich tatsächlich so empfinde, wie ich schreibe. Ich nehme ihr also die Frage nicht im Geringsten übel. Und darum hat mich das Thema wohl auch den ganzen Tag beschäftigt, schlich sich immer wieder in meine Gedanken ein. Zwischen „Tiernamen auf meiner Stirn erraten“ (ich war abwechslungsweise eine Schleiereule, ein Wanderfalke, ein Baumfalke und eine Legehenne), Fondue-Resten aufwärmen, der NZZ-Lektüre über die Wander-Ehen der Mosuo-Frauen und dem Wäschesortieren, immer wieder tauchte die Frage auf: Übertreibe ich, wenn ich darüber schreibe, wie sehr mir die Hausarbeit an die Nieren geht? Ist es wirklich so schlimm, oder bilde ich mir meine Abscheu bloss ein? Eigentlich gibt es keinen besseren Tag als heute, um über diese Fragen nachzusinnen. Denn morgen sind die Winterferien von „Meinem“ Geschichte und dann geht’s wieder zurück an den Herd. Vollzeit. Da muss ich mir nur die Gefühle genauer anschauen, die mich beim Gedanken an morgen beschleichen und ich weiss die Antwort: Ich übertreibe nicht, ich untertreibe.

Denke ich an morgen, dann fühle ich mich ähnlich wie früher, wenn mir eine Mathematikprüfung bevorstand. Ich weiss, dass ich die Sache irgendwie hinter mich bringen muss, ich weiss, dass ich mein Bestes geben werde, dass aber am Ende wieder nicht mehr dabei herausschauen wird als eine ungenügende Leistung. Nun kann man natürlich die Messlatte für genügende Leistungen im Haushalt unterschiedlich anlegen und deswegen wurde ich heute auch gefragt, ob ich denn zu hohe Erwartungen hätte an mich selber. Aber genauso, wie ich von mir in der Mathematik keine Bestnote erwartete, sondern einfach hoffte, dass ich mal ein „Genügend“ erreiche, so versuche ich im Haushalt lediglich das Ganze einigermassen ordentlich und sauber zu halten und dafür zu sorgen, dass wir uns ausgewogen ernähren. Mehr will ich nicht. Höchstleistungen erwarte ich von mir in anderen Bereichen, zum Beispiel in der Kindererziehung oder beim Schreiben einer Kolumne.

Doch während es für mich keine Kunst ist, unseren vier grösseren Kindern eine geschlagene Stunde lang „Immer dieser Michel“ zu erzählen, ohne dass sich auch nur einer von ihnen zu langweilen beginnt, packt mich das nackte Grauen schon beim Gedanken daran, dass der Küchenboden klebrig ist und noch heute geputzt werden muss. Das Ganze wird vielleicht fünf Minuten meiner kostbaren Zeit in Anspruch nehmen und doch lähmt mich der Gedanke daran. Während ich bis tief in die Nacht an einem Text feilen kann, bis ich endlich zufrieden bin mit jedem Wort, kostet es mich unglaublich viel Überwindung, die Vorratskammer aufzuräumen. Es ist nicht etwa so, dass ich einfach nur tun will, was mir Spass macht. Ich mache mich auch ohne mit der Wimper zu zucken daran, schnell mal nebenbei die Steuererklärung auszufüllen, Rechnungen zu bezahlen, Ikea-Möbel zusammenzubauen oder Sitzungsprotokolle zu schreiben. Aber wenn es darum geht, die Wäsche im Schrank zu verstauen, dann schiebe ich die Sache so lange vor mir her wie andere den Besuch beim Zahnarzt. So lange, bis „Meiner“ sich der armen Wäsche annimmt.

Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich gestehen, dass ich Hausarbeit noch schlimmer finde als Mathematik. Bei der Mathematik ahne ich zumindest, dass sie im Grunde eine wunderbare Sache ist, die sich mir  leider trotz all meiner Bemühungen nicht erschliessen wollte. Bei der Hausarbeit aber weiss ich inzwischen, dass sie zu den Dingen in meinem Leben gehört, auf die ich voll und ganz verzichten könnte und zwar ohne, dass ich dabei das Gefühl hätte, etwas, was im Grunde schön sein könnte, zu verpassen.

Spielplatz

Seit etwas mehr als achtzehn Jahren tummeln wir uns jetzt auf diesem Spielplatz, „Meiner“ und ich. Eine traumhafte Anlage, schön gelegen, mit unzähligen Spielmöglichkeiten, gemütlichen Sitzbänken und Picknick-Gelegenheiten, lauschigen Plätzen. Einfach alles, was das Herz begehren könnte. Anfangs konnten wir nicht genug davon bekommen, all die verschiedenen Spielgeräte zu erkunden: Wir kletterten wagemutig auf dem Kletterturm, drehten auf dem Karussell bis uns schwindlig war, wühlten uns genüsslich durch den Sandkasten und schauten, wer die schönere Sandburg bauen kann. Nach einer Weile hatten wir genug gespielt und wir genossen das süsse Nichtstun. Wo ist es gemütlicher? Im Weidenhaus oder beim Fussbad im klaren Bach? Wo lässt es sich besser quatschen? Auf der Parkbank oder am Picknicktisch mit einem randvoll mit Leckerbissen gefüllten Korb? Die Möglichkeiten waren grenzenlos. Wir liebten diesen Spielplatz.

Wir lieben ihn noch immer. Aber der Spielplatz gehört nicht mehr uns alleine. Das Karussell wird von anderen in Beschlag genommen, der Kletterturm auch. Und „Meiner“ und ich haben immer mehr die Aufgabe übernommen, dafür zu sorgen, dass die anderen glücklich sind auf unserem Spielplatz. Wir passen auf, dass sich niemand weh tut, wir sorgen dafür, dass der Picknickkorb nie leer wird, wir stehen am unteren Ende der Rutschbahn und fangen die Rutschenden auf, wenn sie zu schnell unterwegs sind. Wir achten darauf, dass der Spielplatz sauber bleibt, dass er so einladend ist, wie wir ihn angetroffen haben. Wir sind fast rund um die Uhr damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass dieser Spielplatz ein Ort bleibt, an dem man sich gerne aufhält, dass er ein Ort bleibt, an dem Viele glücklich sein können und nicht bloss wir zwei. Wir lieben diese Aufgabe.

Doch manchmal möchten wir auch ein wenig spielen. Aber das einzige Spielgerät, dass uns bleibt, ist die „Gigampfi“, in Deutschland besser bekannt unter dem Namen Wippe. Fast täglich stehlen wir uns mal kurz zwischendurch für ein paar Minuten weg, um zu wippen und das seit Jahren schon. Am Anfang machte das durchaus Spass: Auf und ab, auf und ab, auf und ab. Irgendwann aber wurde es schwierig. Ich blieb unten, „Meiner“ versuchte mit aller Kraft, mich nach oben zu bringen und schaffte es nicht mehr. Zumindest nicht mehr alleine. Die Leute eilten ihm zu Hilfe, damit ich wieder hochkommen konnte. Und es gelang, es geht wieder weiter wie zuvor: Auf und ab, auf und ab, auf und ab.

So langsam aber haben „Meiner“ und ich genug gewippt. Wir möchten ganz gern mal wieder rutschen, oder klettern, oder am allerliebsten schaukeln. So richtig hoch hinaus, mit viel Schwung und diesem unglaublichen Gefühl im Bauch, dass es keine Grenzen gibt. Mal schauen, ob bald mal eine Schaukel für uns zwei frei wird…

Heute nichts Neues

Und zwar nicht, weil ich einen langweiligen Tag erlebt hätte. Auch nicht, weil es nicht unzählige schöne Momente gegeben hätte. Und erst recht nicht, weil mir ausnahmsweise nicht zig Ideen und Sätze durch den Kopf schwirren würden. Sondern einfach, weil ich viel zu müde bin. Weshalb ich zu müde bin? Da fragt ihr am besten das Prinzchen…

Ein Klacks

Vielleicht hatte ich einfach keine Lust, einen weiteren verregneten Sonntagnachmittag mit der „NZZ am Sonntag“ auf dem Sofa zu verbringen? Vielleicht hatte ich auch das Gefühl, unsere Kinder könnten mal wieder etwas Kultur vertragen? Vielleicht war mir auch einfach langweilig? Vielleicht fand ich, „Meiner“ hätte auch ein wenig Ruhe verdient, nachdem er mich vier Tage alleine hatte ziehen lassen? Oder vielleicht wollte ich mir einfach etwas beweisen? Ich weiss nicht so recht, was es war, aber irgend etwas trieb mich dazu, heute Mittag den wahnwitzigen Entschluss zu fassen, alleine mit Karlsson, Luise, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und dem Zoowärter nach Basel ins Puppenhausmuseum zu fahren. Mit dem Zug. Ist ja ein Klacks, mit vier Kindern alleine unterwegs zu sein, das sind ja nicht so viele, wie ich theoretisch mit mir mitschleppen könnte. „Meiner“ hat solche Ausflüge ja zig Mal unternommen, als es mir nicht gut ging. Damit die Sache nicht allzu langweilig würde, erlaubte ich jedem Kind, einem Teil seines Taschengeldes mitzunehmen, weil ich weiss, dass sie an keinem Museums-Shop vorbeikommen, ohne Geld zu verschleudern. Aber wenn sie schon Geld verschleudern wollen, dann sollen sie das mit ihrem eigenen tun. Ich verschleudere ja auch mein eigenes, oder zumindest dasjenige, das mir „Meiner“ grosszügigerweise zur Verfügung stellt.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wir hatten Spass. Die Kinder sehr viel und ich ein bisschen. Nachdem ich auf dem Weg zum Bahnhof etwa fünfmal den Tarif durchgegeben hatte, verhielten sich die Kinder auch mustergültig: Sassen artig im Zug, stiegen brav an meiner Hand ins Tram, staunten sich im Museum fast die Augen aus dem Kopf und Luise fiel beinahe in Ohnmacht ob all der wunderschönen Puppen. Die Kinder stellten tausend Fragen, ich bemühte mich, sie alle wahrheitsgetreu und möglichst fundiert zu beantworten und wir alle zusammen freuten uns an den unzähligen Teddybären, den zierlichen Puppenmöbeln und den witzigen Sujets. Es was einfach traumhaft, genau so, wie ich mir das Muttersein einst vorgestellt hatte.

Und dann kam der Museumshop. Der FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise erledigten ihren Einkauf in Rekordzeit, der Zoowärter am Anfang auch: Er riss kurzerhand das Preisschild von einem Plüschdelfin und damit war das gute Stück gekauft, da kennt man im Puppenhausmuseum kein Pardon. Und dann lag der Zoowärter plötzlich schreiend und mit feuerrotem Kopf auf dem Fussboden, weil er gar keinen Delfin haben wollte sondern einen Löwen. Im Puppenhausmuseum scheint man derartiges noch nie gesehen zu haben. Dies zumindest schliesse ich daraus, dass die Verkäuferinnen sich zwar angestrengt darum bemühten, sich nicht aufzuregen, es dann aber nicht lassen konnten, vor den Augen unserer anderen Kinder entnervt den Kopf zu schütteln. Während ich versuchte, den Zoowärter zu beruhigen und gleichzeitig darauf achtete, dass kein Kunde im Getümmel versehentlich auf meinen lieben kleinen Jungen trat, konnte Karlsson sich einfach nicht entscheiden, was von all den tausend Sachen er denn jetzt kaufen wollte. Irgendwann entschied er sich für eine winzige „St. Edward’s Crown“, echt vergoldet, zu einem Wucherpreis erhältlich. Das ganze Puppenhausmuseum atmete erleichtert auf, als Venditts endlich draussen waren.

Schön für die anderen. Bei mir ging der Stress erst los: Der Zoowärter brüllte weiter, ganz Basel starrte uns entsetzt an. „Das Kind hat Hunger“, schoss es mir durch den Kopf. Ich hatte die Wahl zwischen Sushi-Bar, Asiatischen Nudeln und Mc Donald’s. Ratet mal, wo wir landeten… Und nicht nur wir landeten, sondern auch der halbe Liter Cola Light, den ich mir gegönnt hatte, landete. Auf der Treppe. Aber immerhin hatte der Zoowärter sich inzwischen beruhigt. Irgendwie schaffte ich es, die Raubtiere zu füttern, mich durch die Menschenmassen zu kämpfen, ohne ein Kind zu verlieren – es war inzwischen dunkel geworden – und den Zug nach Hause zu erwischen. Wo eine Horde biertrinkender junger Erwachsener die „Familienzone“ besetzt hatten und sich darüber ärgerten, dass der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat etwas aufgedreht waren. Ich hätte sie ja darauf hinweisen können, dass sie gefälligst unsere Plätze freigeben sollten, doch nachdem ich mich bei Mc Donald’s schon mit zwei Teenagern angelegt hatte, verspürte ich keine Lust mehr auf weitere Kämpfe. Zumal ich nicht wusste, wie viel Bier die jungen Männer bereits intus hatten.

Der Rest der Heimfahrt verlief ereignislos. Bis auf die Episode am Bahnhof Olten, wo Luise aus lauter Langeweile um die Sitzbank zu rennen begann und ihre jüngeren Brüder dazu verleitete, es ihr nachzutun und den Geleisen gefährlich nahe zu kommen. Ach ja, und dann verschwand auch noch der Zoowärter in der Dunkelheit und wir hätten beinahe den Delfin verloren, den der Zoowärter inzwischen sehr lieb gewonnen hatte. Aber sonst war da wirklich nichts mehr.

Ist doch wirklich  ein Klacks, so ein Sonntagnachmittags-Ausflug.

Wenn Mama & Papa Venditti in den Ausgang gehen….

…. dann entscheiden sie frühestens um halb sieben am Abend, wohin sie denn gehen wollen. Denn vorher kann man nie sicher sein, dass nicht doch noch eines der Kinder sich entschliesst, krank zu werden, nur damit Mama und Papa zu Hause bleiben.

….. dann kocht Mama bis zwanzig vor acht Bitterorangen-Marmelade ein und treibt damit Papa, der die Kinder alleine ins Bett bringen muss, beinahe in den Wahnsinn. Denn Papa mag keine Bitterorangen-Marmelade und deshalb findet er es vollkommen daneben, dass Mama beinahe den Ausgang vermasselt wegen dem (aus seiner Sicht) grässlichen Zeug.

….. dann stellen sie mitten in der Stadt fest, dass sie gar nicht nachgeschaut haben, in welchem Kino der Film läuft, für den sie Plätze reserviert haben.

…… dann wird ihnen an der Kasse klar, dass sie gar keine Plätze hätten reservieren müssen, denn den Film, den sie ausgewählt haben, schauen sich ausser ihnen nur noch ein paar Teenager an, die bei „Avatar“ keinen Platz mehr bekommen konnten.

…… dann platzen sie zehn Sekunden vor Filmbeginn ins Kino und müssen sich somit wenigstens keine Werbung reinziehen.

….. dann stellt Papa im Kinosaal fest, dass seine Hose voller Tomatenflecken ist und outet sich damit als der einzige Hausmann unter den drei oder vier Männern, die ausser ihm im Saal sitzen.

….. dann schauen sich Mama und Papa entsetzt an, als der Film beginnt. Sie, weil sie Angst hat, die laute Musik könnte das Prinzchen wecken, er, weil er auch findet, dass „es ein bisschen laut ist“ hier.

…… dann seufzt das ganze Publikum „Jöööööh, wie herzig“, als das Paar am Ende des Films endlich ein Baby hat. Mama und Papa aber schauen einander an und sagen: „Unsere sind schöner“.

…… dann sparen sie das Geld für den Babysitter, weil der Nachbar, ebenfalls Papa von vier Kindern, so nett ist, die fünf kleinen Vendittis zu hüten. Das gesparte Babysitter-Honorar spenden sie der Stadtpolizei Aarau, weil Papa in der Eile vergessen hat, dass Parkuhren hungrige kleine Biester sind.

Abreisefertig

„Meiner“ ist schon unglaublich! Man schaue sich bloss das Bild an, das er gestern meinem Post hinzugefügt hat – ich habe ja weder Kamera noch Kabel mitgenommen – und man sieht, wie er mit dem Zaunpfahl winkt: Zeit, nach Hause zu kommen, Frau Venditti. Zurück zu Playmobil, Staubsauger, Steuererklärungen und dergleichen.

Aber „Meiner“ hätte nicht mit dem Zaunpfahl zu winken brauchen. Mir ist auch so mehr als bewusst, dass es heute Nachmittag vorbei ist mit dem süssen Nichtstun. Noch einmal Sauna, noch einmal einfach an den gedeckten Tisch sitzen und mich bedienen lassen, noch sechs Stunden in meiner eigenen kleinen Welt und dann geht’s wieder los.

Freue ich mich? Ich weiss es nicht. Es ist wohl beides: Ich kann es kaum erwarten, das Prinzchen an mich zu drücken, die witzigen Sprüche des Zoowärters zu hören, mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten über Cäsar zu fachsimpeln, mit Luise zu quatschen, mir von Karlsson seine neuesten Fortschritte am Computer zeigen zu lassen und mit „Meinem“ über die nächsten Schritte in unserem Leben auszutauschen. Ich freue mich, zu wissen, dass ich wieder soweit gesund bin, dass ich drei Tage alleine sein kann, ohne in ein tiefes Loch zu fallen und ich bin dankbar, dass ich mich einfach mal entspannen konnte, etwas, was ich zuerst mal habe lernen müssen. Aber jetzt kann ich es und zwar gut.

So gut, dass ich gerne noch länger bleiben würde. So gut, dass ich mich ein wenig fürchte vor dem, was mich zu Hause erwartet, dieses laute, unkontrollierbare Etwas, genannt Alltag. Aber bevor ich mich dem wieder stelle, verschwinde ich jetzt erst mal in der Sauna.