Mach‘ die Leine länger, Mama

Während ich mit einem Bein noch mitten im Babyalter stehe und mich noch immer mit halb-durchwachten Nächten abplage – heute Nacht war das Prinzchen ein Hahn, der fröhlich sein Kikeriki krächzte, bis „Meiner“ brummte, der Hahn solle jetzt doch endlich still sein -, tauchen am anderen Ende des Spektrums neue Fragen auf: Wie viel kann ich Karlsson schon zutrauen? Wann darf ich guten Gewissens ja sagen, wo muss er mit einem Nein leben können, weil er zwar schon fast zehn, aber lange noch nicht erwachsen ist? Während ich mich noch immer fühle wie eine Glucke, die stets darum bemüht ist, ihre Küken unter ihre Flügel zu sammeln, fängt Karlsson so langsam aber sicher an, sich einen erweiterten Radius zu wünschen. Nicht, dass sein Wunsch nach mehr Freiheit besonders ausgeprägt wäre – andere Kinder in seinem Alter sind da weitaus unternehmungslustiger -, aber doch so, dass ich so langsam aber sicher zu ahnen beginne, dass mein kleiner Karlsson ein grosser Karlsson werden will.

Ein grosser Karlsson,  der in drei Wochen zum ersten Mal ohne seine Eltern in ein Ferienlager fahren wird. Und sich unbändig auf diese Woche freut. Die einzige Sorge, die ihn dabei plagt, ist, ob er es eine Woche ohne seinen geliebten Eisbären David aushalten wird. Ob er ohne Mama und Papa auskommen wird, ist für ihn keine Frage. Er liebt es, hin und wieder ohne uns zu sein. Ich hingegen will mir lieber gar nicht ausmalen, wie sehr ich meinen Ältesten vermissen werde. Wie ich wohl hundertmal am Tag den Drang verspüren werde, die Leiter anzurufen, um nachzufragen, ob es meinem Sohn denn auch gut gehe. Wie ich mich zusammenreissen werde, um nicht zu heulen, wenn er eine ganze Woche lang nicht mit uns am Tisch sitzen wird. Ich meine, man muss sich das einmal vorstellen: Geschlagene sechs Tage zwanzig Kilometer vom Elternhaus entfernt, ohne anständiges Essen, in einem Bett, in dem schon hundert andere gelegen haben… Ach, Karlsson, musst du denn wirklich so schnell gross werden?

Karlsson scheint zu spüren, dass mir das Loslassen nicht so ganz leicht fällt. Und darum fängt er an, mich zu trainieren. Ob er noch im Schwimmbad bleiben dürfe, wenn der Schwimmunterricht vorbei sei, wollte er letzten Donnerstag aus heiterem Himmel wissen. Ich müsste bloss der Lehrerin einen Brief schreiben, dann sei die Sache geritzt. Wie bitte? Mein Sohn soll ohne mich im Schwimmbad bleiben? Was, wenn ausgerechnet an diesem Tag ein weisser Hai im Schwimmbecken auftaucht? Oder wenn eine Pferdebremse ihre Runden dreht? Oder wenn er gar am Ende noch ein Auge auf eine seiner bildhübschen Klassenkameradinnen wirft? Weiss denn mein armer kleiner Junge nicht, welche Gefahren da so lauern in einem öffentlichen Schwimmbad? Da kann Mama doch nur nein sagen, oder? Karlsson war da natürlich anderer Meinung, aber wie hätte ich denn reagieren sollen, wenn mein Kind von der Schule nach Hause kommt und so ganz ohne Vorwarnung von mir verlangt, dass ich ihn alleine unter ein Rudel von Wölfen gehen lasse?

Karlsson scheint aus der Situation gelernt zu haben: Diese Woche fragte er mich bereits zwei Tage im Voraus, ob er diesmal länger bleiben dürfe. Immerhin sei er letztes Mal fast der Einzige gewesen, der sofort hätte nach Hause gehen müssen. Nach reiflicher Überlegung gestattete ich ihm schliesslich schweren Herzens, dass er bis fünf bleiben dürfe, wenn sein bester Freund auch dürfe. Und natürlich schärfte ich ihm noch ein, dass ich ihn pünktlich zu Hause erwarten würde, weil sonst die Leine sofort wieder gekürzt würde. Karlsson versprach hoch und heilig, er werde um zwanzig nach fünf zu Hause sein. Und ward bis zwanzig vor sechs nicht mehr gesehen. Als ich gerade in Panik ausbrechen wollte – vorher hatte mich ein krankes Prinzchen davon abgehalten, zu bemerken, dass Karlsson schon längst hätte da sein sollen -, kam ein strahlender Karlsson angehumpelt. Er hätte Blasen an den Füssen gekriegt, entschuldigte er sich. Und weil seine Füsse so sehr geschmerzt hätten, habe er sich in der Apotheke verarzten lassen und von dort aus auch versucht, uns anzurufen, damit wir uns keine Sorgen machten, aber unser Telefon sei besetzt gewesen. Danach sei er weiter gehumpelt und weil die Schmerzen nur noch schlimmer geworden seien, habe er sich in der Drogerie noch einen weiteren Verband machen lassen. Und jetzt sei er wieder da, habe Hunger und wolle jetzt gleich etwas essen und zwar auf dem Sofa, weil sie ihm in der Apotheke gesagt hätten, er solle sich ein wenig hinlegen.

Und jetzt soll man mir mal sagen, wozu dieses Kind überhaupt noch eine Glucke braucht, wo es doch so gut auf sich selbst aufpassen kann. Ob mein Kind mir mit seinem mustergültigen Verhalten sagen möchte, ich sollte doch bitte ein klein wenig lockerer werden?

Ist doch alles gar nicht wahr!

Bis jetzt hatte ich ja stets vehement widersprochen, wenn mir mal wieder jemand mit der abstrusen Behauptung kam, jüngste Kinder seien verwöhnt. Wie kann man denn bloss so etwas behaupten, wo doch die jüngsten Kinder nicht nur von ihren grösseren Geschwistern immer wieder eins aufs Dach bekommen und sich anhören müssen, sie seien noch zu klein,  um mitzuspielen. Nein, die armen jüngsten Kinder müssen schon vom ersten Tag ihres Lebens damit klarkommen, dass ihre Eltern nicht mehr taufrisch sind, dass sie schon unzählige durchwachte Nächte hinter sich haben, dass sie nicht mehr bei jedem Lächeln die Kamera zücken, bei jedem neuen Wörtchen applaudieren, von jeder witzigen Situation ein Filmchen für YouTube drehen. Bis vor wenigen Wochen bin ich jedem, der behauptete, die Jüngsten hätten es am besten, noch fast an die Gurgel gesprungen. Immerhin bin ich ja selbst die Jüngste und glaubt mir, bei sechs älteren Geschwistern weiss ich sehr wohl, wovon ich rede, wenn ich behaupte, das Leben eines jüngsten Kindes sei nicht eitel Sonnenschein.

Doch inzwischen bin ich ja nicht bloss jüngste Schwester, sondern auch Mutter eines jüngsten Bruders und so langsam beginne ich zu ahnen, dass das Klischee vielleicht doch nicht ganz von Ungefähr kommt. Zum Beispiel dann, wenn ich nach einer halben Stunde Schlafliedchen-Singen folgsam noch ein weiteres Liedchen anhänge, wenn das Prinzchen mich mit hinreissendem Augenaufschlag auffordert: „genge“, womit er sagen will, dass er noch ein Liedchen will. Weshalb ich das mache, wo ich doch bei all den anderen Kinder spätestens nach dem vierten Lied gesagt hatte, es sei jetzt genug? Nun, offen gestanden weiss ich selbst nicht, ob ich weitersinge, weil ich inzwischen weiss, wie schnell die Zeit der Schlafliedchen vorbeigeht, oder weil ich keine Nerven mehr habe für das Gebrüll, das einsetzt, wenn ich nicht mehr singe, oder weil ich inzwischen wieder gelernt habe, dass es nicht Schöneres gibt, als einem Kleinkind beim Einschlafen zuzusehen.

Es gibt noch andere Situationen, in denen mir auffällt, dass das Prinzchen darf, was vor ihm noch keiner im Hause Venditti durfte: Auf dem Esstisch sitzen, zum Beispiel. Dies vor allem, weil ich meist gar nicht bemerke, dass das Prinzchen auf dem Tisch sitzt, weil ich gerade Karlsson bei den Hausaufgaben helfe, oder Luise in einen Schmetterling verwandle, oder den FeuerwehrRitterRömerPiraten davon überzeugen muss, dass es jetzt nicht Zeit ist, über die Römer zu diskutieren, sondern dass er jetzt in den Kindergarten gehen muss, oder dem Zoowärter ein Bilderbuch erzähle. Oder dann, wenn das Prinzchen zum hundertsten Mal aus dem Bett geklettert kommt und ich noch immer lache, weil er einfach zu süss aussieht. Luise haben wir damals, als sie im Ausbrecheralter war, mit Schlaftee zu beruhigen versucht, anstatt dass sich einer von und neben ihr Bett gesetzt hätte und endlos Schlafliedchen gesungen hätte…

Ich gebe es ungern zu  – und ich muss euch inständig darum bitten, meinen grossen Geschwistern nichts davon zu erzählen, weil sie dann wieder behaupten, sie hätten es ja schon immer gewusst -, aber ich muss gestehen, dass ich durchaus dazu neige, das Prinzchen zu verwöhnen. Nicht, weil ich ihn lieber hätte als die anderen vier, auf gar keinen Fall. Auch nicht, weil ich vor lauter Sentimentalität, dass die Babyzeit so langsam aber sicher zu Ende geht, nicht anders kann. Okay, gut, vielleicht spielt das ja ein ganz wenig mit, aber sagt’s bitte nicht weiter… Nein, ich denke, der Hauptgrund ist wohl, dass ich inzwischen gelernt habe, dass man einem Kind gar nie genug Liebe mitgeben kann. Und dann kann es schon mal vorkommen, dass ich vor lauter Liebe einmal ein Auge zudrücke, das ich früher noch nicht zugedrückt hatte, weil ich damals noch Angst hatte, ich würde meine Kinder zu sehr verwöhnen.

Wobei ich heute denke, dass man ein Kind, das mit vielen Geschwistern teilen muss, gar nicht wirklich verwöhnen kann. Denn genau so oft, wie ich jedem unserer Kinder zeige, wie viel es mir bedeutet, genau so oft kommt es vor, dass ich in Hitze des Gefechts übersehe, dass ein Kind mich jetzt ganz dringend gebraucht hätte.

Beinahe hätte ich’s vergessen

Da war ich in den letzten Tagen so beschäftigt mit Kuchenbacken fürs Jugendfest, für die Kindergarten-Geburtstagsparty, für die Kinder-Geburtstagsparty, als Vorräte für den tatsächlichen FeuerwehrRitterRömerPiraten-Geburtstag Mitte Juli, mit Wohnungsputz – die Putzrau ist in den Ferien -, Kinderzimmer entrümpeln bevor sich noch einer ein Bein bricht, wenn er versucht, sich einen Weg durchs Chaos zu bahnen, Hochzeitstag feiern, Au-Pair kennen lernen und Schuljahr beenden. Wir alle hatten so viel um die Ohren, dass ich beinahe die Vorfreude vergessen hätte. Also ja, eigentlich nicht nur die Vorfreude, sondern auch den Grund für die Vorfreude, nämlich die Tatsache, dass wir am Samstag in die Ferien fahren. Nur für eine Woche zwar, dazu noch in der Innerschweiz, aber immerhin sind das die Tage, auf die wir seit Monaten sehnsüchtig gewartet haben und da sollte man eigentlich meinen, dass mir nicht irgendwann, mitten im Alltagsstress in den Sinn kommt, dass wir bis zur Abreise nur noch viermal schlafen müssen und dass wir uns deswegen vielleicht langsam aber sicher überlegen sollten, ob wir alle mit dem Zug fahren oder ob „Meiner“ oder ich das Gepäck mit dem Auto durch die Schweiz karrt. Vielleicht sollten wir auch mal abklären, ob wir für das Prinzchen ein Kinderbett mitnehmen müssen. Und ob es dort in der Nähe einen Laden gibt oder ob wir zu Hause schon alles einkaufen sollten. Und ob es dort auch einen Internet-Anschluss gibt, damit „Meiner“ und ich weiterhin ungestört bloggen können, oder ob wir noch ganz schnell, bevor wir dann weg sind, ein paar Blogkonserven einmachen müssen.

Vor allem aber sollten wir endlich wieder damit anfangen, uns vorzufreuen. Vor lauter Stress hätten wir nämlich beinahe vergessen, dass uns nur noch ein paar wenige Stunden von ausschlafen, Ausflügen, Souvenirjagd, Badespass, ausgiebigem Lesen und haushaltfreier Zeit trennen. Und weil das Schönste an den Ferien ja meistens die Vorfreude ist, habe ich beschlossen, dass ich mit der Vorfreude anfange und zwar genau …. JETZT.

Wie? Ob ich vergessen habe, dass da noch die Koffer für sieben Leute zu packen sind? Mist! Daran habe ich tatsächlich auch nicht mehr gedacht. Vielleicht bleiben wir doch lieber zu Hause…..

Es gibt Au-Pairs, …..

….  denen kann man Kohlrabi in die Hand drücken und sie fragen nicht „Was ist denn das?“ sondern sie nehmen ein Rüstmesser zur Hand und machen sich daran, das Ding zu schälen und in Würfel zu schneiden.

…. denen kann man sagen, dass man jetzt Vollkornbrot backen möchte und sie rümpfen nicht die Nase, sondern beginnen zu strahlen, weil sie sich darauf freuen, anständiges Brot zu essen. Und dann machen sie sich mit Leidenschaft daran, das Korn zu mahlen.

…. denen kann man sagen, dass man jetzt eine Zeit lang lesen möchte und die fassen das nicht als Aufforderung auf, einem jetzt endlich über alle Details des letzten Liebeskummers zu berichten, sondern die schnappen sich selber auch ein Buch.

….. denen kann man zutrauen, dass die Kinder heil nach Hause kommen, auch wenn der Bus ohne Mama Venditti, aber mit Au-Pair und Kindern abgefahren ist, weil Mama Venditti und der Billettautomat sich mal wieder in die Haare geraten sind.

….. denen kann man sagen, dass die Kinder jetzt kein Eis mehr haben dürfen und dann bekommen die Kinder auch kein Eis, auch wenn Mama Venditti schon längst nicht mehr hinschaut.

…… bei denen das Bild, das sie im Internet abgegeben haben, mit der Realität übereinstimmt.

…… denen kann man sagen, dass man sie nach der Schnupperwoche sehr gerne einstellen würde, weil man merkt, dass die Chemie einfach stimmt.

Es geschehen doch tatsächlich noch Zeichen und Wunder….

Achtung, schmalzig!

Wer keine Sentimentalitäten mag, soll jetzt bitte gleich wieder aufhören mit Lesen. Denn aus diesen Zeilen wird er nur so triefen, der Schmalz. Und dennoch meine ich das alles genau so, wie es hier steht.

Da frage ich mich doch heute im Laufe des Tages immer wieder, weshalb ich mich am bisher heissesten Tag des Sommers in die Küche sperren lasse, um 120 Muffins zu backen. Warum ich bei brütender Hitze einen Stuhl zum Kreuzgang der Kirche schleppe, das letzte Stück des Weges eine steile Treppe  hinauf. Was mich dazu treibt, meinen ohnehin schon kratzigen Hals noch mehr zu belasten, indem ich einer Kinderschar ein Märchen erzähle, damit die Erwachsenen das Fest geniessen können. Und was um Himmels Willen treibt mich dazu, meine zu klein gewordenen Schuhe an der Käsereibe zu reiben, nur damit sie wie richtige „zertanzte Schuhe“ aussehen? Ich zerbreche mir den Kopf, weshalb ich nicht die einzige Mama bin, die sich bei dieser Hitze ins Zeug legt, um dafür zu sorgen, dass die Kinder morgen ein schönes Jugendfest haben werden. Warum bloss sind viele von uns Müttern solche Masochistinnen?

Abends um halb neun, als ich mit Märchenerzählen dran bin,  kommt endlich die Antwort auf die Fragen, die mich den ganzen Tag lang geplagt  haben. Das heisst, es kommen gleich mehrere Antworten: Das kleine Mädchen mit den riesigen blauen Augen, das doch eben erst noch ein Baby war und das mir jetzt freudestrahlend erzählt, dass es nach den Sommerferien in den Kindergarten kommt. Der Junge, der ganz entrüstet ausruft, so etwas dürfe man also auf gar keinen Fall sagen, als ich erzähle, die grosse Schwester habe die kleine Schwester eine dumme Kuh genannt. Mir völlig fremde Kinder, die vertrauensvoll zu mir kommen und sich von mir helfen lassen, weil man einer Frau, die auf einem Märchenerzählstuhl sitzt, doch einfach vertrauen muss. Die Kinderschar, die sich einen Dreck schert um Autoscooter, Karussell und Zuckerwatte, solange sie an einem wunderschönen Sommerabend im lauschigen Kreuzgang Märchen hören dürfen.  Karlsson, der so stolz ist, dass er mir beim Erzählen die Requisiten reichen darf. Luise, die findet, ihre Mama, der beim Erzählen zuweilen beinahe die Stimme versagt hatte,  könne am zweitbesten Märchen erzählen. Der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter, die zwar die Geschichte von dem tapferen Soldaten, der herausfindet, was die Königstöchter nächtens treiben, schon hundertmal gehört haben, aber noch immer an meinen Lippen hängen, als hörten sie diese zum ersten Mal.

Ja, so abgedroschen und sentimental das auch klingen mag, wahr ist es dennoch: Diese Knöpfe sind es einfach Wert, dass man sich für sie ins Zeuge legt.

Unvernünftig?

Ob das besonders klug war von mir? Bis Mitternacht mit der jungen Frau zu reden, die, falls wir einen guten Eindruck bei ihr hinterlassen, unser neues Au-Pair werden könnte? Wo ich doch genau weiss, dass ich morgen 100 Muffins backen darf, dazu noch unzählige Käsefüsschen – vielleicht werden es auch Käsekrokodile oder Käselöwen, ich bin mir noch nicht ganz sicher – und ausserdem noch ein paar Accessoires passend zum Märchen der zertanzten Schuhe zu finden habe. Vor uns liegt ein langes Jugendfestwochenende und eigentlich müsste ich inzwischen wissen, dass ich alleine mit viel Schlaf verhindern kann, dass mir irgendwann, mittendrin, wenn meine Hilfe am dringendsten gebraucht wird, alles zu viel wird.

Aber was soll’s? Die Gespräche mit der jungen Frau waren einfach zu interessant, als dass ich sie hätte abkürzen wollen. Wenn das kein gutes Zeichen ist….

Ferienreif

Die Batterien sind leer. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern sehr. So sehr:

Mein Bürotisch (Ja, genau der Bürotisch, den ich vor etwa zwei Wochen perfekt aufgeräumt habe und von dem ich mir geschworen hatte, dass er aufgeräumt bleiben würde):

Meine nicht mehr ganz scharfe Sicht auf den Terminkalender:

Mein derzeitiger Drogenkonsum:

Wie, ihr wollt noch mehr Beweise? Na dann, da werde ich euch wohl Einblick in die untersten Schubladen meines Geschmacks gewähren müssen….

Meine derzeitige Lektüre:

Wie, ihr wollt noch mehr Beweise? Dann eben zum Schluss noch….

…. meine neueste Errungenschaft (Bitte tut so, als sähet ihr den überquellenden Abfalleimer daneben nicht. Die Müllabfuhr kommt morgen vorbei.):

Glaubt ihr mir jetzt endlich, dass ich wirklich ganz dringend Ferien nötig habe?

Absurd

Zuweilen schaut man sich ja diese Filme an und denkt: „So absurd! Das ist ja alles völlig aus der Luft gegriffen. So kann das Leben nie und nimmer sein.“ Ich meine zum Beispiel Szenen wie bei „What’s eating Gilbert Grape“, wo sich das Auto gefährlich auf die rechte Seite neigt, weil die überschwere Mama auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat. Oder diese völlig irr anmutende Szene in irgend einem Film, dessen Titel ich vergessen habe, wo ein Manager in einem Babyplanschbecken ersäuft. Oder zum Beispiel Cameron Diaz, die in „The Holiday“ auf Stöckelschuhen über einen verschneiten Pfad stakst. Da fragt sich doch jeder, ob es überhaupt einen Menschen auf diesem Planeten gibt, der so blöd ist, im Winter Stöckelschuhe zu tragen. Gut, ich geb’s ja zu, ich denke das nicht, weil ich selber schon im Winter auf hohen Absätzen unterwegs war und zwar nicht nur in der Stadt, wo ohnehin alle Strassen vom Schnee befreit sind. Gut, das nur nebenbei, eigentlich wollte ich ja darauf hinweisen, dass es in Filmen oft Alltagsszenen gibt, bei denen man nur den Kopf schütteln kann und sich fragt, was der Regisseur bloss intus hatte, als er den Film gedreht hat.

An solche Filmszenen wurde ich heute Vormittag erinnert, als ich dabei war, eine Pfanne voll mit kochendem Wasser über eine Unzahl von Fliegenmaden zu giessen, die sich gerade dazu anschickten, unser Grundstück für sich und ihre Nachkommen zu erobern. Das alleine war zwar ziemlich eklig, aber so richtig abstrus war es natürlich noch nicht. Klar, Maden die sich todesmutig aus einem Grünabfallcontainer zu Boden stürzen, wo sie der sichere Tod durch kochendes Wasser erwartet, sieht man nicht alle Tage. Richtig irr wurde die Szene aber erst, als ich mitten im Vernichtungskampf einen Anruf entgegennahm, bei dem es darum ging, dass am Samstag ein neuer Herr Diakon in seine Wohnung einziehen möchte und dass wir doch bitte dafür sorgen sollten, dass die Jugendfestgäste, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort ein Fest feiern werden, nicht dumm im Wege herumstehen, wenn der Herr Diakon – den ich übrigens weder kenne, noch je kennen lernen werde, weil ich nicht Mitglied seiner Kirche bin – seine Sessel, Tische und Kochtöpfe anschleppen wird.

Da stand ich also im Garten, angetan in einem bodenlangen geblümten Rock und getupften Ballerinas, in der einen Hand die leere Pfanne, in der anderen das Telefon, auf dem Gesicht einen angeekelten Blick, zwischendurch entsetzt kreischend, weil der Anblick des Getiers so widerlich war, und versicherte der Anruferin, dass ich ganz bestimmt dafür sorgen würde, dass niemand den Herrn Diakon für einen armen Irren hält, bloss weil er sich am einzigen Dorffest des Jahres dazu entschliesst, seine Habseligkeiten in sein neues Domizil zu verfrachten. Eine arme Irre, die dafür sorgen wird, dass andere nicht für irr gehalten werden….

Ich weiss zwar noch nicht genau, weshalb ich die Aufgabe gefasst habe, den Herrn Diakon von der wütenden Dorfbevölkerung zu schützen und ich weiss auch nicht, wie ich verhindern soll, dass der arme Mann attackiert und in die geschlossenen Anstalt verfrachtet wird, und offen gestanden ist es mir im Moment wichtiger, dass die Maden verschwinden als dass der Herr Diakon kommt, aber sobald der Kampf gegen die ekligen Viecher gewonnen ist, werde ich mich der Angelegenheit annehmen. Eines aber wurde mir bei alldem wieder ganz neu bewusst: Keine Filmszene, und sei sie noch so absurd, kann absurder sein als der ganz banale Alltag.

Montag

Eigentlich war das heute ja ein ganz gewöhnlicher Montag. Ein Montag, an dem ich mich mit grosser Mühe aus den Federn zwinge. Ein Montag, an dem mir schon in den frühen Morgenstunden vor den Arbeitsbergen graut, die ich bezwingen sollte, von denen ich aber bereits beim Aufstehen weiss, dass ich sie nicht werde bezwingen können, weil ständig etwas anderes dazwischen kommen wird, weil jede Aufgabe eine andere nach sich ziehen wird, weil die paar lausigen Stunden, die der Tag zu bieten hat, nie und nimmer reichen werden, um alles zu tun, was getan werden sollte. Und so schlüpfe ich einmal mehr in die unterschiedlichsten Rollen, die Regisseur Alltag mir auf den Leib zu schreiben versucht, bin einmal gestrenger Poolwart, fünf Minuten später fürsorgliche Krankenschwester und noch einmal fünf Minuten später die Lehrersgattin, welche die Schüler ihres Mannes auf der Schulreise mit Glace versorgt und sich dabei insgeheim fragt, weshalb sie in Gegenwart dieser Schüler regelmässig zum Drachen  mutiert. Nachdem ich eine Weile lang die demotivierte Putzfrau gegeben habe – die echte Putzfrau weilt leider in den Ferien -, findet man mich als jubelnde Zuschauerin wieder, die sich darüber freut, dass ihre Kinder ein weiteres Schwimmabzeichen geschafft haben und keine zehn Minuten später darf die Projektleiterin zeigen, ob sie auch ohne Abendessen im Magen und ohne Verschnaufpausen fähig ist, bei kritischen Fragen Red und Antwort zu stehen. Kaum zu Hause gilt es, die Sängerin zu aktivieren, denn das Prinzchen weigert sich, einzuschlafen, ohne dass Mama sich vorher heiser gesungen hat. Und nachdem die Bloggerin ihren Senf zum Tag abgegeben hat, werde ich als Waschweib in die Tiefen des Kellers hinabsteigen und dafür sorgen, dass morgen alle wieder frische Kleidung anzuziehen haben.

Wenn ich mir diesen Montag so durch den Kopf gehen lasse, dann muss ich mir eingestehen, dass so ein Leben gar nicht so übel ist. Anstrengend, ja, zuweilen auch sehr herausfordernd. Aber auch so vielseitig, dass sich in dem Haufen von Aufgaben immer die eine oder andere Sache finden lässt, die so richtig Spass macht.

Abgewöhnt

In letzter Zeit werde ich immer wieder gefragt, wie ich neben fünf Kindern überhaupt noch die Zeit finde, zu schreiben, zu bloggen und ein Projekt zu leiten. Eine Frage, die ich nicht sonderlich mag, denn ich bin der Meinung, dass jeder mal mehr, mal weniger schafft und dass jeder auf die eine oder die andere Art ein Überlebenskünstler ist. Dennoch habe ich mich der Frage gestellt, woher ich die Zeit nehme, Dinge zu tun, die ich eigentlich nicht tun müsste. Und mir ist aufgefallen, dass ich mir einfach ein paar schlechte Gewohnheiten abgewöhnt habe. Zum Beispiel:

–  Fernsehen. Hin und wieder „10 vor 10“ ist alles, was ich mir gönne. Ansonsten verzichte ich ganz gerne auf den Mist, der da gesendet wird.
–  Bügeln. Ich meine, so etwas Doofes! Wo doch die Kleider ohnehin nach zehn Minuten wieder schmutzig und zerknittert sind.
– Aufräumen. Das gleiche Problem wie beim Bügeln, oder zumindest ein Ähnliches.
– Büchsen entsorgen. Die Dinger können ebenso gut auf dem Balkon rumstehen, weil ohnehin keiner Zeit hat, dort zu sitzen und das Leben zu geniessen. Und da Büchsen ohnehin nicht ökologisch sind, haben wir nicht besonders viele.
– Shoppen. Ist ja ohnehin selten mal Geld auf dem Konto und  zur Not tut’s auch Online-Shopping.
– Zehennägel lackieren. Nicht, dass ich das je regelmässig getan hätte, aber seitdem ich noch Wichtigeres zu tun habe, müssen meine Nägel warten, bis ich pensioniert werde. Wenn ich dann überhaupt noch bis zu meinen Zehen gelange….
– Grünabfälle entsorgen. Irgendwann beginnt das Zeug zu leben und dann findet es den Weg in die Grünabfall-Tonne von selber.
– Autowaschen. Nun ja, auch das habe ich früher nicht regelmässig getan, aber inzwischen tue ich es
noch unregelmässiger, nämlich gar nicht mehr.
– Weder Mani- noch Pediküre noch Besuche bei der Kosmetikerin. Nicht, dass ich mir da etwas hätte abgewöhnen müssen….
– Sport. Da ist und bleibt Churchill mein Idol, auch wenn ich weiss, dass ich eigentlich schon längst etwas tun müsste.

Gut, und dann sind da noch ein paar gute Gewohnheiten, die leider im Moment auch etwas zu kurz kommen. Zum Beispiel:

– Lange Waldspaziergänge am frühen Morgen.
– Ins Bett gehen, wenn ich müde bin und nicht erst dann, wenn fertig gearbeitet ist.
– Lesen, solange das Buch spannend ist und nicht nur, bis die WC-Pause wieder vorbei ist.
– Am Samstagmorgen auf den Markt gehen und danach bei Kaffee und guter Lektüre das Leben geniessen.
– Einfach nur in den Tag hineinleben und schauen, was daraus noch alles wird.

Zum Glück ist jetzt Sommer. Da kann man ja nicht mehr anders, als in den Tag hinein zu leben. Mal sehen, vielleicht wird mir dabei so langweilig, dass ich am Ende noch auf die Idee komme, mir die Zehennägel zu lackieren….