Schuhkauf

Das Prinzchen braucht Grösse 30, findet aber einzig die Modelle cool, die es nur noch in den Grössen 26 und 27 gibt. Was ich schön finde, lehnt er grundsätzlich ab. Okay, das bunt gemusterte Paar, das mir ins Auge sticht, würde ihm auch noch gefallen, aber mein Portemonnaie weigert sich rundheraus, die 129 Franken dafür locker zu machen. Das Prinzchen schmollt, ich rede mir den Mund fusselig, dass sowas nun wirklich nicht geht und bemerke deshalb kaum, dass mich der Zoowärter sanft aber erfolgreich dazu drängt, ihm das „stark reduzierte“ Paar für 60 Franken zu kaufen. Jetzt schmollt nicht nur das Prinzchen, sondern auch auch mein Portemonnaie, also erkläre ich ihm geduldig, Zoowärters neue Schuhe seien wirklich von hervorragender Qualität, die hätten sogar zwei Jahre Garantie, also könne das Prinzchen sie nächstes oder übernächstes Jahr auch noch tragen. Mein Portemonnaie lacht höhnisch, das Prinzchen schmollt weiter und der FeuerwehrRitterRömerPirat zieht eine Schnute, weil ich seinen Wunsch nach Sportschuhen konsequent überhöre. Irgendwann geht das mit dem Überhören nicht mehr, also sage ich unserem Dritten, vielleicht würde es ja irgendwann doch schneien und dann stehe er mit kalten Füssen da in seinen Sportschuhen. „Das mit dem Schnee glaubst du wohl selber nicht“, schelte ich mich innerlich, aber was soll man denn sagen, wenn ein Kind, dessen Füsse bereits in knallbunten Sportschuhen stecken, noch ein weiteres Paar knallbunte Sportschuhe haben will? Ohne Ausflüchte ins Reich der Fabeln und Märchen kommt man da nicht weit. 

In Schuhgeschäft Nummer acht oder neun – der Zoowärter hat sich mit seinen Stiefeln längst ins Auto zurückgezogen – wird das Prinzchen endlich fündig und ist darob so überglücklich, dass er mir unablässig für seine neuen Schuhe dankt, was mich natürlich sofort auf Wolke sieben katapultiert. Auch mein Portemonnaie ist glücklich, denn es hat gesehen, dass es für Prinzchens Stiefel ursprünglich mal 150 Franken hätte ausspucken müssen, nun aber den Verkäufer mit läppischen 40 Franken hat zufrieden stellen können. Der FeuerwehrRitterRömerPirat mag sich nicht mit uns freuen, denn er ist noch immer ohne Winterschuhe. Ich plädiere für cool und bezahlbar, er aber beharrt auf hässlich und überteuert. Auch die Sache mit den knallbunten Sportschuhen hat er sich noch immer nicht ganz aus dem Kopf geschlagen, weshalb ich ihn irgendwann sehr deutlich mit der schmerzhaften Wahrheit konfrontieren muss: Knallbunte Sportschuhe gibt es im Frühling wieder, hässliche Winterschuhe gibt es nur, wenn sie nicht überteuert sind, wenn er sich nicht endlich entscheidet, schauen wir morgen weiter. Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist eingeschnappt, meine Geduld ist überstrapaziert, das Prinzchen liegt beinahe schlafend quer auf einer Bank mitten im Laden und der Zoowärter friert im Auto. 

Habe ich tatsächlich mal behauptet, Schuhe für meine Söhne zu kaufen, sei die einfachste Sache der Welt?

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Büffeln

Am Montag:
Englisch: Present Continuous
Sorten umwandeln
Schönschreiben
Schriftliche Addition

Am Dienstag:
Französische Gedichte, Wortschatz
Englisch: Der Unterschied zwischen „much“ und „many“
Noch einmal Französisch: Prüfungsvorbereitung
Geschichte: Absolutismus
Dreisätze
Deutsche Rechtschreibung

Heute:
Völkerwanderung, Prüfungsvorbereitung
Urgeschichte, Prüfungsvorbereitung
Textaufgaben
Nachdenken: „Was schreibe ich in einem Brief?“
Deutsche Rechtschreibung
Rechnen mit Hohlmassen
Diktatvorbereitung

Parallel dazu: Lernapps aufstöbern, ausprobieren, den Lehrer fragen, ob es eine Lizenz zum Hausgebrauch gibt.

Ich glaube, „Meiner“ und ich haben noch nie zuvor in unserem Leben so viel gebüffelt wie gerade jetzt. Und dabei haben wir doch schon längst keine Prüfungen mehr zu schreiben. 

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Mein lieber, kleiner Magen-Darm-Käfer

Wie sehr habe ich dich doch vermisst. Wie tief verletzt war ich, als ich mitansehen musste, wie du einer Familie nach der anderen deine Aufwartung machtest, nur mich, eine deiner treuesten und ältesten Freundinnen, liessest du links liegen. Als du dich endlich doch zu einem Besuch bei uns aufraffen konntest, hast du dich erst einmal nur um die Kinder gekümmert. Stunden-, ja tagelang hast du dich mit ihnen vergnügt, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Jetzt endlich findest du Zeit für mich, in meinem Magen breitet sich das altbekannte, wohlige Gefühl aus und im Spiegel blickt mir ein wunderbar blasses Antlitz entgegen.

Ach, mein lieber, kleiner Käfer, was bin ich doch glücklich, dass du mich nicht ganz vergessen hast. Unvorstellbar, wie meine Übelkeit ohne dich je ihr volles Potential entfalten könnte.

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Rezept für eine garantiert spannungsgeladene Adventszeit

Mir ist durchaus bewusst, dass jede Familie ihr ganz eigenes Rezept für genussvolles Zoffen in der Adventszeit hat, dennoch möchte ich meiner Leserschaft unsere ganz eigene Kreation nicht vorenthalten. Wer weiss, vielleicht inspiriere ich den einen oder anderen Leser dazu, seinem eigenen Gezänk noch ein wenig Würze zu verleihen. Hier also mein Rezept:

Man nehme

  • Eine dicke, nahezu undurchdringliche Hochnebeldecke
  • Ein Wohnzimmer voller verlockend aussehender Adventskalender
  • Diverse Anlässe, welche die übliche Schlafenszeit der Kinder in die späten Abendstunden verschieben
  • Eine sehr grosszügige Portion Hausaufgaben
  • Eine noch grössere Portion Prüfungen, die vor Weihnachten noch zu schreiben sind
  • Zwei oder drei Proben fürs Krippenspiel
  • Übermüdete Lehrkräfte, die sich mit übermüdeten Schülern herumplagen müssen und deshalb die eine oder andere Strafaufgabe verhängen
  • Eine grosse Portion Vorfreude auf den Samichlausbesuch
  • Eine noch grössere Portion Vorfreude auf Weihnachten
  • Einen Stapel Einladungszettel zu diversen Veranstaltungen, die sehr viel „Mama, Papa, können wir dorthin gehen?“ auslösen
  • Einen sich ankündigenden Vollmond

Diese Grundzutaten müssen gut vermengt werden, damit jede einzelne ihr volles Aroma entfalten kann. Eigentlich könnte man den Teig jetzt in den Ofen schieben, doch erst mit etwas zusätzlicher Würze wird er so richtig unverwechselbar. Wir nehmen dieses Jahr: 

  • Ein kleines, unscheinbares Käferchen, das sich sehr, sehr langsam an jeweils ein Familienmitglied heranschleicht, dieses mit aller Macht ins Bett zwingt und dort mehrere Tage festhält. (Erst wenn das erkrankte Familienmitglied wieder gesund und munter ist, pirscht sich dieses Käferchen langsam und vorsichtig ans nächste Familienmitglied heran, so dass immer einer krank im Bett liegt.)
  • Immer wieder aufflackernde Ohrenschmerzen bei diversen Familienmitgliedern
  • Eine Prise „Müssen wir wirklich zu Hause bleiben, wenn der Samichlaus kommt? Reicht es nicht, wenn er die Kleinen besucht?“
  • Eine Pubertierende, die wegen der bevorstehenden Übertrittsprüfungen unter Hochspannung steht
  • Eine Wohnung, die schon viel zu lange nur noch ein Minimum an Zuwendung erlebt hat
  • Eine Mama, die mit ihrem Home-Office-Pensum im Hintertreffen ist
  • Einen Kindergärtner, der den unbändigen Wunsch verspürt, das ganze Haus weihnächtlich zu dekorieren
  • Eine Mama, die es versäumt hat, diesem Kindergärtner bunt glänzendes Bastelmaterial zur Verfügung zu stellen
  • Einen Papa, der im Berufsleben zu den übermüdeten Lehrkräften gehört, die sich mit übermüdeten Schülern herumschlagen müssen und der nach Feierabend das zweifelhafte Vergnügen hat, mit seinen eigenen Kindern, die zugleich auch übermüdete Schüler sind, noch ein wenig Mathe zu büffeln
  • Eine Abfallmulde, die auf dem Parkplatz steht und darauf wartet, mit allem, was in Haus und Garten nicht mehr gebraucht wird, gefüllt zu werden
  • Zwei Teenager, die nicht wissen, was sie sich zu Weihnachten wünschen sollen
  • Drei Söhne, die sehr genau wissen, was sie sich zu Weihnachten wünschen, kombiniert mit einem Papa und einer Mama, die sehr genau wissen, dass sie alle diese Wünsche nie und nimmer zu erfüllen vermögen
  • Eine halbwüchsige Katze, die sich jedem ihrer Menschen todesmutig vor die Füsse wirft, wenn sie hungrig ist (was etwa alle fünf Minuten der Fall ist)
  • Kinderfinger, die an allem herumfingern, was irgendwie nach Dekoration aussehen sollte, bis es nicht mehr nach Dekoration, sondern nach „Himmel, wer hat diese Geschmacksverirrung verbrochen?“ aussieht
  • Eine Mama und einen Papa, die leicht abweichende Vorstellungen im Bezug auf die Gestaltung der Adventszeit haben, denen aber die Zeit fehlt, diese Differenzen zu bereinigen

Diese Zutaten werden kräftig in den Teig eingearbeitet. Nach dem Backen wird das Gebäck mit einer dicken Glasur von „Wir haben es so satt, den ganzen Tag im Haus zu sitzen, aber nach draussen gehen mag bei diesem Wetter ja auch keiner“ überzogen. Zu guter Letzt bestreue ich das Ganze gerne noch mit ein paar vertrockneten, kleingeschnittenen Mandarinenschalen, die ich aus Sofaritzen und verklemmten Schubladen herausklaube, aber das ist nicht jedermanns Sache. 

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Sechs Dinge, die mir zeigen, dass ich zum alten Eisen gehöre

  • Zweimal bis ein Uhr nachts Sachen für den Adventsmarkt fertigstellen, ein Tag am Marktstand, eine Gottesdienstmoderation und mein Körper spielt die beleidigte Leberwurst. Führt sich auf wie ein übellauniger Teenager, der den ganzen Tag nur noch schlafen, herumlümmeln und sich mit Koffein volllaufen lassen will. 
  • Ich muss mir von meinen Kindern erklären lassen, wie Android funktioniert. Apple ist ja sowas von altmodisch. Elternkram halt.
  • Die Hits, zu denen wir als Teenager getanzt haben, bekomme ich heute auf der Trompete vorgeblasen. 
  • Meine Ansichten kommen aus der Mode. Nein, sie haben sich nicht grundlegend geändert, sie sind einfach nicht mehr so gefragt. Wer in sein will, bekommt keine Gänsehaut, wenn er an den Fall des Eisernen Vorhangs denkt, sondern ärgert sich über die Herausforderungen, die das Ganze mit sich gebracht hat. Wer in sein will, sieht im Fremden auch keine Chance zur Horizonterweiterung, sondern einzig und allein eine Bedrohung. (Na ja, immerhin sind wir noch nicht so weit, dass Ecopop an der Abstimmungsurne eine Chance hatte…) 
  • Wenn mir junge Frauen erzählen, wie das heutzutage so läuft zwischen Männlein und Weiblein, überkommt mich ein unbändiger Drang, mich bei Alice Schwarzer auszuheulen. (Dabei bin ich nicht mal besonders feministisch, sondern vertrete noch immer die Ansicht, der Welt ginge es am besten, würden Frauen und Männer endlich zusammenspannen.)
  • Ich verstehe gewisse junge Mütter nicht mehr. (Laufgitter? Kinderleine? Anschnallen im Hochstuhl? Das kann doch nicht euer Ernst sein.)

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Unausstehlich

Heute war mal wieder so ein richtiger „mies gelaunte Mama“-Tag. So einer mit „Nun hört mal endlich auf, mir auf den Nerven rumzutanzen! Seht ihr denn nicht, dass mir heute alles krumm läuft?“, herumbrüllen und kurz angebundenen Antworten. Erst ein kurzer Schwatz mit einem lieben Menschen vermochte mich ein wenig aufzuheitern. „Mama, du hast ja plötzlich wieder gelacht“, bemerkte Luise erstaunt, als wir wieder alleine waren. „Ich weiss, ich bin heute unausstehlich“, sagte ich seufzend und schämte mich für meine miserable Mama-Performance an diesem miesen Tag. „Ach, mach dir nichts draus“, schaltete sich Karlsson ins Gespräch ein. „Ich bin manchmal auch mies drauf und ziehe mich in mein Zimmer zurück. Du kannst dich ja nie zurückziehen, wir nehmen dich immer in Beschlag.“

An einem gewöhnlichen Tag würde ich mich über meinen sozialkompetenten Sohn freuen, an einem „mies gelaunte Mama“-Tag aber denke ich nur: „Oh je, der Arme. Hat sich so lange mit einer aufbrausenden Mama herumschlagen müssen, dass er schon ganz genau weiss, was er sagen muss, um sie wieder auf den Boden zu holen.“

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Ist die Katze aus dem Haus…

…dann schauen sie Rosamunde Pilcher am Fernsehen,…
…lassen sich Pizza ins Haus liefern,…
…verpassen die Krippenspielprobe,…
…schmeissen am Sonntag Abfall in die Mulde,…
…essen Pommes Frites zum Mittagessen,…
…vergessen, WC-Papier zu kaufen…
und schieben eine ziemlich ruhige Kugel.

Aber was soll’s? Das Haus steht noch, sie scheinen alle gesund und glücklich zu sein und sie haben sogar die Wäsche weggeräumt. Es geht also auch ohne mich. Ein paar Tage lang.

Länger lieber nicht. Ich würde sie zu sehr vermissen. (Und sie mich hoffentlich auch.)

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Notiz an „Meinen“

Morgen fahre ich für vier Tage weg und lasse „Meinen“ mit den Kindern alleine. Was grundsätzlich kein Problem ist, denn er hat das im Griff. Zwei oder drei Dinge muss ich ihm aber trotzdem aufschreiben, damit sie nicht vergessen gehen:

  • Der Zoowärter hat morgen Nachmittag Schule, auch wenn der Stundenplan etwas anderes behauptet. Aber der behauptet das nur, weil ich ihn im Sommer falsch abgeschrieben habe und danach zu faul war, ihn noch einmal neu zu schreiben und zu laminieren. 
  • Wenn du mit dem Prinzchen und dem Zoowärter in den Schwimmkurs gehst, vergiss nicht, dem Schwimmlehrer zu sagen, dass deine chaotische Frau es letzte und vorletzte Woche mal wieder verschlampt hat, die Kinder in den Kurs zu bringen. Sag ihnen, dass es deiner Frau furchtbar leid tut, aber dass sie unglaublich froh ist, dass du derjenige bist, der sich erklären muss, weil sie es allmählich Leid ist, überall mit hochrotem Kopf und tausend Entschuldigungen aufzukreuzen. 
  • Nein, am Sonntag dürft ihr nicht liegen bleiben. Krippenspielprobe! Keine Versäumnisse erlaubt! (Ich hingegen werde sonntags so lange liegen bleiben, bis das Bett mich rauswirft.)
  • Der Laptop kommt mit mir. Netflix nur auf dem iPad. 
  • Bitte, bitte, bitte, bitte streich Karlssons Zimmer nicht an diesem Wochenende! Du weisst, wie es kommt, wenn fünf Kinder und ein paar Farbroller sich miteinander vergnügen. 
  • Finger weg von der Wäsche! Es sei denn, ihr wollt sie wegräumen. 
  • Versucht, ohne mich Spass zu haben. (Als ob das möglich wäre…)

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Schwimmen im Mainstream

Gestern Vormittag sass ich am Esstisch und sortierte Disney-Sammelbildchen. Nach einer Weile gesellte sich eine frühere Version meiner selbst – deutlich jünger und noch kinderlos – zu mir. „Was um Himmels Willen tust du da?“, fragte sie mich. „Na ja, ich sortiere gerade diese Sammelbildchen, die sie bei Coop haben. Der Zoowärter hat sein Buch jetzt dann gleich voll und die Doppelten bekommt…“

„Das kann ich wohl sehen“, unterbrach mich mein Gast, „aber wie kommst ausgerechnet du dazu, so etwas zu machen? Was ist aus ‚Ich bin Migros und Coop kann mir gestohlen bleiben‘ geworden? Wo ist deine klare Absage an Disney und anderen Kommerz geblieben? Wo ist die Frau, die lauthals verkündet hat, Kinder müssten nicht immer jeden Mist mitmachen? Was ist mit deiner klaren Linie, die du mal hattest?“

„Jetzt mal langsam“, fiel ich meinem früheren Ich ins Wort. „Ich bin und bleibe treue Migros-Kundin…“

„Genau. Darum hast du auch einen Stapel mit Coop-Sammelbildchen vor dir“, meinte mein Gast spöttisch. 

„Willst du mich wohl ausreden lassen? Die Bildchen bekomme ich von ganz vielen lieben Menschen geschenkt, die dem Disney-verrückten Zoowärter eine Freude bereiten wollen.“

„So, wir haben jetzt also auch einen Disney-verrückten Sohn. Wir sind jetzt also auch Mainstream.“

„Nur weil mein Sohn Disney-Bildchen sammeln darf, heisst das noch lange nicht, dass wir Mainstream sind. Immerhin haben ‚Meiner‘ und ich mehr Kinder als der Schweizer Durchschnitt, wir fahren einen klapprigen Fünfplätzer, nächsten Frühling verreisen wir für zwei Monate mit der Familie…“

„Hach, wie ist das doch jämmerlich“, unterbrach mich mein früheres Ich. „Da sitzt du umringt von Schneewittchen, Winnie the Pooh und den Sieben Zwergen und glaubst, mir weis machen zu können, du würdest gegen den Strom schwimmen.“

„Gegen den Strom schwimmen ist gar nicht so einfach, wenn man Kinder hat“, gab ich trotzig zurück. „Wir verbieten Lego Star Wars, Spider Man und Kriegsspielzeug, da können wir nicht auch noch zu Donald, Goofy & Co. nein sagen.“

Mein früheres Ich sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Könnt ihr nicht? Früher hättest du gekonnt.“

„Früher hatte ich keine Kinder.“

„Früher hättest du gewusst, wie man das nennt, was du tust. Kompromiss nennt man das. Ein Wort, das du früher zu Recht verabscheut hast.“

„Früher musste ich nicht in samtweiche, bettelnde Kinderaugen blicken, wenn ich einen Entscheid zu fällen hatte.“

„Früher hätten dir samtweiche, bettelnde Kinderaugen nichts anhaben können. Du wusstest, dass Prinzipien einzuhalten sind.

„Wenn ich früher von samtweichen, bettelnden Kinderaugen angeschaut wurde, waren das nicht die Augen meiner eigenen Kinder. Du hast ja keine Ahnung, was Muttersein mit dir anstellt.“

„Wenn ich mir dich so ansehe, kann ich mir ziemlich genau vorstellen, was Muttersein mit einem anstellt. Man wird eine Fahne im Wind, ein prinzipienloses Wesen, das sich spielend leicht um den Finger wickeln lässt. Man macht gedankenlos jeden erdenklichen Kommerz-Scheiss mit und…“. Mein Gast zögerte einen Augenblick, fuhr dann aber fort: „…man wird doof. Weisst du eigentlich, welchen jämmerlichen Anblick du mit deinen Sammelbildchen abgibst?“

„Okay, in diesem einen Punkt muss ich dir leider Recht geben. Glaub mir, ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich meine kostbare Zeit je mit solchen Dingen verschwenden würde. Und dass ich sogar einen Sammelaufruf auf Facebook gepostet habe…“

„Was ist Facebook? Noch nie gehört.“

„Ach, das ist so eine Sache, die sie irgendwann erfunden haben. Eine Art Kommunikationsmittel. Nicht der Rede wert…“

„Spar dir deine Erklärungen. Wird wohl auch so eine Mainstream-Sache sein, bei der du angeblich gegen den Strom schwimmst“, sagte mein früheres Ich und ging aus dem Zimmer, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. 

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Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef

Schuld an allem ist dieser Asthmaanfall. Keiner von diesen gewöhnlichen, die mit ein paar Hüben aus dem Inhalator abgewendet sind, sondern ein richtig heftiger. Einer, der dich tagelang ins Bett zwingt, der dich dazu veranlasst, mit schwacher Stimme bei der medizinischen Hotline ein Rezept für Notfallmedikamente zu erbetteln und der deine medizinisch ausgebildete Schwester zur Drohung verleitet, sie würde dich auf die Notfallstation bringen, wenn du nicht brav dein Kortison schlucken würdest. Ein Asthmaanfall, der dafür sorgt, dass du in deinem eigenen Familienleben nicht mehr der (meistens nicht wirklich) ruhende Pol bist, sondern lediglich ein Statist, der zwar hin und wieder mit heiserer Stimme einen kurzatmigen Befehl bellen darf, ansonsten aber nur dabei zuschauen kann, was diese Irren, die du deine Liebsten nennst, den ganzen Tag so treiben.

In diesem Haus kann es dir zum Beispiel passieren, dass du morgens um zwanzig nach fünf von Edith Piaf, die im Wohnzimmer ein äusserst melancholisches Konzert gibt, geweckt wirst. Gut, so etwas passiert dir nur, wenn du am Vorabend entschieden hast, auf dem Sofa zu schlafen, weil du „Deinem“ mit deinem andauernden Gebell nicht den Schlaf rauben willst. Netflix reinziehen kannst du dir ja auch nicht, wenn er neben dir schlafen sollte und Netflix brauchst du, weil das Kortison der Meinung ist, Schlaf sei eine vollkommen überbewertete Sache, die nur für Kinder und Memmen erschaffen worden ist. (Was zu Netflix noch zu sagen wäre: Dass ich nach den letzen Überbleibseln von „House of Cards“, zwei äusserst deprimierenden Independent-Filmen und einer mittelmässigen Literaturverfilmung inzwischen bei „Gossip Girl“ gelandet bin, sagt rein gar nichts über meinen Filmgeschmack aus, dafür aber sehr viel über die Auswirkungen von mangelhafter Sauerstoffzufuhr.)

Nun aber zurück zu Edith Piaf, die dich zu vollkommen unchristlicher Stunde aus dem doch noch gefundenen Schlaf reisst. Eingeladen hat sie dein fleissiger Ältester, der zu eben dieser unchristlichen Stunde die Zeit gekommen sieht, am Wohnzimmertisch an seinem Vortrag zu arbeiten und sich von Edith Mut zusingen zu lassen. Und Mut braucht er, denn er schreibt seinen Vortragstext gerade von Hand auf sehr viele Seiten Papier. Nicht etwa, weil er dich im Morgengrauen vor der Bitte um das Passwort für deinen Laptop hat verschonen wollen, sondern weil „man sich die Dinge viel besser merken kann, wenn man sie von Hand geschrieben hat“. Ich sag’s doch, dieses „Kind“ ist eindeutig im falschen Jahrhundert zur Welt gekommen…

Noch so eine Episode aus diesem Irrenhaus: Das Prinzchen bringt Guetzli aus dem Kindergarten nach Hause. Selber gebacken und nahezu rabenschwarz. Nein, nicht Oreo-Schwarz, sondern „Wir waren etwas zu lange im Ofen, vielleicht sieben oder acht Minuten“-Schwarz. Augenblicke später vernimmst du heftige Kampfgeräusche aus dem Prinzchenzimmer, bald darauf sind drei am heulen. Was ist geschehen? Das Prinzchen hat nicht auf Anhieb erkannt, dass die Tatsache, dass ihm der FeuerwehrRitterRömerPirat neulich einen Franken und ein Disney-Figürchen geschenkt hat, ihn automatisch dazu verpflichtet, ungefragt ein paar angebrannte Guetzli abzutreten. Es fliegen Fäuste und Gegenstände, der Zoowärter als eigentlich unbeteiligter Dritter wird irgendwie auch noch in die Sache hereingezogen, lautes Geheul und keiner ist Schuld. Höchste Zeit für die Statistin, mal wieder ein wenig zu bellen. Momente später ist alles wieder friedlich, der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt mit einem rabenschwarzen Guetzli aus dem Prinzchenzimmer. „Es ist angebrannt“, sagt er. „Mir egal, nach dem Theater, das du veranstaltet hast, um eines zu bekommen, wird das Ding gegessen“, antwortet die Statistin vollkommen ungerührt. 

Dann noch diese Szene hier, die schon fast rührend ist: Du liegst im Bett und versuchst zu stricken, damit du zumindest ein wenig produktiv bist. Die Katze, die partout nicht begreifen will, dass du es nicht magst, wenn sie sich auf deinen Beinen niederlässt, stellt sich so ungeschickt an, dass du die Zopfstricknadel fallen lässt. Unter Jammern und Stöhnen begibst du dich unters Bett, um die Nadel zu suchen. In dem Moment betritt einer deiner Söhne das Zimmer, er sieht dich am Boden, fragt was los sei und meint dann: „Leg dich wieder hin, Mama. Ich such dir die Nadel. Du bist jetzt viel zu schwach für solche Sachen.“ 

Ach ja, dann war da noch die Sache mit der Katze, die Karlssons Sportschuhe mit dem Katzenklo verwechselt hat, oder Luise, die beweisen wollte, dass sie in der Cello-Hülle schlafen könnte, wenn sie wollte, oder der Moment, als der Zoowärter vollkommen frei von Ironie erzählte, die Lehrerin hätte vergessen, dass sie nicht angeschriebene aber richtig gelöste Blätter der Schüler nicht mehr zerreissen dürfe und habe es deshalb trotzdem getan, aber sie habe sich danach entschuldigt, darum sei es nicht weiter schlimm.

Nachdem du ein paar Tage lang dieses Geschehens von der Seitenlinie aus betrachtet hast, bleibt dir nichts anderes übrig, als in Anlehnung an Römer Strategus aus „Asterix und die Goten“ zu seufzen: „Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef.“ 

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