So unterschiedlich kann vierzehn sein

Nächste Woche ist es soweit, Karlsson wird vierzehn. Ich weiss nicht warum, aber dieser Meilenstein geht mir noch näher als andere Meilensteine im Leben unserer Kinder. Vielleicht, weil es mir so vorkommt, als wäre ich selber eben erst vierzehn geworden und ich deshalb tagtäglich daran erinnert werde, wie anders es doch bei mir war. Ein paar Beispiele gefällig?

Karlsson mit vierzehn: Er weiss, was er kann und er weiss auch, was er nicht kann. Weil er weiss, was er kann, gelingt es ihm, sich viel gezielter mit den Dingen zu befassen, die er nicht kann und dadurch bringt er immer wieder Achtungserfolge in den Bereichen zustande, in denen er nicht besonders stark ist.
Ich mit vierzehn: Ich wusste sehr genau, was ich nicht kann – meine Unfähigkeiten waren ausgeprägt und nicht zu kaschieren – und dadurch liess ich mir den Blick verstellen auf die Dinge, die ich gut kann. Bis zu dem Tag, an dem ich mein nicht mal so schlechtes Maturazeugnis in der Hand hielt, war ich felsenfest von meiner eigenen Dummheit überzeugt. Dass nicht jeder in druckreifen Sätzen denkt, dämmerte mir sogar erst sehr viel später, als ich den ersten Buchvertrag im Sack hatte und mich wunderte, warum ausgerechnet ich eine solche Chance bekommen hatte.

Karlsson mit vierzehn: Er steht zu sich selbst, auch wenn das, was ihm gefällt, nicht dem Geschmack der breiten Masse entspricht. Ihm doch egal, dass kaum einer seine Vorliebe für schwermütige französische Chansons teilt. Ihm doch egal, wenn alle sich zur gleichen Massenveranstaltung anmelden. Wenn es ihm nicht entspricht, hat er auch nicht das Gefühl, dabei sein zu müssen. Und doch steht er nicht am Rand. Er steht auch nicht im Zentrum, er gehört einfach dazu, man mag ihn so, wie er ist. 
Ich mit vierzehn: Ein andauernder K(r)ampf, so zu sein, wie „man“ eben sein musste, um akzeptiert zu werden. Und doch immer wieder die schmerzhafte Erkenntnis, dass es nie gelingen würde. 

Karlsson mit vierzehn: Er hat Pläne. Er möchte nach Frankreich, um richtig gut Französisch zu lernen und in die Kultur einzutauchen. Vielleicht will er irgendwann auch nach England oder in die USA, denn Englisch sollte man ja auch beherrschen, auch wenn man die Sprache nicht so toll findet.
Ich mit vierzehn: Ich hatte keinen Plan und wollte nur noch weg, irgendwohin ins Ausland, damit ich Distanz gewinnen konnte zu Erlebnissen, die mich zutiefst verletzt hatten. Mit nicht ganz sechzehn ging ich dann auch tatsächlich und sah mich in der Einsamkeit Nebraskas mit mir selbst konfrontiert.

Karlsson mit vierzehn: Ein ziemlich offenes Buch. Er zeigt uns nicht alle Kapitel, aber doch mehr, als ich je erwartet hätte. Auch Seiten übrigens, die ich meinen Eltern um nichts in der Welt gezeigt hätte. 
Ich mit vierzehn: Ein scheinbar offenes Buch für meine Eltern. Dass es da noch einen zweiten, unveröffentlichten Band gab, habe ich zwar schon beiläufig erwähnt, darin lesen lassen habe ich sie aber nie.  

Vierzehn, so stelle ich heute fest, kann sehr unterschiedlich sein und so, wie es bei Karlsson ist, gefällt es mir eindeutig besser. 

Ach ja, Karlsson hat diesen Text übrigens gelesen, ehe ich ihn veröffentlicht habe. Immerhin überragt mich das „Kind“ inzwischen um mehr als einen Kopf, da würde ich es nicht im Traum wagen, über ihn zu schreiben, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten. 

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Glückseligkeitshäppchen

Zuweilen bietet auch der grauste Alltag das eine oder andere Häppchen Glückseligkeit. Zum Beispiel wenn…

…du beim Waschen – für einen kleinen Moment zwar nur, aber immerhin – den Boden des Wäschekorbs siehst. Okay, übertreiben wir’s nicht: Den Boden von einem der vielen Wäschekörbe, aber man muss nehmen, was man bekommen kann.

…du ohne lang zu suchen dein Uralt-Handy aufspürst, den PUK ohne Wartezeit in der Warteschlaufe wieder bekommst und du fröhlich dein eben gewonnenes Fairphone in Betrieb nehmen kannst.

…du unbemerkt einen ganzen Rettich in der Gemüsesuppe verschwinden lassen kannst. Das Hochgefühl, das du empfindest, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat genüsslich schmatzend vor sich hin löffelt und dreimal nachschöpft, ist durch keine Droge dieser Welt hinzukriegen (Nicht dass ich in diesem Bereich allzu viel Erfahrung vorweisen könnte, aber wer braucht denn schon Drogen, wenn er Kinder hat, die mit Genuss drei volle Teller „Ätsch, wenn ihr wüsstet, dass es hier Rettich drin hat“-Suppe in sich hinein schaufeln?).

…die Katze nicht bemerkt, dass die Kinder den Frischkäse offen haben stehen lassen.

… die drei Kinder, die derzeit am meisten Chaos verursachen, den ganzen Samstag ausser Hause sind. Und dies sogar an einem dieser elenden Samstage, an denen „Deiner“ Kurs hat und du nicht die geringste Lust verspürst, den Karren alleine durch den Dreck zu ziehen. (Ja, ich schreibe mit Absicht „durch“den Dreck, denn die Sache mit „aus dem Dreck“ schiebe ich mir für die Pensionierung auf.)

…es für einen Moment lang so still ist im Haus, dass du deinen eigenen Brummschädel, der mal wieder zu wenig Schlaf abbekommen hat, brummen hörst.

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Verquatschte Zeit

So langsam beginne ich, Besuche bei der Dentalhygienikerin zu fürchten. Dies nicht etwa, weil es meinen Zähnen schlecht ginge oder weil die Dame so grob mit ihnen umgeht. Es ist die Dame selbst, die mir Furcht einflösst. Da liege ich auf diesem Stuhl, den Mund weit aufgesperrt in der Erwartung, dass sie jetzt gleich nachsehen wird, wie es meinen Zähnen geht, doch stattdessen legt sie los mit ihrem Gequatsche. Ob ich in den vergangenen Jahren ein paar Kinder geboren hätte, will sie wissen. Ja, natürlich, ein paar schon, antworte ich. Fünf, um präzise zu sein und ich glaube, damit sei die Frage nach meinem schwindenden Knochen beantwortet und ich könne jetzt endlich meine Zähne zeigen.

Aber meine Zähne interessieren sie jetzt nicht mehr, sie will wissen, wie das so ist mit einer Grossfamilie. Widerwillig gebe ich ein paar der üblichen Banalitäten von mir – mit der Zeit hat man sie drauf, diese Floskeln -, doch sie unterbricht mich bald einmal. Erzählt mir, wie das heute so ist, mit einer Grossfamilie. Kein Problem mehr ist das, die Kinder sind ja alle den ganzen Tag in der Schule, da hat man kaum mehr etwas zu tun mit ihnen. Grosseltern braucht man heutzutage ja auch nicht mehr, es gibt Krippen. Ich könne froh sein, dass ich nicht mit der Schwiegermutter zusammenleben müsse, das hätten die Mütter früher nämlich noch tun müssen. Ich versuche, einen Einwand einzubringen, weil es mich nun doch etwas fuchst, dass sie – die durchblicken lässt, dass sie kinderlos ist – zu wissen glaubt, wie mein Leben aussieht. Doch mein Einwand löst nur einen neuen Redeschwall aus. Die Schweiz nicht familienfreundlich? Des sieht sie ganz anders als ich. Den Familien geht es prächtig hierzulande. Wenn die Familien bescheidener wären, müssten auch nicht Vater und Mutter zur Arbeit gehen. Ferien? Genügend Wohnraum? Alles überbewertet. Sie ist auch ohne gross geworden, hat ihr auch nichts geschadet. Diese Eltern haben aber auch immer so viele Ansprüche. Das Einzige, was sie an der Familienpolitik stört, ist dass sie, die doch Vollzeit arbeitet, nach der Pensionierung weniger AHV haben wird, weil sie verheiratet ist. Alles andere ist bestens. 

Jetzt, wo das geklärt ist, kann sie sich endlich meinen Zähnen widmen. Die Sache ist schnell abgehakt. Zwei Röntgenbilder, ein bisschen Zahnstein, ein bisschen polieren, oder wie die das nennen, dann ist es erledigt. Doch offenbar hat die Frau noch nicht genug Dampf abgelassen, darum kommt sie noch einmal auf das Thema Grossfamilie zurück. Sie muss da noch etwas loswerden bezüglich Blockzeiten. Ist doch wirklich viel einfacher geworden heute, wo die Kinder den ganzen Morgen in der Schule sind. Ihre Mutter musste jeweils noch den ganzen Morgen zu Hause bleiben, weil jeder einen anderen Stundenplan hatte. Währenddem ich noch überlege, ob ich ihr jetzt lieber von meiner Schwester erzählen soll, die Kinder und Beruf noch immer ohne Blockzeiten jonglieren muss, oder ob ich ihr sagen soll, dass es trotz Blockzeiten kaum einen Schultag in meinem Leben gibt, der so verläuft, wie er auf dem Stundenplan steht, hüpft sie weiter zum nächsten Thema. Ich hätte da mal einen Termin vergessen, sagt sie vorwurfsvoll. Ja, so etwas könne in meinem Alltag halt mal vorkommen, es sei halt… Weiter lässt sie mich nicht kommen. Einen Terminplaner müsse ich mir anschaffen, einen richtig Grossen, den ich mir an die Wand hänge, in den ich alle Termine eintrage. Nein, nein, auf gar keinen Fall die Termine auch noch elektronisch eintragen. Nur im Planer an der Wand, dann bekäme ich das schon in den Griff…

Wie gerne hätte ich der Dame gezeigt, dass ich nicht nur gesunde Zähne mit schwindendem Knochen habe, sondern dass ich auf diesen gesunden Zähnen mit schwindendem Knochen ganz schön viele Haare wachsen lassen kann, wenn es die Situation erfordert. Ich habe es dann bleiben lassen, denn zu Hause wartete der wahre Alltag einer Grossfamilie mit Home Office und dieser Alltag reagiert äusserst sensibel auf sinnlos verquatschte Zeit.  

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Gründungssitzung der „IG für eine familienfreundliche Schweiz“

Remo Largo, der Mann, den viele von uns Eltern wie einen Halbgott verehren, hat etwas gesagt, was ich in letzter Zeit auch immer wieder gedacht habe: Frauen sollten aktiv für eine familienfreundlichere Schweiz kämpfen, insbesondere jetzt, wo sie auf dem Arbeitsmarkt wieder gefragt seien. Genau dies habe ich mir in letzter Zeit auch immer wieder durch den Kopf gehen lassen. Na ja, fast genau dies, denn in meinem Gedankenspiel wären es nicht nur die Mütter, die sich für eine familienfreundlichere Schweiz stark machen sollten, sondern auch die Väter, denn die hängen da auch mit drin. „Was wir wohl alles bewegen könnten, wenn wir…“, dachte ich einen kurzen Moment lang, doch diesen Gedanken wischte ich sofort wieder beiseite, denn in meiner Fantasie stieg die Vorstellung auf, wie die erste Sitzung dieser neuen Elternbewegung ablaufen könnte:

Sitzungsleiterin (SL): „Herzlich willkommen zur ersten Sitzung unserer ‚Interessengemeinschaft für eine familienfreundliche Schweiz‘ Wir sind zusammengekommen, weil es die Politik bis anhin nicht geschafft hat, die Lebensumstände von uns Familien nachhaltig zu verbessern. Nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub…“

Ein junger Vater, Typ „Neuer Mann“ unterbricht die SL: „Ich will doch hoffen, dass wir dabei auch gleich den Vaterschaftsurlaub thematisieren. Einfach lächerlich, was die Schweiz in diesem Bereich zu bieten hat. (Er kramt in seinen Unterlagen.) Ich habe da einen interessanten Bericht über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Vatersch…“

SL, unterbricht ihn: „Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Ihnen das Wort abschneide, aber soweit sind wir noch nicht. Natürlich muss das Thema Vaterschaftsurlaub ganz weit oben auf unserer Liste stehen, wenn Sie mich aber vielleicht erst einmal meine Begrüssungsworte zu Ende reden lassen. Also, wo war ich? Ja, genau…nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub…“

Eine gestandene Mutter um die Vierzig fällt ihr ins Wort: „Möchten Sie damit sagen, dass Familienfreundlichkeit für Sie vor allem bedeutet, die Frauen so rasch als möglich wieder zurück ins Berufsleben zu schleusen? Ich möchte betonen, dass ich hier nur mitmache, wenn die Anliegen der Mütter, die freiwillig zu Hause bleiben, ebenso ernst genommen werden wie die Anliegen der berufstätigen Mütter.“

SL: „Nein, das möchte ich damit nicht sagen. Ich möchte eigentlich noch gar nichts weiter sagen, als dass das Thema Mutterschaftsurlaub eines der vielen Beispiele ist, das zeigt, wie schwierig es ist, in der Schweiz in Sachen Familienpolitik etwas zu bewegen…“

Junge Mutter mit Baby im Tragetuch, vermutlich leicht esoterisch angehaucht: „Wenn wir jetzt schon auf die Schwierigkeiten starren wie das Kaninchen auf die Kobra, werden wir es nicht weit bringen. Ich möchte uns allen Mut zusprechen. Die Geburt unserer Kinder hat Urkräfte in uns freigesetzt, die uns nun auch die Kraft verleihen, dieses geldgierige Land zu verwandeln in ein Land, in dem Kinderlachen den Lärm der Baumaschinen übertönt und in dem…“

Anzugträger mittleren Alters, Typ „Meine Frau hält mir den Rücken frei, damit ich mich auf die Karriere konzentrieren kann“: „Wir sind doch hier keine Selbsthilfegruppe. Wir wollen eine ernst zu nehmende Interessengemeinschaft bilden, die Hand in Hand mit den bürgerlichen Parteien eine wirtschaftsfreundliche Familienpolitik er…“

Ein entrüstetes Raunen geht durch die Runde, die SL stoppt den Redefluss des Anzugträgers: „Ich glaube, wir sind uns alle darin einig, dass diese Interessengemeinschaft nur darum ins Leben gerufen werden musste, weil sowohl Politik als auch Wirtschaft kläglich darin versagt haben, eine kinder- und elternfreundliche Schweiz zu gestalten. Wenn ich jetzt auf meine Eröffnungsworte zurückkommen dürfte… also…nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub, den Kampf um bezahlbare Krippenplätze…“

Die gestandene Mutter um die Vierzig räuspert sich: „Wenn das hier darauf hinausläuft, dass Eltern dazu verdonnert werden sollen, ihre Kinder in die Krippe zu geben, bin ich sofort raus hier. Wir Mütter, die auf ein zweites Einkommen verzichten, die unsere berufliche Karriere in den Hintergrund stellen, die Tag und Nacht für unsere Kinder da sind…“

SL, inzwischen leicht gereizt:  „Da interpretieren Sie etwas in meine Worte hinein, was ich nicht gesagt habe…also, wo war ich schon wieder, ach ja, beim Kampf um bezahlbare Krippenplätze… nehmen wir auch das Beispiel der steuerlichen Benachteiligung von verheirateten Eltern…

Eine bis anhin stille Sitzungsteilnehmerin unterbricht die SL forsch: „Und was ist mit uns Alleinerziehenden? Wisst ihr eigentlich, wie hart das Leben ist, wenn man niemanden an seiner Seite hat, bei dem man sich ausheulen kann, wenn die Kinder mal wieder verrückt spielen? Wisst ihr, was es bedeutet, auf Alimente warten zu müssen? Wisst ihr, wie es schmerzt, wenn der Vater sich einen Dreck um seine eigenen Kinder schert? Wisst ihr…

Anzugsträger, entnervt: „Wieder mal die alte Leier der ach so armen alleinerziehenden Mütter. Wenn Sie wüssten, wie viele Väter ich als Anwalt vertrete, denen das Besuchsrecht vorenthalten wird und die jeden roten Rappen ihrer geldgierigen Ex abliefern müssen…“

SL: „Wenn wir jetzt bitte zum Thema zurückkommen könnten…“

Gestandene Mutter um die Vierzig, ignoriert den Einwand der SL: „Was sind wir denn eigentlich hier? Eine Kampfgemeinschaft für jene, die es nicht hingekriegt haben, ihrem Partner treu zu bleiben und den Kindern ein harmonisches Zuhause zu bieten. Also wenn das so ist, bin ich raus hier…“

Blasser junger Mann, knapp zwanzig, meldet sich zum ersten Mal zu Wort, wird aber von den anderen ignoriert: „Mich würde ja noch interessieren, wie wir hier den schwammigen Begriff ‚Familie‘ überhaupt definieren. Ich als Single mit Goldhamster fühle mich trotz meiner Kinderlosigkeit sehr stark als Familie…“

Alleinerziehende Mutter: „Diese Vorurteile sind ja mal wieder typisch. Möchte wissen, wie viel Ihnen Ihre Ehe noch bedeuten würde, wenn der Kerl, der Sie dreimal geschwängert hat, drei Wochen nach der Geburt seines dritten Kindes etwas mit dem Babysitter anfängt…“

Gestandene Mutter um die Vierzig, gehässig: „Wenn man sich keine Zeit nimmt für sie, kommen Männer eben auf solche Gedanken. Vielleicht wenn Sie ihm mehr Bewunderung und Wertschätzung entgegengebracht hätten…“

Anzugträger: „Und vor allem, wenn Sie sich nicht so hätten gehen lassen. Gewisse Frauen sind doch einfach selber Schuld, dass sie sitzen gelassen werden…“

Mutter mit Tragetuch-Baby: „Hören wir doch auf, einander mit Vorwürfen einzudecken. Wir alle sind Mütter und Väter, wir alle haben diese unendliche Kraft in uns, die Schweiz zu verändern. Ich schlage vor, wir fassen uns jetzt alle bei den Händen und…“

SL, aufgebracht: „Nichts da, wir fassen uns nicht bei den Händen, wir tun überhaupt gar nichts mehr, die Sitzung ist aufgehoben. In meinen Eröffnungsworten hätte ich eigentlich darauf hinweisen wollen, dass es noch unglaublich viel zu tun gibt, um die Schweiz zu einem Land zu machen, in dem es allen Familien – egal ob traditionell, alleinerziehend, berufstätig oder was auch immer – besser geht. Doch wie ich sehe, schaffen wir es nicht einmal, diese Tatsache festzuhalten, ohne einander an die Gurgel zu gehen. Somit erkläre ich das Projekt ‚Interessengemeinschaft für eine familienfreundliche Schweiz‘ für gescheitert.“

SL verlässt den Raum, ohne dass dies die anderen Sitzungsteilnehmer bemerken. Man munkelt, die anderen hätten weiter gestritten, bis der Wirt – ein vierfacher Vater, der das Sitzungszimmer für den ehrenwerten Zweck gratis zur Verfügung gestellt hatte – die Polizei aufgeboten habe, um den Saal räumen zu lassen. 

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Wachsendes Selbstbewusstsein

Motivationsrede an Karlsson, ab einem Alter von fünf Jahren bis kurz vor dem Übertritt an die Oberstufe fast wöchentlich auf diese oder ähnliche Weise vorgebracht:

„Du kannst das, glaub mir. In dir drin steckt so viel, dir fehlt nur der Mut, es zu zeigen. Nur weil die anderen lauthals prahlen, heisst das noch lange nicht, dass sie es auch wirklich besser können als du. Du bist ein feiner Kerl mit viel Fantasie, Humor und spannenden Interessen. Und dass du etwas im Kopf hast, beweisen dien Zeugnisse immer wieder aufs Neue.“

Motivationsrede an Luise, ab einem Alter von fünf Jahren bis Mitte fünfte Klasse regelmässig auf diese oder ähnliche Weise vorgebracht:

„Im Elterngespräch hiess es, du dürftest dich in der Klasse ruhig etwas deutlicher bemerkbar machen. Warum so schüchtern? Zu Hause fehlt es dir doch auch nicht am Mut, zu sagen, was du denkst. Du brauchst dich nicht zu verstecken. Du hast Power und bist nicht nur drauf aus, hübsch auszusehen. Zeig, was du kannst! Wir stehen hinter dir.“

Motivationsrede an den FeuerwehrRitterRömerPiraten, ab Kindergarten bis heute regelmässig auf diese oder ähnliche Weise vorgebracht:

„Trau dich, laut und deutlich zu sagen, was du weisst. Du bist so belesen, hast so viele interessante Dinge in deinem Gedächtnis gespeichert. Du brauchst keine Angst zu haben, dich einzubringen. Und wenn dir einer frech kommt, stell dich ihm entgegen, so wie du dich deinem Gegner im Fechten entgegenstellst. Was auch immer geschieht, wir sind für dich da.“

Rede an den Zoowärter, immer mal wieder vorgebracht, seitdem er in der Schule ist:

„So toll, dass du so viele Freunde hast und dass ihr in der Pause so viel Spass habt miteinander. Ein wunderbares Gefühl, andere zum Lachen bringen zu können, nicht wahr? Aber du gehst nicht nur zum Spass zur Schule, du solltest auch dran denken, die Hausaufgaben mit nach Hause zu bringen. Ich will nicht andauernd Mails von der Lehrerin bekommen.“

„Nun komm mal auf den Boden“-Rede an das Prinzchen, einmal vorgebracht, seitdem er im zweiten Kindergartenjahr ist:

„Okay, du sagst, ihr habt im Landhockey nur wegen dir gewonnen? Wenn du 2 von 19 Toren geschossen hast, ist das natürlich toll, aber die anderen haben auch zum Sieg beigetragen. In einer Mannschaft braucht es mehr als einen, der gut spielt, damit man siegen kann. Ach ja, und dann noch zu deiner Bemerkung, nur der liebe Gott habe mehr Haare als du…“

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Konservative Bande!

Gestern war Kolumnen-Tag und wie so oft begann er damit, dass morgens um acht die Schreibblockade an der Tür klingelte. „Du schon wieder?“, fragte ich entgeistert, als sie vor mir stand. „Wir haben uns doch schon soooooo lange nicht mehr gesehen“, säuselte sie mit Unschuldsmiene und drängte sich rasch an mir vorbei, ehe es mir gelang, ihr die Tür vor der Nase zuzuknallen. „Machst du mir einen Kaffee?“, fragte sie. „Vergiss es“, gab ich unfreundlich zur Antwort. „Wenn ich erst anfange, mit dir Kaffee zu trinken, dann werde ich dich den ganzen Tag nicht mehr los. Von mir aus kannst du mit mir in die Sauna kommen. Hab‘ mir beim Stricken die Schulter verspannt, ich brauche ein wenig Wärme…“ „Ach, was bist du doch gemein!“, protestierte die Schreibblockade. „Du weisst genau, dass ich es in der Sauna nie lange aushalte. Kaum bin ich da drin, muss ich flüchten und dann schleichst du dich davon, um an deinen Texten zu arbeiten.“ Die Schreibblockade sah mich mit traurigem Hundeblick an und fuhr dann fort: „Warum willst du mich immer so schnell als möglich loswerden? Magst du mich etwa nicht?“ „Na ja, wenn ich ganz viel Zeit habe, stören mich deine gelegentlichen Besuche nicht. Aber ich hab‘ nun mal selten Zeit, mit dir rumzuhängen. Meistens gibt es da einen Abgabetermin. Oder das Essen muss auf den Tisch. Oder…“ „Alles faule Ausreden“, unterbrach mich mein ungebetener Gast. „Du magst mich einfach nicht. Punkt. Aber glaub bloss nicht, dass ich mich einfach abschütteln lasse. Heute werde ich die Hitze der Sauna ertragen, das verspreche ich dir…“ 

Wie meistens, wenn sie mir damit droht, bei mir zu bleiben, machte die Schreibblockade ihre Drohung wahr. Sie, die gewöhnlich schon nach fünf Minuten in der Sauna das Weite sucht und mich dem Schreibfluss überlässt, hielt ganze drei Saunagänge durch, ehe sie das Weite suchen musste. Endlich hätte ich ungehindert schreiben können, doch leider musste ich jetzt an den Herd. Natürlich auch später als geplant und darum würde die Suppe nicht rechtzeitig fertig sein und ich würde mir wieder das Gemotze der hungrigen Meute anhören müssen. Darauf hatte ich nach diesem elenden Vormittag mit der Schreibblockade wirklich keine Lust, also beschloss ich, meine Familie mit einem Sauna-Zmittag zu besänftigen. „Hört mal, ihr setzt euch jetzt ein wenig in die Sauna währenddem ich die Suppe fertig mache. Dann kommt ihr hoch, esst eine Portion, kühlt euch ein wenig ab und macht Pause. Dann wieder zurück in die Sauna, wieder ein wenig essen und wenn die Zeit vor der Schule noch reicht, ein dritter Saunagang.“ 

Tolle Idee, nicht wahr? Meine Familie, die mir gewöhnlich in den Ohren liegt, endlich wieder mal die Sauna einzuheizen, sah das anders. Luise motzte, sie wolle doch nachmittags nicht mit nassen Haaren in die Schule gehen. Der Zoowärter wollte zwar in die Sauna, aber „noch nicht jetzt, sondern erst am Nachmittag, wenn ich von der Schule nach Hause komme“. Der FeuerwehrRitterRömerPirat verschanzte sich sofort hinter seinem neuesten Buch und sagte gar nichts. Das Prinzchen hatte noch unverdaute Legosteine und „Meiner“, der sonst keine Gelegenheit zum Schwitzen auslässt, faselte etwas von „viel zu tun heute Nachmittag“. Einzig Karlsson zeigte sich flexibel und wechselte fröhlich zwischen Sauna, Esstisch und Sofa, genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Der Rest der Familie bestand darauf, das Mittagessen gutbürgerlich und gesittet einzunehmen. Was für eine konservative Bande!

(Und falls mir jetzt jemand sagen möchte, Sauna und Essen gingen nicht zusammen, dann muss ich ihn leider darauf aufmerksam machen, dass Mrs. Perfect mir das schon vor langer Zeit gesagt hat, was mich aber schon damals nicht interessiert hat.)

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Dankbar

Als er sich vor sechs Jahren und neun Monaten anmeldete, konnten „Meiner“ und ich uns schlicht nicht vorstellen, wie wir das schaffen sollten. Woher sollten wir die Kraft nehmen für ein fünftes Kind, wo wir doch mit vier schon auf dem Zahnfleisch gingen? Natürlich freuten wir uns über ihn, aber würden wir in unserem gesundheitlich angeschlagenen Zustand in der Lage sein, ihm zu geben, was er brauchte?

Als das Herzchen seines Zwillings schon sehr früh in der Schwangerschaft zu schlagen aufhörte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Was, wenn er es auch nicht schaffen würde?

Als ich ihn heute vor sechs Jahren zum ersten Mal in die Arme schliessen durfte, staunte ich über seine Stärke. Keines unserer fünf Kinder hatte im Bauch einer derart gestressten und erschöpften Mama heranwachsen müssen und doch strotzte er vor Kraft. 

Als er noch ganz klein war, machte ich mir Vorwürfe, weil wir uns so viele Sorgen gemacht hatten. Man liest ja immer wieder, so etwas habe negative Auswirkungen auf das Baby.

Als er etwas grösser war, merkten wir bald einmal, dass wir mit einem ausserordentlich fröhlichen Kind gesegnet worden waren. An Selbstbewusstsein schien es ihm auch nicht zu mangeln. Und geliebt wurde er ohnehin von allen in der Familie. Sogar von Luise, die auf gar keinen Fall einen vierten Bruder hätte haben wollen. 

Als er etwa drei Jahre alt war, fing er an zu singen, immer und überall. Er tut es noch heute fast pausenlos.

Als wir heute früh ums Bett herum standen, um ihm sein Geburtstagsständchen zu bringen, überrollte mich eine Welle der Dankbarkeit. Nicht alleine, weil er da ist und unser Familienleben bereichert. Sondern auch, weil unsere Sorgen sich als vollkommen unbegründet erwiesen haben.

Als er heute von Mittag bis kurz vor Mitternacht mit Engelsgeduld an seiner Lego-Polizeistation baute, dachte ich: „Der kleine Kerl weiss genau, was er will und lässt sich durch nichts von seinem Ziel abbringen. Kein Wunder, dass er den ganzen Stress der Schwangerschaft so unbeschadet überstanden hat.“

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Bilderbuch-Prinzchen

Heute in der Stadt: Unzählige weihnachtlich geschmückte Schaufenster, Regale voller Weihnachtskugeln und „Starbucks“ bereits wieder mit den eindeutigen Gewürzen auf dem Kaffee. Irgendwann hat das Prinzchen genug. „Mama, ich will nicht, dass die schon so tun, als wäre Weihnachten“, sagt er traurig. „Erst will ich jetzt mal meinen Geburtstag feiern und dann will ich mich am Herbst freuen. Ich finde es so schön, wenn die Blätter bunt werden. Wenn sie von den Bäumen fallen, kann man mit den Füssen so schön rascheln darin. Und Sachen bauen aus Blättern…Ich will jetzt einfach den Herbst geniessen, der ist so schön… Wie ist das eigentlich mit den Blättern? Wachsen die wieder, wenn sie vom Baum gefallen sind?“

Ach, mein Prinzchen, sag: Bist du echt, oder bist du einem dieser traumhaften Bilderbücher entsprungen?

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Bis Mitternacht sollte das zu schaffen sein

Läuse? Hmmm, weiss nicht so recht. Gesehen habe ich keine, nicht mal die klitzekleinste Nisse. Aber wenn sich alle andauernd an den Köpfen kratzen, sogar dann, wenn keiner von Läusen spricht, dann sollte man vielleicht doch mal… Hab‘ zwar gerade nicht die geringste Lust auf Läuse, aber wenn ich warte, bis ich Lust auf Läuse habe, kann das noch ein Weilchen dauern… Ach was, ich mach’s besser. Will mich ja nicht unbeliebt machen bei meinen Mitmüttern. 

Gibt ja nicht sooooo viel zu tun. Nur die ganze Bettwäsche waschen, die Lieblingskuscheltiere, die Sofakissen, vielleicht noch die Decken, mit denen sie neulich eine Hütte gebaut haben… Ein Klacks also. Fünf oder sechs Waschmaschinen voll, mehr ganz bestimmt nicht. Dann noch die Köpfe behandeln. Beim Prinzchen mit seiner Mähne könnte es ein wenig dauern, Luise wird auch nicht ganz unproblematisch, dafür reicht es bei „Meinem“ vielleicht, wenn wir schnell mit dem Lauskamm drüber gehen. Ach ja, die Haarbürsten sollten wir vielleicht auch noch auswaschen, aber das Einfrieren von Kleinkuscheltieren lasse ich diesmal bleiben…

Ich schätze, das sollten wir hinkriegen, so gegen Mitternacht sind wir voraussichtlich lausfrei. Wenn wir es nicht bereits sind… Aber eben, Vorsicht ist besser bla bla bla… Und so habe ich wenigstens etwas zu tun. Wüsste ja doch wieder nicht, was ich mit diesem Tag sonst anfangen sollte.  

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Wer ist hier eigentlich der Teenager?

Sonntagmorgen, Viertel vor acht, die Tür zu unserem Schlafzimmer wird aufgerissen.

Teenager, sehr aufgebracht: „Ihr habt versprochen, dass wir heute in die Kirche gehen und jetzt bleibt ihr wieder einfach liegen.“

Ich, sehr schlaftrunken: „Himmel, es ist Viertel vor acht, der Gottesdienst beginnt um halb zehn, also lass mich gefälligst noch etwas schlafen. Ich bin müde.“

Teenager, etwas friedlicher: „Oh, okay, dann geh‘ ich zurück ins Bett. Aber wir gehen ganz bestimmt, versprochen?“

Sonntagmorgen, 11 Uhr, der Gottesdienst ist soeben zu Ende, ich befinde mich im Landeanflug zurück auf die Erde, der Teenager kommt auf die Empore, wo ich sitze, weil wir mal wieder spät dran waren.

Teenager, hoffnungsfroh: „Mama, essen wir hier?“

Ich, bestimmt: „Nein, wir gehen nach Hause. Nach dem Fest gestern mag ich nicht schon wieder unter die Leute gehen.“

Teenager, eingeschnappt: „Nie essen wir hier. Immer können alle anderen bleiben, nur wir gehen immer gleich nach Hause. Du bist soooooo unfair.“

Ich, aufgebracht: „Nun keif mich nicht gleich so an. Du kannst ja bleiben und dann mit dem Bus nach Hause kommen.“

Teenager, bockig: „Nein, ich komme jetzt nach Hause. Du verdirbst mir immer alles…“

Ich: „Nun hab dich doch nicht so. Warum kannst du nicht mit den anderen Teenies essen und ich gehe nach Hause, um mich auszuruhen?“

Teenager, noch immer bockig: „Und dann muss ich mein Essen selber bezahlen?“

Ich, noch immer leicht entnervt: „Nein, natürlich nicht. Die sechs Franken gebe ich dir gerne. Aber müssen wir immer aus allem eine Staatsaffäre machen? Man könnte meinen, mit mir könne man nicht verhandeln. Dabei reicht es doch, wenn du mich anständig um etwas bi….“

Ach, was rede ich mir noch den Mund fusselig? Der Teenager ist längst weg, um mit den anderen essen zu gehen und ich kann mit einer anderen Teengager-Mama darüber klönen, wie elend es doch ist, dass diese Halbwüchsigen immer Streit suchen, wo man doch selber gar nicht auf Streit aus ist und nur zu gerne zum Nachgeben bereit wäre, wenn sie begründen könnten, warum sie nicht wollen, wie ich will. 

Und nein, ich habe diese Episode nicht geträumt. Es war wirklich so, dass der Teenager in die Kirche wollte und ich viel lieber liegen geblieben wäre.

Aber ich verrate nicht, welcher Teenager es war, sonst geht das Gekeife schon wieder los. 

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