Verstanden

Wer schon mal bei mir an eine Geburtstagstafel gesessen hat, kennt die Szene: Ich trage die Torte auf, die Gäste bewundern sie gebührend und ich sage: „Na ja, weisst du, hier oben müsste sie eigentlich blaugrün sein und nicht grasgrün. Die Marzipanrosen sind auch nicht so schön geworden, wie ich sei mir vorgestellt habe. Und so richtig aufgegangen ist der Kuchen auch nicht.“ Die Gäste protestieren, ich insistiere und am Schluss hat keiner mehr Lust auf Kuchen. 

„Warum mache ich das eigentlich?“, fragte ich mich heute, als ich im Morgengrauen in der Küche stand und einmal mehr ohne Erfolg versuchte, Luises Geburtstagstorte so hinzukriegen, wie ich sie mir vorgestellt hatte. „Reicht es denn nicht, dass ich mir alle Mühe der Welt gebe? Muss es denn auch perfekt sein?“ Das muss es nicht, beschloss ich.

(Warum, werde ich gleich sagen, doch erst muss ich dich, die du dies jetzt mit einem unverschämten Grinsen auf dem Gesicht mitliest, darum bitten, dieses Grinsen abzustellen. Oh ja, ich weiss genau, was du dir beim Lesen denkst. „Wie oft hab‘ ich dir das schon gesagt? Mindestens einmal an jedem Zoowärter-Geburtstag.“ Natürlich hast du es gesagt, aber du weisst ja, dass ich immer etwas länger brauche, bis ich die Dinge begreife. Jetzt also habe ich begriffen und darum darfst du aufhören zu grinsen.)

Ja, ich habe endlich begriffen, dass ich – wie so viele andere Mütter – einem Ideal nacheifere, das ich nicht erreichen muss. Klar, ich kann mir alle Gadgets zulegen, die früher nur Profis kaufen konnten, die speziellen Zutaten bekommt man inzwischen ebenfalls problemlos und im Internet wimmelt es von Anleitungen, die einem Schritt für Schritt zeigen, wie es gehen müsste. Und schon kann ich mitspielen im Rollenspiel, das da heisst „Jede(r) ist ein Meisterbäcker“.

Oh ja, es macht durchaus Spass, dieses Spiel zu spielen und es gibt Mitspieler(innen), die es zu erstaunlicher Professionalität bringen. Ihnen gelingen die ausgefallensten Kreationen, die sie zu Recht mit Stolz der virtuellen Öffentlichkeit präsentieren. Einige eröffnen gar ein nettes kleines Kaffee und werden in Zeitschriften portraitiert. Wir anderen staunen, wie Laien derart beeindruckende Backwerke zustande bringen und weil wir im gleichen Spiel mitspielen, glauben wir, wir müssten das auch können. Würden die gleichen Torten im Schaufenster einer Konditorei stehen, kämen wir nicht im Traum auf die Idee, nachmachen zu wollen, was wir sehen. Kreieren aber unsere ungelernten Mitspieler(innen) ein Kunstwerk, das einen vor Neid erblassen lässt, glauben wir müssten das auch können.

Warum auch nicht? Wir arbeiten ja mit den gleichen Zutaten, den gleichen Gadgets und nach den gleichen Rezepten wie sie, da sollten wir doch auch fertigbringen, was sie schaffen. Aber genau an diesem Punkt liege ich – liegen alle, die so ticken wie ich – falsch, denn bloss weil man das richtige Material hat, bedeutet das noch lange nicht, dass man auch das Talent dazu hat, die Dinge so zu machen, wie sie bei den anderen aussehen. Darum habe ich beschlossen, nicht mehr mitzuspielen und die Torten in Zukunft so zu backen, wie ich es kann. Nicht perfekt, aber mit Fantasie, viel Liebe und einem anständigen Rezept, damit man das Zeug auch essen kann. 

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Nur kurz mal plaudern…

„Meiner“, leise, damit es die Kinder nicht hören: „Komm, wir gehen mal fünf Minuten hinters Haus und unterhalten uns über den Tag.“

Ich: „Okay, muss nur noch schnell…“

Zoowärter: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat….“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Das stimmt überhaupt nicht. Der Zoowärter und das Prinzchen haben…“

Ich: „So schlimm ist das nun auch wieder nicht. Das könnt ihr selber regeln.“

„Meiner und ich gehen um die Hausecke und setzen uns an den Gartentisch.

„Meiner“: „Heute Nachmittag habe ich…“

Luise und Karlsson kommen angerannt. 

Luise: „Papa, kannst du mal schnell…?“

„Meiner“: „Mama und ich möchten uns kurz unterhalten….“

Luise: „Ja, aber kannst du trotzdem mal schnell…?“

Ich: „Luise, hast du nicht gehört? Papa und ich möchten uns kurz unterhalten.“

Karlsson: „Dann dürfen wir uns also nicht zu euch setzen?“

„Meiner“: „Doch, schon. Aber Mama und ich möchten uns unterhalten. Also, heute Nachmittag habe ich in der Schule…“

Luise: „Aber nachher kommst du sofort, Papa.“

„Meiner“: „Ja, nachher. Also, heute Nachmittag habe ich in der Schule diese…“

Ich: „Moment schnell, die Kleinen sind mir eindeutig zu wild. Ich muss denen sagen, dass das nicht geht.“

„Meiner“: „Okay, ich erzähl’s dir also nachher….“

Luise: „Papa, jetzt könntest du doch schnell….“

„Meiner“: „Nein, zuerst will ich der Mama erzählen, dass ich heute in der Schule…“

Luise macht sich entnervt aus dem Staub, Karlsson folgt ihr, endlich sind wir alleine.

„Meiner“: „Also, heute Nachmittag habe ich in der Schule diese Sache vorbereitet. Weisst du, das Projekt…“

Luise kommt zurück, das Telefon in der Hand: „Papa, da will dich jemand sprechen…“

Na ja, vielleicht finden „Meiner“ und ich morgen eine Gelegenheit, uns gegenseitig die Belanglosigkeiten des heutigen Tages zu erzählen. 

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Ein- oder ausgeladen?

Auf dem Papier ist es unmissverständlich: Am Donnerstag, 27. und Freitag, 28. März sind die „Tage der offenen Volksschule“. Das Bildungsdepartement, der Verband der Schulleiter, der Lehrerverband und der Verband Solothurner Einwohnergemeinde – sie alle wünschen, dass wir kommen und sehen, wie die Schule heute ist. „Wir freuen uns auf Sie, denn Sie sind unsere wichtigsten Partnerinnen und Partner im Zusammenhang mit unserem Bildungsauftrag“, steht auf der Einladung, die mir das Prinzchen überreicht, als er vom Kindergarten nach Hause kommt.

Ich lese und fange an, mir Gedanken zu machen, wie ich es diesmal schaffen soll, mich fünfzuteilen, um jedem Kind die ihm zustehende Aufmerksamkeit zu schenken. Und dies nur am Donnerstag, denn am Freitag habe ich einen Termin, den ich nicht schon wieder absagen kann.“Am Morgen muss ich Karlsson, den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter schaffen, denn die haben am Nachmittag frei. Luise und das Prinzchen kann ich auf nach dem Mittagessen verschieben“, überlege ich noch, als ich den grünen Zettel bemerke, den die Kindergärtnerinnen dem Einladungsbrief beigelegt haben.

Wir Eltern sollten doch bitte nicht an diesen zwei Tagen in den Kindergarten kommen, steht da. Wir könnten ja jederzeit zu Besuch kommen und da wäre es ungünstig, wenn alle gleichzeitig in den nicht allzu grossen Räumen herumstünden. „Mir soll’s recht sein“, sage ich, fühle mich aber trotzdem leicht düpiert, weil man mich, kaum eingeladen, gleich wieder ausgeladen hat. „Hoffentlich ist das Prinzchen nicht traurig, wenn ich zu allen gehe ausser zu ihm“, denke ich, als Luise nach Hause kommt. Sie würden am 28. mit der Klasse einen Ausflug machen. „Einen Ausflug? Am 28.? Bist du dir ganz sicher? Dann ist doch Besuchstag“, frage ich und Luise lässt sich von mir verunsichern. Vielleicht habe sie tatsächlich nicht so recht aufgepasst, meint sie. Doch zwei Tage später ist sie sich ganz sicher: Sie gehen am Freitag., mit dem Velo und zwar dann, wenn eigentlich Werken auf dem Stundenplan stünde. Also schon wieder eine Art Ausladung, wenn auch keine, die mich betrifft. Am Freitag kann ich ja bekanntlich nicht…

Drei Stunden später erfahre ich, dass ich am Donnerstag noch weniger muss, als ich erwartet hätte. Bei Karlsson stehen die Schulhaustüren nämlich schon am Mittwoch – dafür aber nicht am Freitag, was mir immer noch egal sein kann – offen. Ich kann ihn also bereits am 25. abhaken, allerdings in Begleitung des Prinzchens, der mittwochs zu Hause ist. Karlsson möchte aber gar nicht unbedingt abgehakt werden. Wenn es nach ihm ginge, dürfte ich getrost zu Hause bleiben, lässt er mich wissen. Also noch einmal eine Ausladung. Eine, die ich auf gar keinen Fall akzeptieren werde. Der Junge glaubt doch nicht im Ernst, ich würde ihm die Peinlichkeit ersparen, dass seine zerzauste Mama mit dem Jüngsten im Schlepptau sieben Minuten nach Unterrichtsbeginn ins Zimmer platzt? Ich lasse mir doch von einem Halbwüchsigen nicht vorschreiben, wie peinlich ich sein darf. 

Mein derzeitiger Plan für die anstehenden Besuchstage sieht also jetzt folgendermassen aus:

Mittwoch um sieben nach neun bei Karlsson in die Mathematikstunde platzen, ihm beim Zimmerwechsel ein paar dumme Fragen stellen, eine halbe Stunde im Französisch sitzen und dann mitten drin mit Getöse abrauschen, weil ich Mittagessen kochen muss. Am Donnerstagvormittag werde ich so pünktlich wie nur immer möglich beim FeuerwehrRitterRömerPiraten auf der Matte stehen, damit seine Lehrerin sieht, dass er das mit dem Zuspätkommen nicht von mir hat. Danach werde ich dem Zoowärter beim Schulbankträumen zuschauen und wieder mittendrin abrauschen, weil das Mittagessen… ach, ich wiederhole mich. Am Donnerstagnachmittag schliesslich werde ich bei Luise überprüfen, ob der Frühenglisch-Unterricht mehr taugt als der Frühfranzösisch-Unterricht, den sie letztes Jahr hatte.

Dann werde ich mir vornehmen, bald einmal das Prinzchen im Kindergarten zu besuchen, doch das werde ich immer wieder vergessen und wenn ich endlich daran denke, werden sie im Kindergarten Muttertagsgeschenke basteln, weshalb mein Besuch wieder nicht erwünscht sein wird und dann wird das Schuljahr um sein und im kommenden Schuljahr werde ich mir wieder vornehmen, endlich diesen Besuch zu machen, aber es werden mir wieder zig Dinge dazwischen kommen und weil ich am Besuchstag nicht willkommen sein werde, werde ich es noch weiter aufschieben müssen und dann werden schon wieder die Muttertagsgeschenke dran sein und dann wird das Prinzchen in die Schule kommen und mir vorwerfen, ich sei nicht ein einziges Mal zu einem richtigen Besuch in den Kindergarten gekommen.

Und wer ist Schuld daran? Ich ganz alleine, weil ich so blöd bin, mich ausladen zu lassen, wo ich mir doch so schön zurechtgelegt habe, wie ich jedem meiner Kinder am „Tag der offenen Volksschule“ einen Besuch abstatten werde. Und wo ich doch diese hoch offizielle Einladung vom Bildungsdepartement, dem Schulleiterverband, dem… ach was, ihr wisst schon. Und falls ihr nicht mehr wisst, müsst ihr eben oben noch einmal nachlesen. 

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Was mich ermüdet

Ich bin in einer Grossfamilie aufgewachsen, was mir grundsätzlich sehr gut gefiel. Einzig die fehlende Privatsphäre fiel mir auf die Nerven. Ein Badezimmer für neun Personen, mehr brauche ich dazu ja wohl nicht sagen. Meine Mittelgrossfamilie – so richtig gross ist sie in meinen Augen nicht – sollte es einmal besser haben, das schwor ich mir. Darum wohnen wir heute ziemlich weitläufig – zu weitläufig in den Augen einer Bekannten, die schon angedeutet hat, sie würde gerne mit ihren zwei Kindern bei uns einziehen, wir hätten ja viel zu viel Platz. Weil ich jedoch sehr viel Wert darauf lege, dass jeder seinen Raum für sich hat, habe ich ihr gesagt, wir hätten nicht genügend freie Zimmer. Ihr seht also, ich gehe so weit, andere Menschen vor den Kopf zu stossen, um die Privatsphäre jedes einzelnen Familienmitglieds – auch meine eigene – zu garantieren. 

Und was machen die lieben Familienmitglieder mit dieser hart erkämpften Privatsphäre? Halten sie sie heilig und erbieten ihr die Ehre? Von wegen! Sie treten sie mit Füssen. Sie dringen in Zimmer ein, deren Türen ganz offensichtlich geschlossen sind und ich muss dann wieder den Streit schlichten. Sie vergreifen sich an fremden Musikinstrumenten, obschon sie schon hundertmal gehört haben, dass sich das nicht gehört. Sie toben sich heimlich in meiner Küche aus, obschon ich diese offiziell zu meinem Territorium erklärt habe. Das Putzen bleibt natürlich an mir hängen; ist ja meine Küche, nicht ihre. Sie durchwühlen Schubladen, die sie ganz eindeutig nicht durchwühlen dürften und stellen nachher indiskrete Fragen, die nicht mal ich, die ich doch eigentlich ziemlich offen bin, beantworten möchte. Sie vergreifen sich am Inhalt des väterlichen Kleiderschranks und empören sich, wenn der Herr Papa verlangt, dass die Kleider zurück an ihren angestammten Ort wandern. Sie stören unzählige Male den elterlichen Mittagsschlaf, obschon der Zeitrahmen klar abgesteckt und die Zimmertür geschlossen ist. Sie poltern unablässig an die verschlossene WC-Tür, auch wenn man schon zehnmal gebrüllt hat, man sei gleich soweit, sie sollten sich noch ein wenig gedulden, oder eines der anderen WCs aufsuchen, weil wir ja nicht bloss eines hätten. 

Als sie noch klein waren, konnte ich mit diesen ewigen Grenzüberschreitungen ziemlich gut leben. Sie wussten es halt einfach nicht besser. Jetzt aber wären sie eigentlich gross genug, um den Unterschied zwischen mein und dein nicht bloss zu erkennen, sondern auch zu respektieren. Aber sie tun es nicht und darum predigen „Meiner“ und ich unablässig die gleiche Predigt: Anklopfen. Ein Nein respektieren. Die Finger von fremden Angelegenheiten halten. Fragen, bevor man sich im Zimmer eines anderen breit macht. Nicht einfach nehmen, was einem nicht gehört. Die anderen so behandeln, wie man selber auch behandelt werden möchte… Wir reden, sie tun so, als hätten sie verstanden – und überschreiten drei Minuten später die nächste Grenze.

Ach, wenn sie doch nur endlich begreifen würden, wie viel netter und geduldiger ihre Mama wäre, wenn sie endlich damit aufhörten, der armen Privatsphäre so viel Gewalt anzutun. 

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Schutzengel

„Sicherheit am, im und auf dem Wasser“, so lautet der Arbeitstitel einer kleinen Artikelserie für swissmom, an welcher ich derzeit gerade arbeite und weil ich nicht irgend etwas schreiben will, verbrachte ich den Grossteil des heutigen Nachmittags mit Recherchen zum Thema. Ich las quer durch eine Studie, schaute mir die Videos von Präventionskampagnen an, sammelte Fakten und studierte Grafiken. Weil ich den Lesern aber nicht bloss frei interpretierbare Satzbausteine liefern will, versetzte ich mich auch zurück in die Zeit, als unsere heute schon ziemlich Grossen noch ganz klein waren und ich mindestens fünf Paar Augen, zehn Hände, acht Füsse und vor allem Superkräfte gebraucht hätte, um alle so zu überwachen, wie es die Sicherheitsexperten zu Recht fordern. Ich versuchte, mir die grössten Herausforderungen von damals in Erinnerung zu rufen, damit ich nicht einfach schreibe, was man überall lesen kann, sondern auch auf die Hürden hinweise, die es einem im Mütter- und Väteralltag erschweren, so zu handeln, wie es eigentlich richtig wäre. Und plötzlich waren sie wieder da, die Erinnerungen an jene Situationen, in denen dir der Atem stockt und du nur noch handeln, nicht mehr denken kannst. 

Der Augenblick zum Beispiel, als der Zoowärter plötzlich mit dem Gesicht nach unten im Pool von Freunden trieb. Wir waren vier Erwachsene, die mit Blick auf die Kinder am Rand des Pools sassen, jeder von uns allzeit bereit, hochzuspringen. Und doch hatte es der damals noch ziemlich Kleine fertig gebracht, von uns allen unbemerkt in den Pool zu fallen. 

Oder der heisse Nachmittag in der Toscana, an dem sich die noch sehr kleine Luise entgegen aller elterlichen Ermahnungen trotzig der Schwimmflügel entledigte und auf der Treppe des Schwimmbeckens diesen einen Schritt zu viel machte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis „Meiner“ bei ihr war, obschon nur ein paar Schritte zwischen ihm und ihr lagen. 

Nicht nur ans Wasser erinnerte ich mich, auch der Abend, an dem wir aus unerfindlichen Gründen vergessen hatten, das Fenster im Wohnzimmer zu schliessen, ehe wir uns zum Abendessen an den Tisch setzten. Noch nie zuvor hatten wir es vergessen und ausgerechnet an diesem Abend kletterte Luise, damals knapp 18 Monate alt, aus dem Hochstuhl und ging aus dem Zimmer. Plötzlich wurde „Meiner“ unruhig, begab sich ins Nebenzimmer, gerade noch rechtzeitig, um Luise daran zu hindern, auch noch mit dem zweiten Bein über das Fensterbrett zu steigen. 

Vom Nachdenken über dieses Erlebnis war es nicht mehr weit bis zur Erinnerung, die mich heute noch erblassen lässt. Wir verbrachten eine Woche mit einer Schulklasse von „Meinem“ in einem Gruppenferienhaus. Gegenüber gab es irgend einen Betrieb, zu dem mehrmals am Tag Lastwagen gefahren kamen. Ich war mit Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der damals noch auf allen Vieren unterwegs war, in der Küche und wähnte uns alle in Sicherheit, denn ich glaubte, ich hätte wie immer die schwere Eingangstüre abgeschlossen, damit die zwei Racker nicht entwischen konnten. Irgendwann verliessen die beiden die Küche, um im Aufenthaltsraum zu spielen. Dann wurde es auf einmal verdächtig still, ein klares Zeichen, dass etwas nicht mehr stimmte. Im Haus waren sie nicht mehr zu finden, dafür stand die vermeintlich geschlossene Eingangstüre einen Spalt breit offen. Panisch rannte ich nach draussen, wo ich die zwei Ausreisser fand, einen knappen halben Meter neben ihnen ein Lastwagen, der am Wenden war. Fragt mich nicht, woher er kam, aber plötzlich war da ein Mann, der die beiden Kinder zu mir brachte. Kein Wort sagte er, er sah mich nur sehr eindringlich an, dann verschwand er wieder und liess mich mit weichen Knien und zwei erstaunten Kindern zurück. 

Noch heute bleibt mir beinahe das Herz stehen, wenn ich daran denke, wie diese Geschichten hätten enden können. Wenn ich jetzt darüber schreibe, was wir Eltern zur Sicherheit unserer Kinder alles beachten müssen, wird mir bewusst, dass all die Vorsichtsmassnahmen zwar wichtig sind, aber bei Weitem nicht reichen. Ohne Schutzengel – oder wie immer man das auch nennen mag – haben wir keine Chance, unsere Kinder zu beschützen. 

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Danke, meine drei Lieben

Nur ungern gebe ich es zu, aber es ist halt doch so: Das ewige Theater ums Tischdecken, das Genöle, wenn etwas nicht schmeckt, der Zoff, weil nicht mal die grundlegendsten Tischregeln ohne Widerstand eingehalten werden, das tägliche Müssen – all dies hat meiner Kochleidenschaft ganz schön zugesetzt. Klar, gutes und gesundes Essen sind mir noch immer wichtig, ich rühre weiterhin mit ziemlich viel Freude im Kochtopf, natürlich kommt immer wieder mal etwas Neues auf den Tisch und wenn ich Zeit habe, mag ich es auch richtig kompliziert und aufwendig.

Dennoch seufze ich zuweilen tief, wenn die Mittagszeit naht. Immer wieder muss ich die Ausgehungerten davon abhalten, sich über den Vorratsschrank herzumachen, währenddem ich dem Essen den letzten Schliff verpasse. Immer wieder findet mindestens einer, es wäre besser gewesen, ich hätte etwas anderes gekocht. Und wenn ich ausnahmsweise mal den Geschmack aller getroffen habe, entbrennt der erbitterte Kampf um die letzten kostbaren Bissen. Deshalb überkommen mich zuweilen die Zweifel, ob das, was ich für so wichtig halte im Familienleben, auch wirklich geschätzt wird von denen, die ich am meisten liebe. 

Doch dann, wenn die Zweifel am allerschlimmsten sind, geschieht dies:

Das Prinzchen kommt nach Hause, wirft einen Blick in die Pfanne, fragt, was es sei und sagt: „Das esse ich!“ Wenige Augenblicke später steht der FeuerwehrRitterRömerPirat mit bettelndem Blick neben mir: „Darf ich bitte jetzt schon probieren? Das sieht so unglaublich gut aus und ich bin sooooo hungrig.“ Währenddem ich noch darüber nachsinne, ob sich unsere beiden heikelsten Esser bewusst sind, dass sie soeben meine Mittagszeit gerettet haben, stürmt der Zoowärter in die Küche: „Mama, bei unserem Haus riecht man immer schon auf der Strasse, dass du am Kochen bist. Das ist so schön.“

Es lohnt sich eben doch…

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Ewiggestrig

Irgendwie hinke ich einfach meiner Zeit hintendrein. Nicht unbedingt im technischen Bereich, denn dort bin ich mehr oder weniger auf dem Stand, auf dem fast vierzigjährige Nicht-Nerds derzeit sind. In Sachen Mode mache ich zwar nicht jeden Trend mit, meine Garderobe unterscheidet sich aber nicht gross von derjenigen der anderen links-grün-kulturell-etc. Angehauchten. Auch in den Dingen, mit denen ich meine Tage fülle – Familie, Arbeit, Haushalt, Garten, Haustiere, Medienkonsum – unterscheide ich mich wenig von meinen gleichaltrigen Zeitgenossen. Ich gehöre also nicht zu den Ewiggestrigen und doch gelingt es mir einfach nicht mehr, mit dem Lauf der Zeit mitzuhalten.

Als im vergangenen Herbst die Blätter zu fallen begannen, war ich innerlich gerade in der Badesaison angekommen, als die ersten Weihnachtsdekorationen in den Läden auftauchten, wähnte ich mich im Hochsommer, als es Zeit wurde, den Samichlaus-Besuch zu organisieren, war mir eher nach Tomatenernte zumute. Weder saisonales Backen noch das Singen von Weihnachtsliedern halfen, ich blieb irgendwo im Spätherbst stecken und seither bin ich nicht viel weiter gekommen. Okay, inzwischen habe ich begriffen, dass ein neues Jahr begonnen hat, aber in meinem Kopf ist noch immer Januar. Daran vermag weder das frühlingshafte Wetter noch der Beginn der Gartensaison etwas zu ändern.

Der Kalender sagt, dass demnächst die Steuererklärung fällig ist, ich aber staune wie ein kleines Kind, wenn mir meine Auftraggeber „schon so früh“ die dafür erforderlichen Lohnausweise zukommen lassen. Die Kinder bringen Anmeldezettel für Instrumental- und Religionsunterricht für das nächste Schuljahr nach Hause, währenddem ich noch immer jedem, der es hören will, erzähle, der Zoowärter sei eben erst in die Schule gekommen und das Prinzchen in den Kindergarten. Noch erkläre ich dem Prinzchen, er müsse sich noch etwas gedulden, bis der Frühling wirklich da sei, dabei müsste ich mich schon längst auf den astronomischen Frühlingsbeginn und damit auf Luises Geburtstag vorbereiten.

Wenn das so weitergeht, verpasse ich noch meinen eigenen runden Geburtstag im Herbst. Wobei, vielleicht ist ja gerade dies der Grund für meine Rückständigkeit: Ich habe schlicht und einfach keine Lust, alt zu werden. 

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Immer auf Achse

Allmählich wird es Zeit, dem Jungen den Ausgang einzuschränken. Kommt mittags nach Hause, knallt seine Sachen in eine Ecke, schlingt sein Mittagessen herunter und verschwindet bei der ersten Gelegenheit zu seinem besten Freund. Stundenlang bleibt er weg und kommt erst nach unzähligen Ermahnungen wieder nach Hause. Samstags Übernachtung beim Cousin, heute gleich weiter auf einen Familienausflug mit dem besten Freund, Rückkehr erst nach dem Eindunkeln und dann gleich völlig übermüdet ab ins Bett.

So kann das doch nicht weitergehen. Bloss weil er jetzt schon fünf ist, heisst das doch noch lange nicht, dass das Prinzchen kommen und gehen kann, wie ihm beliebt.

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Gefunden

Geige wolle er spielen, verkündete der Zoowärter, als er das Heftchen mit der Anmeldung für den Instrumentalunterricht nach Hause brachte. Ob er sich dessen ganz sicher sei, fragte ich und zwar nicht, weil ich etwas gegen die Geige einzuwenden hätte. Im Gegenteil, ich liebe den Klang dieses Instruments und die Behauptung, das würde ja so schrecklich quietschen, mag ich nicht mehr hören. Gewöhnlich quietscht es nur am Anfang und diejenigen, die mit Quietschen nicht aufhören können, hören bald einmal mit dem Geigenspiel auf.

Grundsätzlich könnte ich also mit Zoowärters Wunsch ganz gut leben. Die Sache ist nur die, dass wir mit Karlsson bereits einen ganz passablen Geiger in der Familie haben und wenn kleine Geschwister wollen, was der Grosse tut, läuten bei mir die Alarmglocken. Ich war ja selber lange genug die kleine Schwester, die glaubte, wollen zu müssen, was die Grossen machten und es dauerte ziemlich lange, bis ich erkannte, dass ich wollen sollte, was mir in die Wiege gelegt worden ist und nicht das, was die anderen gut können. Darum rang ich dem Zoowärter das Versprechen ab, dass er den anderen Instrumenten zumindest eine kleine Chance geben würde, wenn wir zum Probespielen gehen würden. Zähneknirschend willigte er ein, aber erst, nach einem trotzigen „Ich will aber Geige spielen und sonst nichts.“

Geige spielen wollte er auch noch, nachdem er heute das Instrument endlich in den Händen gehalten und ihm unter grossen Mühen ein paar Töne entlockt hatte. Er wollte es auch noch, nachdem er sich mit dem Schwyzerörgeli abgemüht hatte. Was mich offen gestanden beruhigte, denn auch wenn mir bewusst ist, dass man mit dem Ding ganz tolle Sachen anstellen kann, so bin ich mir doch nicht sicher, ob ich die Nerven für all den Ländler hätte, den ein Kind spielen muss, bis es endlich gut genug spielt, um etwas für meine Ohren Anständiges vortragen zu können. Auch die Blockflöte vermochte Zoowärters Meinung nicht zu ändern, was wohl gut ist, denn vor ihm habe ich noch keinen gekannt, dem bei den ersten zaghaften Flötentönen schwindlig wurde.

Nach dem zweiten Besuch bei der Geige begann ich mich mit dem Gedanken anzufreunden, einen zweiten Geigenspieler in der Familie zu haben, doch ganz glücklich war ich mit der Sache nicht, denn weder beim ersten noch beim zweiten Versuch hatte ich etwas von dieser Begeisterung gespürt, die ein Kind überkommt, wenn es sein Instrument gefunden hat. „Wollen wir nicht noch zum Cello gehen?“, fragte ich deshalb. „Okay, aber ich will Geige spielen“, gab der Zoowärter zur Antwort.

Bei der Cellolehrerin herrschte gerade ziemlich grosser Andrang und so mussten wir eine ganze Weile warten. Ob wir vielleicht doch lieber nach Hause gehen sollten? Das Kind hatte seine Wahl ja getroffen und vielleicht gibt es nicht bei allen diesen magischen „Das ist es!“-Moment. Wir blieben, der Zoowärter kam irgendwann doch noch an die Reihe, die Lehrerin zeigte ihm, was er zu tun hatte, er spielte die ersten Töne und dann geschah das, worauf ich den ganzen Morgen vergeblich gewartet hatte: Die bis dahin angespannten Muskeln entspannten sich, der Blick wirkte nahezu verklärt, das zuvor unruhige Kind wurde andächtig. „Bitte, lass es ihn auch spüren“, schickte ich ein Stossgebet zum Himmel.

Ob es ihm gefallen habe, fragte ich den Zoowärter, als wir wieder draussen waren. Ja, sehr, aber er wolle immer noch Geige spielen, antwortete er. „Weshalb denn?“, wollte ich wissen. Sein Brustbein hätte ihm beim Spielen etwas weh getan, erklärte er mir. Er würde ein kleineres Instrument bekommen, nicht so ein grosses, wie das, mit dem er gerade gespielt habe. Da würde dann auch nichts gegen sein Brustbein drücken. Ein Strahlen breitete sich auf Zoowärters Gesicht aus. „Dann will ich Cello spielen.“ Ob er sich ganz sicher sei, fragte ich, oder ob er das nur wolle, weil ich es schön fände. Nein, er wolle das ganz bestimmt, versicherte er mir.

Wir könnten auch noch einmal zur Geige zurückgehen, schlug ich vor, doch das wollte er nicht. Einzig zu einem zweiten Besuch beim Cello liess er sich noch überreden, dann musste er unbedingt nach Hause, um den anderen von seiner neuen grossen Liebe zu erzählen. Das Cello habe ihn gefangen genommen, erzählte er auf dem Heimweg, sein ganzer Körper habe gespielt, alles, bis in die Fingerspitzen. So stark sei das Instrument, sagte er. So zart, sagte ich. So lustig, ergänzte er. „So wie du“, sagte ich und er strahlte.

Kaum etwas in meinem Leben als Mutter berührt mich so sehr, wie wenn ein Musikinstrument eines meiner Kinder findet und sein Herz im Sturm erobert.

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Freitagabendessen

„Im Orient dürfen sie manchmal den ganzen Tag gar nichts essen. Erst wenn die Sonne untergegangen ist, dürfen sie essen und dann essen sie ganz viel. Das heisst dann Ramadan…“, erzählt das Prinzchen. „Wie der Schulkamerad von…von wem schon wieder?“, sagt Luise.

Auf der anderen Seite versucht sich derweilen der FeuerwehrRitterRömerPirat im Schutze des Tulpenstrausses verbotenerweise ein abendliches Glas Pepsi Max einzuschenken, doch der grosse Bruder ist wachsam. „Gib sofort das Glas her“, fordert er, doch der kleine Bruder fühlt sich nicht dazu verpflichtet, Karlsson Folge zu leisten. Es entbrennt ein wilder Kampf ums halb volle Glas, die Mama malt sich schon aus, wie sie die Scherben wieder aus der einen oder der anderen Hand entfernen soll. Die väterlichen Warnrufe bleiben ungehört.

„Dann ruft der Muezzin und die Leute legen sich auf den Boden, um zu beten – so.“ Das Prinzchen wirft sich in einer perfekten Muslim-Imitation auf den Fussboden, Luise schaut bewundernd zu und fragt sich, weshalb der Kleine das Wort „Muezzin“ kennt, sie hingegen nicht. 

Der Kampf ums Glas ist zu Ende, Karlsson hat gesiegt und der FeuerwehrRitterRömerPirat ist rasend vor Wut, schnappt sich die offene Pepsi-Flasche und schüttelt sie. Der Tisch wird nass, Karlssons Pulli und Zoowärters Füsse ebenso, auch das Fenster bekommt Spritzer ab, was „Meinen“ zur Bemerkung veranlasst, zum Glück hätte er heute keine Zeit gefunden, das Fenster zu putzen. Karlsson setzt derweilen seine Fäuste ein, die zwei Pepsi-Kämpfer müssen den Tisch vorübergehend verlassen. 

„Ich hab jetzt auch schon meinen Turban angefangen und wir lernen eine Aladdin-Lied. Ich hab‘ der Lehrerin gesagt, dass ich das Aladdin-Theater gesehen habe…“

Der Zoowärter stellt fest, dass seine Socken so sehr mit Pepsi getränkt sind, dass er feuchte Fussspuren hinterlassen kann, Karlsson wird dazu verknurrt, sich für die Fausthiebe zu entschuldigen, der FeuerwehrRitterRömerPirat heult, weil er die Kampfspuren aufputzen muss, wo er doch gar nichts dafür kann, dass es in diesem miesen Schuppen nach 16 Uhr für Minderjährige keine koffeinhaltigen Getränke mehr gibt. 

Mama versucht Luise zu erklären, dass es völlig okay sei, wenn das Prinzchen im Zusammenhang mit 1001 Nacht auch etwas kulturelles Wissen zum Leben in islamischen Ländern bekomme. Dann versucht sie, ihre Liebsten davon zu überzeugen, vom Apfel-French-Toast mit Ahornsirup zu probieren, auch wenn die Bäuche schon mit Corn-Dogs vollgestopft sind. Keiner hört zu, denn die einen möchten mehr über das Leben im Orient erfahren, die anderen rekonstruieren den Hergang des Pepsi-Kampfs und il Cugino versucht verzweifelt, aus dem ganzen Schweizerdeutschen Gequatsche herauszuhören, ob von ihm heute Abend noch eine Kissenschlacht erwartet wird, oder ob er auf eine geruhsamere Art und Weise verdauen darf. 

Wie? Ihr findet meinen Text heute ein wenig chaotisch und unzusammenhängend? Na ja, ihr könnt doch nicht erwarten, dass wir ein Drehbuch verfassen, ehe wir uns zu Tisch setzen. 

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