Troubleshooter-Mama

Wenn es ums Aufwachen und Aufstehen geht, ist Troubleshooter-Mama noch immer auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen, dann aber schlüpft sie in ihr unsichtbares Superwoman-Kostüm und macht sich auf, den Widrigkeiten des Tages den Kampf anzusagen. Die erste Widrigkeit des heutigen Tages: Eine zerbrochene Schale. Genauer gesagt: Eine vormals mit Reibkäse gefüllte zerbrochene Schale. Noch genauer gesagt: Eine vormals mit Reibkäse gefüllte zerbrochene Schale, die aussen mit roten Herzen verziert war und die Luise „Meinem“ zum fünfunddreissigsten Geburtstag geschenkt hatte und die Karlsson, als er sein Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen wollte, zu Boden fallen liess, weil sie im Wege stand, weil Troubleshooter-Mama gestern Abend zu später Stunde zu faul gewesen war, die Schale an einem sicheren Ort unterzubringen.

Alles klar? Nicht? Macht nichts. Es ist ja auch nicht eure Aufgabe, den heulenden Karlsson – „Papa wird so enttäuscht sein! Ich bin so uuuhhhuuungeehhhhschiiihhhhckt!“ – und die tieftraurige Luise – „Die Schale habe ich Papa zum Geburtstag geschenkt! Ich werde ihm nie mehr so eine schöne Schale schenken können!“ – zu beruhigen. Das ist ein Job für Troubleshooter-Mama und der geht so: Karlsson und Luise heulen, machen sich schlimme Vorwürfe und geraten einander schliesslich fast in die Haare, aber nur fast, denn jetzt greift Troubleshooter-Mama ein und nimmt alle Schuld auf sich: „Ich war ja so blöd, die Schale am falschen Ort hinzustellen, also bin ich Schuld.“ Karlsson will etwas einwenden, aber Troubleshooter-Mama kommt ihm zuvor: „Nein Karlsson, du bist nicht zu ungeschickt, ich habe den Fehler gemacht. Luise, wir werden für Papa eine neue Schale kaufen. Und ich bezahle, denn es war ja meine Schuld. Und ich werde auch mit Papa reden, denn es war ja nicht euer Fehler…“

Problem Nummer eins ist kaum gelöst, da steht schon Problem Nummer zwei an: Ein nicht mehr eingefasstes Zahlenbuch, das Karlsson unbedingt noch heute Morgen einfassen will, weil sonst die Lehrerin so böse wird. Aber Troubleshooter-Mama weigert sich, das Buch jetzt auf der Stelle einzufassen, denn a) sie hat gar kein geeignetes Papier im Haus, b) sie hat keine Geduld dazu, denn Karlsson wird das Buch selber einfassen wollen und danach doch nicht ohne Mamas Hilfe auskommen und c) sie hat jetzt keine Zeit dazu, denn Probleme Nummer drei, vier und fünf warten schon darauf, gelöst zu werden. Während Troubleshooter-Mama sich Problem Nummer 3 annimmt, – Luise kann die seit Wochen vermissten Bibliotheksbücher nicht mehr finden und ist deshalb in Tränen aufgelöst – heult sich Karlsson fast die Seele aus dem Leib, weil er Angst hat vor dem Zorn der Lehrerin. Warum bloss hat das Kind Angst vor dem Zorn der Lehrerin, lebt er doch immerhin seit mehr als neun Jahren mit einer emotional ziemlich wechselhaft veranlagten Mama?

Troubleshooter-Mama gerät ob der beiden zusammentreffenden Probleme beinahe ins Strudeln, besinnt sich dann aber auf ihr Allheilmittel in schwierigen Situationen: Sie greift zu Stift und Papier. Ein Briefchen für Luises Lehrerin, in dem steht, dass die Bücher nicht mehr auffindbar sind und deshalb von Vendittis ersetzt werden, ein Briefchen für Karlssons Lehrerin, in dem steht,  dass gestern zu später Stunde der Einband des Zahlenbuches kaputt gegangen sei und dass dieser Fehler selbstverständlich übers Wochenende behoben werde. Beide Briefchen mit „Besten Dank für Ihr Verständnis“ abgeschlossen und auf zu Problem Nummer vier, das da heisst „FeuerwehrRitterRömerPirat davon überzeugen, dass er noch keine Kindergartendispens erhalten hat – und diese auch nie erhalten wird – und dass er deshalb in die Kleider schlüpfen soll und zwar schnell, weil sonst all der Kuchen, den heute zwei Geburtstagskinder mitbringen werden, ohne ihn aufgegessen wird.“

Danach muss sich Troubleshooter-Mama nur noch um ein paar kleinere Problemchen kümmern: Luise trösten, die heult, weil Karlsson und sein Freund ohne sie abgezogen sind, dem Prinzchen die laufende Nase putzen, obschon sie ihm wehtut, weil sie vor ein paar Tagen eine unangenehme Begegnung mit einer Schaukel hatte, dem Au-Pair einen Glassplitter aus dem Finger entfernen und sie beruhigen, dass ihre Angst, dass der nicht mehr vorhandene Splitter in die Blutbahn geschwemmt und in ihre Herzaorta geraten und ihren Tod verursachen könnte, völlig unbegründet sei.

Dann wird es ruhiger und Troubleshooter-Mama darf sich endlich ins Büro zurückziehen, wo ein ganzer Berg Arbeit auf sie wartet. Aber der Berg Arbeit muss leider noch etwas länger warten, denn Troubleshooter-Mama muss sich mal ernsthafte Gedanken machen darüber, ob es pädagogisch sinnvoll sei, den Kindern immer und immer wieder aus der Patsche zu helfen.

Es wird alles noch viel lustiger

Das Prinzchen kann jetzt nämlich nicht bloss au dem Bett klettern – inzwischen gar ohne die Hilfe seines Riesenbären -, er hat jetzt auch herausgefunden, wie man den Trip Trap zweckentfremdet, um zum Wasserhahn zu gelangen. Und zur Herdplatte. Und zum Fenstergriff. Weil das alles noch nicht spannend genug ist, versucht unser Jüngster mit ziemlich beachtlichem Erfolg, frisch angezogen in die volle Badewanne zu klettern, wenn der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat ein Bad nehmen. Als jüngstes Kind hat der Kleine natürlich auch noch einen besonders starken Drang, die Eltern mit unerwarteten Fähigkeiten zu überraschen – ich rede da aus eigener Erfahrung – und deshalb bringt es unser Prinzchen schon im zarten Alter von 18 Monaten fertig, eine geschlagene halbe Stunde zu toben, wenn die böse Mama ihm den Zutritt zum Badezimmer und damit zur vollen Badewanne verwehrt. Wenn er dann voller Zorn seinen Nuggi (Für meine Leser aus Deutschland: Das ist das Ding, das man den Babys in den Mund stopft, damit sie aufhören zu brüllen) in die Ecke schmeisst und mit den Füssen stampft, dann sehe ich dass das Trotzalter im Anzug ist. Jetzt schon.

Oh ja, das Prinzchen zieht alle Register, um zu verhindern, dass mir langweilig wird. Er denkt sich wohl, dass ich mit meinem letzten Baby noch einmal so richtig viel Spass haben soll. Oder vielleicht hat er ja neulich mein sentimentales Gesülze gelesen und will jetzt mit allen Mitteln verhindern, dass ihm eines Tages ein kleines schreiendes Bündel den Platz streitig macht.

N-E-I-N

Mama Venditti dreht mal wieder im roten Bereich. Termine beim Kinderarzt, Elterngespräche, Konzepte verfassen, Kindern zeigen, wie sehr man sie liebt, weiterbilden, Newsletter schreiben, gute Ehefrau sein, vollwertig kochen, Wäscheberge abtragen, Vorsprechen bei Parteien und Gemeinderat, Freundschaften pflegen, Buchprojekt vorantreiben, Kindern zeigen, wie zermürbend es ist, wenn sie nicht gehorchen wollen, Hüpfburg organisieren, Mails beantworten… und der Tag hat noch immer bloss 24 Stunden. Was zur Folge hat, dass es nicht ganz ohne Getöse abgeht, wenn Mama Venditti einen der Bälle fallenlässt, mit denen sie tagtäglich jongliert. Was wiederum zur Folge hat, dass Personen, die Mama Vendittis Zusammenbruch vor zwei Jahren miterlebt haben, schüchtern fragen: „Hast du nicht gesagt, du würdest jetzt kürzer treten?“

Wenn Mama Venditti mit solchen Fragen konfrontiert wird, dann geht sie in sich, und zwar ganz tief. „Genügt es, wenn ich nur noch die Dinge tue, die ich mit Leidenschaft tun kann?“, fragt sie sich zum Beispiel. „Oder zehrt am Ende die Leidenschaft ebenso sehr an den Kräften, wie das halbherzige Durchbeissen?“ Sie forscht nach, ob sie sich selbst belügt, wenn sie behauptet, sie würde sich jetzt mehr Zeit zur Erholung nehmen. Sie überlegt, ob sie tatsächlich mehr Zeit zum Schreiben findet, oder ob die neuen Verpflichtungen schon Überhand gewonnen haben. Und das alles mündet in der überlebenswichtigen Frage: „Bin ich noch auf gutem Wege, oder bin ich schon wieder dabei, den Weg für einen nächsten Zusammenbruch zu bahnen?“

Manchmal zweifelt Mama Venditti, ob sie es schaffen wird, ob sie stark genug ist, die Aufgaben zu meistern. Doch dann fällt ihr wieder ein, dass sie ein neues Wort gelernt hat, ein Wort mit nur vier Buchstaben, aber mit einer unglaublichen Macht. Das Wort heisst N-E-I-N und Mama Venditti versucht, es dann anzuwenden, wenn jemand mit einer Bitte an sie herantritt, die sie nicht erfüllen kann oder nicht erfüllen will. Immer gelingt ihr das natürlich nicht, denn was man ein Leben lang nicht geschafft hat, lernt man nicht von heute auf morgen. Doch immer öfter kommt es vor, dass Mama Venditti nicht sagt: „Lass mich mal sehen. Vielleicht kann ich ja auf meinen freien Abend mit ‚Meinem‘ verzichten…“, sondern dass sie sagt: „Tut mir leid, im Moment bin ich vollkommen ausgelastet. Mit mir kannst du in nächster Zeit nicht rechnen.“ Und sie sagt es nicht nur dann, wenn tatsächlich jeder Abend ausgebucht ist, sondern auch dann, wenn sie nicht auf ihre Freiräume verzichten will. Denn Mama Venditti hat gelernt, dass man im Leben auch Zeit zum Erholen braucht, wenn man überleben will.

Manchmal ist Mama Venditti gar so verwegen, dass sie Nein sagt, wenn der Wäscheberg mit seinen Forderungen an sie tritt, oder der leere Kühlschrank, oder der unaufgeräumte Bürotisch. Aber bitte sagt „Meinem“ nichts davon. Der findet nämlich, bei uns sehe es momentan ziemlich schlimm aus und die Hauptverantwortung im Haushalt trägt leider noch immer Mama Venditti…

Jetzt wird’s lustig

Bis heute um 19:55 Uhr habe ich mich über jedes kleinste Fortschrittchen des Prinzchens gefreut. Das Kerlchen zeigt zum ersten Mal auf eine Tanne und sagt „Bam“. Mama strahlt. Das Kerlchen sieht seine Geschwister Schokolade essen und sagt „i au!“ Mama stopft aus lauter Freude das Kind mit Schokolade voll. Das Kerlchen türmt bei der Kinderärztin Bauklotz auf Bauklotz. Mama kriegt sich fast nicht mehr ein vor lauter Stolz. Ist er nicht ein Genie, unser Jüngster?

Seit heute Abend um 19:55 Uhr aber ist alles anders: Nichts Böses ahnend erzähle ich den Grossen eine Gutenachtgeschichte, währenddem „Meiner“ das Prinzchen zu Bett bringt. Bald wird der Feierabend Einzug halten im Hause Venditti. Hach, wie idyllisch! Plötzlich aber hört man Prinzchenschritte im Korridor und wenige Momente später steht er da mit seinem riesigen Bären im Arm. Wie hat er das bloss geschafft? Immerhin schläft er noch im Gitterbett und aus Gitterbetten entweicht man erst, wenn man älter als zwei ist. Da gibt es bestimmt irgend eine Kinderschutzregelung, die dies vorschreibt. Aber wenn man ein Prinz ist, schert man sich einen Dreck um Vorschriften. Man steigt auf den grossen Bären – Wer war bloss so dumm, ihm diesen zu schenken? – schwingt sich über das Gitter und schon ist man wieder frei.

Ich nehme mal an, dass  „Meiner “ und ich uns den Feierabend für die nächsten fünf Monate streichen können….

Vorsicht! Bissig!

Ob mit mir etwas nicht mehr stimmt? Da träume ich doch neulich von so einer Besserwissermama. Ihr wisst schon, die Frauen, die zu allem und jedem ihren Senf dazu geben müssen. Die Frauen, die vielsagend die Augenbrauen hochziehen, wenn man ihnen vom neuesten Versagen erzählt und bemerken, sie hätten die Situation ganz anders und natürlich viel besser gemeistert. Die Frauen, die man gerne mit versteckter Kamera überwachen möchte, um sie endlich dabei zu erwischen, wie sie ihren Kindern Big Macs und Pommes servieren und selber drei oder vier Bierchen kippen. Kurz: Ich träumte vom Albtraum aller Mütter.

Dieser Albtraum aller Mütter liess mich wissen, dass es doch keine Sache sei, morgens die Kinder ohne Stress, ohne Geschrei und ohne Chaos aus dem Haus zu bringen. Zum Glück habe ich ein paar gute Freundinnen, auf die ich sogar im Traum zählen kann und so sprang eine meiner Freundinnen in die Bresche und liess die Besserwissermama wissen, ich hätte ja immerhin fünf Kinder zu erziehen, während sie nur eines habe. Aber eine echte Besserwissermama lässt sich von solchen Kleinigkeiten nicht beirren und deshalb liess mich wissen, auch mit fünf Kindern sei es möglich, den Tag in Ruhe und Frieden zu starten. Und zwar jeden Tag.

Im realen Leben würde ich wohl eine spitze Bemerkung fallen lassen und der Besserwissermama die kalte Schulter zeigen. Im Traum aber tat ich, was ich wohl schon öfters gerne getan hätte: Ich sprang der Besserwissermama an die Gurgel und biss ihr in den Oberarm. Und zwar so richtig heftig. Wie ein Rottweiler, oder so.

Vielleicht sollte ich diesen Traum mal analysieren lassen…

Es wäre mal wieder Zeit…

„Es wäre mal wieder Zeit“, sagt die Urmutter.

„Zeit wofür?“, fragt Mama Venditti.

„Wofür wohl? Denk mal nach.“

Mama Venditti denkt lange nach. Aber es will ihr einfach nichts in den Sinn kommen.

„Wie kannst du bloss so beschränkt sein. Ist doch klar, wofür es Zeit ist: Für ein neues Baby!“

Ein sehnsüchtiger Seufzer entfährt Mama Venditti: „Ein neues Baby. Das tönt verlockend. So ein süsses kleines Ding, hilflos und doch so stark, dass es mich im Sturm erobert.“

Doch dann landet Mama Venditti wieder auf dem harten Boden der Realität: „Du weisst ganz genau, dass ein neues Baby nicht drinliegt. ‚Meiner‘ und ich haben abgeschlossen damit. Es gibt keins mehr. Fertig. Aus.“

„Jetzt sei doch nicht so! Klar warst du nach jeder Schwangerschaft ein wenig erschöpfter. Klar ist dein Körper nicht mehr so belastbar wie früher. Klar, hast du zuweilen das Gefühl, du könntest nicht all deinen Kinder gerecht werden. Aber was tut das schon zur Sache, wenn man einem neuen, einzigartigen Menschlein das Leben schenken darf? Erinnerst du dich noch an dieses wunderbare Gefühl der ersten Kindsbewegung im Bauch? Weisst du noch, wie wunderbar es war, dein Kind zum ersten Mal im Arm zu halten?“

„Natürlich weiss ich es noch. Aber ich weiss auch noch, wie oft ich nicht mehr schlafen konnte vor lauter Rückenschmerzen. Ich weiss auch noch, wie oft ich geheult habe, wenn ich wieder mal mit einer Brustentzündung flach lag und mich nicht um die Familie kümmern konnte. Ich weiss auch noch, wie unzulänglich ich mich immer wieder gefühlt habe, wenn das Jüngste zu kurz kam, weil ich auch die Grossen nicht vernachlässigen wollte.“

„Ach, das war doch alles gar nicht so schlimm. Du hast das doch ganz gut hingekriegt. Und wenn du bedenkst, wie reich dein Leben durch all die Kinder geworden ist, dann musst du doch sehen, dass eines mehr dich noch unendlich viel reicher machen würde. Stell dir mal vor: So ein winziges, hübsches Mädchen. Vielleicht mit blonden Locken, wie Luise sie einst hatte… Oder ein Mädchen, das ‚Deinem‘ wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Sowas hast du noch nicht. Oder…“

„… oder ein Mädchen mit dunklen Augen und blonden Haaren, so wie das Prinzchen. Oder das Mädchen, von dem ich schon so oft geträumt habe, das Mädchen, das dem FeuerwehrRitterRömerPiraten so sehr gleicht . Oder vielleicht Zwillinge, eins mehr wie Karlsson, das andere mehr wie der Zoowärter…“ Mama Venditti gerät ins Schwärmen.

„Siehst du!“, triumphiert die Urmutter. „Du hast noch längst nicht genug. Ich hab’s ja gewusst: Jetzt, wo das Prinzchen grösser wird, hast du wieder den Mut, dich für ein weiteres Kind zu entscheiden. Der Zeitabstand wäre perfekt.“

„Ja, den Mut hätte ich schon, der Abstand wäre perfekt. Aber es ist dennoch zu spät.“, sagt Mama Venditti und kann die Traurigkeit in ihrer Stimme nicht unterdrücken.

„Zu spät? Warum denn?“, protestiert die Urmutter. „Du bist noch nicht zu alt, Platz habt ihr im Haus…“

„Ja, aber ‚Meiner‘ und ich haben mit dem Kapitel abgeschlossen.“

„Dann such dir eben einen neuen Mann…“, sagt die Urmutter kaltblütig.

Aber das lässt Mama Venditti nicht gelten: „Nein, ein neuer Mann kommt mir nicht ins Haus. Entweder, ‚Meiner‘ ist der Vater, oder ich will kein weiteres Kind. Verstanden?“

Die Urmutter macht sich enttäuscht aus dem Staub und Mama Venditti schaut ihr lange nach. Sie weiss, dass sie nie wieder Mama werden wird, auch wenn die Urmutter Sehnsüchte in ihr wach gerufen hat, die sich nicht leugnen lassen.  Aber Mama Venditti weiss, dass der Lebensabschnitt des Kinderkriegens für sie vorbei ist. Und wie immer, wenn etwas Schönes vorbei ist, lässt man es nicht ohne Wehmut ziehen.

Podestplatz

Ist es ein weibliches Phänomen, oder ein mütterliches? Dieses ewige Ziehen von Vergleichen mit dem Resultat, dass man selber vollkommen flach herauskommt, die andere Frau hingegen als Superwoman? „Wie du das alles schaffst. Ich würde das nie hinkriegen!“ „Für dich ist das alles ja kein Problem, aber ich komme einfach nicht klar damit.“ „Ich bewundere dich: Bei dir ist immer alles tadellos aber bei mir herrscht das absolute Chaos.“ Vielleicht irre ich mich ja, aber wenn Männer sich unterhalten, höre ich solche Sätze nie, wenn Frauen miteinander reden aber immer mal wieder. In unzähligen Variationen zwar, aber stets mit dem gleichen Effekt: Die andere Frau steht auf dem Podest, man selber liegt im Staub und schämt sich seiner Unvollkommenheit.

Natürlich aber will die andere Frau gar nicht auf dem Podest stehen, denn sie selber ist sich ihrer eigenen Unvollkommenheit mehr bewusst, als ihr lieb ist. Und darum beginnt sie, ganz offen von ihren Schwächen zu erzählen. Doch ob sie nun erzählt, sie blicke auch jeden Morgen voller Entsetzen ihrem zerknitterten Spiegelbild entgegen, oder ob sie in den buntesten Ausschmückungen ihr letztes Totalversagen als Mama schildert, oder ob sie gesteht, dass sie sich zuweilen so sehr hasst, dass sie sich selber in die Wüste schicken möchte, man glaubt ihr nicht. Sich selber traut Frau jedes Versagen, jeden Makel zu, aber die andere, die ist doch perfekt, die macht ganz bestimmt nichts falsch. Die erzählt bestimmt nur von ihren Problemen, damit ich mich nicht so minderwertig fühle und nicht, weil tatsächlich nicht alles so rosig ist, wie es aus der Ferne betrachtet aussieht.

Und so sehen wir Frauen- oder vielleicht nur wir Mütter? – unser Umfeld bevölkert mit lauter Statuen von makelloser Schönheit und absoluter Perfektion. Wir denken, dass sie alle voller Abscheu auf uns hinabsehen, auf uns, die wir es einfach nicht so hinkriegen, wie wir sollten. Obschon wir in den Augen der anderen wohl ebenso auf einem Podest erscheinen, wie sie in unseren, fühlen wir uns winzig klein und unbedeutend. Nur hin und wieder wachen wir auf, nämlich dann, wenn eine der vermeintlich so Starken und Fehlerlosen vom Podest stürzt und mit viel Getöse zerbricht. Dann reiben wir uns erstaunt die Augen und sagen: „Aber sie war doch so perfekt. Ich hätte nie gedacht, dass ihr so etwas passieren könnte.“

Wie? Das hätte man nie denken können? Aber klar hätte man: Wenn man genauer hingehört hätte und nicht vor lauter Selbstzweifeln überhört hätte, dass die andere nicht nur sagt, sie sei nicht perfekt, sondern dass sie es tatsächlich nicht ist.

Weil eben keine von uns perfekt ist.

Arme kleine Jungs!

Vor drei, vier Monaten noch galt der Zoowärter als drolliges kleines Kerlchen, das sich so charmant verhaspelte beim Reden und das mit seinem schelmischen Lächeln jeden für sich einnehmen konnte. Wo immer er hinkam bekam man zu hören, wie süss der Kleine doch sei, wie liebenswert, wie einmalig.

Dann aber passierte etwas: Der Zoowärter entdeckte den Kämpfer in sich und schwupps, war es vorbei mit drollig. Ein Junge, der bedrohlich Holzkellen schwingt und dazu brüllt, als ei er ein wild gewordener Löwe, geht nicht mehr als herzig durch. Ein Junge, der mal Ritter, mal böser Römer, mal angriffslustiger Wikinger ist, passt nicht ins Schema von „ach, wie süss!“. Wenn dann hin und wieder noch sein Kampfesgeist mit ihm durchgeht und er vergisst, dass die Putzfrau weder sein Feind noch die Holzkelle eine Waffe ist, dann ist fertig lustig. Dann muss man als Mama aufpassen, dass das eben noch kleine süsse Kerlchen als unmöglicher, schwer erziehbarer Bengel beschimpft wird. Das charmante Verhaspeln und das schelmische Lächeln sind zwar noch immer da, aber keiner nimmt es mehr wahr.

Wäre der Zoowärter mein erster Junge, ich wäre jetzt am Boden zerstört. Weil ich aber die gleiche Entwicklung schon bei Karlsson und beim FeuerwehrRitterRömerPiraten durchgemacht habe, bin ich einfach nur traurig. Denn warum, so frage ich mich, applaudiert man kräftig, wenn ein Mädchen die Tänzerin, die Reiterin oder die Coiffeuse in sich entdeckt, wenn aber ein Junge den Kämpfer in sich entdeckt, wendet man sich angewidert von ihm ab? Arme kleine Jungs! Ihnen bleibt so wenig Zeit, in der sie gehätschelt werden.

Mein Muttertag

So ein Velo ist einfach eine grossartige Sache: Die Bäckerei, die vorher zu weit für einen Fussmarsch aber zu nahe für eine Autofahrt war, liegt jetzt in perfekter Distanz. Der Park, der so schön, aber leider auch so fern ist, wenn man mit zwei Kleinkindern mal kurz dorthin gehen will, ist jetzt in wenigen Minuten erreicht. Die Fahrt in die Migros, um schnell etwas zu besorgen, was man vergessen hat, muss nun nicht mehr weit im Voraus geplant werden, weil man ganz bestimmt wieder zurück ist, bis die Kinder von der Schule nach Hause kommen. Ja, mein Leben ist definitiv einfacher geworden, seitdem ich wieder zweirädrig unterwegs sein kann.

Doch wie immer, wenn Mama Venditti einen neuen Spleen hat, neigt sie zu Übermut. Dann will sie beweisen, wie eigenständig, stark und frei sie ist und so war es absehbar, dass ich mir heute Morgen das Velo samt Anhänger schnappen würde, um mit dem Prinzchen und dem Zoowärter zur Kirche zu fahren, während der Rest der Familie das Auto nahm. Ist ja ein Klacks, schlappe viereinhalb Kilometer und alles mehr oder weniger geradeaus. Wäre ja gelacht, wenn ich das nicht schaffen würde. Immerhin bin ich früher täglich mit dem Fahrrad von A nach B gefahren. Was ich bei solchen Unternehmungen leider jeweils vergesse: Ich bin in den letzten Jahren nicht jünger geworden. Was eine Siebzehnjährige, die drei Stunden pro Woche Sport machen muss, mit Leichtigkeit schafft, ist für eine Fünfunddreissigjährige mit ein paar Kilos zu viel auf den Rippen nicht mehr ganz so einfach. Und einen Anhänger mit zwei lebhaften Kleinkindern zieht eine Siebzehnjährige auch eher selten durch die Gegend, eine Fünfunddreissigjährige aber eher oft.

Und so kam es, dass ich mich am frühen Muttertagmorgen abstrampelte und mich darüber wunderte, wie viele heimtückische Steigungen die ach so gerade Strasse aufweist, wenn man sie mit eigener Kraft zu bewältigen versucht. Im Auto waren mir diese noch gar nie aufgefallen. Für den besonderen Kick sorgte der Zoowärter, als er mich mitten auf dem Weg fragte: „Mama, kann man diese Schere zum Haareschneiden brauchen?“ Schere? Was für eine Schere? Und Haareschneiden? Doch nicht etwa die blonden Engelslocken des Prinzchens! Ja, Mama Venditti war mal wieder unterwegs, mit Kind, Handtasche und Schere. Es frage mich keiner, wie diese Schere in den Anhänger gekommen ist. Ich weiss von nichts.

Nun, irgendwie haben wir es in die Kirche geschafft und ich habe sogar fast die ganze Predigt mitbekommen, obschon ich mir die ganze Zeit über den Kopf zerbrach, wo ein weniger anstrengender Heimweg durchführen könnte. Ich fand einen, einen wunderbar romantischen der Aare entlang. Und es wäre wirklich alles bestens gegangen, hätte nicht „Meiner“ flugs das Prinzchen gegen den FeuerwehrRitterRömerPiraten ausgetauscht. Nun ist der FeuerwehrRitterRömerPirat zwar spindeldürr, aber dennoch um einiges schwerer als sein jüngster Bruder. Und so kam es, dass ich den Heimweg zwar ohne Steigungen, dafür aber mit einem unglaublich schweren Anhänger, der durch die ewigen Rangeleien zwischen dem Zoowärter und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht leichter wurde, unter die Räder nahm. Aber was tut Mama Venditti, wenn sie überfordert ist? Sie sorgt ganz beiläufig und ohne Absicht dafür, dass die Kette rausfällt und weil gerade Muttertag ist, spielt sie das hilflose Weibchen und ruft „Ihren“ an, um ihn anzuflehen, doch bittebittebitte die beiden Jungen mit dem Auto zu holen, weil sie unmöglich mit diesem schweren Anhänger zu Fuss nach Hause gehen kann. Ja, und dann kam „Meiner“ in seinem glänzenden hellblauen Auto angeritten, packte die Jungs auf den Hintersitz und machte das Velo wieder fahrtüchtig.

Manchmal muss ich dem lieben Mann doch einfach die Gelegenheit bieten, den heldenhaften Ritter zu spielen….

Verunsichert

Wenn ich sehe, wie oft die Leute bei beautifulvenditti landen, weil sie sich eine Antwort auf die Frage „Braucht mein Kind ein eigenes Zimmer?“ erhoffen, dann stimmt mich das nachdenklich. Irgendwo, in den unendlichen Weiten des Internets erhofft man sich eine Antwort auf die Frage, die man eigentlich nur beantworten kann, wenn man den Charakter der eigenen Kinder, den Grundriss der Wohnung und das monatliche Budget anschaut. Warum, so frage ich mich jeweils, sind wir Eltern so verunsichert, dass wir unserer eigenen Urteilskraft und unserer grossen Liebe, die wir für unsere Kinder empfinden, nicht mehr trauen? Warum glauben wir, dass ein anderer uns besser sagen kann, wo es lang geht? Klar, es gibt Eltern, die sollten dringend auf die Ratschläge anderer hören, aber das sind ja meistens nicht diejenigen, die durchs Netz surfen, um herauszufinden, was für ihr Kind das Beste sei. Allen anderen Eltern, „Meiner“ und ich eingeschlossen, wünsche ich, dass sie wieder lernen, ihrem eigenen Urteil mehr zu trauen.

Wenn mir eine befreundete Mutter, die mit Kleinkindern arbeitet, erzählt, wie schockiert die Eltern jeweils sind, wenn sie hören, dass die Kinder bei ihr unter Aufsicht mit Küchenmesser und Scheren hantieren dürfen, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, haben wir Eltern so grosse Mühe, zu begreifen, dass es viel gefährlicher ist, wenn Kinder nicht lernen, mit Gefahren umzugehen und ihnen dann schutzlos ausgeliefert sind? Warum trauen wir, die wir in unserer Kindheit meist kaum beaufsichtigt waren, unseren Kindern nicht zu, dass sie fähig sind, den Umgang mit gefährlichen Gegenständen zu lernen? Auch hier muss man leider wieder sagen: Gewisse Eltern täten besser daran, hinzuschauen und aufzupassen, was ihr Nachwuchs macht, aber auch hier tun es meistens gerade die nicht, die sollten.

Wenn ich am Samstagnachmittag mit Karlsson und Luise mit dem Fahrrad ins Dorf fahre und eine Frau, die uns im Auto überholt, brüllt mich an, Luises Fahrrad sei zu gross, dann stimmt mich das nachdenklich. Warum, so frage ich mich, sieht die Frau nicht, dass ich keine Zeit habe für ihre Tipps, weil ich aufpassen muss, dass meine Kinder heil durch den Verkehr kommen? Und warum traut sie mir nicht zu, dass ich mit den Kind beim Fahrradhändler war, um abzuchecken, wie gross das Velo für Luise sein muss? Die Medien sind so voll von Geschichten über verantwortungslose Eltern, dass jeder, der eine Mama mit Kind(ern) sieht glaubt, er müsse für Ordnung sorgen, weil ja ohnehin keiner für die Kinder schaue. Dass die Eltern sich Gedanken machen, dass sie das Beste für ihre Kinder wollen, glaubt schon gar keiner mehr und darum mischt man sich ein, wo man eigentlich besser schweigen sollte. Und schaut weg, wo dringend mal einer sagen sollte, dass es jetzt reicht.

Man sollte meinen, dass mich nach bald zehn Jahren Muttersein diese Spannungen kalt lassen, dass ich mich an sie gewöhnt habe. Aber dem ist nicht so: Sie beschäftigen mich je länger je mehr. Aber zumindest lasse ich mich nicht mehr so leicht verunsichern wie auch schon.