Uuufffffff

Am Anfang sah es ja noch so aus, als würde dieser Fronleichnam gar nicht so schlimm wie gestern befürchtet. Ein Tag, der erst um neun Uhr morgens damit beginnt, dass dir ein freudenstrahlendes Prinzchen seinen Nuggi an den Kopf wirft, kann ja nicht wirklich schlimm werden, oder? Ha, von wegen! Natürlich kann er, auch wenn er anfangs noch so tut, als sei er ganz nett. Wie ein Tag so tun kann, als sei er nett? Na eben, indem er erst um neun Uhr damit beginnt…, ach, ich wiederhole mich. Aber das Riesenpaket von La Redoute, das kurz darauf in unserer Wohnung landete, war auch nicht schlecht. Im Gegenteil, es war perfekt, denn für einmal passen alle Kleider wie angegossen. Und billig sind sie obendrein.

Das war’s dann aber mit dem netten Tag, denn kaum war ich in meine hübschen neuen Kleider geschlüpft, ging es nur noch bergab. Die Details erspare ich meiner geschätzten Leserschaft. Nur ein paar Stichworte, damit ihr euch vorstellen könnt, womit mich der heutige Tag erfreut hat: Stempeltinte auf dem frisch geputzten Bürotisch, auf dem Bürostuhl und an den Prinzchenhänden, dazu 150 Büroklammern über den ganzen Bürofussboden verteilt; Joghurtessen mit Strohhalm; ein Glas Confiture im freien Fall; eine äusserst zickige Luise und ein äusserst unkooperativer Zoowärter; Regenwetter; PMS; brüllende Kinder, die das Prinzchen aus dem Schlaf reissen, bevor er ausgeschlafen ist und das gleich zweimal; ein Anruf einer Mutter zur besten Tageszeit, nämlich abends um Viertel vor sechs und noch Einiges mehr, aber das habe ich verdrängt. Deshalb nur noch das Schlimmste am Ganzen: Keine Hefe im Haus und kein Laden offen, wo ich Hefe hätte kaufen können, damit ich Teig zum Abreagieren hätte machen können. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Wut an der armen Wohnungstüre auszulassen und zwar heftig.

Am Ende eines solchen Tages kann ich nur sagen: Gott sei Dank bin ich nicht katholisch. Sonst müsste ich auch noch ein schlechtes Gewissen haben, weil der Feiertag so gar nicht feierlich war. Aber Fronleichnam kann mir zum Glück egal sein, so dass ich mir jetzt nur ein Gewissen machen muss, weil ich den ganzen Tag eine mies gelaunte, ungeduldige, unausstehliche Mama war.

Um aber den Tag nicht ganz so pessimistisch zu beenden hier noch die neuste Glanzleistung des Prinzchens: Das schlaue Kerlchen hat heute zum ersten Mal seinen Teller abgeräumt, als er mit dem Essen fertig war. Hach, was bin ich stolz auf meinen Jüngsten!

Einige Gedanken an einem ganz gewöhnlichen Mittwoch

1. Ist es ein Zeichen von unverbesserlichem Optimismus, wenn man morgens, kaum sind die drei Grossen aus dem Haus, das Prinzchen und den Zoowärter ins Auto packt, um Sommerkleider für die Kinder einzukaufen? Oder wurde der Sommer für dieses Jahr offiziell abgesagt und ich bin die Einzige, die es nicht mitbekommen hat?

2. Manchmal ist es so schwierig, ein benachteiligtes Kind zu lieben. Nicht, weil es nicht liebenswert wäre, sondern weil es alles tut, um zu verhindern, dass deine Liebe sein Herz berühren und verletzen könnte. Meistens kann ich gut damit leben. Aber zuweilen, wenn meine Liebe zu oft ins Leere gelaufen ist und meine Tochter auch noch darunter leiden muss, dann möchte ich den Bettel nur noch hinschmeissen und mich den Kindern zuwenden, die es schätzen, von mir geliebt zu werden. Es gibt Tage, da zweifle ich daran, ob es richtig war, die Türen unseres Hauses so weit zu öffnen, dass nicht nur wir und unsere Kinder darin Platz haben.

3. Wie schafft man es, innert 5 Minuten eine Flasche Bio-Olivenöl zu verschütten, eine randvolle Dose Rohrzucker zu zerschlagen und einen halben Liter Orangensaft auf dem Fussboden zu verteilen? Wenn ihr jetzt glaubt, es habe etwas mit dem Prinzchen zu tun, dann irrt ihr gewaltig. Zuweilen sorgen auch die drei ältesten Mitglieder des Venditti-Clans für Chaos. Und das sogar ohne, dass wir uns in die Haare geraten wären und mit Geschirr um uns geschmissen hätten.Und nein: Ich war nicht alleine Schuld an dem Desaster.

4. Fronleichnam ist nicht lustig. Schon gar nicht dann, wenn man in einem katholischen Gebiet lebt und der Papa in einem protestantischen Gebiet arbeitet. Das heisst: Fünf Kinder und eine übermüdete Mama, die morgen keinen Ausflug machen können, weil Mama zu genervt sein wird, um mit allen Fünfen auszufliegen. Und das alles an einem Donnerstag, wo ich doch Donnerstage leidenschaftlicher verabscheue als Garfield die Montage. Oder kurz gesagt: Ich freue mich nicht auf morgen.

5. Eigentlich möchte ich es ja nicht wahrhaben, aber es lässt sich dennoch nicht leugnen: Ich bin so viel zufriedener, wenn ich weiss, dass auf unserem Konto genug Geld ist. Ich möchte von mir behaupten können, dass ich rund um die Uhr singend und pfeifend durchs Haus tanze, egal, wie hoch oder tief der Kontostand ist. Doch leider erwische ich mich fast immer nur dann beim spontanen Singen und Pfeifen, wenn ich weiss, womit ich den nächsten Wocheneinkauf bezahlen werde.

6. Wie viele Putzkessel hat meine Mutter wohl in ihrem ganzen bisherigen Leben kaufen müssen? Drei vielleicht, oder vier? Was mache ich bloss falsch, dass ich heute bereits den vierten Putzkessel in diesem Jahr habe kaufen müssen, weil schon wieder einer kaputt gegangen ist? An meinem Putzfimmel kann es nicht liegen. Ich habe nämlich gar keinen.

7. Manchmal zweifle ich daran, ob ich gerade die passende Rolle erwischt habe. Ist jetzt gerade die liebevolle, verständnisvolle Mama gefragt oder hätte ich die gestrenge Übermutter herauskehren müssen? Warum spricht man mich als Projektleiterin an, wo ich doch ganz offensichtlich als übermüdete Hausfrau beim Monsterwocheneinkauf unterwegs bin? Muss ich jetzt wirklich die top organisierte Familienfrau spielen, wo ich doch für die Rolle der redseligen Kaffeetante vorgesprochen habe?

8. Sieht er nicht grossartig aus in weiss, mein Karlsson? Und ist es nicht wundervoll, mal nur mit ihm alleine unterwegs zu sein? Welche Brille sich Luise wohl aussuchen wird? Die Zeiten, wo man ein Kind wegen einer Brille auslacht sind doch vorbei, oder muss ich sie vielleicht darauf vorbereiten, dass es dumme Sprüche geben könnte? Wie schön, der FeuerwehrRitterRömerPirat hat mich umarmt. Freiwillig. Armer Zoowärter! So süss und so trotzig. Hoffentlich merkt er bald, dass man im Leben nicht um alles kämpfen muss. Ach, mein Prinzchen! So klein und schon so übermütig! Wenn er bloss nicht vom Stuhl fällt. Unglaublich:  „Meiner“ und ich haben heute ganze zehn Minuten ungestört miteinander reden können!

9. Hätte ich vielleicht doch ein paar Flaschen Cola kaufen sollen? Die nächsten Tage könnten anstrengend werden.

So ist mein Leben: Ein Spagat zwischen den verschiedenen Welten. Immer. Auch an einem ganz gewöhnlichen Mittwoch. Wobei, so gewöhnlich war der Mittwoch gar nicht. Ich habe nämlich den Wocheneinkauf um einen Tag vorgezogen, weil morgen Fronleichnam ist, worauf ich mich gar nicht freue. Aber das hatten wir ja bereits.

Krisenmanagement

Halb fünf Uhr Nachmittags, ein beschaulicher, fast schon ein wenig langweiliger Büronachmittag neigt sich seinem Ende zu. „Meiner“ hat um fünf seine erste Sitzung am zukünftigen Arbeitsort und deshalb lasse ich meine Arbeit zu einem Ende kommen. Gerade will ich mich innerlich auf das Chaos vorbereiten, das vor der Bürotür auf mich wartet, da öffnet sich dieselbe Tür und unser Gast meldet, dass er mich ganz dringend braucht, weil er sich eine Verletzung zugezogen hat. Der Zoowärter braucht mich auch ganz dringend, weil er beschlossen hat, dass er mit seiner Freundin nach Hause gehen will, was Papa aber nicht einsehen will. Aber ich will es auch nicht einsehen und deshalb haben wir bald schon einen heulenden Zoowärter. Und einen FeuerwehrRitterRömerPiraten, welcher dem übermüdeten Prinzchen den Bä! wegschnappt, worauf wir auch noch ein heulendes Prinzchen haben. Und eine Luise, die nicht dann zu Hause ist, wenn sie zu Hause hätte sein sollen. Und einen Karlsson, der seine Hausaufgaben erst später machen will, was aber nicht geht, weil er später eine Konzertprobe hat.

Irgendwann wird klar, dass der Gast ärztliche Behandlung braucht, worauf die halbe Horde mit mir im Auto verschwindet, während „Meiner“ mit dem Auto meiner Mama zur Sitzung düst und Karlsson zu Hause die Stellung hält. Gast in ärztliche Behandlung übergeben, dann wieder zurück nach Hause, die Rückführung von Luise veranlassen, Pizzateig herstellen, Karlsson zur Konzertprobe fahren, Pizza backen, Prinzchen ins Bett bringen und kontrollieren, ob der inzwischen auf dem Fussboden eingeschlafenen Zoowärter noch tief genug schläft, „Meinen“ anrufen um ihm zu sagen, dass er Karlsson abholen soll, weil ich jetzt den Gast abholen werde, wieder zu Hause allen Pizza servieren und dafür sorgen, dass alle Hausaufgaben gemacht sind, Luises Probleme beim Häkeln lösen, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten von den Wikingern erzählen und ihn danach beruhigen, weil der Zoowärter heute nicht bei ihm im Zimmer schlafen wird, weil er ausnahmsweise bei uns schlafen darf, damit wir ihn nicht wecken müssen, Augenblicke später einen Zoowärter trösten, der mit nasser Hose völlig verschlafen aus unserem Schlafzimmer kommt und noch immer nach seiner Freundin brüllt, Karlsson vom Computer loseisen, weil jetzt fertig ist mit „Fritz & Fertig“, Küche aufräumen, jedem Kind ein Liedchen singen, Luise ermahnen, dass jetzt Schluss sei mit dem Herumgerenne, Karlsson trösten, weil der Schmetterling, den er vor zwei Jahren in der Schule gemacht hat, kaputt gegangen ist und sonst noch ein paar kleinere und grössere Krisen, wie zum Beispiel eine Taschenlampe, die neue Batterien braucht.

Jetzt scheint das Haus langsam zur Ruhe zu kommen. Endlich hätte ich Zeit, mich in mein Lehrbuch zum Thema Krisenmanagement zu vertiefen. Aber ob ich diesem Thema überhaupt gewachsen bin?

Fast hätten wir’s geschafft….

Da habe ich mich gestern doch lauthals darüber beklagt, wie unausstehlich meine Kinder zurzeit sind, wenn sie aus dem Bett kommen, und was machen sie heute? Sie führen sich mustergültig auf. Sogar der FeuerwehrRitterRömerPirat, den ich sonst immer mit Schimpf und Schande aus dem Haus jagen muss, weil er mich sonst nicht verlassen will, war heute in den Kleidern, bevor ich überhaupt gemerkt hatte, dass er aufgestanden war. Und hätte ich mich nicht beeilt, ich hätte ihn nicht mal mehr zum Abschied umarmen und ihm einen schönen Morgen wünschen können.

Aber es war nicht bloss das mustergültige Verhalten, es waren auch die mustergültigen Gespräche, die wir heute beim Frühstück geführt haben. Glaubt mir: Wie im Erziehungsratgeber! Da fragt mich Karlsson so ganz nebenbei, ob denn Trinkhalme auch mitschuldig seien daran, dass die Eisbären vom Aussterben bedroht sind – Karlsson bangt noch immer Tag für Tag um das Wohl seiner Lieblingstiere – und bald schon waren wir in ein ganz wichtiges Gespräch vertieft. Wir redeten von Tieren, die andere Tiere fressen und der FeuerwehrRitterRömerPirat belehrte seine grossen Geschwister, dass Ameisen Marienkäfern den Kampf ansagen, weshalb Ameisen ganz ganz böse seien. Luise erklärte Karlsson, weshalb wir kein schlechtes Gewissen haben müssten, wenn wir Früchte essen, weil Bäume ja dazu da seien. Und wie es so läuft, irgendwann waren wir bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexico und ich versichere euch: So wie wir die Probleme unserer konsumwütigen Gesellschaft auf den Punkt gebracht haben, waren wir ganz nahe daran, die Welt zu retten. Noch ein paar Minuten länger und wir hätten es geschafft.

Doch leider war es plötzlich acht Uhr und die Kinder mussten gehen. Vielleicht schaffen wir es ja heute Nachmittag, die Welt zu retten. Wobei, nein, das geht nicht. Karlsson und Luise haben Schule und der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich schaffen das nicht ohne ihre Hilfe. Na ja, dann vielleicht eben morgen, wenn nichts anderes dazwischenkommt….

Was kann ich denn schon dafür?

Habt doch bitte endlich Erbarmen mit uns und lasst die Sommerferien beginnen! Nicht, dass ich ferienreifer wäre als gewöhnlich. Ich lechze immer gleich stark nach Erholung. Nicht dass ich mich danach sehne, fünf Wochen lang eine Horde unterbeschäftigter Kinder daran zu hindern, einander die Köpfe abzureissen. Aber so langsam habe ich die Nase voll davon, mich jeden Morgen anraunzen zu lassen, weil die Kinder nicht mehr aufstehen mögen. Als ob ich Schuld daran wäre, dass die Knöpfe jetzt einfach ausgelaugt sind vom langen Schuljahr. Als ob ich die Sommerzeit eingeführt hätte, die abends das Einschlafen erschwert. Als ob ich dafür gesorgt hätte, dass in den letzten Schulwochen noch alles rein muss: Sporttag, Schulreise, Elterngespräch, Jugendfest, verpassten Schulstoff aufarbeiten, Fussballturnier, Schülerkonzerte, Schnuppermorgen, Abschlussfeiern und was einem sonst noch in den Sinn kommen könnte, um auch noch den letzten weissen Fleck auf dem Kalender zu füllen.

Es ist einfach zum Heulen im Moment und das, bevor die Post-it-Tage offiziell begonnen haben. Und so kommt es, dass ich momentan mal wieder den Abfallkübel der Familie mache: „Mama, wo hast du meine Schuhe versteckt?“ „Mama, ich will jetzt einfach nicht zur Schule gehen, also lass mich schlafen.“ „Mama, warum hast du mir meine Lernzielkontrolle nicht in den Schulsack gelegt, nachdem du sie unterschrieben hast?“ „Mama, warum hast du keine ganz roten Äpfel gekauft?“ „Mama, wegen dir komme ich noch zu spät.“ Meine sonst so lieben und bescheidenen Kinderlein, die mich an gewöhnlichen Tagen vergöttern,  haben mich zum Sündenbock auserkoren und das alles nur, weil sie ihren Frust und ihre Übermüdung nicht an der Lehrerin auslassen können. Oder am Schulleiter. Oder am Bildungsdirektor.

Dabei hätten die Bildungsdirektoren eigentlich die Schelte verdient. Die bringen es nämlich tatsächlich fertig, dass „Meiner“, der im Aargau unterrichtet, eine Woche früher Schulferien hat als unsere Kinder, die im Kanton Solothurn zur Schule gehen. Ich fürchte, das wird eine sehr sehr schwierige letzte Schulwoche. Vielleicht frage ich mal den Bildungsdirektor, ob an den letzen Schultagen bei uns zu Hause das Wecken und Kinder-zur- Schule-schicken übernimmt.

Besser als ihr Ruf

So langsam bin ich ein wenig verunsichert. Überall wird über Teenager hergezogen, in den Zeitungen, in Diskussionsrunden am Fernsehen, an Elternabenden und am lautesten im Gespräch mit anderen Eltern. Mütter – Väter übrigens kaum -, die erfahrener sind als ich, malen mir in den schlimmsten Farben aus, was mich alles erwarte, wenn dereinst meine Kinder in der Pubertät seien. Das habe ich schon immer besonders geliebt: Mütter, die nichts Besseres zu tun wissen, als anderen Müttern Angst einzujagen. Das fängt meist schon in der Schwangerschaft an: „Du wirst sehen, die Geburt ist eine grauenvolle Sache. Also ich habe das kaum überlebt…“ Es geht weiter, wenn das Baby da ist: „Warte mal ab, bis das Trotzalter kommt. Jetzt mag er ja noch ganz süss und pflegeleicht sein, aber wehe, wenn er anfängt, sich tobend auf dem Fussboden zu wälzen…“. Wenn der Schuleintritt naht, folgen weitere Drohungen: „Du kannst mir glauben, das wird furchtbar! All diese Hausaufgaben. Und die bösen Lehrer. Und dann erst die Schulkameraden mit ihrem Gruppendruck….“ Die wüstesten Vorhersagen betreffen aber die Pubertät: „Du wirst deine Kinder nicht wieder erkennen. Es ist ganz einfach grässlich, miterleben zu müssen, wie aus deinem ehemals süssen Baby ein unausstehlicher Fratz wird, den du am liebsten in die Besenkammer sperren möchtest….“ Das nennt man dann wohl Ermutigung.

Was mich an der Sache verunsichert ist weniger die Aussicht darauf, dass bei unserem Ältesten die Teenagerjahre nicht mehr fern sind. Was mich verunsichert, ist die Tatsache, dass ich in meinem Bekanntenkreis und in meiner Verwandtschaft noch keines jener Monster begegnet ist, die da jeweils geschildert werden. Gut, man könnte jetzt einwenden, ich hätte ja kaum einmal mit Teenagern zu tun. Aber das stimmt nicht. Dreimal die Woche sitzt einer bei uns am Mittagstisch, seit bald zwei Monaten bereichert einer vorübergehend unser Familienleben, unter meinen Neffen und Nichten wimmelt es nur so von Halbwüchsigen und gestern Abend hatten wir gleich ein Dutzend Exemplare dieser verrufenen Spezies bei uns zu Gast. Und auch wenn ich es selbst kaum glauben kann, wir haben es überlebt, mehr noch, wir geniessen die Gesellschaft dieser jungen Menschen und freuen uns, zu sehen, dass sie gar nicht so übel sind wie ihr Ruf. Im Gegenteil: Sie sind grossartige junge Menschen, sogar diejenigen, die schon einiges auf dem Kerbholz haben und die auf den ersten Blick jeden Erwachsenen das Fürchten lehren.

Warum denn, so frage ich mich, findet alle Welt die Teenager so schlimm? Sind sie wirklich so unausstehlich oder haben wir Erwachsenen nur einfach vergessen, wie schwierig das Leben damals war, als wir nicht mehr Kind und doch noch nicht erwachsen waren? Sind sie wirklich alle so ungehobelt, oder reden sie bloss so schnoddrig, weil sie sich nicht akzeptiert fühlen von uns? Ich zumindest habe mich schon mehrmals dabei ertappt, wie ich zu Jugendlichen unfreundlich war, bloss weil ich gerade einen negativen Artikel über die Jungend von heute gelesen hatte. Und wie reagierten die Jugendlichen? Sie beschämten mich, indem sie mir anboten, den Kinderwagen die Treppe hochzutragen und einer wollte am Ende gar ein Foto von meinem „süssen Baby“ schiessen. So langsam dämmert in mir die Erkenntnis, dass auch Teenager nichts anderes wollen, als geliebt und akzeptiert zu werden, auch wenn sie einem dies nicht immer einfach machen.

Wer jetzt denkt „Die hat gut reden. Die hat ja noch keine Kinder, die Teenager sind“, der hat vermutlich Recht. Denn auch ich werde damit zu kämpfen haben, wenn meine Kinder mich bald schon nur noch doof und peinlich finden werden. Auch ich werde Mühe haben damit, zu akzeptieren, dass sie manchmal sehr kurzsichtige und aus erwachsener Sicht sehr dumme Entscheidungen fällen werden. Auch ich werde immer mal wieder darüber seufzen, wie anstrengend das Leben mit Teenagern doch sei. Genauso, wie ich über das Zahnen, das Trotzalter, die durchwachten Nächte und dergleichen geseufzt habe und noch immer seufze. Sie werden mich zum Wahnsinn treiben, oh ja, ganz bestimmt. Aber gehört das nicht alles zum Kinderhaben dazu? Und sind es denn nicht immer noch meine geliebten Kinder, auch wenn ich dies hin und wieder vergessen werde, wenn sie dereinst meine Liebe bis aufs Äusserste testen werden?

Aus diesem Grund habe ich beschlossen, mich nicht mehr weiter vor den Teenagerjahren meiner Kinder zu fürchten, auch wenn mir das nicht immer leicht fällt. Aber genauso, wie ich beschlossen habe, dass es mir nicht weiterhilft, wenn eine Mama mir zwei Tage vor der Geburt erzählt, wie schrecklich das Gebären doch sei, genauso hilft es mir nichts, jetzt in Panik zu verfallen, wenn meine Kinder grösser werden. Ich nutze die mir verbleibende Zeit wohl besser damit, mich wohl darin zu üben, sie trotz all ihrer Macken zu lieben. Und die Gelegenheit, dies zu üben, bekomme ich ja bereits heute, Tag für Tag. Zum Beispiel gerade jetzt, wo Luise den Zoowärter als Piraten geschminkt hat, obschon sie beide schon längst im Land der Träume sein sollten…

Verschwenderisch

Verschwenderisch sind wir beide, „Meiner“ und ich, bloss nicht in den gleichen Bereichen. Währenddem ich unser sauer verdientes Geld gerne mit vollen Händen ausgebe, geht „Meiner“ mit den vierundzwanzig Stunden, die uns täglich zur Verfügung stehen mehr als grosszügig um. Und natürlich findet jeder von uns beiden, der andere solle sich doch bitte ein bisschen mehr am Riemen reissen. Er findet, das Planschbecken, das ich bei Ricardo ersteigert habe, sei nun wirklich vollkommen nutzlos, währenddem ich ihm hundertmal unter die Nase reibe, dass wir nun wirklich keine Zeit gehabt hätten, so lange mit der Nachbarin zu quasseln. Er rechnet mir vor, wie viel wir sparen könnten, wenn ich Budget statt Bio kaufen würde und wenn ich mir diese umwerfende Bluse nicht bestellt hätte und ich jammere ihm die Ohren voll, dass es mir zu viel werde zweimal pro Wochenende Gäste zu haben. Er will nicht begreifen, dass ein bisschen Retail Therapy hin und wieder ganz wichtig ist für die frustrierte Hausfrau, ich kann nicht verstehen, weshalb man jede Minute des Tages mit Aktivitäten füllen muss.

Würden wir hier stehen bleiben, unsere Ehe wäre wohl die Hölle auf Erden. Aber interessanterweise scheinen wir uns perfekt zu ergänzen. Denn nachdem ich den ganzen Tag gemotzt habe, dass ich ganz gerne ein wenig Freizeit gehabt hätte, anstatt stundenlang am Herd zu stehen, bin ich diejenige, die fast in Tränen ausbricht, wenn der schöne Abend mit den Gästen so schnell zu Ende gegangen ist und ich ertappe mich dabei, wie ich all die lieben Menschen am liebsten darum bitten würde, jetzt gleich bei uns einzuziehen, damit ich sie nicht gehen lassen muss. Im Gegenzug kann „Meiner“ ohne Gesichtsverlust dazu stehen, dass ich diese wunderschöne Bluse wirklich unbedingt habe kaufen müssen, weil meine Augen damit so schön zur Geltung kommen. Einzig von den Vorzügen des Planschbeckens habe ich ihn noch nicht überzeugen können. Vielleicht lasse ich ihn demnächst an einem sehr sehr heissen Nachmittag mit allen fünf Kindern alleine ins Schwimmbad gehen. Danach wird er mir auf Knien danken, dass ich dieses wunderbare Planschbecken ersteigert habe.

Wann wird es denn endlich heiss hierzulande?

Warum so negativ, meine lieben Kinder?

Luise hatte sechs Tage Zeit, um ein kleines Gedicht auswendig zu lernen. In dem Gedicht ging es darum, wie man mit Panik umgehen kann. Aber das Auswendiglernen allein löste so grosse Panik in dem armen Kind aus, dass sie sich gar nicht auf den Inhalt konzentrieren konnte. „Ich schaffe das niiiiiiiiieeeeeeee“, heulte sie und wälzte sich auf dem Fussboden. „Ich kann das einfach nicht.“ Irgendwie konnte ich das Kind dennoch dazu bringen, mir das Gedicht vorzutragen. Und siehe da: Sie konnte es! Aber was tat meine liebste kleine Luise? Klopfte sie sich selber auf die Schulter und verkündete stolz, dass sie es kann? Nein, sie heulte weiter, weil sie es „nicht gut genug kann und überhaupt viel zu dumm ist“.

Karlsson sass still und schüchtern neben mir am Tisch und hörte artig seiner Lehrerin zu, die ihn über allen grünen Klee lobte: Im Rechnen sei er supergut, in Sprache supermegagut. Sie sei stolz auf ihn. Karlsson nickte brav, als die Lehrerin zu ihm sagte, er solle das alles wortwörtlich seinem Papa erzählen. Auf dem Heimweg erzählte mir Karlsson, wie erleichtert er doch sei, dass er die Klasse nicht repetieren müsse, denn das wäre sehr schlimm gewesen für ihn. „Wie bitte, mein liebster Karlsson, du hast geglaubt, du müsstest die Klasse wiederholen? Hast du denn nicht gehört, wie die Lehrerin deine Leistungen gerühmt hat?“, fragte ich entrüstet.  Zu Hause angekommen, forderte ich meinen Ältesten auf, zu tun, was er der Lehrerin versprochen hatte: „Erzähl dem Papa mal, was die Lehrerin über dich gesagt hat“, sagte ich und platzte fast vor lauter Mutterstolz. „Die Lehrerin hat gesagt, ich soll lauter reden und schneller arbeiten.“

Warum bloss sind unsere Kinder so streng mit sich selber? Warum sehen sie immer nur ihr Unvermögen, nicht aber ihre Stärken?

Liegt es etwa daran:

Vorgestern verbrachten wir einen traumhaften Pfingstsonntag im Garten von Freunden. Ein paar Tage vor unserem Besuch hatte unser Gastgeber, ebenfalls ein Primarlehrer, bei „Meinem“ einen Unterrichtsbesuch abgestattet und als wir da so gemütlich im Garten sassen,  liess er „Meinen“ wissen, wie gut er seine Arbeit mache, wie gut er mit der Klasse umgehen könne, wie geeignet er für seinen Beruf sei. „Meiner“ suchte verzweifelt nach Einwänden, um das Kompliment entkräften zu können, aber er hatte keine Chance: Unser Gastgeber blieb beharrlich bei seiner Meinung, dass „Meiner“ ein guter Lehrer sei. Und ich beging noch den entsetzlichen Vertrauensbruch, unseren Freund in seiner Aussage zu bekräftigen. Stand „Meiner“ nach diesem Gespräch mit stolzgeschwellter Brust da und sonnte sich in seinem Ruhm? Aber nicht doch! Am Abend gerieten wir uns in die Haare, weil er behauptete, er habe auf der ganzen Linie versagt…

Vielleicht aber liegt es ja auch daran, dass unsere beiden Ältesten so wenig auf ihr eigenes Können geben:

Da präsentierte ich heute Abend einmal mehr das Projekt, das zurzeit einen grossen Teil meiner Energie in Anspruch nimmt. Diesmal durfte ich vor Eltern reden, die dankbarste Zuhörerschaft, wenn es um den Aufbau eines Familienzentrums inmitten einer Betreuungswüste geht. Entsprechend positiv waren die Reaktionen. Alle, bis auf eine. Und was erzählte ich „Meinem“, als ich nach Hause kam? „Die sind alle total begeistert. Ich glaube, ich mache eine gute Arbeit“? Oh nein, nicht doch! Ich jammerte ihm den Kopf voll, weil mich die eine negative Reaktion so sehr getroffen hat, dass ich am liebsten die ganze Sache hingeschmissen hätte.

Kopfball

Fussball ist nicht gerade Karlssons allerliebste Freizeitbeschäftigung. Im Gegenteil: Bis vor einigen Monaten hat er um jeden Ball einen weiten Bogen gemacht. Deshalb waren wir auch sehr erstaunt, dass der Junge sich freiwillig zum Schülerturnier angemeldet hat und bis heute früh waren wir nicht sicher, ob er auch tatsächlich auf dem Rasen stehen würde, wenn es ernst gilt. Kam er doch mehr als einmal völlig frustriert vom Training nach Hause. Erstaunlicherweise liess er es sich dennoch nicht nehmen, schon im Morgengrauen ins Elternschlafzimmer zu schleichen, um uns zur Eile anzutreiben, weil das erste Spiel doch „schon in zwei Stunden“ beginnen würde.

Trotz viel zu kurzer Nacht liessen es „Meiner“ und ich es uns nicht nehmen, abwechslungsweise die Spiele unseres Ältesten durch unsere Anwesenheit zu würdigen. Man weiss ja nie, ob Karlsson je wieder Lust haben wird, einem Ball nachzurennen, da er weder väterlicher- noch mütterlicherseits Fusballergene vererbt bekommen hat. Nun ja, als ich noch sehr sehr jung war, habe ich mich hin und wieder an Grümpelturnieren beteiligt, aber bloss, weil es mir so viel Spass machte, wenn die Jungs aufheulten vor Schmerz, weil ich konsequent gegen ihre Schienbeine trat, wenn ich eigentlich den Ball hätte treffen sollen.

Nun, Karlsson trat niemanden gegen die Schienbeine, aber er trat auch nicht gegen den Ball. Sobald dieser nämlich in seine Nähe kam, suchte er das Weite und so schaffte er es, an einem Fussballturnier dabei zu sein, ohne Fussball zu spielen. Aber er war glücklich dabei und darum waren wir es auch. Am Ende hatte ich aber dennoch eine Frage: „Karlsson, weshalb weichst du denn eigentlich dem Ball immer aus?“, wollte ich wissen. „Weil ich Kopfbälle machen muss, wenn der Ball zu mir kommt“, antwortete er mir. Als ich wissen wollte, ob er denn Angst vor Kopfbällen habe, meinte er ganz ernsthaft: „Nein, natürlich nicht. Aber bei jedem Kopfball geht eine Gehirnzelle kaputt und ich will doch mein Gehirn nicht kaputt machen.“

Kluges Kerlchen. Er weiss, dass es sich nicht lohnt, sich wegen eines doofen Balls das Gehirn zerstören zu lassen. Wobei zwei oder drei Kopfbälle seinem Gehirn ganz bestimmt nicht geschadet hätte. Er hat ja nicht bloss zwei oder drei Gehirnzellen….

Dampfkochtopf

Den ersten Rückschlag des Tages erlebte ich heute Morgen, als ich einmal mehr vergeblich zum Bancomaten ging, um festzustellen, dass auf meinem Konto noch immer gähnende Leere herrscht, obschon da schon längst Geld drauf sein sollte und dass ich den Zwischendurcheinkauf erneut mit der Kreditkarte würde bezahlen müssen. Und einmal mehr wurde mir bewusst, wie sehr es an mir nagt, dass ich zwar inzwischen endlich mehrere sehr erfüllende Arbeitsfelder gefunden habe, dass ich aber so langsam nicht mehr damit klarkomme, dass die Bezahlung irgendwann erfolgt. Womit wir von jetzt bis irgendwann leben sollen, das interessiert keinen, ausser „Meinen“ und mich und das treibt mich dazu, zuweilen die Freude an meinen erfüllenden Aufgaben zu verlieren. Erfüllung ist ja wirklich wichtig, aber damit bezahle ich weder das Brot, noch die Butter die darauf gehört.

Ich war also nicht gerade bestens gelaunt, als ich von meinem Einkauf nach Hause kam und entdeckte, dass das Prinzchen nicht nur ein Trinkglas zerbrochen hatte, sondern dass er es auch fertig gebracht hatte, Karlssons Öllampe auf dem Küchenfussboden auszuschütten. Wie oft habe ich meinem ältesten Kind schon gesagt, er solle seine Öllampe an einem prinzchensicheren Ort verstauen? Nicht oft genug, nehme ich an, ansonsten müsste ich nicht am Samstagmorgen dreimal hintereinander den Boden feucht aufnehmen und danach feststellen, dass noch immer Ölspuren zurückgeblieben sind.

Meine Laune war also noch nicht besser, aber immerhin fand ich noch genügend Optimismus in mir drin, um mir und „Meinem“ zu sagen, wir würden uns den Tag nicht vermiesen lassen. Ha, von wegen! Als ich ein paar Stunden später bei grösster Hitze und mit fast leerem Tank eine Stunde lang durch Trimbach kurvte, um den Weg zu einer netten Person, die mir auf Ricardo einen Dampfkochtopf verkauft hatte, zu suchen, da brannten meine Sicherungen durch. Ein rotes Haus solle ich suchen, hatte mir der nette Herr am Telefon erklärt und weil ich gedacht hatte, in Trimbach gebe es nicht sonderlich viele rote Häuser, habe ich es verpasst, mir die Nummer des netten Herrn zu notieren. Ja, ich weiss, heute hat man GPS und kurvt nicht mehr durch Quartiere, aber weil ich so selten Auto fahre habe ich kein GPS und deshalb kurvte ich vergeblich an vielen vielen roten Häusern vorbei – ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele rote Häuser es in Trimbach gibt –  ohne meinen Dampfkochtopf zu finden.

Aber wer braucht schon einen Dampfkochtopf, wenn er selber dermassen unter Druck steht, dass er demnächst explodiert? Und an Tagen wie heute findet sich garantiert einer, der es schafft, die Explosion auszulösen. Heute fanden sich gar zwei: Ein unvorsichtiger Autofahrer und ein noch unvorsichtigerer Töfffahrer, die mir kurz hintereinander in der verkehrsberuhigten Zone mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit entgegenkamen und beinahe einen wüsten Unfall verursacht hätten. Ich versichere euch: Ihr hättet in diesem Moment nicht neben mir in unserem hübschen kleinen hellblauen Auto sitzen wollen.

Jetzt sitze ich an meinem Computer und suhle mich in meinem Elend. An gewissen Tagen fällt es mir sehr sehr schwer, Optimistin zu bleiben….