Und plötzlich steckst du mittendrin

Ein gesellschaftlicher Missstand, der dich seit Jahren beschäftigt, ein paar tiefschürfende Gespräche mit Menschen, die sich ähnliche Gedanken machen wie du, ein paar gute Ideen und ein paar Einblicke ins Leben von Menschen, die es nicht so gut haben wie du. Das ist alles, was es braucht, um das Karussell deiner Gedanken in Gang zu setzen. Dann noch eine Sitzung, an der klar wird, dass aus den Träumen und Ideen ein handfestes Projekt werden könnte und schon steckst du mittendrin. Zerbrichst dir den Kopf, wie man die Sache angehen könnte, suchst nach geeigneten Leuten, die dir dabei helfen könnten, die Idee voranzutreiben, entwirfst erste Grobkonzepte.

Bald schon beginnt das Telefon permanent zu klingeln. Die Leute haben Fragen, weitere Ideen, Wünsche. Zwei, dreimal täglich hängst du am Draht wegen der Sache und dabei hast du offiziell noch gar nicht angefangen mit der Arbeit. In den Gesprächen wird dir klar, dass du da noch einige Wissenslücken hast, dass du dir Grundlagen erarbeiten musst, wenn du das Projekt voranbringen willst. Dass du ein paar Kniffe kennen musst, wenn das Ding nicht zum Vornherein zum Scheitern verurteilt sein soll. Und schon hast du dich für einen zwölfmonatigen Fernkurs eingeschrieben und überlegst dir gar, ob du die freien Tage im Ländli zum Lernen einsetzen sollst.

Die Sache macht dir unglaublich viel Spass. Endlich mal etwas anderes als Abfallsäcke die Treppe runter schleppen und volle Einkaufstaschen wieder hoch schleppen. Endlich mal etwas, was zumindest einen Hauch von Professionalität in dein sonst so chaotisches Leben bringt. Das alles gibt dir so viel Auftrieb, dass dir nicht bewusst wird, dass die gute Sache einen kleinen, aber bedeutenden Haken hat, dass du dabei bist, etwas zu tun, was du nie mehr hattest tun wollen. Erst als dir „Deiner“ in den Hintern tritt, Freundinnen und Freunde dir ins Gewissen reden, dein Kontostand dich zum Grübeln bringt, wird dir bewusst, was da falsch ist: Du arbeitest mal wieder gratis. Für deinen Job als Familienfrau wirst du ja auch nicht entschädigt und was hast du denn schon vorzuweisen, was sich mit Geld aufwiegen liesse? Als ob die Kinder vom Idealismus der Mama satt würden. Als ob sich die Bankzinsen mit der Befriedigung, die du aus der Arbeit ziehst, abzahlen liessen. Als ob du die Frühlingsschuhe für die Familie mit deiner Begeisterung bezahlen könntest.

Ach, du dumme Mama!

Nicht mein Tag

Eine Stunde zu früh erwachen, Pfütze im Bad aufwischen, die der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Duschen hinterlassen hat und mich dabei fragen, weshalb ich so blöd gewesen war, auf „Meinen“ zu hören, als er neulich in der Ikea behauptet hatte, wir bräuchten keinen zweiten Duschvorhang, wo ich doch ganz genau wusste, dass wir einen brauchen, weil meistens ich die Sauerei aufwische (bin ja auch mehr zu Hause), FeuwerwehrRitterRömerPirat aus dem Haus jagen, weil er sich weigert, ohne Zoff mit Mama das Haus zu verlassen, Prinzchen verteilt hundert  Strohhalme auf dem schmutzigen Fussboden, ein verschollener Winterstiefel ausgerechnet an dem einen Tag im Jahr, wo man beide gebraucht hätte, zu spät aus dem Haus in Mutters zu grossen Winterstiefeln, im Auto zwei übermüdete Jungs und ein überteuerter Blumenstrauss für Schwiegermama, die im Spital liegt, zehn Minuten warten vor der Zimmertür, weil die Ärzte nicht in Anwesenheit der Schwiegertochter mit Schwiegermama reden wollen, zwei inzwischen nicht bloss übermüdete, sondern auch überhitzte und überdrehte Jungs, die in Schwiegermamas Zimmer unbedingt jetzt sofort ein warmes und darum flüssiges Bananenjoghurt essen wollen, viel zu spät nach Hause, wo Mutter zum Glück schon Trüffelravioli (Trüffel? An einem Donnerstag?) gekocht hat, schnell noch Spaghetti kochen, weil das Tageskind keine Trüffel mag, Streit schlichten, weil der Zoowärter vier Mini-Cornets verdrückt hat, während alle anderen nur drei hatten, Streit schlichten, weil Tageskind 1 und Tageskind 2 aneinander geraten sind, Strohhalme endlich zusammenlesen, Küche wieder halbwegs sauber machen, damit die Kinder wieder genügend saubere Fläche haben, die sie mit Joghurt verschmieren können, erster Versuch, eine Pause einzulegen und zwar mangels ansprechender Lektüre mit irgend einem Schinken von Susan Wiggs, den ich von einer Fremden geschenkt bekommen habe, Versuch scheitert, weil Zoowärter und FeuerwehrRitterRämerPirat einen Kampf mit teuren Pfannendeckeln austragen, zehn Minuten bloggen und dabei hundertmal unterbrochen werden, erneuter Versuch, eine Pause einzulegen, wieder mit dieser unsäglichen Susan Wiggs, zweiter Versuch scheitert, weil Luise die Haare fürs Ballett zusammengebunden haben will, Luise einschärfen, dass sie nie, aber auch gar nie Vollzeithausfrau werden soll, Mutter, ja, aber nicht Vollzeithausfrau, verstanden?, ein letzter Versuch, eine Pause einzuschalten, wieder gescheitert, weil die Krankenkassen schon wieder auf Kundenfang sind, obschon wir noch keinen Monat bei der neuen Kasse versichert sind und weil unser Telefon mit Rufnummererkennung kaputt ist, war ich so blöd, den Anruf entgegenzunehmen (hätte ja etwas Wichtiges sein können, zum Beispiel eine Anfrage, ob ich die nächste Bundespräsidentin werden möchte oder so), Weissleim von Esstisch, Fussboden und Sitzbank entfernen und dazu Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten daran erinnern, dass wir immer eine Zeitung unterlegen beim Basteln (oder am liebsten gar nicht basteln), Schwarzwurzeln rüsten und zwar so, dass alle noch halbwegs sauberen Wände mit schwarzen Spritzern verziert sind, vier Söhne bei Mutter deponieren um eine Tochter inklusive Freundin vom Ballett abzuholen und zwar in offenen Stöckelschuhen durch den doch ziemlich tiefen Schnee, weil sich inzwischen auch noch der zweite Winterstiefel aus dem Staub gemacht hat, nach Hause die Schwarzwurzeln fertig rüsten und den Krautstiel dazu und dazwischen immer wieder Streit schlichten, aus voller Kehle „Ruhe!“ brüllen, bis der Hals kratzt, dazwischen ein paar Sätze Susan Wiggs, weil die Realität inzwischen noch anstrengender ist als das ewige Gesülze im Roman, „Meinen“ begrüssen und eine Diskussion vom Stapel reissen, einfach so, weil irgend einer ja den ganzen Frust des Tages abbekommen muss, essen und gleichzeitig verhindern, dass das Prinzchen die Küche in ein Schwarzwurzelfeld verwandelt – Dreck hätte es ja genug auf dem Boden, aber in gekochtem Zustand werden die Schwarzwurzeln ja wohl kaum Wurzeln schlagen, – den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten ermahnen, weil sie alle Playmobil-Gebäude, die gestern so liebevoll aufgestellt worden waren, wieder eingerissen h aben, die frisch aufgeschäumte Milch verschütten und den Kaffee dazu und danach natürlich alles wieder aufwischen, Prinzchen im Bett versorgen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat im Bett versorgen, die Küche mit dem Hockdruckreiniger reinigen (zumindest in Gedanken, in der Realität blieb es bei Besen und Mikrofaser-Lappen), Luise und Karlsson ins Bett schicken, fertig aufräumen, kollabieren.

Und das alles ohne eine einzige Pause.

Luise, Mama und die Zahlen

Mama mag keine Zahlen. Hat sie noch nie gemocht. Zwar hat sie schon seit frühester Kindheit alles, was es zu zählen gab, beinahe zwanghaft gezählt. Aber sobald es darum ging, kleine Zahlen von grossen Zahlen abzuziehen oder grosse Zahlen durch kleine Zahlen zu teilen oder herauszufinden, was a plus b minus c gibt, sass Mama, die damals natürlich noch nicht Mama hiess, verzweifelt da und kämpfte mit den Aufgaben – und mit den Tränen. Gab es eine Prüfung zu schreiben, schrieb sie oben ihren Namen und das Datum hin und gab das Blatt leer ab. So leer wie das Blatt war auch ihr Kopf, zumindest, wenn es um Zahlen ging. Wenn es um historische Zusammenhänge, grammatikalische Strukturen, komplizierte Sätze und fremdsprachige Vokabeln ging, dann war ihr Kopf voll, aber bei den Zahlen war nichts als lauter Leere. Es gab Lehrer, die attestierten ihr Dummheit, andere empfahlen ihr einen Besuch beim Psychiater und Jahre später, als die Schule längst Vergangenheit war, erfuhr sie, dass man die „Dummheit“ auch Dyskalkulie hätte nennen können, aber dafür war es jetzt zu spät. Die Matur hatte sie ja trotzdem geschafft, weil sie nicht nur unterdurchschnittliche Begabungen hatte, sondern auch überdurchschnittliche. Und beides zusammen ergab ein mehr oder weniger durchschnittliches Resultat.

Luise mag ebenfalls keine Zahlen. Vielleicht mag sie die Zahlen noch weniger als Mama sie gemocht hatte. Luise will nicht zählen, schon gar nicht will sie eins und eins zusammenzählen. Sie will auch keine Zahlenhäuser bauen und  keine Zahlemauern. Doch weil Luise all dies trotzdem tun muss, kommt es regelmässig zum lautstarken Krach, wenn die Lehrerin will, dass Luise zu Hause rechnet. Zwar bemüht sich Mama nach Kräften, die schlechten Erfahrungen mit den Zahlen nicht an die Tochter weiterzugeben, aber kaum sieht sie das aufgeschlagene Zahlenbuch vor sich, schrumpft Mama auf die Grösse von Luise und auf einmal sitzen da zwei quengelnde kleine Mädchen am Tisch, die nicht rechnen wollen. Die kleine Luise tobt, weil ihr Kopf nicht erfassen kann, was er erfassen müsste; die kleine Mama tobt, weil sie in ihrem Kopf keine Erklärungen findet, mit denen sie der Tochter das Unverständliche verständlicher machen könnte. Und so werden die beiden immer nervöser, immer ungeduldiger, immer lauter. Bis der Papa die Szene betritt, das Heft in die Hand nimmt und die Sache so erklärt, dass nicht nur Luise den Knopf auftut, sondern auch Mama. Vielleicht lernt auf diese Weise nicht nur Luise die Zahlen lieben.

Wobei: Der Papa, der damals noch nicht Papa hiess, hat in Mama, die damals noch nicht Mama hiess, die Liebe zu den Zahlen schon im Gymnasium zu wecken versucht. Während die Liebe zu den Zahlen ausblieb, wurde die Liebe zum zukünftigen Papa umso grösser. Und so lernte Mama wenigstens, dass eins und eins unter gewissen Bedingungen fünf Kinder gibt.

Aber doch nicht so

Es war einmal eine junge Frau, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Diese junge Frau hütete gerne mal die Kinder ihres grossen Bruders. Jedesmal, wenn sie die Kinder hütete, schaute sie sich in der Wohnung des Bruders um und fragte sich: „Wie kann man bloss in diesem Chaos leben?“ In der Küche türmte sich das Geschirr, überall lag saubere Wäsche herum, die den Weg in den Schrank nicht von selber fand, Kinderzeichnungen waren mit Kakao überschüttet, Schuhe lagen auf der Treppe. „Wenn ich einmal eine Familie habe“, schwor sich die junge Frau, „wird es bei mir nicht so aussehen.“

Ein paar Jahre später war die junge Frau Mutter eines Babys geworden. In der Wohnung unter ihr wohnte ihre grosse Schwester. Manchmal war die grosse Schwester so übermüdet, dass sie es am Morgen nicht rechtzeitig aus dem Bett schaffte. Dann kam ihr Sohn zu spät zur Schule. Manchmal vergass die grosse Schwester, dass der Fotograf in den Kindergarten kommen würde und deshalb schickte sie ihre Tochter in Alltagskleidern aus dem Haus. Die junge Frau schüttelte insgeheim den Kopf. Wie konnte man bloss die Dinge derart schleifen lassen? „Wenn meine Kinder mal grösser sind, werde ich es nicht so machen“, sagte sie zu sich selber.

Noch ein paar Jahre später war die inzwischen nicht mehr so junge Frau Mutter von fünf Kindern. In ihrer Küche türmte sich das Geschirr, überall lag saubere Wäsche herum, die den Weg in den Schrank nicht von selber fand, Kinderzeichnungen waren mit Kakao überschüttet, Schuhe lagen auf der Treppe, der Kübel mit den Speiseresten und den Rüstabfällen war am Überquellen, die Fussböden waren klebrig, die Kühlschränke schmutzig. Manchmal war die nicht mehr so junge Frau so übermüdet, dass sie es am Morgen nicht rechtzeitig aus dem Bett schaffte. Dann kamen ihr Sohn und ihre Tochter zu spät zur Schule. Manchmal vergass die nicht mehr so junge Frau, dass der Fotograf in den Kindergarten kommen würde und deshalb schickte sie ihren Sohn in Alltagskleidern aus dem Haus. Manchmal dachte sie nicht mehr daran, die Kindergartentasche des Sohnes vor den Ferien leerzuräumen und deshalb fand sie am ersten Tag nach den Ferien ein verschimmeltes Sandwich und eine Kolonie von Fruchtfliegen in der Kindergartentasche.

Die nicht mehr ganz junge Frau lässt die Dinge also tatsächlich nicht so schleifen wie ihre Geschwister, sonder noch viel mehr.

Vielleicht hat die nicht mehr ganz junge Frau Leserinnen, die beim Lesen hin und wieder den Kopf schütteln und denken „Wenn ich einmal eine Familie habe, wird es bei mir nicht so aussehen.“ oder „Wenn meine Kinder mal grösser sind, werde ich es nicht so machen.“ Die nicht mehr ganz junge Frau hofft, dass es ihren Leserinnen nicht gleich gehen wird wie ihr selbst.

Blockade

Bevor ich mein Problem schildere, muss ich Folgendes klarstellen: Ich fische nicht nach Komplimenten. Ich will auch nicht, dass mir meine Leser Honig um den Mund schmieren. Und schon gar nicht will ich jammern. Nein, ich will einfach nur kurz darüber berichten, wie es kommt, dass ich plötzlich daran zweifle, ob ich überhaupt schreiben kann.

Für jemanden, der leidenschaftlich gerne schreibt, gibt es wohl keine grössere Bestätigung als ein unterschriebener Buchvertrag. Okay, vielleicht gibt einem ein Bestseller noch mehr das Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein, aber davon wage ich nun wirklich nicht zu träumen. Dafür bin ich, trotz aller Naivität, zu realistisch. Aber eben, kaum war der Vertrag unterschrieben, hatte ich dieses unbeschreibliche Hochgefühl. Immerhin hatte ich die Bestätigung in der Tasche, dass man meine Arbeit für gut genug befunden hatte. Und so war für mich klar: Jetzt lege ich los. Gebt mir ein wenig freie Zeit und ich schreibe, was das Zeug hält. Ich war so richtig euphorisch. Und rannte gegen eine Wand.

Eine Wand mit Namen Schreibblockade. Es ist nicht bloss so, dass mir die Worte fehlen. Nein, schon meine Ideen finde ich allesamt banal und doof. Ideen, die ich eben noch unbedingt hatte zu Papier bringen wollen. Alles, was ich schreibe, erscheint mir nur noch sinnlos. Liest sich nicht flüssig genug. Bringt die Sache nicht so auf den Punkt, wie ich mir dies wünsche. Zuweilen muss ich mich gar zum Bloggen zwingen, weil ich auf einmal all mein Geschreibsel unerträglich finde und mit überkritischem Blick betrachte. Lese ich meine Texte, sehe ich nur noch lauter Mängel.

Vielleicht ist schreiben ähnlich wie Kinderkriegen: Nach einer Geburt muss man sich erst mal sehr lange erholen, bevor man sich überhaupt vorstellen kann, je wieder schwanger zu werden. Ich hoffe bloss, dass die Abstände zwischen zwei Projekten nicht so gross werden wie zwischen zwei Geburten. Wobei, wenn man fünf Kinder in acht Jahren geboren hat, kann man wohl kaum von zu grossen Abstände reden…

Achtung! Trotzphase im Anmarsch!

So sieht die Theorie aus, zitiert aus Wikipedia:

„In der Sprachentwicklung des Kindes, etwa ab dem Alter von etwa 1,5 Jahren an, beginnt das erste Fragealter, welches inzwischen auch als 1. Trotzphase bezeichnet wird. Das Kind drückt mit seinem noch relativ geringen Wortschatz von etwa 50 Wörtern alle seine Wünsche und Bedürfnisse aus und versucht diese in Einklang mit seinem Umfeld zu bringen. Dabei werden Fragen an den Erwachsenen gestellt, die, wenn sie mit ja beantwortet werden vom Kind als positiv gewertet werden. Wird etwas verneint, so kann das Kind eventuell mit Trotz reagieren. Diese Trotzreaktionen erklären sich aus dem damit zusammenhängenden Kontext: Da das Kind noch nicht mit Worten ausdrücken kann, was sein eigentliches Ziel ist, versucht es, durch die auf ein geäußertes Bedürfnis folgende Trotzreaktion, die nötige Aufmerksamkeit seines Umfeldes zu bekommen. Diese Trotzreaktionen treten jedoch nicht bei allen Kindern in diesem Alter auf.“

Und so sieht die Realität aus:

Es ist tiefe Nacht. Draussen schneit es. Alles ist still, kein Geräsuch dringt durchs Babyphon, im Elternschlafzimmer schnarchen „Meiner“ und das Prinzchen und auch ich schlafe tief – ohne zu schnarchen, wohlverstanden. Gegen drei Uhr morgens ist es vorbei mit der Ruhe. Das Prinzchen brüllt. Lieb, wie wir Eltern nun mal sind, wechseln wir dem Kind die Windeln, geben ihm eine warme Milch, ziehen ihm die Spieldose auf, geben ihm hundertmal den Schnuller und das Schmusetuch. Und das Prinzchen brüllt weiter. Also machen wir Licht. Vielleicht hat er ja etwas, was man im Dunkeln nicht erkennen kann. Kaum ist es hell, greift das Prinzchen nach einem Spielzeug und gurrt vergnügt vor sich hin. Schön, das Kind hat etwas gefunden, also schnell das Licht ausmachen und weiterschlafen.

Doch kaum ist es wieder dunkel, geht das Gebrüll wieder los. Licht an – Prinzchen gurrt. Licht aus – Prinzchen brüllt. Licht wieder an – Prinzchen strahlt, streckt mir die Ärmchen entgegen und ruft „use!“ Die bösen Eltern sagen nein, machen das Licht aus – Prinzchen bekommt einen frühkindlichen Tobsuchtanfall. Wie lange das so hin und her geht, weiss ich nicht mehr, aber es erscheint mir endlos. Und wie ich so dem wütenden Gebrüll unseres Jüngsten lausche und mir vor dem Morgen graut – zumal es ein Montagmorgen ist -, dämmert mir langsam, dass da die erste Trotzphase im Anzug ist. Und zwar genau so, wie sie im Buche steht. Bloss, dass das Prinzchen, würde er sich an die Vorschriften halten, noch damit noch zuwarten würde, bis er 1,5 Jahre alt ist.

Eingewickelt

Wenn eine zufriedene, nicht gestresste Mama Venditti an einem Samstagmittag alleine mit einem gut gelaunten Karlsson unterwegs ist, kann es vorkommen, dass Mama Venditti Dinge kauft, die sie sonst nie kauft. Und das geht so: Man achte darauf, dass Mama Venditti genügend Zeit hat und einen Kontostand, der höher ist als erwartet. Dann schicke man die beiden in eine grosse Migrosfiliale und sorge dafür, dass Mama und Sohn am Degustations-Stand für Corn Flakes vorbeikommen. Und dann geschieht Folgendes:

Corn Flakes-Dame zu Karlsson: „Möchtest du etwas probieren?“

Karlsson murmelt etwas und nickt.

CF- D: „Von welchen möchtest du probieren?“

Karlsson zeigt auf die Vollkornflocken mit den Feigenstückchen.

CF-D warnt: „Die haben aber keine Schokolade drin. Das sind Vollkornflocken.“

K: „Ich möchte aber die.“

Mama Venditti, mit stolzem Unterton: „Er ist sich gewöhnt, Vollkornflocken zu essen. „

CF-D: „Das ist aber erstaunlich. Die meisten Kinder meinen, das seien Schoko-Corn Flakes, weil sie so dunkel sind. Und dann sind sie enttäuscht, weil sie nicht süss sind.“

Karlsson mampft mit Genuss seine Corn Flakes und strahlt übers ganze Gesicht: „Die sind sooooo gut.“

Schön, dass Karlsson seinen Gratis-Snack genossen hat, aber Mama Venditti möchte jetzt weitergehen.

CF-D zu Mama Venditti: „Die haben viele Ballaststoffe, kaum Fett, wenig Zucker und sie regen die Verdauung an.“

M V denkt: Bla bla bla. Das weiss ich alles schon. Aber deswegen kaufe ich das überteuerte Zeug dennoch nicht. So leicht lasse ich mir nichts aufschwatzen.
und sagt, um zu unterstreichen, dass Karlsson kein Kind von der Stange ist: „Magst du die Corn Flakes, Karlsson? Sind sie besser als die Vollkornflocken, die wir sonst immer zu Hause haben?“

Karlsson nickt. Mama Venditti will jetzt wirklich weitergehen. Die Corn Flakes kann sie je bei Gelegenheit mal kaufen, aber jetzt steht gerade eine neue grosse Schachtel zu Hause in der Vorratskammer.

CF-D: „Das ist ja ganz erstaunlich. Ein Kind das so gerne Vollkornflocken mag! Ich finde auch, dass man gesünder essen sollte. Aber dass die Kinder da mitmachen, kommt ja ganz selten vor. Das sieht man wirklich nicht alle Tage.“

Und schon legt Mama Venditti ein Schachtel Vollkornflocken mit wenig Fett, wenig Zucker und noch weniger Feigenstückchen in den Einkaufswagen und bezahlt viele Franken dafür. So eine nette Dame, die sofort erkennt, welch besonderes Kind der Karlsson ist, verkauft bestimmt besonders gute Corn Flakes. Nicht wahr?

Es wird heller

Luise, der Zoowärter und das Prinzchen sitzen in der Badewanne. Das Prinzchen patscht mit den Händchen im Wasser, die beiden Grossen tun es ihm gleich. Fröhliches Quietschen, ein paar Spritzer, die daneben gehen. Im Hintergrund erzählt Trudi Gerster in voller Lautstärke und mit viel Grunzen und Prusten die Geschichte von der Schneekönigin. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat das Sofa in die Mitte des Raumes geschoben, damit er sich dahinter ein gemütliches Nest schaffen konnte. Irgendwo hört man Karlsson aus voller Kehle singen. Ich sitze inmitten des Chaos und freue mich meines chaotischen Lebens. Und dies, obschon „Meiner“ den Samstagvormittag in der Schule verbringt, um mit den Eltern Gespräche zu führen und zwar am Ende einer Woche, die vollgepackt war mit Gesprächsterminen, was bedeutet, dass ich für einmal fast alleinerziehend war.

Wie ich so dasitze, völlig entspannt,  wird mir plötzlich bewusst, dass etwas anders geworden ist. Es ist noch kein Jahr her, da wäre eine solche Szene unmöglich gewesen. Das alles hätte mich komplett überfordert: Spritzer auf dem Badezimmerboden, herumgeschobene Möbel, Lärm. Die Kinder in der Badewanne, wenn „Meiner“ weg ist? Kommt nicht in Frage, das schaffe ich nicht. Zu viel Chaos. Zu viele Möglichkeiten, dass etwas schief gehen könnte und ich am Ende des Vormittags ein heulendes Wrack wäre. Ein Samstagmorgen ohne „Meinen“ und ich jammere nicht lauthals darüber, dass ich wieder den Laden alleine schmeissen muss? Vor Kurzem noch unmöglich. Zu dicht balancierte ich am Abgrund, als dass ich die Kraft aufgebracht hätte, mich noch ein paar Stunden länger zusammenzureissen. Märchen-CD in voller Lautstärke? Nicht bei uns. Okay, Trudi Gerster liebte ich, im Gegensatz zu Pingu und Papa Moll, schon immer. Aber es gab da eine Zeit, da mochte ich nicht mal ihrem Schnauben, Grunzen und Quietschen zuhören. Zu gross der Lärm der düsteren Gedanken in meinem Kopf, als dass ich noch mehr hätte ertragen können.

So ganz langsam scheine ich wieder festen Boden unter den Füssen zu bekommen. Schritt für Schritt nähere ich mich der Person an, die ich ursprünglich mal gewesen bin: Unbeschwert, optimistisch, bereit, den Stier bei den Hörnern zu packen anstatt verschüchtert in der Ecke zu kauern. Und inzwischen wage ich gar zu hoffen, dass eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, die Kinder nicht mehr so oft leise und brav sein müssen, weil ihre Mama sonst mit ihrer Lebendigkeit überfordert ist.

0

Vorfreudensorgen

So langsam beginne ich, nervös zu werden. Denn jetzt, wo des Zoowärters Geburtstag vorbei ist und er heult, weil er  noch einmal feiern möchte, ist der nächste wichtige Termin der 1. Februar, der Tag, an dem ich für vier Tage alleine verreise. Und zwar zum ersten Mal, seitdem ich vor fünfzehn Jahren vier Tage in Israel war. Aber da war ich ja eigentlich auch nicht alleine, da war ich unterwegs mit einer Horde kettenrauchender Reisebüroangestellten, die sich vier Tage lang über Astrologie unterhielten, während ich im Stillen zur Überzeugung gelangte, dass ich da nicht hinpasste und mich, kaum war ich wieder zu Hause, an der Uni einschrieb. Und seither war ich nie mehr alleine weg. Entweder interrailte ich mit „Meinem“ durch Osteuropa, sah mir mit „Meinem“ und Karlsson Englands Gärten an oder verbrachte mit meiner ganzen Horde All-Inclusive-Ferien im Kinderhotel in Österreich, etwas, was ich mir in grauer Vorkinderzeiten geschworen hatte, nie im Leben zu tun.

Und jetzt, wo ich die Gelegenheit habe, für ein paar Tage ganz alleine für mich zu sein, packt mich die Panik. Was soll ich bloss so lange mit mir ganz alleine anfangen? Und wie sollen die zu Hause bloss ohne den Hausdrachen auskommen, der ihnen sagt, was sie tun und lassen sollen? Und haben die im Ländli einen Internetanschluss, damit ich auch dort bloggen kann? Denn wenn ich Ruhe habe, beginnt mein Kopf wie verrückt zu schreiben und wenn ich das Zeug nicht loswerden kann, drehe ich fast durch. Was, wenn ich abends im Bett Angst bekomme? Oder wenn ich vor lauter Heimweh krank werde? Letztes Jahr, als mich „Meiner“ ins Ländli geschickt hatte, hatte ich wenigstens noch das Prinzchen dabei, das damals noch verhungert wäre ohne die Mama. Ihn konnte ich an mich drücken, wenn ich Karlsson, Luise, den FeuerwehrRitterRömerPiraten, den Zoowärter und „Meinen“ zu sehr vermisste. Aber diesmal werde ich mutterseelenallein sein und ich habe keine Ahnung, wie ich das überstehen werde. Zumal ich diesmal nicht mehr so tief in meinem schwarzen Loch sitze wie noch vor einem Jahr, was zwar schön ist, aber auch bedeutet, dass ich meine Umwelt nicht mehr so verschwommen wahrnehme und mich deshalb auch viel öfter frage, was wohl die Leute von mir denken.

Ja, jetzt, wo der erste Februar näher rückt, weiss ich gar nicht mehr, ob ich denn tatsächlich alleine sein will. Klar, ich freue mich auf die Ruhe. Ich bin gespannt darauf, was diese Ruhe in mir auslösen wird. Ich frage mich, ob mir in der Stille neue Ideen für weitere Projekte im Sinne der trockenen Tinte kommen werden. Ich freue mich auch auf die ungestörten Nächte – so ich denn überhaupt schlafen kann ohne das ruhige Atmen des Prinzchens und das Schnarchen von „Meinem“ zu hören. Ich kann es auch kaum erwarten, mal wieder in einer Sauna zu sitzen und ein paar Längen zu schwimmen. Wenn ich an all dies denke, dann platze ich fast vor Vorfreude. Und werde fast wahnsinnig vor lauter Angst…

Na ja

Die vielen Komplimente gestern haben mich wohl etwas übermütig gemacht. So sehr, dass ich glaubte, beweisen zu müssen, dass noch mehr perfekte Hausfrau – oder Albtraum aller Mütter, wie andere dies nennen ;-),- in mir steckt. Und so sieht das Resultat aus:

Na ja. Es könnte schlimmer sein. Immerhin hat der Zoowärter seine Geburtstagskuchen als Winnie the Pooh erkannt. Die Farben haben es wohl verraten. Aber meine Träume, dass ich irgendwann auf der Hausfrauen-Karriereleiter steigen werde, begrabe ich wohl besser wieder. Ist wohl doch nichts für mich.