Wenn man bedenkt, ….

… dass ich gestern vor lauter Bloggen beinahe vergessen hätte, dem Zoowärter eine Geburtstagstorte für die Spielgruppe zu backen,

dass ich um elf Uhr abends alle Zutaten, die das Pech hatten, mir über den Weg zu laufen, zusammengemixt habe,

dass ich den Kuchen dann nachts um halb eins aus dem Ofen gezogen habe,

dass ich heute früh gemerkt habe, dass Glasur rosarot wird, wenn man den Puderzucker mit Blutorangensaft mischt,

dass ich, weil der Kuchen jetzt schweinchenrosa war, spontan entschieden habe, eine Piglet-Torte daraus zu machen,

dass ich zwischen Frühstück servieren, Geschirrspüler ausräumen und Windeln wechseln im Internet schnell nach einem Piglet-Bild gesucht habe und das Tier dann aus Marzipan, den ich zufällig noch vorrätig hatte, ausgeschnitten habe,

dass ich dann sogar noch drei Kerzen aufgetrieben habe, obschon ich vergessen hatte, welche zu kaufen,

dass Karlsson findet, er möchte an seinem nächsten Geburtstag auch so eine Torte haben, einfach nicht mit einem Piglet drauf, und ihr wisst ja, Karlsson ist anspruchsvoll,

dass ich pünktlich um neun Uhr mit einem glücklichen Zoowärter und einer fast perfekten Piglet-Torte in Schweinchenrosa in der Spielgruppe aufkreuzte,

dass den  Kindern die Torte ganz offensichtlich geschmeckt hat,

dann müsste man zum Schluss kommen, dass ich doch nicht eine vollkommen missratene Hausfrau bin. Und dann klopfe ich mir für einmal voller Stolz auf die Schulter, auch wenn ich bezüglich perfekte Hausfrau nicht allzu grosse Ambitionen hege. Wenn man aber bedenkt, dass ich ausgerechnet an dem Tag, an dem ich einmal beweisen könnte, dass trotz allem tief in meinem Inneren eine perfekte Hausfrau schlummert, wenn ich genau an diesem Tag die Kamera nicht finden kann, um ein Bild meines Prachtsexemplars zu schiessen, dann ist das doch einfach eine Gemeinheit. Wenn es Misserfolge zu dokumentieren gibt, dann ist sie immer zur Stelle, die Kamera, aber kaum gibt es mal einen Erfolg zu vermelden, macht sie sich aus dem Staub, das fiese Ding. Und darum habe ich, nachdem die Torte gegessen und die Kamera wieder gefunden war,  ganz schnell ein neues Piglet gebastelt, um der Welt zu zeigen, dass auch ein blindes Huhn manchmal ein Körnchen findet.

Stark?

Nein, als unehrlich würde ich uns Mamas wirklich nicht bezeichnen. Da kann und will ich dem Herrn Novotny nicht Recht geben. Aber manchmal frage ich mich schon, weshalb wir Mamas untereinander nicht offener darüber reden, wie es uns wirklich geht. Dass wir zwar unser Kinder über alles lieben und sie nie wieder hergeben würden, dass wir uns aber das Leben als Mutter in einer Gesellschaft, in der angeblich alles möglich ist, etwas anders vorgestellt hatten. Warum muss ich erst ziemlich viel von meinem inneren Elend preisgeben, bis ich endlich erfahre, dass zig Frauen in meinem Umfeld ebenfalls darunter leiden, dass sie intellektuell verkümmern? Warum erzählt man mir erst dann von Zusammenbrüchen, wenn ich offen dazu stehe, dass mir vor drei Jahren alles zu viel wurde und ich nicht mehr wusste, wer ich war und ob ich je wieder glücklich sein könnte? Warum erfahre ich erst im Wartezimmer bei der Psychiaterin, dass Frauen aus meinem Bekanntenkreis mit genau den selben Problemen zu kämpfen haben wie ich? Warum haben wir Mütter so unglaublich viel Angst davor, zu gestehen, dass trautes Heim nicht Glück allein ist? Warum können wir lauthals über Kopfschmerzen jammern, verschweigen aber zugleich, dass es uns woanders viel mehr weh tut?

Wo doch die Depression schon fast so selbstverständlich zur Mutterschaft gehört wie die Schwangerschaftsstreifen und die dunklen Augenringe. Wo doch fast alle Mütter im Laufe ihrer Karriere mindestens einmal an die Grenze ihrer Kräfte kommen. Doch anstatt einander ungeniert das Herz auszuschütten geben wir uns stark, zeigen nicht, wie sehr es uns belastet, dass wir nicht die Bilderbuchmama sind, die wir hätten sein wollen. Reden nicht darüber, wie unfähig wir uns fühlen, zugleich Hausfrau, Berufstätige und Mutter zu sein. Klar, wir klönen gerne über unsere Wäscheberge und durchwachten Nächte. Aber seien wir doch ehrlich: Das ist es nicht, was uns fertig macht; es ist nicht das, was viele von uns in die Depression treibt. Es ist dieses unerreichbare Ideal der stets glücklichen, stets liebevollen, stets organisierten, stets besonnenen Mama, das uns unglücklich macht. Es ist die Illusion, dass alle anderen Mamas ihre Sache im Griff haben, dass ich die Einzige bin, die nichts auf die Reihe kriegt. Es ist das sture Festhalten an dem Irrglauben, dass all die anderen es schaffen, moderne Powerfrauen zu sein, während ich selber vor lauter Überforderung nur noch heulen könnte. Es ist das Bild der perfekten Frau, die es zwar nie gegeben hat, die aber so lange auf dem Sockel stand, dass sie noch immer, tief in uns drinnen, das Mass aller Dinge ist, auch wenn wir dies nicht wahr haben wollen.

Vielleicht ist es eine gewagte Behauptung, aber ich mache sie dennoch: Würden wir Mamas ebenso offen über  unsere tiefen Nöte reden, wie wir über volle Windeln und eitrige Mittelohrentzündungen reden, es würde uns nicht so schwer fallen, das Leben mit den wunderbarsten Geschöpfen auf diesem Planeten zu geniessen. Und es würden wohl auch nicht so viele von uns beim Psychiater landen. Würden wir auch mal hemmungslos losheulen, wenn uns danach ist, anstatt gequält zu lächeln, wir hätten wohl auf lange Sicht mehr zu lachen. Würden wir früher um Hilfe rufen, wir wären die weitaus stärkeren Frauen als wir es sind, wenn wir stets auf die Zähne beissen und bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus die starke Frau markieren.

Wir elenden Lügner, wir!

Jawohl, unehrlich sind wir, wir angeblich so glücklichen Eltern. Posaunen in die Welt hinaus, wie glücklich wir darüber sind, Kinder zu haben, ja, mehr Kinder zu haben als es dem westeuropäischen Durchschnitt entspricht. Behaupten, wir könnten uns ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Wagen dann auch noch anzufügen, dass unser Leben durch unsere Kinder bereichert sei, dass wir all die Mühen, die sie mit sich bringen, gerne auf uns nehmen, weil wir so viel zurückbekommen. Und dann gibt es noch solch widerliche Zeitgenossen wie „Meinen“ und mich, die allen Ernstes behaupten, sie würden einander noch immer lieben, trotz der vielen Kinder.

Ja, solche Lügen verbreiten wir und locken damit andere in die gleiche Falle, in der wir selber feststecken. Habe ich heute in einem Leserbrief in der „NZZ am Sonntag“ gelesen. „Es gäbe mehr kinderlose Paare, wenn Eltern ehrlich wären“, schreibt da ein gewisser Martin Novotny aus Sevelen. Man müsste die Paare davor warnen, Kinder zu bekommen, anstatt „falsches Glück und Zufriedenheit hinauszuposaunen“. Aber zum Glück gibt es einen Herrn Novotny, der endlich einmal sagt, was Sache ist: Jahre der Schlaflosigkeit, behinderte oder kranke Kinder, Verlust der eigenen Identität und Degeneration der romantischen Partnerschaft zur Zweckgemeinschaft. So schwarz sieht er, der Herr Novotny.

Eigentlich möchte ich ihm widersprechen, dem Herrn Novotny. Möchte ihm sagen, dass die Jahre der Schlaflosigkeit aufgewogen werden durch fünf einzigartige Geschöpfe, die ich beim Grosswerden begleiten darf. Geschöpfe, die ich nicht kennen würde, hätte ich ihnen nicht das Leben geschenkt. Ich möchte ihm auch sagen, dass Eltern behinderter und kranker Kinder diese ebenso lieben, wie ich meine gesunden Kinder liebe, ja, vielleicht sogar noch mehr. Dass ein behindertes oder krankes Kind nicht weniger Wert ist als ein gesundes. Ich möchte ihm sagen, dass ich mich selber erst richtig gefunden habe, nachdem ich nicht mehr alle Zeit der Welt hatte, mich selber zu suchen. Dass ich herausfinden musste, welches meine echten Wünsche und Bedürfnisse sind, weil ich keine Zeit mehr hatte, meine kostbare freie Zeit mit Dingen zu vertrödeln, die mir nicht voll und ganz entsprechen. Ich möchte ihm auch sagen, dass „Meiner“ und ich die Romantik erst dann richtig schätzen gelernt haben, als sie nicht mehr jederzeit verfügbar war. Dass wir Facetten im anderen kennen gelernt haben, die wir nicht kennen würden, wären wir bloss Mann und Frau, und nicht auch noch Vater und Mutter.

Mit alldem möchte ich dem Herrn Novotny widersprechen. Aber er lässt mich nicht. Denn, so schreibt er,  „wer widerspricht, ist entweder kinderlos oder unehrlich“. Und ich habe mich immer für einen ehrlichen Menschen gehalten…

Ist die Tinte wirklich trocken?

Ja, wahrscheinlich ist sie es. Doch noch immer habe ich Mühe, es zu glauben. Aber irgendwann muss man der Tatsache ins Auge sehen und akzeptieren, dass im Leben nicht immer alles schief laufen kann. Und deshalb höre ich jetzt endlich auf mit der Geheimniskrämerei und verkünde hiermit, dass ich Ende letzten Jahres ein paar Exemplare eines Kinderbuch-Manuskriptes an die Verlage geschickt habe und Anfang diesen Jahres die Zusage bekommen habe, dass das Buch im Spätsommer herauskommen wird. Es hat mich unglaublich viel Mut gekostet, diesen Schritt zu wagen. Wo man selber ja nie abschätzen kann, ob man wirklich gut genug geschrieben hat. Weil man ja immer nur die Geschichten von frustrierten Autoren zu hören bekommt, deren Manuskripte hundertmal abgelehnt wurden. Weil man zwar immer wieder von Freunden und Familie ermutigt wird, man aber nicht weiss, ob die einen nur ermutigen, damit man endlich aufhört zu jammern, oder weil sie die arme Irre nicht noch mehr deprimieren wollen. Weil man immer wieder spürt, dass andere Freunde  einen wieder auf den Boden der Tatsachen holen wollen, bevor man von den zu erwartenden Absagen zu sehr verletzt wird. Oder schlicht und ergreifend deshalb, weil man ein Angsthase ist.

Ja, ich hatte zig Gründe, diesen Schritt nicht zu wagen und ich habe ihn so lange herausgezögert, bis ich irgendwann so tief unten in meinem Loch hockte, dass ich nichts mehr zu verlieren hatte. Entweder, ich würde das Risiko eingehen, abgelehnt zu werden. Oder ich würde das Werk vernichten und keine weitere Zeile mehr schreiben. Doch weil ich wusste, dass ich das Leben ohne Schreiben nicht überlebe, habe ich meinen letzten Rest Mut zusammengekratzt. Und jetzt freue ich mich wie ein kleines Kind, dass ein seit meiner Kindheit gehegter Traum langsam aber sicher Wirklichkeit wird. Obschon ich immer und immer wieder daran zweifle, dass die Tinte jetzt wirklich trocken ist…

Zuckerschaum und Milchschokolade

Das war mal wieder ein Spektakel. Das Prinzchen, der Zoowärter und ich in der Migros. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches, aber offenbar für das Publikum dermassen anstrengend, dass am Ende alles erleichtert aufatmete, als wir den Laden endlich verliessen. Ich kann zwar nicht verstehen, warum das Publikum am Ende erschöpft war, den Stress hatten nämlich wir. Ich hatte mich vom Zoowärter weichklopfen lassen, ihn in eines jener unsäglichen Auto-Einkaufswägelchen zu setzen. Ist ja eigentlich nur etwas, worauf Neu-Eltern reinfallen, alle anderen wissen, dass man mit den Dingern unmöglich um die Regale kurven kann. Aber weil ich der Meinung bin, dass meine jüngeren Kinder nicht unter meiner Desillusionierung leiden sollen, habe ich eben für einmal nachgegeben. Und so hat mein Image schon von Anfang an einen Kratzer: Achtung, da kommt sie, die unerfahrene Mama, die nicht weiss, worauf sie sich eingelassen hat. Wann immer wir einer zittrigen alten Dame den Weg abschneiden oder einem gehetzten Rentner versehentlich das Auto in die Wade rammen, ernten wir böse Blicke. Aber was kann ich denn dafür, dass diese Autos eine komplette Fehlkonstruktion sind?

Während meine beiden Jüngsten anfangs recht brav sind, falle nur ich auf, wie ich schimpfend das Ungetüm durch den Laden zu manövrieren versuche. Irgendwann aber fängt sich das Prinzchen an zu langweilen und schnappt sich eine Schachtel, die mit „Zuckerschaum, Milchschokolade und Waffel“ angeschrieben ist. Das sind die Dinger,  die in der Schweiz politisch völlig inkorrekt noch immer „Mohrenkopf“ genannt werden. Fröhlich beisst das Prinzchen auf der Verpackung herum und mir käme nicht im Traum im Sinn, dass der blondgelockte Engel damit etwas im Schilde führt. Erst als er plötzlich so ein „Zuckerschaum, Milchschokolade und Waffel“-Dings in der Hand hält, dämmert mir, dass des Prinzchens unschuldige Spielerei nur Tarnung war und dass der Kleine sehr wohl wusste, warum er sich diese Schachtel geschnappt hat und nicht jene mit den Batterien drin. Und weil ich dem Kerlchen sein grossartiges Erfolgserlebnis nicht versauen will, lasse ich es schweren Herzens zu, dass er das klebrige Zeugs in sich reinstopft. Ich will ja nicht, dass er später mal völlig ohne Ambitionen vor sich hin gammelt, bloss weil ich ihm seinen ersten grossen Erfolg nicht habe gönnen mögen.

Bald schon sitzt das Kerlchen mit zuckerschaum- und milchschokoladeverschmiertem Gesicht im Wagen und der Zoowärter brüllt, weil er auf sein „Zuckerschaum, Milchschokolade und Waffel“-Dings warten muss, bis die Mama bezahlt hat. Die Leute drehen sich entsetzt nach uns um. So also sehen diese Unterschichten-Mamas aus, die ihre Kinder schon am frühen Morgen mit Süssigkeiten vollstopfen und unfähig sind, das Gebrüll ihrer Brut auf Knopfdruck abzustellen. Die ersten Zuschauer suchen verstohlen nach ihren Handys, um der Super-Nanny mitzuteilen, dass sie ein wahres Prachtsexemplar von einer schlampigen Mama in freier Wildbahn entdeckt haben.

Bei der Kasse dann kommt es zum Eklat: Das verschmierte Prinzchen ist in seinem Sitzchen aufgestanden und ich bemerke natürlich nichts davon, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, meine Einkäufe einzupacken. Um mich herum rufen Leute, aber ich habe keine Zeit, mich darum zu kümmern. Bis eine giftige Alte von der Kasse nebenan mich anschnauzt: „Das Kind könnte herunterfallen! Hören Sie denn nicht, dass die Leute schon rufen?“ Da stehe ich also, die gleichgültige Rabenmutter, die sich einen Dreck darum schert, wenn ihre Kinder vor die Hunde gehen. Die Menge geifert. Solche Mütter sieht man sonst nur bei RTL oder wie das heisst. Endlich haben sie mal wieder etwas, worüber sie beim Kaffeeklatsch lästern können.

Das nächste Mal, wenn ich einkaufen gehe, verlange ich Eintritt. Die Leute sollen nicht glauben, sie könnten sich gratis unterhalten, während ich und meine Kinder uns abmühen, ihnen eine perfekte Vorstellung zu liefern…

Weissglühend

Nein, lange hat mein Aufenthalt auf Wolke sieben nicht gedauert. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat dafür gesorgt, dass sich die Hochgefühle schnell wieder verflüchtigt haben. Viel schneller, als mir lieb war. Es wäre doch schön gewesen, wenn ich mich mal einfach des Lebens hätte freuen können. Aber solche Dinge sind dem FeuerwehrRitterRömerPiraten einerlei. Wenn er Lust hat, nach dem Mittagessen die ganze Küche unter Wasser zu setzen, dann tut er dies. Dann macht er auch keine halben Sachen, sondern sorgt dafür, dass auch wirklich jeder Quadratzentimeter des Bodens mit Wasser bedeckt ist. Wenn Mama dann wutschäumend angerauscht kommt, strahlt er sie fröhlich an, als habe er etwas ganz Grosses geleistet. Hat er ja auch: Er hat es fertiggebracht, dass Mama mal wieder mit voller Wucht auf dem harten Boden der Realität gelandet ist.

Wenn Mama unsanft landet, dann hat sie sich nicht mehr im Griff. Dann brüllt sie herum, auch wenn sie herumbrüllen schrecklich findet. Dann schnauzt sie die unbeteiligten Kinder an, auch wenn sie weiss, dass sie ungerecht ist. Dann knallt sie die Türen, auch wenn sie weiss, dass sie ein schlechtes Vorbild ist. Und der FeuerwehrRitterRömerPirat? Der versteht die Welt nicht mehr. Warum macht Mama so ein Theater? Er wollte doch nur seinen Spass haben. Dass er so reagiert, treibt Mama nur noch mehr zur Weissglut und bald schon heult der FeuerwehrRitterRömerPirat, als habe man ihm etwas zuleide getan.

Als ein paar Minuten später der Sturm verzogen ist und die Kinder beschäftigt sind, starre ich niedergeschlagen aus dem Fenster. Warum nur muss ich immer dann explodieren, wenn das Leben endlich so läuft, wie ich es mir wünsche? Und warum versteht der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht, dass er zu weit geht, dass das alles nicht mehr lustig ist? Warum nur muss er immer und immer wieder meine Grenzen aufs Gröbste überschreiten? Stimmt mit dem Kind etwas nicht? Braucht er einen Psychiater?

Wie ich mir den Kopf zerbreche, erscheint vor meinem inneren Auge auf einmal das Bild eines kleinen Mädchens. Es sitzt auf einem Holztisch vor seinem Elternhaus und hackt mit den Kufen seiner Schlittschuhe, die es an den Füssen trägt, fröhlich Löcher in den Tisch. Der ganze Tisch ist übersät mit Löchern. Als die Eltern schimpfen, versteht es die Welt nicht mehr. Was haben die bloss? Das hat doch Spass gemacht. Dann sehe ich das Mädchen, wie es voller Wut gegen die Tür eines Schuppens tritt, so lange, bis die Tür ein grosses Loch hat. Auch diesmal ist das Mädchen verwundert, dass man es ausschimpft. Wer braucht denn diese alte, lotterige Tür?

Das Mädchen ist die spätere Mama des FeuerwehrRitterRömerPiraten. Und weil dieses Mädchen noch immer in der Mama steckt, rastet die Mama dann aus, wenn sich der FeuerwehrRitterRömerPirat wie das Mädchen aufführt. Weil die Mama sich aber auch daran erinnert, dass das Mädchen all die Dummheiten ohne böse Absichten gemacht hat, schafft sie es, nachdem der Zorn verraucht ist, den FeuerwehrRitterRömerPiraten wieder in den Arm zu nehmen und sich mit ihm zu versöhnen.

Träume ich?

Nach Jahren der Stagnation, nach unzähligen Misserfolgen, nach der beinahe-Resignation unternimmst du einen verzweifelten Versuch, dir einen Tritt in den Hintern zu geben. Und plötzlich stehst du vor einer offenen Tür. Ohne dass du zuerst zehnmal laut hast dagegen poltern müssen. Ohne dass du jemandem den Schlüssel hast entwinden müssen. Ohne, dass dir Obelix zu Hilfe gekommen wäre und sie für dich eingeschlagen hätte. Einfach so.

Kann das wirklich sein? Oder schnappt die Türe im letzten Moment wieder zu und klemmt dir die Finger ein? Hast du es noch nicht vollständig verlernt,  an das Gute im Leben zu glauben und nicht nur an das Frustrierende? Glaubst du noch daran, dass man manchmal im Leben auch etwas geschenkt bekommt, ohne dafür kämpfen zu müssen? Wagst du es, dem ungewohnten Terrain unter deinen Füssen zu trauen und mutige Schritte zu tun? Wenn du es herausfinden willst, wird dir nichts anderes übrig bleiben, als vorwärts zu gehen.

Und wenn ihr wissen wollt, worum es geht, dann müsst ihr euch noch ein kleines bisschen länger gedulden. Zumindest so lange, bis die Tinte auf dem Vertrag trocken ist. Erst dann wage ich es wirklich zu glauben, dass ich keinen Schritt ins Leere getan habe.

Auf zur zweiten Runde!

Noro ist zurück. Oder war er etwa noch gar nicht weg? Auch egal. Nicht egal ist aber, dass der Zoowärter sein Abendessen wieder von sich gegeben hat, obschon er Erbrechen doch „schteigruusig“ findet. Aber mich geht das ja eigentlich wenig an. Seitdem sich „Meiner“ damit brüstet, die einzig wahre Technik zum Aufwischen von Erbrochenem entwickelt zu haben, kümmere ich mich nur noch ums Trösten der Kinder. Und nein, ihr könnt „Meinen“ nicht ausleihen, damit er das Erbrochene eurer Kinder auch beseitigt. Bei uns zu Hause gibt’s genug aufzuwischen.

Führungsschwach

Wenn Mama Venditti eine junge Frau im Hause hat, die ihr dabei hilft, das Chaos zu beseitigen, dann schämt sie sich fürchterlich dafür, dass ihre Kinder nicht so brav sind wie im Erziehungsratgeber, dass man der Wohnung ansieht, dass übers Wochenende alle krank waren, dass die Wäscheberge herumliegen. Mama Venditti entschuldigt sich dafür, dass nicht alles perfekt ist, und vergisst dabei a) dass sie ja Hilfe geholt hat, weil sie die Berge beseitigen will, b) dass es der jungen Frau wohl ziemlich egal ist, wie es bei Vendittis aussieht, weil sie ja zum Arbeiten gekommen ist und nicht weil es so schön ist hier, und c) dass die junge Frau irgendwann vielleicht froh sein wird, sich daran erinnern zu können, dass bei Vendittis auch nicht alles perfekt war, als die Kinder klein waren.


Wenn Mama Venditti eine junge Frau im Hause hat, die ihr dabei hilft, das Chaos zu beseitigen, dann erteilt sie die Anweisungen so:

„Hättest du vielleicht schnell Zeit, auf das Prinzchen aufzupassen? Ich muss schnell in den Keller gehen.“

Oder so: „Würde es dir etwas ausmachen, mit den Kindern ein Spiel zu spielen? Du kannst aber auch diesen Schrank hier aufräumen, wenn du lieber möchtest.“

Oder so: „Stört es dich, wenn ich das hier schnell erledige, währenddem du mit Karlsson das Zimmer aufräumst?“


Wenn Mama Venditti eine junge Frau im Hause hat, die ihr dabei hilft, das Chaos zu beseitigen, dann delegiert sie nichts, aber auch gar nichts. Warum nicht? Weil sie alles selber machen will, damit es perfekt ist? Nein, weil sie dabei immer wieder denkt: „So eine elende Drecksarbeit kannst du niemandem zumuten. Das musst du selber machen. Die junge Frau ist ja nicht dein Sklave, der jeden Mist für dich erledigen muss.“

Noch irgendwelche Fragen, weshalb es Mama Venditti beruflich auf keinen grünen Zweig gebracht hat?

Liebe

Gestern war ich ja ziemlich benebelt beim Schreiben über die Nacht mit dem Norovirus. Heute bin ich zwar noch immer benebelt, aber nicht mehr ganz so schlimm wie gestern. Und darum muss ich da noch etwas klarstellen, bevor ich unter den Familien-Bloggerinnen als diejenige gelte, die wegen einer kleinen Magen-Darm-Seuche Zweifel bekommt, ob der Entscheid, eine Familie zu gründen, wohl richtig gewesen sei. Wenn ich meine noch kinderlosen Leser davor gewarnt habe, weiterzulesen, dann deshalb, weil mir auch schon Leute gesagt haben, sie hätten Zweifel bekommen, ob sie denn tatsächlich Kinder haben möchten, nachdem sie bei mir gelesen hätten, wie das Familienleben auch sein kann. Und andere davon abhalten, eine Familie zu gründen, ist nun wirklich nicht meine Absicht. Deshalb verkünde ich hier einmal mehr laut und deutlich: Ich vergöttere meine Familie. Ich möchte auf keinen Tag mit meiner Bande verzichten, auch wenn mein Leben bestimmt beschaulicher, planbarer und ordentlicher wäre. Aber wer will den schon ein beschauliches, planbares und ordentliches Leben? Ich nicht. Zumindest nicht vor der Pensionierung.

Das alles ist mir gestern mal wieder so deutlich bewusst worden, als ich mitten im Chaos völlig belämmert auf dem Sofa lag, umschwirrt von meinen Kindern. Mal kam Luise, um mich zu streicheln, mir Tee zu bringen und den lieben Gott zu bitten, dass er doch bitte die Mama ganz schnell wieder gesund machen würde. Dann wieder kam Karlsson, um mir zu sagen, dass ich die liebste Mama der Welt sei und dass er immer wisse, dass ich ihn liebe, auch wenn ich manchmal streng sei mit ihm. Zwischendurch legte das Prinzchen sein Köpfchen an meine Brust und rief liebevoll „Maaamma!“, der FeuerwehrRitterRömerPirat kam, um Händchen zu halten und der Zoowärter suchte mich immer wieder, um sicher zu sein, dass ich noch da war. Dann wieder wischte ich mit revoltierendem Magen das Erbrochene der Kinder auf und dachte bei mir, dass ich dazu nie fähig wäre, wenn ich die fünf nicht so unendlich lieben würde. Denn wenn es darum geht, Erbrochenes aufzuwischen, bin ich eine absolute Memme.

Ja, ich vergöttere die Bande, auch wenn sie mir mal wieder den Noro ins Haus geschleppt haben. Auch wenn ich ohne sie wohl nicht einmal wüsste, wer Noro überhaupt ist, weil ich von ihm verschont geblieben wäre, bis ich ins Altersheim eingeliefert worden wäre. Doch was würde ich im Altersheim bloss anfangen ohne all die Erinnerungen an die Turbulenzen mit meinen Knöpfen?

Eines muss ich aber trotz allem festhalten: So wie mir diese Seuche vor Augen geführt hat, wie sehr ich meine Bande liebe, so deutlich wurde mir auch bewusst, wie Recht doch der Zoowärter hatte, als er vor zwei Tagen mit in die Luft gereckter Faust und wildem Gesichtsausdruck die folgende Erkenntnis in die Welt hinaus schrie: „Chörble isch so schteigruusig!“, was zu gut Deutsch etwa so viel bedeuten soll wie „Sich erbrechen ist so furchtbar und abscheulich.“ Wo er Recht hat, hat er Recht…