Die Nacht der Nächte

Wer sich mit dem Gedanken trägt, sich demnächst fortzupflanzen, soll jetzt bitte nicht weiterlesen. Es wird nicht mein romantischster Blogeintrag. Andererseits kann es ja nichts schaden, mit offenen Augen an das Abenteuer Kinder heranzugehen. Also, ihr noch-Kinderlosen: Entscheidet selbst, ob ihr euch diesen Post über die schlimmste Nacht meines Lebens antun wollt. Aber gebt danach nicht mir die Schuld, wenn ihr euch gegen Kinder entscheidet. Ihr habt euch selber fürs Lesen entschieden.

Nachdem wir gestern völlig unerwartet vom Norovirus heimgesucht wurden, hing schon bald auch ich über der Kloschüssel. Unwesentlich später war auch „Meiner“ dran, und dazwischen immer mal wieder Luise. War das ein Gedränge! Ich entschied mich, auf dem Sofa zu nächtigen, um einen Vorsprung aufs WC zu haben. Was dazu führte, dass ich zur ersten Anlaufstelle wurde für alle, die etwas loswerden wollten. Um ein Uhr nachts stand Luise da, kreideweiss und völlig elend. Ich schickte sie zu Papa ins Bett, weil ihr Bett…., nun ja, nennen wir es leicht schmutzig, war. Vierzig Minuten später war der FeuerwehrRitterRömerPirat da, von oben bis unten vollgekotzt. Irgendwie schaffte ich es, mich vom Sofa aufzurappeln, sein Bett sauber zu machen und ihm ein neues Pyjama zu bringen. Wiederum zwanzig Minuten später stand der Zoowärter heulend auf der Matte und verlangte, eine CD hören zu dürfen. Durfte er aber nicht. Nachts um halb drei machen wir das gewöhnlich nicht. Dafür aber durfte der Zoowärter sich vollkommen entkleiden und eine Dusche nehmen, weil seine Windel…. Nun ja, sie war mehr als voll, wenn ihr wisst, was ich meine. Während ich den Zoowärter reinigte, hing „Meiner“ mal wieder über der Kloschüssel.

Danach herrschte Ruhe. Bis gegen sechs Uhr früh Karlsson erschien. Er, der seit langer Zeit nichts mehr dergleichen tut, hatte sein Bett nass gemacht. Ab in die Badewanne mit dem Jungen und weiter dösen. Bis ein leichenblasser FeuerwehrRitterRömerPirat wünschte, neben Mama weiterzuschlafen. Etwas später dann ein Prinzchen mit ebenfalls viel zu voller Windel, dann wieder ein Zoowärter, ebenfalls nicht im saubersten Zustand. Dazu eine jammernde Luise und ein ziemlich lädierter „Meiner“, der es aber immerhin schaffte auf die Füsse zu kommen, was mir wegen der elenden Gliederschmerzen nicht mehr gelingen wollte. Na ja, irgendwie hatte ich mir das Wochenende etwas anders vorgestellt. Zumindest hat uns „Meiner“ inzwischen mit Cola und Zwieback eindecken können.

Wundert sich noch jemand, dass ich jeglicher Art von Fäkal-„Kunst“ nichts abgewinnen kann? Die „Künstler“, die meinen, sie müssten mit dem Verschmieren von Körpersäften und Fäkalien provozieren sollen sich bitte ein paar Kinder anschaffen. Dann werden sie bald erkennen, dass man damit niemanden provoziert. Zumindest nicht so provoziert, wie sie zu provozieren meinen.

Ach und übrigens: Herzlichen Dank für alle guten Wünsche. Im Moment sind wir noch nicht auf dem Damm, aber wir arbeiten dran…

Protokoll

7:00 Uhr: zum ersten Mal des Zoowärters Gekotztes aufgeputzt und nebenbei den anderen das Frühstück serviert

8:15 Uhr: Krach mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sich, anstatt in den Kindergarten zu gehen, hinter dem Kleiderständer versteckt hat

8:30 Uhr: Zoowärter in seine neue Winnie the Pooh-Latzhose gesteckt. Zoowärter sieht zum Anbeissen aus!

8:45 Uhr: Zoowärter wegen akuten Durchfalls wieder aus der Latzhose geschält. Zoowärter sieht jetzt nicht mehr zum Anbeissen aus.

8:50 Uhr: Zoowärter und Prinzchen nehmen ein „Dreckspatz-Bad“ mit Rose und Vanille. Hach, wie die zwei duften!

9:10 Uhr: Zoowärter kotzt. Duftet nicht mehr.

9:15 Uhr: Lese folgendes Zitat auf der Frontseite der Tageszeitung: „Unsere geschätzten Patientenzahlen waren zwar zu hoch, aber nicht völlig daneben.“ Patrick Mathys, Bundesamt für Gesundheit, über die eigenen Voraussagen zur Schweinegrippe vom vergangenen Sommer

9:20 Uhr: Während ich das frisch gebadete Prinzchen aus seiner eben noch sauberen Kleidung schäle und ihn danach dusche, um die Spuren seines akuten Durchfalls zu beseitigen, zerbreche ich mir den Kopf darüber, warum man ein solches Geschrei gemacht hat um H1N1, wo doch Noro viel mühsamer ist.

10:00 Uhr: Prinzchen schläft, Zoowäter schläft fast, ich lese  im „Beobachter“ folgende Sätze zum Thema Managerlöhne: „Genauso lehnt Hostettler fixe Obergrenzen ab. ‚Sie hinterlassen ein dumpfes Gefühl der Eingeschränktheit und durchbrechen das positive Prinzip des Mehrs.‘ Mehr zu wollen und sich nicht mit dem Status quo zufriedenzugeben sei schliesslich das Erfolgsmodell, auf dem unserer Wirtschaftsordnung fusse. Dieses Prinzip dürfe wergen der jüngsten Lohnexzesse nicht leichtfertig geopfert werden.“ Ich verdrücke ein paar Tränchen für die armen Manager, die darum fürchten müssen, an einem „dumpfen Gefühl der Eingeschränktheit“ leiden zu müssen.

11:00 Uhr: Der Zoowärter ist wieder fit und will singen. Das heisst, der Zoowärter wählt das Bild aus und ich singe dazu. 10 mal „Backe backe Kuchen“, fünf Mal „Heut‘ ist ein Fest bei den Fröschen am See“, drei Mal „Auf unsrer Wiese gehet was“, ein halbes Mal „Lobe den Herren“, acht Mal „Chämifäger schwarze Maa“ und dazwischen wird gekocht, aufgeräumt und gewickelt. Der Zoowärter ist traurig, dass der Winnie the Pooh auf der Windel nichts mehr sieht, wenn er in der Hose eingesperrt wird.

12:00 Uhr: Das Essen steht auf dem Tisch, Karlsson, Luise, das Prinzchen, der Zoowärter und ich starren hungrig auf die Schüsseln, doch der FeuerwehrRitterRömerPirat ist nicht da.

12:15 Uhr: Noch immer keine Spur von FeuerwehrRitterRömerPiraten. Karlsson und Luise gehen ihn suchen.

12:20 Uhr: Draussen heult der FeuerwehrRitterRömerPirat, weil Luise ihm eine übergebraten hat, weil er sich mit seinem Freund eine Schneeballschlacht geliefert hat, anstatt nach Hause zu kommen.

13:10 Uhr: Luise muss jetzt augenblicklich ein Tütü haben. Weil das alte tatsächlich zu klein ist, bestelle ich ihr jetzt augenblicklich eines und bezahle am Ende mehr fürs Porto als fürs Tütü

14:30 Uhr: Der FeuerwehrRitterRömerPirat landet für längere Zeit mit einem Buch auf dem Sofa, wo er bleiben muss, bis er sich beruhigt hat. Was er getan hat? Nun, die Reihenfolge weiss ich nicht mehr, ich weiss nur noch, dass das Prinzchen, Luise, Luises Freundin und der Zoowärter wegen ihm geheult haben. Und dann hat er noch eine Bastelarbeit von Luise zerstört und die Salontische umgechmissen. Das reicht.

16:00 Uhr: Karlsson will mit „Google Earth“ auf Reisen gehen. Ich bin „die beste Mama der Welt“, weil ich mitmache und mit ihm die Freiheitsstatue und Ayers Rock ansehe.

16:50 Uhr: Luise kotzt zum ersten Mal.

17:10 Uhr: „Meiner“ kommt nach Hause und überrascht mich mit einem Gutschein zum Kaffeetrinken. Damit ich morgen mal ausspannen kann.

18:00 Uhr: Abendessen. Luise will unbedingt Broccoli essen. Wir sagen ihr, sie solle es für einmal besser bleiben lassen.

18:05 Uhr: Wir haben kein Pepsi mehr und die Magen-Darm-Seuche ist gerade erst ausgebrochen

18:15 Uhr: Luise kotzt.

18:30 Uhr: Luise kotzt noch einmal.

18:45 Uhr: Luise kotzt noch einmal.

19:00 Uhr: Drei Kapitel „Kinder aus Bullerbü“. Der Zoowärter ist schon auf dem Sofa eingeschlafen.

19:30 Uhr: Ich erwache völlig benebelt auf dem Sofa. Wo sind all die Kinder? Und warum hat „Meiner“ die Küche ohne mich aufgeräumt? Und was für ein Tag ist heute überhaupt?

20:00 Uhr: Luise kotzt wieder.

20:10 Uhr: Der FeuerwehrRitterRömerPirat klagt über Bauchschmerzen.

20:15 Uhr: „Komm lieber Mai und mache“ für Karlsson, „Schlaf mein Kind, ich wieg‘ dich leise“ für den FeuerwehrRitterRömerPiraten

20:35 Uhr: Luise kotzt wieder.

20:55 Uhr: Mir ist kalt. Und übel. Und ich habe Bauchschmerzen. Was das wohl sein könnte?

Begegnung

Neulich hatte ich nichts mehr anzuziehen. Und zwar nicht so, dass ich vor dem vollen Schrank stand und mit nichts zufrieden war, sondern so, dass alles entweder zu eng, zu weit, zu lang, zu kurz, zu löchrig oder zu abgetragen war. In der Verzweiflung griff ich zu den einzigen Kleidern, die irgendwie noch passten: Ein magentafarbener Rock mit orangefarbenem Abschluss, dazu eine knallbunt gemusterte Bluse, hauptsächlich in Violett und Orange gehalten und eine pinkfarbene Strumpfhose. Ich schlüpfte in die Kleider und plötzlich sah ich im Spiegel nicht mehr mich, sondern mich.

Zuerst war ich ein wenig baff ob meines Anblicks, doch als ich die Fassung wieder erlangt hatte, fragte ich mich mit leisem Vorwurf in der Stimme: „Wo hast du all die Jahre bloss gesteckt? Ich habe dich bestimmt seit sechzehn Jahren nicht mehr gesehen.“ „Und das verwundert dich?“, fragte ich ziemlich eingeschnappt zurück und fuhr dann, ohne eine Antwort von mir zu erwarten, fort: „Das war ja nicht mehr auszuhalten mit dir. Du hast das Versprechen gebrochen. Du bist nicht die, die ich sein wollte.“ „Versprechen? Welche Versprechen denn?“, wollte ich wissen. „Erinnerst du dich vielleicht noch an die Zeit, als es mein ganz grosser Stolz war, dass in meinem Schrank kein einziges schwarzes Kleidungsstück hing? Und an das Versprechen, dass es auch so bleiben würde. Auch dann, wenn ich Hausfrau und Mutter sein würde? Und was ist daraus geworden? Hä? Dein Schrank quillt über vor braunen Pullovern, schwarzen Hosen und dunkelblauen T-Shirts. Ja, du hast sogar einen schwarzen Mantel.“Der ist grau“, warf ich zu meiner Verteidigung ein. „Grau? Noch schlimmer! Du weisst genau, was ich von Grau halte“, entrüstete ich michIch errötete. Ja, ich hatte Recht, es war anders gewesen, damals, als ich noch jung und idealistisch war. Doch auch wenn ich die Wahrheit sagte, es war dennoch nicht fair von mir, dass ich mir solche Vorwürfe machte und deshalb verteidigte ich mich mit ziemlich weinerlicher Stimme: „Du weisst ja gar nicht, was ich durchgemacht habe in den letzten Jahren. Endloser Stress, keine Zeit für mich, finanzielle Engpässe, Depression, Hausfrauenfrust,Glaubenskrisen …“

„Halt!“, schrie ich und stopfte mir die Finger in die Ohren. „Ich mag dein Gejammer nicht mehr hören. Natürlich hattest du es nicht immer leicht in den vergangenen Jahren. Aber musst du dich denn deswegen gleich derartig gehen lassen, dass man dir die frustrierte Hausfrau schon aus zehn Kilometern Distanz ansieht? Und das, was man von aussen sieht, spiegelt nur das wider, was in dir steckt: Eine Frau, die sich selber verloren hat.“ Das sass. „Mag ja sein, dass du Recht hast“, gab ich etwas kleinlaut zu. „Aber es war wirklich nicht immer einfach, ich zu sein, während so Vieles anders lief, als ich es mir vorgestellt hatte. Und ich habe mir in den vergangenen Monaten wirklich Mühe gegeben, wieder mehr ich zu werden.“ „Darum bin ich ja zurückgekommen“, sagte ich. „Komm, wir gehen Shoppen!“. Ich zog mich zum Computer, loggte uns bei La Redoute ein und bestellte grüne Strumpfhosen, einen knallroten Mantel, violette Hosen, und orangefarbene Unterwäsche.

„So gefällst du mir schon besser“, sagte ich zu mir, als heute Morgen die Kleider geliefert wurden. „Wenn du es jetzt auch noch schaffst, das Innere mit den Äusseren abzustimmen, dann passen ich und du wieder zusammen. Dann bist du wieder ich und ich erkenne mich in dir wieder.“

Das Ganze war ein wenig verwirrend, aber ich glaube, die Begegnung mit mir hat mir gut getan.

Eigentlich…

… handelt dieser Beitrag davon, was für ein wunderbares Kind das Prinzchen doch ist. Ein Kind, das zwar schreit, wenn es nicht das Stofftier vom grossen Bruder ungehindert an sich reissen darf, das sich heftig dagegen wehrt, wenn es ausnahmsweise mal nicht auf dem Tisch sitzen darf, das losbrüllt wenn es die Zähne geputzt bekommen sollte, das aber keinen Pieps von sich gibt, wenn es sich die besagten Zähne wachsen lässt. Am Abend legst du ein Kind mit acht Schneidezähnen ins Bett und am Morgen holst du es mit zwei nagelneuen Backenzähnen, die sich heimlich, still und leise zu den andern Zähnen gesellt haben, wieder aus dem Bett. Kein Gesabber, kein Gebrüll, kein wunder Po und die Zähne sind trotzdem da. Endlich ein Kind, das weiss, wie man richtig zahnt! Habe ich ihn nicht gut hingekriegt, meinen Prinzen?

Habe ich nicht, zumindest nicht, was das Zahnen betrifft. Und für den äusserst gut gelungenen Rest kann ich mir wohl auch keine Lorbeeren holen. Ich habe das grossartige Menschlein ja bloss ausgebrütet, mehr nicht. Aber beim Zahnen, da habe ich nun ganz eindeutig keinem Wunderkind das Leben geschenkt: Das Kind brüllt nämlich nicht dann die halbe Nacht, wenn der Zahn am Durchbrechen ist, nein, es brüllt in der Nacht danach. Und dann auch noch in der Nacht nach der Nacht danach. Und in der Nacht nach der Nacht nach der Nacht danach.

Oder ist das vielleicht schon der nächste Zahn, der durchdrückt? Ich weiss es nicht so recht. Ich habe ja auch fast gar keine Erfahrung mit dem Thema….

Wehrt euch, Papas!

Da wage ich zu erwähnen, dass Papas sogleich Hilfe angeboten bekommen, kaum zeichnet sich ab, dass Mama mal ein paar Stunden ausser Hause ist. Und was bekomme ich zu hören von allen Frauen im Umkreis von 1000 Kilometern? Zig Geschichten von Schwägerinnen, Tanten, ledigen Arbeitskolleginnen und dergleichen, die über Jahre hinweg ungerührt dabei zugesehen haben, wie Mama am Anschlag läuft und die dann, wenn Papa den Laden mal alleine schmeissen sollte, jede erdenkliche Hilfe anbieten: Zoobesuche, Essen vorkochen, Kinder zum Übernachten einladen und  dergleichen. Ja, man munkelt gar von (Schwieger)müttern, die ihrem (Schwieger)sohn sofort zu Hilfe eilen,  damit er nicht alleine Windeln wechseln, Mittagessen kochen, Böden fegen und – Gott bewahre! – Erborchenes aufputzen muss, während sie bei der (Schwieger)tochter das alles ganz normal fanden und ihr höchstens ein paar doofe Ratschläge um die Ohren hauten, wenn sie mal wieder erin wenig jammern wollte. Sonderbarerweise habe ich noch nie von einem Mann gehört, der es für nötig gehalten hätte, einem vorübergehenden Single-Papa unter die Arme zu greifen…

Wäre ich ein Papa, ich wäre zutiefst beleidigt, dass man mich für unfähig hält, mein  eigenes Fleisch und Blut liebevoll zu umsorgen. Deshalb würde ich mutig hinstehen und sämtliche Hilfsangebote ablehnen, um zu beweisen, dass ich sehr wohl im Stande bin, den Job ebenso gut zu machen wie Mama. Und natürlich würde ich den Helferinnen sagen, sie seien herzlich willkommen, mitzuhelfen. Später dann. Wenn Mama wieder zurück ist…

Liebe Schulleitung

Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich Ihnen diesen Brief schreibe. Ich tue dies nämlich nicht aus freien Stücken.Im Gegenteil: Ich werde geradezu gezwungen dazu. Jeden Morgen um sieben Uhr und zwar von meiner fast siebenjährigen Tochter Luise: „Diese blöde Schulleitung! Schreib denen einen Brief und sag ihnen, dass ich nicht so früh aufstehen will.“ Und so schreibe ich Ihnen eben diesen Brief, mit der Bitte, die Kritik meiner Tochter zur Kenntnis zu nehmen. Aber zur Kenntnis nehmen reicht, machen Sie bitte nicht mehr daraus.

Leiten Sie diesen Brief zum Beispiel auf keinen Fall an die SVP weiter. Die würden ihn bloss als eine Aufforderung ansehen, dafür zu kämpfen, dass die Schule wieder wird wie Anno dazumal. Sie würden sich sofort dafür stark machen, dass die Mütter wieder schön brav zu Hause bleiben müssen, damit sie den einen Sprössling um sieben, den nächsten um acht, die anderen um neun in die Schule schicken können; damit sie den ersten Sprössling um zehn wieder in Empfang nehmen können, den Zweiten um halb elf und die anderen beiden um Viertel vor zwölf. Die SVP würde ein Bild von unserer morgenmuffeligen Tochter schiessen und es an alle Plakatwände pappen mit dem Spruch: „Ich will nicht so früh aufstehen! Nieder mit den Blockzeiten“. Oder so ähnlich.

Aber genau hier liegt der Haken: Luises Meinung ist nicht repräsentativ, nicht einmal in unserer Familie. Das Kind machte schon als Zweijährige die Nacht zum Tag und verpennte danach den ganzen Morgen. Wenn sie dies aus irgend einem Grund nicht tun konnte, dann war sie morgenmuffelig. Und so ist sie geblieben und deshalb hegt sie einen Groll gegen Sie, liebe Schulleitung. Die Sache ist also vollkommen subjektiv. Alle anderen Kinder in unserer Familie sind sehr zufrieden mit den fixen Schulzeiten von acht bis zwölf, insbesondere das Prinzchen und der Zoowärter, die froh sind, wenigstens am Morgen Ruhe vor den grossen Geschwistern zu haben. Also, liebe Schulleitung, nehmen Sie sich Luises Kritik bitte nicht  allzu sehr zu Herzen.

Und noch eine Bitte, und zwar eine flehentliche: Kommen Sie ja nicht auf die Idee, die Blockzeiten je wieder abzuschaffen, bloss, weil Luise nicht glücklich ist damit. Nicht nur, solange ich noch Schulkinder habe, sondern überhaupt gar nie mehr. Auch die Eltern kommender Generationen werden Ihnen unendlich dankbar sein dafür. Ja, ich wage zu behaupten, dass sogar Luise  dereinst einmal froh sein wird, wenn sie nicht die Sklavin des Stundenplans ihrer Kinder sein wird. Falls sie es bis dahin morgens aus den Federn schafft und die Frühschicht nicht dem Papa ihrer Kinder überlässt. Auch wenn sie das heute noch nicht begreifen will und mich jeden Morgen bedrängt, Ihnen endlich diesen Brief zu schreiben.

Was ich somit erledigt hätte.

Die Putzfrau und ich

Ja, ich weiss, man nennt das heutzutage nicht mehr Putzfrau. Aber Hausfrauen nennt man heute auch nicht mehr Hausfrauen und dennoch werden wir noch immer nicht für voll genommen, genauso wenig wie die Putzfrauen. Also können wir die alten Begriffe getrost weiter verwenden, solange man mit Euphemismen die Geringschätzung zu kaschieren sucht. Merkt ihr’s? Ich habe mal wieder einen akuten Anfall von Hausfrauenfrust. Dabei hatte ich fest damit gerechnet, dass heute Vieles besser sein würde. Nein, natürlich nicht vollkommen besser. Ich bin doch kein Phantast, der glaubt, mit dem neuen Jahr werde alles besser. An meinem Vollpensum als Hausfrau hat sich ja nichts geändert. Aber zumindest hatte ich damit gerechnet, dass meine Putzfrau heute wieder aus den Ferien zurück ist.

Ist sie aber nicht. Und deshalb hätte ich heute selber putzen müssen. Was aber nicht möglich war. Weil das Prinzchen immer dann auf den Arm genommen werden wollte, wenn ich gerade den Besen zur Hand nehmen wollte. Weil der Zoowärter heute hundertmal die Geschichte von Felix hören wollte. Weil ich eine volle Stunde mit einem Kerl von Sunrise am Draht hing, weil er versuchte, unsere Internet-Verbindungsprobleme zu lösen und irgendwann entnervt aufgeben musste, weil er sich „mit Mac leider nicht so gut“ auskennt. Hätte mich ja gleich am Anfang fragen können, ob ich einen PC oder einen Mac habe. Ja, und dann gab es noch tausend andere Hindernisse, die sich in den Weg stellten, so dass unsere Wohnung mal wieder einem Rattenloch gleicht.

Und so wird mir einmal mehr bewusst, dass ich ohne Putzfrau nicht mehr leben könnte. Klar, ich breche nicht mehr in Tränen aus, wenn sie mal nicht kommt. Das ist mir vor einem Jahr, als ich kräftemässig am Tiefpunkt war, durchaus mal passiert. Aber auch wenn ich heute nicht mehr heule vor lauter Sehnsucht  nach ihr, so weiss ich doch sehr zu schätzen, dass es da einen Menschen gibt, der bereitwillig unseren ganzen Dreck beseitigt und dennoch die Achtung vor uns nicht verloren hat. Nein, ich meine jetzt nicht Achtung im Sinne von Unterwürfigkeit, sondern Achtung im Sinn von: sie redet noch mit mir, auch wenn unter unserem Bett so wahnsinnig viel Staub liegt. Sie nimmt meine Kinder auf den Arm, auch wenn sie fast immer eine laufende Nase oder klebrige Finger haben. Sie übernimmt meine Kochrezepte, auch wenn sie sieht, dass meine Küche versinkt im Chaos. Kurz: Sie nimmt mich, wie ich bin, mit all meinen Schwächen und Stärken. Ich vergöttere diese Frau!

Dabei hatte ich mich anfangs so sehr gesträubt dagegen, eine Putzfrau anzustellen. Das Ganze roch mir zu sehr nach Überheblichkeit. Nach Menschen, die glauben, etwas Besseres zu sein und sich deswegen die Finger nicht schmutzig machen wollen Doch irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich schlicht zu unbegabt bin, um den Haushalt zu schmeissen. Dass da ein Experte ran muss; jemand, der weiss, wie man einen Besen in die Hand nimmt und nicht schreiend zusammenbricht, wenn der Boden mal wieder so übersät ist mit Spielzeug, dass man ihn nicht mehr sehen kann. Ein Profi eben, nicht so ein schäbiger Möchtegern wie ich. Wobei ich ja nicht einmal ein Möchtegern bin, weil ein Möchtegern ja gerne möchte. Und das möchte ich nicht…

Und ich hatte geglaubt…

… ich hätte heute nichts zum Bloggen. Bis ich heute am späten Nachmittag in mein „wunderschönes neues Büro“ ging, das leider nicht mehr so ganz „wunderschön“ war, sondern so aussah:

Nein, das ist kein Blut. Wir leben noch alle. Es handelt sich um  magentafarbene Tinte, die ich in einem Anflug von Idealismus gekauft hatte. Ich hatte nämlich geglaubt, dass auch Leute mit Kindern die Tintenpatronen nachfüllen könnten, um so Geld zu sparen. Leider hat sich dies aber als grosser Irrtum erwiesen, wie man sieht. Magenta auf dem neuen Computer, Magenta auf dem neuen Schreibtisch, Magenta auf der neuen Mausmatte, – gut, die hatte nur 95 Rappen gekostet,- und Magenta auf dem alten, unversiegelten Riemenboden. Der Schuldige war schnell gefunden: Wir mussten nur kontrollieren, wer magentafarbene Finger hatte. Und da der FeuerwehrRitterRömerPirat sich gestern bereits wegen schwarzer Finger hatte ertappen lassen, war er auch der Erste, der heute seine Händchen zeigen musste. Und sonderbarerweise nicht wollte…

Wie kann ein Kind, das sich mit fünf das Lesen und Schreiben beibringt, ein Kind, das dir Fakten über Römer, Pharaonen und Ritter herunterbeten kann, ein Kind, das die Namen der sieben Bundesräte kennt, so dumm gedankenlos sein, an zwei Tagen hintereinander Mamas Büro mit Tinte zu verwüsten? Wie kann dieses Kind dann nicht einmal wissen, weshalb es dies getan hat? Wie kann dieses Kind unbeschwert zu den Nachbarn gehen um zu spielen, anstatt den Eltern die Missetat sogleich zu beichten? Wie kann dieses Kind dann auch noch heulen, weil es nach dem Abendessen nur noch kurz das Zimmer aufräumen „darf“ und dann ohne Geschichte ins Bett marschiert? Und ist das wirklich das gleiche Kind wie jenes, das mir gestern Morgen Tee und Joghurt ans Bett brachte?

Ja, manchmal ist er für mich ein einziges Fragezeichen, der FeuerwehrRitterRömerPirat. Aber morgen wird alles anders sein; er hat’s versprochen: „Morgen“, sagte er mir mit ernster Mine, nachdem ich ihn fertig ausgeschimpft hatte, „morgen werde ich es nicht mehr tun.“ Nein, wird er wirklich nicht, denn ich habe die Tinte weggeschmissen…

Man muss nur wissen, was man will…

„Meiner“ und ich haben bekanntlich die Nase gestrichen voll von nächtlichen Kinderbesuchen in unserem Bett. Was dem FeuerwehrRitterRömerPiraten herzlich egal ist. „Ich träume heute so schlecht“, verkündete er gestern Abend, noch bevor er die Zähne geputzt hatte. „Darf ich auf eurem Bett einschlafen?“ Nein, darf er nicht. Denn es ist doch so: Schläft er oben, träumt er schlecht, wir hingegen sehr gut. Schläft er bei uns, träumt er gut, wir hingegen träumen gar nicht. Also schickten wir ihn in sein Bett. Zehn Minuten später stand er wieder da: „Ich träume so schlecht.“ „Dann hör eben die CD vom Zwergen ‚Gimli'“. Er zog ab mit dem CD-Player und dem Zwergen. Eine halbe Stunde später stand er wieder da: „Bei der zweiten Geschichte von ‚Gimli‘ habe ich schlecht geträumt.“ Wann bitte hatte das Kind überhaupt Zeit zum Träumen gefunden? Es war ja noch hellwach. „Soll ich mit dir beten?“ Eifriges Nicken und nach dem Gebet war dann endlich Ruhe.

Genau so lange, bis „Meiner“ und ich uns endlich für einen Film entschieden hatten, den wir beide nicht bloss entspannend, sondern auch unterhaltsam fanden. Kaum hatten wir es uns auf dem Sofa so richtig bequem gemacht, hörten wir, dass die Türe aufging. Und gleich wieder zu. Dann hörten wir schnelle Kinderfüsse auf der Treppe. Das Kerlchen hatte wohl geglaubt, er könne sich unbemerkt in unser Bett schleichen und war dann so erschrocken, dass wir noch wach waren, dass er die Flucht nach oben ergriff. Um eine halbe Stunde später wieder dazustehen: „Ich träume noch immer schlecht.“ Wie schafft man es bloss, so fröhlich auszusehen, wenn man schlecht träumt? Weil der Film jetzt aber richtig interessant geworden war, gaben wir es auf. Der FeuerwehrRitterRömerPirat legte sich in unser Bett und drei Sekunden später waren die schlechten Träume vergessen. Haben wir nicht ein wundervolles Bett?

Nach dem Film waren „Meiner“ und ich natürlich zu müde, um das Kerlchen noch nach oben zu schleppen. Und so schliefen „Meiner“ und der FeuerwehrRitterRömerPirat bald schon eng aneinander gekuschelt in unserem Bett, während ich mich noch kurz – es dauerte wirklich nicht viel länger als eine Stunde –  auf die Jagd nach Ferienhäusern für den Sommer machte. Der FeuerwehrRitterRömerPirat gab sich alle Mühe, diesmal kein Zitteraal zu sein und wäre nicht das Prinzchen gewesen, hätte die Nacht ganz gemütlich werden können. Wenn doch bloss das Prinzchen am sehr frühen Morgen nicht sein Fläschchen hätte haben wollen. Weil er noch eines im Bett hatte, reichte ich ihm dieses. Welches er verschmähte und zu brüllen anfing. Was hatte es bloss, das arme Kind? Verzweifelt suchte ich nach dem Knopf, um das Brüllen abzustellen, doch ich konnte ihn nicht finden. „Musst seine Milch warm machen“, murmelte „Meiner“, der auf diesem Gebiet Experte ist, im Halbschlaf. Das Kind werde doch wohl keinen Unterschied machen zwischen zimmerwarmer und handwarmer Milch, dachte ich bei mir. Dass die Milch lactosefrei sein muss, kann ich ja noch verstehen, aber die exakte Temperatur wird ja im zarten Alter von vierzehn Monaten und drei Tagen noch keine Rolle spielen. Doch weil ich eine folgsame Ehefrau bin, trottete ich in die Küche, um die Milch zu wärmen. Und siehe da. „Meiner“ hatte Recht gehabt: Zufrieden nuckelte das Prinzchen an seiner Flasche und es herrschte himmlische Ruhe.

Und jetzt wurde mir auch wieder schlagartig bewusst, warum gewöhnlich „Meiner“ aufsteht, um die Milch zu wärmen. Während er jeweils drei Sekunden später wieder schnarcht und am Morgen von allem nichts mehr weiss, muss ich erst mal eine Runde bloggen, bevor ich weiter träumen kann. Aber da ich in diesen Tagen auch in meinen Träumen blogge, macht das ja keinen grossen Unterschied.

Armer Mann?

„Meiner“ hat sich ein Ei gelegt. Hat meine vier Tage im Ländli gebucht, bevor er kontroliert hat, ob er und die Kinder zur gleichen Zeit Ferien haben. Haben sie nicht, aber mein Aufenthalt ist bereits gebucht und ich gebe ihn nicht mehr her. Was bedeutet, dass „Meiner“ Anfang Februar nicht mit den Kindern ausschlafen  und sie den ganzen Tag im Pyjama herumlümmeln lassen kann. Nein, er wird den ganzen Trubel des Schulalltags voll auskosten dürfen. Und zwar ohne dass er von mir abends entlastet wird. Weil ich ja nicht da sein werde. Offen gestanden: Er tut mir leid. Ich weiss ja, was auf ihn wartet: Endlose Tage von sieben Uhr früh bis irgendwann, wenn endlich Ruhe herrscht, zig Termine, die man nicht durcheinander bringen darf, das elende Gefühl, den ganzen Tag zu schuften wie ein Knecht ohne je einen Erfolg zu sehen. Und abends nicht einmal eine Schulter, an der er sich ausheulen darf. Klar, ich werde ihn anrufen, damit er mir sein Herz ausschütten kann. Aber es ist eben nicht dasselbe, als wenn man tröstend in den Arm genommen wird.

Ja, „Meiner“ tut mir leid und dennoch weiss ich, dass er es schaffen wird. Einiges wird ihm leichter fallen als mir, anderes wird er nicht hinkriegen. Er wird schimpfen, lachen, verzweifeln, sich wieder aufrappeln, den Überblick verlierern und Sekunden später wieder voll professionell die richtigen Entscheide fällen. Er wird sich vergeblich danach sehnen, zwischendurch mal die Füsse hochlegen zu können, doch als Entschädigung wird er gemütliche Kuschelstunden mit dem Zoowärter auf dem Sofa verbringen. Er wird sich die Haare raufen und sich kringeln vor lauter Lachen. Kurz: Er wird das tun, was ich schon seit Jahren mit zweifelhaftem Erfolg tue. Und am Ende dieser vier Tage wird er noch besser vertstehen, warum ich manchmal einfach genug habe von allem und ins Ländli fahren muss. Wenn er bloss nicht auf die Idee kommt, danach auch eine Auszeit zu fordern…

Was mich an dem Ganzen aber masslos ärgert: „Meiner“ muss nur erwähnen, dass er im Feburar vier Tage allein sein wird mit den Kindern, und schon bekommt er Hilfe angeboten. Nicht, weil er dies möchte, sondern weil man dem armen Mann doch nicht zumuten kann, dass er diesen Knochenjob für vier Tage alleine meistern muss, bloss weil seine Frau sich einfach so zum Vergnügen mal erholen will. Während Unsereiner zuerst einmal zusammenbrechen musste – okay, ich habe auch erst dann zugeben können, dass ich es alleine nicht schaffe -, bekommt „Meiner“ nicht einmal die Chance, zu erahnen, was es heissen kann, den ganz normalen Alltag zu meistern ohne den Verstand zu verlieren. Es sei denn, er lehne die Hilfsangebote ab. Doch wer  – ausser mir  –  wäre denn schon so blöd, dies zu tun?