Prinzchen-Facetten

Die Zahnärztin kennt das Prinzchen als einen tapferen Jungen, der Untersuchungen, Röntgen und Zähneziehen ohne die geringste Regung über sich ergehen lässt.

Die Kinderärztin kennt das Prinzchen als einen äusserst gesprächigen Jungen, der bereitwillig jede Frage beantwortet, wenn er nicht gerade zu krank ist.

Der beste Freund kennt das Prinzchen als einen Jungen, der stets zum Spielen aufgelegt ist und der vor fast nichts zurückschreckt.

Meine Mutter kennt das Prinzchen als einen Jungen, der ohne Punkt und Komma redet und dabei alles entdecken und ausprobieren will.

Unser Neffe kennt das Prinzchen als einen Jungen, der pausenlos singt.

Unsere grösseren Kinder kennen das Prinzchen als einen Jungen, der mit aller Macht seinen Kopf durchsetzen kann.

Die Kindergärtnerin kennt das Prinzchen als einen Jungen, der zwar zu Beginn jeweils etwas ängstlich ist und manchmal auch weint, dann aber mit Begeisterung mitmacht.

Die anderen Mütter kennen das Prinzchen als einen Jungen, der fast ohne Unterbruch in Bewegung ist.

Die Coiffeuse kennt das Prinzchen als einen Jungen, der sich auf gar keinen Fall die Haare schneiden lassen will.

Die Verkäuferinnen kennen das Prinzchen als einen Jungen, der starrköpfig die Lippen zupresst, wenn er etwas zu ihnen sagen sollte. 

Die Passanten kennen das Prinzchen als einen Jungen mit wuscheliger Mähne und einem riesigen Teddy.

„Meiner“ und ich kennen das Prinzchen auch auf all diese und viele weitere Arten.

Seit einigen Tagen lerne ich das Prinzchen aber auch als einen Jungen kennen, der seine Sache besser als gut machen will, der sehr viel von sich selber erwartet und sich deshalb voll und ganz verausgabt.

Wenn er dann sein Bestes gegeben hat,  lerne ich das Prinzchen als einen Jungen kennen, der sich schluchzend an mich klammert und irgendwann erschöpft in meinen Armen einschläft.

Ich bin froh, auch dieses Prinzchen zu kennen und hoffe, dass er weiss, dass es vollkommen in Ordnung ist, auch mal schwach und hilflos zu sein. 

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Wie ein ruhigeres Leben aussieht

6:50 Uhr: Sofort aus dem Bett, Karlsson findet seine Brille nicht, Luise hat noch Fragen zu den Hausaufgaben und der FeuerwehrRitterRömerPirat muss davon überzeugt werden, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, seine neue Fechtausrüstung vorzuführen.

7:20 Uhr: Den Zoowärter wachrütteln, ohne das Prinzchen, der neben ihm schläft, aufzuwecken. Blockzeiten sind nämlich, auch wenn sie einmal eingeführt worden sind, nur relativ und darum hat das Prinzchen mittwochs kindergartenfrei. 

7:30 Uhr: „Meiner“ stellt fest, dass er nicht mit Karlssons Velo zur Schule fahren kann, weil das Gefährt zu klapprig ist. Der Bus ist auch schon weg und ich brauche später das Auto. Also doch Prinzchen wecken, anziehen und füttern, damit wir Papa zur Schule fahren können, sobald der Zoowärter auf dem Schulweg ist.

7:47 Uhr: Der Zoowärter findet seine Schuhe nicht, „Meiner“ wird allmählich nervös, weil demnächst der Unterricht beginnt.

8:00 Uhr: Gerade noch rechtzeitig liefere ich „Meinen“ in der Schule ab. Jetzt aber sofort nach Hause, unter die Dusche, Wachteln füttern und dann wieder los. Kater Leone soll heute kastriert werden.

8:45 Uhr: Leone lässt sich erstaunlicherweise ohne Widerstand in die Transportbox setzen, das Prinzchen hingegen muss noch ganz dringend ein paar Krankheiten erfinden, damit er nachher mit mir Spital spielen kann.

9:15 Uhr: Leone ist beim Tierarzt und ich kann mich an die Arbeit machen. Das Prinzchen zieht sich genau so lange in sein Spital zurück, bis ich zum Telefon greife, um einen wichtigen Anruf zu tätigen. Kaum habe ich die gesuchte Dame am Apparat, brüllt das Prinzchen los, weil ich nicht rechtzeitig zu meinem OP-Termin erschienen bin.

10:00 Uhr: Frisch operiert mache ich mich wieder an meine Arbeit. Das Prinzchen schläft nach getaner Arbeit neben mir ein und so bleibe ich ungestört bis zum Mittag.

12:15 Uhr: Das Mittagessen steht auf dem Tisch, Prinzchens bester Freund klingelt an der Tür, weil bei ihm niemand zu Hause ist,  also decken wir einen Teller mehr. Luise will über ihre Prüfung reden, Karlsson über seine neuen Lehrer, alle wünschen noch mehr Spiegeleier, es hat aber keine Hühnereier mehr, also haue ich 15 Wachteleier in die Pfanne.

12:30 Uhr: Erneut am Herd, weil die Kinder alles vertilgt haben und für „Meinen“ kein Mittagessen mehr da ist. 

12:45 Uhr: „Meiner“ kommt gerade rechtzeitig nach Hause, damit ich wieder weg kann. Prinzchen und FeuerwehrRitterRömerPirat ins Auto packen, zuerst Kinderzahnarzt, dann Kinderarzt, danach Tierarzt, um Leone abzuholen. 

15:30 Uhr: Sofort an die Arbeit, sonst muss ich wieder eine Spätschicht einlegen.

16:50 Uhr: Ultrakurzeinkauf, damit ich nicht zu spät ins Schwedisch komme. Natürlich steht wieder eine komplizierte Kundin vor mir an der Kasse und dann soll ich auch noch bei einer Umfrage mitmachen. Mache ich aber nicht.

17:25 Uhr: Kurzer Halt vor dem Haus, damit „Meiner“ die Einkäufe ins Haus schleppen kann und ab in den Feierabendverkehr. 

17:57 Uhr: Nach zwanzig Minuten im Stau überlege ich mir, ob ich der Schwedischlehrerin per SMS mitteilen soll, ich würde es heute nicht schaffen. Doch jetzt fahren sie wieder vor mir, also lasse ich das mit der SMS bleiben.

18:10 Uhr: Mit grosser Verspätung doch noch eine Verschnaufpause mit schwedischen Vokabeln,  Ausspracheregeln und einer Übung, in der wir einander auf Schwedisch von unserem Alltag erzählen.

19:10 Uhr: Schnell etwas essen, Anruf entgegennehmen und dann „Meinen“ ablösen, der allmählich die Geduld verliert, weil Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat einander stets von den Hausaufgaben ablenken. 

20:15 Uhr: Die meisten Kinder sind auf ihren Zimmern, Flucht in den Garten, wo die Wachteln auf Futter und die Pflanzen auf Wasser warten. Zum ersten Mal in diesem Jahr gibt es mehr Tomaten zu ernten, als ich mit beiden Händen fassen kann.

21:00 Uhr: Ein letztes „Jetzt ist aber wirklich Feierabend“ zu den Kindern, dann doch noch eine Spätschicht, weil ich mit der Arbeit nicht so weit wie vorgesehen gekommen bin. 

23:00 Uhr: Noch schnell die Nachrichten schauen, weil ich sonst nicht weiss, wie elend es auf dieser Welt zugeht. 

23:30 Uhr: Bloggen, um meinen Lesern zu beweisen, wie viel ruhiger mein Leben geworden ist, seitdem alle Kinder zumindest vormittags aus dem Haus sind. 

Ist doch wahr, so strukturiert wie heute war der Mittwoch früher nie.

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Turnhallen-Ängste

Mit Karlsson ging ich ins Muki-Turnen. Damit er mit anderen Kindern in Kontakt kommt. Damit er die Turnhalle kennen lernt und im Kindergarten keine Angst hat. Und weil es ihm Spass machte.

Mit Luise ging ich ins Muki-Turnen. Weil sie schon als Baby stets auf die Sprossenwand klettern wollte. Und aus den gleichen Gründen wie bei Karlsson.

Als Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat klein waren, leitete ich den Anlass sogar drei Jahre lang. Zu meiner Verteidigung: Das war noch, bevor ich wusste, was es bedeutet, ausgebrannt zu sein und darum sagte ich zu Dingen ja, die sonst keiner machen wollte, die aber unbedingt getan werden mussten, weil sie pädagogisch wertvoll sind.

Mit dem Zoowärter ging ich ins Muki-Turnen. Genau dreimal, dann erklärte er mir, er würde lieber schlafen als turnen, was mir natürlich äusserst sympathisch war. Also gingen wir nicht mehr.

Wie seine grossen Geschwister hatte auch der Zoowärter kein Problem mit der riesigen Turnhalle, als er in den Kindergarten kam. Obschon er kaum im Muki-Turnen gewesen war.

Mit dem Prinzchen ging ich nicht ins Muki-Turnen. Zuerst nicht, weil ich mittwochs im Büro war und er in der Krippe. Auch als ich nicht mehr im Büro arbeitete, ging ich nicht, weil das Prinzchen stets in Bewegung ist und sich auch ohne Sprossenwand die Zähne ausschlägt. In der Turnhalle würde er – der Furchtlose – sich auch ohne Muki-Turnen zurechtfinden, da war ich mir ganz sicher. Und wenn das schlechte Gewissen mir vorwarf, den Jüngsten zu vernachlässigen, verteidigte ich mich: „Man kann auch ohne Muki-Turnen eine gute Mutter sein. Er darf dafür im Garten graben und hacken.“

Heute hatte das Prinzchen zum ersten Mal Turnunterricht im Kindergarten. Als schon die halbe Klasse zum Abmarsch zur Turnhalle bereit stand, klammerte er sich plötzlich an mich. „Ich komme nicht draus! Ich kann das nicht!“, presste er unter heftigem Schluchzen hervor. Die Kindergärtnerin, Prinzchens bester Freund und ich versichertem ihm, dass er das ganz bestimmt könne, er sei doch so flink, so mutig, so beweglich. Heulend ging er an der Hand seines besten Freundes zur Turnhalle und als ich ihm mittags abholte, erklärte er mir, er hätte halt befürchtet, sie müssten „richtig turnen“. „Aber wir haben nur gespielt und das hat Spass gemacht“, erzählte er. „Krise überstanden“, dachte ich erleichtert und schenkte der Sache keine weitere Beachtung mehr.

Von wegen! Die Krise hat erst angefangen. „Das Prinzchen hat noch sehr lange geweint im Bett“, erzählte mir „Meiner“, als ich abends von Zoowärters Elternabend nach Hause kam. „Er fürchtet sich vor der Turnhalle. Er hat gesagt, er werde nie im Leben wieder dorthin gehen und er konnte erst einschlafen, als ich ihm versprach, dies der Kindergärtnerin mitzuteilen.“ 

Ach, wäre ich doch mit dem Prinzchen turnen gegangen. Dann wäre er heute voller Selbstbewusstsein in die Turnhalle marschiert. Er hätte seinem besten Freund gezeigt, was er schon alles kann. Er hätte laut gelacht anstatt geweint und er wäre wild herumgerannt. Vermutlich hätte er in allerbester Prinzchen-Manier ein waghalsiges Klettermanöver ausprobiert…

…und sich den Arm gebrochen, oder ein Bein, oder einen weiteren Zahn ausgeschlagen. Vielleicht doch nicht so schlecht, dass ich mit dem Prinzchen nie im Muki-Turnen war…

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Sie lieben sich halt doch…

Manchmal, wenn sie einander so hemmungslos anschreien, beschleichen mich leise Zweifel, ob unsere Kinder einander überhaupt lieben, doch dann erleben wir wieder diese Sternstunden, die mir beweisen, dass sie ohne einander nicht sein möchten. Einige Beispiele gefällig?

Ein spiegelglatter Badesee in Südschweden, die grossen drei Venditti-Kinder sind im Wasser, die zwei kleineren spielen im Sand, „Meiner“ und ich geniessen die Stille. Luise, die am Ende eines langen Steges im Wasser planscht, verliert den Boden unter den Füssen, winkt und ruft um Hilfe. So schnell ich es in meinem entspannten Zustand fertigbringe, renne ich ihr auf dem Steg entgegen. Plötzlich werde ich von hinten unsanft zur Seite geschubst: „Aus dem Weg, Mama“, befiehlt das Prinzchen. „Ich muss Luise helfen, sie ertrinkt sonst.“ Keine Ahnung, wie der kleine Nichtschwimmer seiner Schwester das Leben gerettet hätte, wäre es nötig gewesen, aber ich weiss, dass er alles getan hätte für sie, die ihm im Alltag immer mal gehörig auf die Nerven fällt.

Das Prinzchen liegt mit hohem Fieber im Bett, schreit vor lauter Kopfschmerzen, kann kaum mehr den Kopf nach vorne neigen und allmählich werde ich ziemlich unruhig. Sind da etwa die zwei Zecken im Spiel, die vor zwei oder drei Wochen zugebissen haben? Karlsson kommt händeringend ins Kinderzimmer. „Mama, du musst unbedingt die Kinderärztin anrufen. Das musst du mir versprechen.“ Wenig später tue ich eben dies, als ich das Telefon aufgehängt habe, will Karlsson wissen, wann ich denn endlich gehen könne. „Erst um halb fünf?“, fragt er entsetzt, als ich ihm die Zeit nenne. Als wir gegen sechs Uhr mit einem fieberfreien Prinzchen und einer Entwarnung der Kinderärztin zu Hause wieder eintreffen, wartet Karlsson bereits am Fenster. „Was hat er? Ist es ganz bestimmt nichts Schlimmes? Gehst du morgen noch einmal zur Kontrolle mit ihm?“ Die Sorge unseres Ältesten treibt mir beinahe die Tränen der Rührung in die Augen, auch wenn ich nur zu gut weiss, dass das Prinzchen schon bald wieder „dieser doofe kleine Bruder, der immer alles kaputt machen muss“ sein wird.

Luise liegt laut schluchzend auf dem Bett. Der Abschied von drei Kätzchen in nur zwei Tagen hat sie ganz furchtbar mitgenommen und sie weiss nicht, ob sie je wieder fröhlich sein wird. Der FeuerwehrRitterRömerPirat – Luises ärgster Widersacher in fast allen Lebenslagen – steht ganz verloren im Nebenzimmer. „Luise darf nicht so sehr weinen“, sagt er beinahe schüchtern zu mir. Und ich weiss, dass er für einmal nicht über seine Schwester, die ihn mit ihrer emotionalen Art zur Weissglut treiben kann, beklagen will. Er meint auch nicht, sie solle zu heulen aufhören, weil er sonst auch damit anfangen wird. Nein, sie tut ihm einfach nur Leid, denn er weiss ebenso gut wie wir anderen, dass keine so sehr an den Tieren hängt wie Luise und dass darum ihr Trennungsschmerz um ein Vielfaches grösser sein muss als sein eigener. Und auch der ist nicht klein, auch wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat sich so etwas kaum anmerken lässt…

Und der Zoowärter? Den mögen eigentlich alle immer, denn der ist eine durch und durch friedliche Natur. Nur wenn die anderen nicht wollen, dass er Karlsson vom Dach ist, dann mögen sie ihn nicht, denn dann brüllt er so laut, dass man sein eigenes Gezanke nicht mehr verstehen kann.

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Katzenjammer

Zoowärter und Luise schluchzen auf dem Hintersitz, Karlsson und das Prinzchen weinen zwar nicht, schauen aber ziemlich trübe aus der Wäsche. Der kleine Francesco, der nun doch nicht Francesco heissen darf, obschon von der neuen Besitzerin ausdrücklich ein italienischer Name gewünscht war, miaut kläglich im Transportkorb, so ausdauernd, bis Luise ihn auf den Arm nimmt. Auch mir bricht beinahe das Herz, obschon ich weiss, dass der Kleine in seinem neuen Zuhause mit Liebe und Zuwendung überschüttet wird. Obschon ich weiss, dass sieben Katzen – fünf davon Kater – einfach zu viel sind für uns. Aber er war der Erste, der damals im April unter Prinzchens Spieltisch zur Welt kam und der Einzige, der stets erfolglos versucht hat, an meinem Bein hochzuklettern. Auch ich werde ihn vermissen.

Heute war er der Erste, der uns verlässt, aber morgen ist seine Schwester dran, am Mittwoch gehen zwei seiner Brüder. Also noch viermal Kindertränen, noch viermal die Reise zu einem neuen Zuhause, noch viermal die bange Frage, wie Mama Henrietta wohl mit dem Verlust klarkommen wird. Oh ja, ich weiss, ich bin ein sentimentaler Narr und unsere Kinder stehen mir in nichts nach.
Gut, dass zumindest einer der fünf Kleinen bei uns bleiben wird. Der Arme wird nun eben unser närrisches Getue alleine ertragen müssen. Hoffentlich hält er uns aus, denn ihn gebe ich auf gar keinem Fall her…

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Nicht krank werden, habe ich gesagt!

Nein, mit dem Gehorsam haben sie es nicht so sehr, unsere Kinder. „Bis zu den Herbstferien herrscht absolutes Krankheitsverbot“, sagte ich, als wir im Zug vom Kopenhagen nach Basel sassen. „Keine Grippen, keine Mittelohrentzündungen und erst recht keine Magen-Darm-Käfer“, präzisierte ich, für den Fall, dass sie mich nicht verstanden hätten. Und weil unsere Kinder stets nach einer Begründung verlangen, lieferte ich auch diese: „Ich muss fünf neue Stundenpläne in den Griff bekommen, meine eigenen Arbeitszeiten so einteilen, dass ich nicht immer erst arbeiten kann, wenn ihr im Bett seid und überhaupt kommt auch ohne Krankheitstage noch genug dazwischen mit Mariä Himmelfahrt, Sternwanderung und so. Gebt mir einfach ein wenig Zeit, mich in die neue Situation einzuleben, danach dürft ihr das Programm wieder fröhlich über den Haufen werden.“ Luise meinte, man könne doch nichts dafür, doch diesen Einwand liess ich nicht gelten: „Die paar Wochen bis zu den Herbstferien könnt auch ihr ohne Krankheitserreger auskommen“, brummte ich.

Eine klare Durchsage, nicht wahr? Offenbar nicht klar genug für meine Familie. Frühmorgens weckte mich der FeuerwehrRitterRömerPirat, weil er sich dreimal erbrochen hatte, gegen Mittag klagte das Prinzchen, seine Beine schmerzten, abends hatte er Fieber und der Zoowärter deutete an, dass sein Magen eventuell auch bald einmal rebellieren könnte. 

Nein, gehorsam sind sie wirklich nicht, unsere Kinder, aber immerhin so rücksichtsvoll, dass sie ihre Käfer pünktlich zu Mariä Himmelfahrt bestellt haben. So wird meine noch nicht eingespielte Routine nur einmal gestört.

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Wirkung verfehlt

Seitdem Luise nur noch eine oder zwei Schuhgrössen hinter mir her hinkt, gehören meine Schuhe nicht mehr mir. Gut, sie hat sie sich schon vorher immer zum Verkleiden geschnappt, aber jetzt macht sie Ernst damit. „Mama, kann ich heute deine Schuhe anziehen, ich kann meine nicht finden“, fragt sie, ehe sie zur Schule geht und mit unschuldigem Lächeln fügt sie hinzu: „Ich versorge sie auch ganz bestimmt wieder am richtigen Ort, versprochen.“ 

Ja, und dann sind meine Schuhe eben unauffindbar, wenn ich sie brauche, denn natürlich hat meine geliebte Tochter sie nicht mehr dort hingestellt, wo sie sie genommen hat und ich müsste das Prinzchen in High Heels zum Kindergarten begleiten, denn das sind die einzigen Schuhe, die Luise mir gelassen hat. Doch ich will die High Heels nicht, denn meine Füsse schmerzen noch von vergangenem Samstag, als ich den ganzen Tag in den Dingern herumstand. 

Erst wollte ich mich ja auf eine verzweifelte Schuhsuche begeben, doch dann dämmerte mir, dass es durchaus einen erzieherischen Wert haben könnte, barfuss zum Kindergarten zu gehen. Treffe ich nämlich auf meinem Weg ohne Schuhe an den Füssen auf Luises Schulkameradinnen, dann folgen wenig später mit Sicherheit die bissigen Kommentare: „Deine Mama hat sie ja nicht alle. Läuft ohne Schuhe durchs halbe Dorf…“ und dann schämt sich Luise in Grund und Boden und klaut mir meine Schuhe nicht mehr – oder stellt sie zumindest wieder an ihren Platz zurück. 

Luises Schulkameradinnen habe ich unterwegs tatsächlich angetroffen und sie haben auch voller Entsetzen auf meine nackten Füsse gestarrt – nackte Füsse sind für gewisse Kinder schlimmer als nackte Brüste -, ob sie bereits bei Luise über mich gelästert haben, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis. Natürlich musste ich mich auch der einen oder anderen Mutter erklären, doch keine wagte es, den Sinn meines erzieherischen Experimentes offen in Frage zu stellen.  Einzig Luise blieb ganz cool, als sie mich so sah: „Aber Mama, warum denn? Ich habe deine Flip Flops ja wieder dorthin gelegt, wo ich sie genommen habe.“ Was ganz und gar nicht stimmte…

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Heute

Der letzte erste Kindergartentag.

Der erste Kindergartentag bei einer Lehrerin, die nur eines unserer Kinder unterrichten wird.

Der vierte erste Schultag bei den gleichen Lehrerinnen. 

Der dritte erste Schultag bei der gleichen Lehrerin.

Der zweite erste Schultag beim gleichen Lehrer.

Der erste erste Schultag an der Oberstufe.

Der erste erste Schultag an dem „Meiner“ dabei sein konnte, weil sein erster Schultag mit seinen ersten Erstklässlern erst später anfing. 

Der erste Schultag überhaupt, an dem der FeuerwehrRitterRömerPirat freudenstrahlend nach Hause kam und sogleich seine Hausaufgaben erledigen wollte.

Der erste erste Schultag an dem der Älteste als Erster wieder zu Hause war.

Der erste erste Schultag, an dem ich eine der wenigen Mütter ohne quengelndes Kleinkind im Schlepptau war.

Der erste erste Kindergartentag, an dem unser Kind ab der ersten Minute schon voll dabei war und ab der fünften Minute der Lehrerin von seinen Sommerferien zu erzählen anfing. 

Der erste erste Kindergarten- und Schultag, an dem ich einfach nicht richtig sentimental werden wollte, weil ich das alles schon so oft mitgemacht habe.

Der erste erste Schultag, an dem ich alleine nach Hause ging, nachdem alle abgeliefert waren.

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Dringend zu erledigen

  • Mandarin lernen, von mir aus auch Finnisch oder Hebräisch. Einfach etwas, was unsere Kinder nicht verstehen können. „Meiner“ und ich riskieren bereits jetzt viel, wenn wir auf Englisch an unseren Kindern vorbei kommunizieren wollen, doch wenn Karlsson und Luise nun Englischunterricht bekommen, ist es endgültig vorbei mit der angelsächsischen Redefreiheit.
  • Mich endlich entscheiden, ob ich heulen oder jubeln soll, weil morgen nach fast dreizehn  Jahren mit stets mindestens einem Kleinkind im Haus ein neuer Lebensabschnitt anfängt.
  • Herausfinden, wann dieser Zahnarzttermin ist und zwar bevor ich ihn verpasst habe.
  • Diese elenden Katzenflöhe, die unser Schlafzimmer annektiert haben und „Meinen“ und mich dazu zwingen, im Wohnzimmer zu übernachten, ein für allemal in die Flucht schlagen. 
  • Reitstunden für Luise organisieren. Wenn dieses Kind nicht endlich ein Pferd unter seinen Hintern bekommt, treibt es mich noch in den Wahnsinn.
  • Den Monat August irgendwie abkürzen, damit das Loch, das die Ferienreise in die Kasse gerissen hat, wieder aufgefüllt wird.
  • Nachschlagen, wie hoch der Eifelturm ist. Ich hab’s dem FeuerwehrRitterRömerPiraten schon tausendmal versprochen und auch schon zwei oder dreimal getan, aber diese blöde Zahl will einfach nicht in meinem Kopf bleiben.
  • Dem Zoowärter und dem Prinzchen „Michel aus Lönneberga“, „Karlsson vom Dach“ und „Pippi Langstrumpf“ fertig erzählen. Wenn ich bloss noch wüsste, bei welchem Buch wir bei welchem Kapitel stehengeblieben sind…
  • Eine gewisse Routine beim Bewältigen des Alltags finden. Oder aber mich entscheiden, ob ich diese Routine überhaupt wieder will, oder ob wir alles anders machen sollen als vor den Ferien. 
  • Diese Mail beantworten und das Formular mit den Kakaoflecken ausfüllen und die Reklamation anbringen und das kaputte Ding entsorgen und die Unterlagen zusammensuchen und die anderen Unterlagen wegräumen, ehe sie auch noch Kakaoflecken bekommen…
  • Die Welt verändern. Keine Ahnung wie, aber irgendwie müsste das doch zu schaffen sein. 
  • Katzenfutter kaufen.

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Vielleicht

Vielleicht hätte ich heute über meine Tomaten geschrieben, denen es vollkommen egal ist, dass ich mich nicht an alle Regeln der Gärtnerkunst gehalten habe und die nun reichlich Früchte tragen, auch wenn mein Tomatenbeet derzeit eher einem Urwald gleicht.

Vielleicht hätte ich auch darüber geschrieben, dass die fünf Kinder, die in kurzen Abständen in unser Leben gepurzelt sind, nun auch in kurzen Abständen immer selbständiger werden, so dass ich plötzlich das Gefühl habe, nicht mehr richtig ausgelaugt zu sein.

Vielleicht hätte ich auch über die Seniorinnen gewettert, die heute ohne jeden Grund unsere Kinder zurechtgewiesen haben, oder ich hätte von der Verkäuferin geschwärmt, die ganz begeistert war, weil „die Fünf ja alle ihrer Mama gleichen“.

Vielleicht hätte ich darüber geklagt, wie alt ich mich fühle, weil morgen mein Neffe, den ich doch eben noch zum hundertsten Mal mit Stofftier und Schoppenflasche ins Bett zurückgeschickt habe, Hochzeit feiert. 

Vielleicht hätte ich auch ganz aufgeregt davon berichtet, dass heute die zwei Bücher, an denen ich in den vergangenen Monaten gearbeitet habe, in Druck gehen.

Aber über all dies mag ich nicht berichten, denn ich ärgere mich so masslos über die peinlichen Versuche, die Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz herunterzuspielen und ich weiss genau, dass ich darüber schreiben müsste, wie widerlich und beschämend ich das alles finde, aber mir fehlen dazu momentan einfach die Worte. 

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