Die Sache mit dem Mutterstolz

Es ist mir ja ein wenig peinlich, dies hier zu gestehen, aber ich sag’s dennoch: Auch ich bin nicht ganz gefeit gegen Mutterstolz. Ich weiss, ich habe herzlich wenig dazu beigetragen, dass es so gekommen ist und man hat ja auch nie die Garantie, ob es gut weitergeht, aber ins gewissen Momenten klopft auch mein Herz schneller und ich denke „Wahnsinn, das ist mein Kind.“ Okay, ich weiss, Menschen kann man nicht besitzen und spezieller als jeder andere Mensch auf diesem Planeten sind auch meine Kinder nicht, aber von solchen Finessen lässt sich der Mutterstolz nicht abhalten, der überkommt einen einfach manchmal. Zum Beispiel, wenn der Erstgeborene nicht nur körperlich die Mama überragt, sondern auch in gewissen Fähigkeiten. Oder wenn in der einzigen Tochter schemenhaft die zielstrebige junge Frau zu erkennen ist, die sie zu werden anfängt. Oder wenn…ach was, ich höre auf, sonst glaubt ihr noch, ich wollte mit meinem Nachwuchs prahlen. 

Will ich aber nicht und dürfte ich auch nicht, wenn ich es denn wollte. Karlsson ist nämlich sehr besorgt darum, dass ich schön brav auf dem Boden bleibe. Erzähle ich meiner Schwester mit stolzgeschwellter Brust, Karlsson hätte eine sechs in Französisch – ja, meine lieben Leser aus Deutschland, besser als sechs geht bei uns nicht -, weist er mich sofort  in die Schranken: „Wen interessieren schon meine Noten? Du wirst ja richtig peinlich.“ Bekommt er mit, wie ich jemandem von diesem unglaublich tollen Kompliment erzähle, das ihm die Musiklehrerin gemacht hat, lacht er mich aus: „Redest du jetzt schon wieder davon? Dreht sich bei dir eigentlich alles nur noch um deine grossartigen Kinder?“ und sein spöttischer Ton macht unmissverständlich klar, dass er es einfach lächerlich findet, wenn ich nur schon den Anschein erwecke, ich würde meine Kinder für begabter halten als andere es sind.

Weil ich in den Augen meines grossartigen, talentierten, bildhübschen, sprachbegabten, … Erstgeborenen nicht lächerlich erscheinen will, bringe ich in solchen Momenten meinen Mutterstolz ganz schnell zum Schweigen und erzähle stattdessen von einer Begebenheit, bei der mir dieser junge Herr ganz gewaltig auf die Nerven gegangen ist. Von daher ist es dann gar nicht mehr so weit bis zur Bemerkung: „Mist! Dass ausgerechnet mein Kind auf diese saublöde Idee gekommen ist“ und schon halten sich das Grossartige und das Nervtötende wieder die Waage.

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Söhne

Sie bringen es fertig, den Abfluss im Bad mit einem Messer zu verstopfen. Fragt mich bitte nicht, wie man es schafft, ein Messer so tief hineinzustecken, dass oben nichts mehr herausschaut, aber wenn man sich richtig bemüht, geht es. 

Sie setzen sich in die massgefertigten Schubladen, für die wir vor Jahren viel Geld ausgegeben haben und spielen, es sei ein… ja, was eigentlich? Keine Ahnung. Aber am Ende des Spiels ist die Schublade kaputt. 

Sie verstecken ihre schmutzige Wäsche im hintersten Winkel ihrer Zimmer, anstatt – wie vereinbart – einmal die Woche den Weg zur Waschküche unter die Füsse zu nehmen. Und dann heulen sie, weil sie keine sauberen Kleider haben.

Sie hüpfen bei strömendem Regen auf dem Trampolin und ziehen sich dazu nicht etwa Badehosen an, sondern behalten die letzte saubere Hose am Leib. Die nach dem Hüpfen natürlich nicht mehr sauber ist, was am nächsten Morgen erneut zu Tränen führt, weil jetzt gar keine sauberen Kleider mehr da sind. (Das ist dann meist der Moment, in dem ich auf der Suche nach der allerletzten sauberen Hose die versteckte Dreckwäsche aufspüre.)

Wo sie mal waren, hinterlassen sie ihre Spuren: Angebissene Tomaten (Ja, ich weiss, ich sollte mich glücklich schätzen, dass sie freiwillig Tomaten essen), ausgezogene Socken, Legoteilichen (Die ganz kleinen, die so richtig wehtun, wenn man auf sie tritt), Darvida-Verpackungen, die Papierfetzchen, die übrig bleiben, wenn man (für Mama) einen schönen Scherenschnitt geschnitten hat, Stecken, halb volle Gläser (Ihr seht, ich bin heute wirklich optimistisch drauf), die Überreste vom Bleistiftspitzen, in allerkleinste Teilchen gezupfte Radiergummis, Bananenschalen – oder einfach das, was übrig bleibt, wenn ein Geistesblitz, den man unbedingt gleich hat umsetzen müssen, sich so schnell wieder verflüchtigt, wie er gekommen ist. 

Im Zorn gehen sie mit so viel Aggressivität aufeinander los, dass mir Angst und Bang wird. (Sie umarmen sich dann aber auch wieder, wenn alles vorbei ist.)

Sie kommen später als vereinbart vom Fussballplatz zurück und behaupten dann, ich hätte ihnen nicht gesagt, wann ich sie zurück erwarte. 

Sie haben auch schon Tasten aus dem Klavier gebrochen (als sie noch sehr klein waren und unter der „Aufsicht“ einer Person, die bei dieser Gelegenheit den Beweis für ihre Inkompetenz erbrachte), Fensterscheiben eingeschlagen (natürlich ganz und gar unabsichtlich), die teure Tapete im Treppenhaus von der Wand gerissen (man muss doch mal schauen, wie es darunter aussieht), Wettpinkeln veranstaltet, volle Windeln aus dem Dachfenster geschmissen (das ist zum Glück schon seeeeehr lange her) und die Felgen des Autos mit wasserfestem Stift verziert (Zugegeben, es sah hübsch aus.). Noch heute, wo sie doch alle aus dem Gröbsten raus sein sollten, habe ich immer das Gefühl, sie seien mir mindestens anderthalb Nasenlängen voraus. Mein Gehirn ist gar nicht dazu in der Lage, sich die Dinge auszudenken, die für sie ganz selbstverständlich in die Kategorie „Ich wollte nur mal sehen, was passiert“ gehören. 

Manchmal könnten wir durchdrehen, „Meiner“ und ich. Doch dann erinnere ich mich wieder daran, was meine Brüder alles angestellt haben, als sie in dem Alter waren und dann sage ich zu „Meinem“: „Weisst du, so schlimm sind sie eigentlich gar nicht, unsere Söhne. Immerhin ist noch keiner in die Kläranlage gefallen.“

(Ach ja, ich weiss, Töchter haben auch ihre Macken, aber weil wir nur eine davon haben, bietet das, was sie anstellt,  eine angenehme Abwechslung.)

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Kurztherapiesitzung

Der Zoowärter liebt Menschen. Zuallererst mal seine besten Freunde und Freundinnen, aber auch Kinder, die er irgendwo –  an einem Geburtstagsfest zum Beispiel –  trifft, in sein Herz schliesst und nie wieder vergisst. Natürlich liebt er auch seine Geschwister und seine Eltern, auch wenn er das im Alltag manchmal gut zu verbergen weiss. Ja, er liebt sogar die Menschen, die glauben, er möge sie nicht ausstehen, weil er sie mit finsterem Blick anschaut. Aber das tut er nur, weil er schüchtern ist. Zuweilen frage ich mich, ob der Zoowärter überhaupt dazu fähig ist, einen Menschen gar kein bisschen zu mögen. 

Weil der Zoowärter Menschen liebt, erfüllt er ihnen jeden nur erdenklichen Wunsch. Seine Freunde wollen bei ihm spielen, auch wenn er eigentlich lieber zu ihnen nach Hause gehen würde? Kein Problem, der Zoowärter lädt sie zu uns ein – auch wenn ich krank auf dem Sofa liege und ausnahmsweise mal nicht das geringste Bedürfnis verspüre, seine Freunde im Haus zu haben. Luise möchte, dass er bei ihr im Zimmer schläft, auch wenn er eigentlich lieber noch lesen würde? Kein Problem. Luise braucht nur zu erwähnen, sie hätte ihr ganzes Bett mit vielen Kissen ausgepolstert und schon lässt der Zoowärter seine Pläne sausen. Manchmal geht Zoowärters Menschenliebe so weit, dass er dabei zusieht, wie einer seine Freunde unsere Hausmauer mit einem Stück Kohle verunstaltet. Das sind dann die Momente, in denen es mir äusserst schwer fällt, die Menschen zu mögen, die unserem Sohn so ans Herz gewachsen sind. 

In letzter Zeit war der für gewöhnlich äusserst friedliebende, fröhliche Zoowärter ziemlich oft weinerlich und aufbrausend. Immer wieder beklagte er sich, er hätte weniger bekommen als die anderen, nie dürfe er, was die anderen dürften, immer müsse er nachgeben. Erst war mir nicht so recht klar, was da vor sich ging und ich wurde ziemlich ungehalten, denn unser Zweitjüngster bekommt im Allgemeinen mühelos, was er sich wünscht. Mit seinen lieben Augen und seiner sanftmütigen Art bringt er mich einfach allzu leicht zum Schmelzen, ich geb‘ es offen zu. Woher also plötzlich dieses Gefühl, er komme immer zu kurz? Hatten wir ihn etwa zu sehr verwöhnt?

Heute Morgen, als er sich weigerte, aus dem Bett zu kommen, weil Luise ihn angeblich dazu gezwungen hat, bei ihm zu schlafen, weshalb er nicht hatte lesen können, dämmerte mir endlich, wo das Problem liegt, also zitierte ich ihn in Mama Vendittis Kurztherapiesitzung. Ob er seine Mitmenschen liebe, fragte ich ihn. Natürlich, kam die Antwort sofort. Ob er wisse, dass man einem Menschen, den man liebe, auch mal nein sagen dürfe? Keine Antwort. Ob er manchmal ja sage, wenn er eigentlich nein sagen möchte, wollte ich wissen. Ja, das sei so, bestätigte der Zoowärter. Ob er darum in letzter Zeit so wütend sei? Der grosse Jammer brach aus ihm heraus: Immer all anderen, nie er. Immer müsse er nachgeben. Nie dürfe er machen, was er wolle…

Ich versuchte ihm dann zu erklären, dass der Wunsch eines anderen nicht Befehl ist. Dass man auch einem Menschen, den man liebt, mal nein sagen dürfe. Dass er, wenn er lesen wolle, anstatt bei Luise zu schlafen, diesen Wunsch ernst nehmen müsse, weil er sonst ganz wütend werde. Dass er Luise ja auch hätte sagen können, er komme zwar zu ihr, wolle aber lesen, anstatt sich von ihr verkleiden zu lassen. Dass es besonders für Menschen wie ihn, die andere so unglaublich gern haben, besonders wichtig sei, auch mal auf sich selbst zu achten, weil man sonst immer nur (nach)gebe. Dass auch seine Wünsche wichtig seien, nicht nur diejenigen der anderen. 

Wie ich da so mit ihm redete, fuhr es mir durch den Kopf: „Mist! Wen predige ich hier eigentlich an? Ihn oder mich?“

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Furchtlos

Sie schaffte es, kleine Kätzchen zuerst zu waschen, mit Flohshampoo einzureiben und dann noch einmal zu waschen. Klar, sie bekam dabei ein paar Kratzer ab, doch kaum waren sie trocken, liessen sich die Kleinen wieder von ihr hätscheln und streicheln.

Nur sie war fähig, unseren Katzen die Entwurmungstabletten so in den Mund zu schieben, dass sie drin blieben. 

Sie war die Einzige, die unsere – inzwischen leider entlaufenen – Kaninchen kämmen konnte.

Als sich die Wachteln noch gegenseitig die Köpfe hackten, verarztete sie geduldig die blutenden Wunden, bis sie wieder verheilt waren.

Katze Henrietta lässt sich von ihr den schwangeren Bauch abtasten, gerade so, als hätte sie sich bei ihr zur Vorsorgeuntersuchung eingefunden. 

Dass Luise mit ihrer speziellen Mischung aus Zärtlichkeit und Strenge so ziemlich jede schwierige Situation mit unseren Tieren meistert, wissen wir schon seit einiger Zeit. Dennoch hat uns ihr heute geleistetes Paradestück fast aus den Socken gehauen. Kater Leone kam mit drei widerlichen, vollgesogenen Zecken an Kopf und Nacken von einem Ausflug nach Hause. „Meiner“, der ansonsten Widerlichkeiten keineswegs abgeneigt ist, weigerte sich, hinzusehen und ich hätte es ihm gleichgetan, hätte ich nicht das Pech gehabt, die Biester als Erste zu entdecken. Während wir Eltern uns noch gegenseitig dazu zu drängen versuchten, den armen Kater von den Blutsaugern zu befreien, zog Luise sie ihm mit sicherer Hand aus der Haut. Danach betrachtete sie die Biester eingehend und sinnierte darüber nach, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, dass sie sich leicht entfernen lassen.

Das allein war schon ziemlich beeindruckend. Noch beeindruckender aber war, dass Luise mit ihren Schilderungen „Meinen“ dazu brachte, sich mit leicht grünlichem Gesicht abzuwenden und sie anzuflehen, sofort mit diesem Gerede von Zecken aufzuhören, weil er sich sonst erbrechen müsse. Ich glaube, auch diese Leistung hat ausser ihr noch keiner fertig gebracht. 

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Im Alter geirrt

Wenn…

  • …. im Morgengrauen ein heftiger Streit um  zwei verkohlte Toastscheiben entbrennt…
  • ….der Zoowärter aus der Haut fährt, weil das Prinzchen sich anmasst, seinen ehemaligen Lieblingspullover, aus dem er herausgewachsen ist, anzuziehen…
  • ….der Zoowärter sich auch nicht besänftigen lässt, als ich ihn darauf hinweise, dass er selber Karlssons ehemaligen Lieblingspulli trägt….
  • ….der FeuerwehrRitterRömerPirat heult, weil ich ihm verbiete, nachmittags die Schule zu schwänzen….
  • …. Karlsson und Luise einander piesacken wie damals, als sie noch ganz klein und unvernünftig waren und auch nicht damit aufhören, als ich anfange herumzubrüllen wie damals, als sie noch ganz klein und unvernünftig waren….
  • …..es wieder einmal „der andere“ war, der Karlssons Süssigkeiten aus seinem Zimmer entwendet und aufgegessen hat….
  • ….Luise die Krise schiebt, weil sie die Tiere nicht nur füttern, sondern ihnen auch noch frisches Wasser hinstellen muss….
  • ….Töchterchen nach dem Abendessen auf unserem Bett einschläft….
  • ….wir wiedermal eine mit Tinte verschmierte Wand entdecken….
  • .…sie wie die Irren über die Strasse hetzen….
  • ….ich andauernd die armen Katzen vor übermütigen Kindern schützen muss….
  • ….man in jedem Zimmer angebissene Äpfel und halb volle Joghurtbecher findet….
  • ….ich das Gefühl habe, ich dürfte die Fünf keinen Moment aus den Augen lassen, weil sie sonst wieder etwas anstellen….

….dann frage ich mich, ob ich mich vielleicht im Alter unserer Kinder geirrt habe. In diesen Tagen kommt es mir so vor, als wären sie alle etwa drei Jahre alt.

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Verstanden

Wer schon mal bei mir an eine Geburtstagstafel gesessen hat, kennt die Szene: Ich trage die Torte auf, die Gäste bewundern sie gebührend und ich sage: „Na ja, weisst du, hier oben müsste sie eigentlich blaugrün sein und nicht grasgrün. Die Marzipanrosen sind auch nicht so schön geworden, wie ich sei mir vorgestellt habe. Und so richtig aufgegangen ist der Kuchen auch nicht.“ Die Gäste protestieren, ich insistiere und am Schluss hat keiner mehr Lust auf Kuchen. 

„Warum mache ich das eigentlich?“, fragte ich mich heute, als ich im Morgengrauen in der Küche stand und einmal mehr ohne Erfolg versuchte, Luises Geburtstagstorte so hinzukriegen, wie ich sie mir vorgestellt hatte. „Reicht es denn nicht, dass ich mir alle Mühe der Welt gebe? Muss es denn auch perfekt sein?“ Das muss es nicht, beschloss ich.

(Warum, werde ich gleich sagen, doch erst muss ich dich, die du dies jetzt mit einem unverschämten Grinsen auf dem Gesicht mitliest, darum bitten, dieses Grinsen abzustellen. Oh ja, ich weiss genau, was du dir beim Lesen denkst. „Wie oft hab‘ ich dir das schon gesagt? Mindestens einmal an jedem Zoowärter-Geburtstag.“ Natürlich hast du es gesagt, aber du weisst ja, dass ich immer etwas länger brauche, bis ich die Dinge begreife. Jetzt also habe ich begriffen und darum darfst du aufhören zu grinsen.)

Ja, ich habe endlich begriffen, dass ich – wie so viele andere Mütter – einem Ideal nacheifere, das ich nicht erreichen muss. Klar, ich kann mir alle Gadgets zulegen, die früher nur Profis kaufen konnten, die speziellen Zutaten bekommt man inzwischen ebenfalls problemlos und im Internet wimmelt es von Anleitungen, die einem Schritt für Schritt zeigen, wie es gehen müsste. Und schon kann ich mitspielen im Rollenspiel, das da heisst „Jede(r) ist ein Meisterbäcker“.

Oh ja, es macht durchaus Spass, dieses Spiel zu spielen und es gibt Mitspieler(innen), die es zu erstaunlicher Professionalität bringen. Ihnen gelingen die ausgefallensten Kreationen, die sie zu Recht mit Stolz der virtuellen Öffentlichkeit präsentieren. Einige eröffnen gar ein nettes kleines Kaffee und werden in Zeitschriften portraitiert. Wir anderen staunen, wie Laien derart beeindruckende Backwerke zustande bringen und weil wir im gleichen Spiel mitspielen, glauben wir, wir müssten das auch können. Würden die gleichen Torten im Schaufenster einer Konditorei stehen, kämen wir nicht im Traum auf die Idee, nachmachen zu wollen, was wir sehen. Kreieren aber unsere ungelernten Mitspieler(innen) ein Kunstwerk, das einen vor Neid erblassen lässt, glauben wir müssten das auch können.

Warum auch nicht? Wir arbeiten ja mit den gleichen Zutaten, den gleichen Gadgets und nach den gleichen Rezepten wie sie, da sollten wir doch auch fertigbringen, was sie schaffen. Aber genau an diesem Punkt liege ich – liegen alle, die so ticken wie ich – falsch, denn bloss weil man das richtige Material hat, bedeutet das noch lange nicht, dass man auch das Talent dazu hat, die Dinge so zu machen, wie sie bei den anderen aussehen. Darum habe ich beschlossen, nicht mehr mitzuspielen und die Torten in Zukunft so zu backen, wie ich es kann. Nicht perfekt, aber mit Fantasie, viel Liebe und einem anständigen Rezept, damit man das Zeug auch essen kann. 

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Nur kurz mal plaudern…

„Meiner“, leise, damit es die Kinder nicht hören: „Komm, wir gehen mal fünf Minuten hinters Haus und unterhalten uns über den Tag.“

Ich: „Okay, muss nur noch schnell…“

Zoowärter: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat….“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Das stimmt überhaupt nicht. Der Zoowärter und das Prinzchen haben…“

Ich: „So schlimm ist das nun auch wieder nicht. Das könnt ihr selber regeln.“

„Meiner und ich gehen um die Hausecke und setzen uns an den Gartentisch.

„Meiner“: „Heute Nachmittag habe ich…“

Luise und Karlsson kommen angerannt. 

Luise: „Papa, kannst du mal schnell…?“

„Meiner“: „Mama und ich möchten uns kurz unterhalten….“

Luise: „Ja, aber kannst du trotzdem mal schnell…?“

Ich: „Luise, hast du nicht gehört? Papa und ich möchten uns kurz unterhalten.“

Karlsson: „Dann dürfen wir uns also nicht zu euch setzen?“

„Meiner“: „Doch, schon. Aber Mama und ich möchten uns unterhalten. Also, heute Nachmittag habe ich in der Schule…“

Luise: „Aber nachher kommst du sofort, Papa.“

„Meiner“: „Ja, nachher. Also, heute Nachmittag habe ich in der Schule diese…“

Ich: „Moment schnell, die Kleinen sind mir eindeutig zu wild. Ich muss denen sagen, dass das nicht geht.“

„Meiner“: „Okay, ich erzähl’s dir also nachher….“

Luise: „Papa, jetzt könntest du doch schnell….“

„Meiner“: „Nein, zuerst will ich der Mama erzählen, dass ich heute in der Schule…“

Luise macht sich entnervt aus dem Staub, Karlsson folgt ihr, endlich sind wir alleine.

„Meiner“: „Also, heute Nachmittag habe ich in der Schule diese Sache vorbereitet. Weisst du, das Projekt…“

Luise kommt zurück, das Telefon in der Hand: „Papa, da will dich jemand sprechen…“

Na ja, vielleicht finden „Meiner“ und ich morgen eine Gelegenheit, uns gegenseitig die Belanglosigkeiten des heutigen Tages zu erzählen. 

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Ein- oder ausgeladen?

Auf dem Papier ist es unmissverständlich: Am Donnerstag, 27. und Freitag, 28. März sind die „Tage der offenen Volksschule“. Das Bildungsdepartement, der Verband der Schulleiter, der Lehrerverband und der Verband Solothurner Einwohnergemeinde – sie alle wünschen, dass wir kommen und sehen, wie die Schule heute ist. „Wir freuen uns auf Sie, denn Sie sind unsere wichtigsten Partnerinnen und Partner im Zusammenhang mit unserem Bildungsauftrag“, steht auf der Einladung, die mir das Prinzchen überreicht, als er vom Kindergarten nach Hause kommt.

Ich lese und fange an, mir Gedanken zu machen, wie ich es diesmal schaffen soll, mich fünfzuteilen, um jedem Kind die ihm zustehende Aufmerksamkeit zu schenken. Und dies nur am Donnerstag, denn am Freitag habe ich einen Termin, den ich nicht schon wieder absagen kann.“Am Morgen muss ich Karlsson, den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter schaffen, denn die haben am Nachmittag frei. Luise und das Prinzchen kann ich auf nach dem Mittagessen verschieben“, überlege ich noch, als ich den grünen Zettel bemerke, den die Kindergärtnerinnen dem Einladungsbrief beigelegt haben.

Wir Eltern sollten doch bitte nicht an diesen zwei Tagen in den Kindergarten kommen, steht da. Wir könnten ja jederzeit zu Besuch kommen und da wäre es ungünstig, wenn alle gleichzeitig in den nicht allzu grossen Räumen herumstünden. „Mir soll’s recht sein“, sage ich, fühle mich aber trotzdem leicht düpiert, weil man mich, kaum eingeladen, gleich wieder ausgeladen hat. „Hoffentlich ist das Prinzchen nicht traurig, wenn ich zu allen gehe ausser zu ihm“, denke ich, als Luise nach Hause kommt. Sie würden am 28. mit der Klasse einen Ausflug machen. „Einen Ausflug? Am 28.? Bist du dir ganz sicher? Dann ist doch Besuchstag“, frage ich und Luise lässt sich von mir verunsichern. Vielleicht habe sie tatsächlich nicht so recht aufgepasst, meint sie. Doch zwei Tage später ist sie sich ganz sicher: Sie gehen am Freitag., mit dem Velo und zwar dann, wenn eigentlich Werken auf dem Stundenplan stünde. Also schon wieder eine Art Ausladung, wenn auch keine, die mich betrifft. Am Freitag kann ich ja bekanntlich nicht…

Drei Stunden später erfahre ich, dass ich am Donnerstag noch weniger muss, als ich erwartet hätte. Bei Karlsson stehen die Schulhaustüren nämlich schon am Mittwoch – dafür aber nicht am Freitag, was mir immer noch egal sein kann – offen. Ich kann ihn also bereits am 25. abhaken, allerdings in Begleitung des Prinzchens, der mittwochs zu Hause ist. Karlsson möchte aber gar nicht unbedingt abgehakt werden. Wenn es nach ihm ginge, dürfte ich getrost zu Hause bleiben, lässt er mich wissen. Also noch einmal eine Ausladung. Eine, die ich auf gar keinen Fall akzeptieren werde. Der Junge glaubt doch nicht im Ernst, ich würde ihm die Peinlichkeit ersparen, dass seine zerzauste Mama mit dem Jüngsten im Schlepptau sieben Minuten nach Unterrichtsbeginn ins Zimmer platzt? Ich lasse mir doch von einem Halbwüchsigen nicht vorschreiben, wie peinlich ich sein darf. 

Mein derzeitiger Plan für die anstehenden Besuchstage sieht also jetzt folgendermassen aus:

Mittwoch um sieben nach neun bei Karlsson in die Mathematikstunde platzen, ihm beim Zimmerwechsel ein paar dumme Fragen stellen, eine halbe Stunde im Französisch sitzen und dann mitten drin mit Getöse abrauschen, weil ich Mittagessen kochen muss. Am Donnerstagvormittag werde ich so pünktlich wie nur immer möglich beim FeuerwehrRitterRömerPiraten auf der Matte stehen, damit seine Lehrerin sieht, dass er das mit dem Zuspätkommen nicht von mir hat. Danach werde ich dem Zoowärter beim Schulbankträumen zuschauen und wieder mittendrin abrauschen, weil das Mittagessen… ach, ich wiederhole mich. Am Donnerstagnachmittag schliesslich werde ich bei Luise überprüfen, ob der Frühenglisch-Unterricht mehr taugt als der Frühfranzösisch-Unterricht, den sie letztes Jahr hatte.

Dann werde ich mir vornehmen, bald einmal das Prinzchen im Kindergarten zu besuchen, doch das werde ich immer wieder vergessen und wenn ich endlich daran denke, werden sie im Kindergarten Muttertagsgeschenke basteln, weshalb mein Besuch wieder nicht erwünscht sein wird und dann wird das Schuljahr um sein und im kommenden Schuljahr werde ich mir wieder vornehmen, endlich diesen Besuch zu machen, aber es werden mir wieder zig Dinge dazwischen kommen und weil ich am Besuchstag nicht willkommen sein werde, werde ich es noch weiter aufschieben müssen und dann werden schon wieder die Muttertagsgeschenke dran sein und dann wird das Prinzchen in die Schule kommen und mir vorwerfen, ich sei nicht ein einziges Mal zu einem richtigen Besuch in den Kindergarten gekommen.

Und wer ist Schuld daran? Ich ganz alleine, weil ich so blöd bin, mich ausladen zu lassen, wo ich mir doch so schön zurechtgelegt habe, wie ich jedem meiner Kinder am „Tag der offenen Volksschule“ einen Besuch abstatten werde. Und wo ich doch diese hoch offizielle Einladung vom Bildungsdepartement, dem Schulleiterverband, dem… ach was, ihr wisst schon. Und falls ihr nicht mehr wisst, müsst ihr eben oben noch einmal nachlesen. 

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Schutzengel

„Sicherheit am, im und auf dem Wasser“, so lautet der Arbeitstitel einer kleinen Artikelserie für swissmom, an welcher ich derzeit gerade arbeite und weil ich nicht irgend etwas schreiben will, verbrachte ich den Grossteil des heutigen Nachmittags mit Recherchen zum Thema. Ich las quer durch eine Studie, schaute mir die Videos von Präventionskampagnen an, sammelte Fakten und studierte Grafiken. Weil ich den Lesern aber nicht bloss frei interpretierbare Satzbausteine liefern will, versetzte ich mich auch zurück in die Zeit, als unsere heute schon ziemlich Grossen noch ganz klein waren und ich mindestens fünf Paar Augen, zehn Hände, acht Füsse und vor allem Superkräfte gebraucht hätte, um alle so zu überwachen, wie es die Sicherheitsexperten zu Recht fordern. Ich versuchte, mir die grössten Herausforderungen von damals in Erinnerung zu rufen, damit ich nicht einfach schreibe, was man überall lesen kann, sondern auch auf die Hürden hinweise, die es einem im Mütter- und Väteralltag erschweren, so zu handeln, wie es eigentlich richtig wäre. Und plötzlich waren sie wieder da, die Erinnerungen an jene Situationen, in denen dir der Atem stockt und du nur noch handeln, nicht mehr denken kannst. 

Der Augenblick zum Beispiel, als der Zoowärter plötzlich mit dem Gesicht nach unten im Pool von Freunden trieb. Wir waren vier Erwachsene, die mit Blick auf die Kinder am Rand des Pools sassen, jeder von uns allzeit bereit, hochzuspringen. Und doch hatte es der damals noch ziemlich Kleine fertig gebracht, von uns allen unbemerkt in den Pool zu fallen. 

Oder der heisse Nachmittag in der Toscana, an dem sich die noch sehr kleine Luise entgegen aller elterlichen Ermahnungen trotzig der Schwimmflügel entledigte und auf der Treppe des Schwimmbeckens diesen einen Schritt zu viel machte. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis „Meiner“ bei ihr war, obschon nur ein paar Schritte zwischen ihm und ihr lagen. 

Nicht nur ans Wasser erinnerte ich mich, auch der Abend, an dem wir aus unerfindlichen Gründen vergessen hatten, das Fenster im Wohnzimmer zu schliessen, ehe wir uns zum Abendessen an den Tisch setzten. Noch nie zuvor hatten wir es vergessen und ausgerechnet an diesem Abend kletterte Luise, damals knapp 18 Monate alt, aus dem Hochstuhl und ging aus dem Zimmer. Plötzlich wurde „Meiner“ unruhig, begab sich ins Nebenzimmer, gerade noch rechtzeitig, um Luise daran zu hindern, auch noch mit dem zweiten Bein über das Fensterbrett zu steigen. 

Vom Nachdenken über dieses Erlebnis war es nicht mehr weit bis zur Erinnerung, die mich heute noch erblassen lässt. Wir verbrachten eine Woche mit einer Schulklasse von „Meinem“ in einem Gruppenferienhaus. Gegenüber gab es irgend einen Betrieb, zu dem mehrmals am Tag Lastwagen gefahren kamen. Ich war mit Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der damals noch auf allen Vieren unterwegs war, in der Küche und wähnte uns alle in Sicherheit, denn ich glaubte, ich hätte wie immer die schwere Eingangstüre abgeschlossen, damit die zwei Racker nicht entwischen konnten. Irgendwann verliessen die beiden die Küche, um im Aufenthaltsraum zu spielen. Dann wurde es auf einmal verdächtig still, ein klares Zeichen, dass etwas nicht mehr stimmte. Im Haus waren sie nicht mehr zu finden, dafür stand die vermeintlich geschlossene Eingangstüre einen Spalt breit offen. Panisch rannte ich nach draussen, wo ich die zwei Ausreisser fand, einen knappen halben Meter neben ihnen ein Lastwagen, der am Wenden war. Fragt mich nicht, woher er kam, aber plötzlich war da ein Mann, der die beiden Kinder zu mir brachte. Kein Wort sagte er, er sah mich nur sehr eindringlich an, dann verschwand er wieder und liess mich mit weichen Knien und zwei erstaunten Kindern zurück. 

Noch heute bleibt mir beinahe das Herz stehen, wenn ich daran denke, wie diese Geschichten hätten enden können. Wenn ich jetzt darüber schreibe, was wir Eltern zur Sicherheit unserer Kinder alles beachten müssen, wird mir bewusst, dass all die Vorsichtsmassnahmen zwar wichtig sind, aber bei Weitem nicht reichen. Ohne Schutzengel – oder wie immer man das auch nennen mag – haben wir keine Chance, unsere Kinder zu beschützen. 

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