Bilderbuch-Prinzchen

Heute in der Stadt: Unzählige weihnachtlich geschmückte Schaufenster, Regale voller Weihnachtskugeln und „Starbucks“ bereits wieder mit den eindeutigen Gewürzen auf dem Kaffee. Irgendwann hat das Prinzchen genug. „Mama, ich will nicht, dass die schon so tun, als wäre Weihnachten“, sagt er traurig. „Erst will ich jetzt mal meinen Geburtstag feiern und dann will ich mich am Herbst freuen. Ich finde es so schön, wenn die Blätter bunt werden. Wenn sie von den Bäumen fallen, kann man mit den Füssen so schön rascheln darin. Und Sachen bauen aus Blättern…Ich will jetzt einfach den Herbst geniessen, der ist so schön… Wie ist das eigentlich mit den Blättern? Wachsen die wieder, wenn sie vom Baum gefallen sind?“

Ach, mein Prinzchen, sag: Bist du echt, oder bist du einem dieser traumhaften Bilderbücher entsprungen?

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Was ich durch 4 x Open House gelernt habe

Wenn um unseren Esstisch die verschiedensten Menschen, die sich ohne unsere Einladung vielleicht nie begegnet wären, versammelt sind, dann bin ich zutiefst glücklich.

Egal, wie viele Desserts man zubereitet, man wünscht sich jedes Mal, man müsste – und könnte – noch ein paar Dinge mehr machen, weil die Auswahl an verführerischen Rezepten einfach zu gross ist.

Noch nie im Leben ist es mir so leicht gefallen, auf Süsses zu verzichten. Nach so vielen Stunden in der Küche habe ich mich schlicht und einfach sattgerochen.

„Meiner“ und ich arbeiten so reibungslos zusammen, dass wir in Versuchung stehen, solche Anlässe öfter mal durchzuführen.

Wenn ein Mensch, den ich noch nie getroffen habe und den „Meiner“ seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr gesehen hat, uns mitteilt, Sonntag sei für ihn generell nicht so günstig, er würde lieber am Samstag kommen, aber nicht an dem Samstag, an dem wir auch noch eingeladen haben, sondern bitte an einem anderen, vielleicht im Dezember, kurz vor Weihnachten, dann ist mein flauschiges „Ich liebe alle Menschen und möchte alle um meinen Tisch versammelt sehen“-Gefühl auf einmal wie weggeblasen.

Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man hausgemachte Pains au Chocolat als ähnlich alltäglich empfindet wie ein Butterbrot.

Genau so, wie es Bad-Hair-Days gibt, gibt es auch Bad-Frosting-Days. Zum Glück hat man hin und wieder auch einen Good-Frosting-Day…

Egal, wie sehr wir uns um Ordnung und Sauberkeit bemühen, unsere Gäste werden sich immer mit einem Hauch Venditti-Chaos abfinden müssen.

Ich brauche ein anständiges Rezept für Vanillie-Pudding.

Wenn morgen die letzten Gäste nach Hause gegangen sind, werde ich vermutlich eine leise Wehmut empfinden. Es war viel Arbeit, aber es war auch wunderschön.

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Gedankenschnipsel nach einer anstrengenden Woche

Es war viel los diese Woche. Zu viel, um die Gedanken, die in meinem Kopf herumschwirrten, zu ganzen Texten zu verarbeiten. Darum hier nur ein paar Schnipsel zum Ende der Woche:

  • Zugfahren hat eindeutig an Unterhaltungswert eingebüsst, seitdem 90% der Passagiere mit Stöpsel im Ohr unterwegs sind. Die einzigen, die noch miteinander reden sind rüstige Rentner, die sich über den Unterhalt ihrer Liegenschaften austauschen. Spätestens nach der fünften Erwähnung von Mietern, die ihre Badezimmer falsch lüften, wünschst du dir, du hättest selber ein Paar Stöpsel dabei, die du dir in die Ohren stopfen könntest. 
  • Ziehst du als Mutter quatschend und lachend mit deinem halbwüchsigen Sohn durch die Migros, um den Wocheneinkauf zu erledigen, wirst du von den anderen Kunden angeglotzt, als wärest du ein Wesen von einem anderen Stern. Teenager und ihre Mütter sollen sich gefälligst gegenseitig anschweigen. Oder streiten.
  • Wenn du aufhörst, an verschlossenen Türen zu rütteln, kann es sein, dass plötzlich Türen aufgehen, die du gar nicht zu öffnen versucht hast. Fragt sich nur, ob du dir zutraust, durch sie hindurch zu gehen, wo du doch gar nicht damit gerechnet hast, dass sie sich für dich öffnen würden. 
  • Schreib in deinem Blog nie über Läuse. Jeder, der dir danach begegnet, hat einen Tipp für dich. Oder er tut, als kenne er dich nicht, weil er fürchtet, die Viecher könnten alleine durch Grüssen übertragen werden.
  • Nur, weil ein Film in Schweden gedreht worden ist, heisst das noch lange nicht, dass er es Wert ist, gesehen zu werden. 
  • Auch wenn du einen ganz anständigen Jugendschutz eingerichtet hast, kann es dir passieren, dass sich auf deinem iPad plötzlich nackte Frauen tummeln, wenn du deinem Jüngsten eigentlich die Legos, di er sich wünscht, hast zeigen wollen. 

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  • Bis Mitternacht sollte das zu schaffen sein

    Läuse? Hmmm, weiss nicht so recht. Gesehen habe ich keine, nicht mal die klitzekleinste Nisse. Aber wenn sich alle andauernd an den Köpfen kratzen, sogar dann, wenn keiner von Läusen spricht, dann sollte man vielleicht doch mal… Hab‘ zwar gerade nicht die geringste Lust auf Läuse, aber wenn ich warte, bis ich Lust auf Läuse habe, kann das noch ein Weilchen dauern… Ach was, ich mach’s besser. Will mich ja nicht unbeliebt machen bei meinen Mitmüttern. 

    Gibt ja nicht sooooo viel zu tun. Nur die ganze Bettwäsche waschen, die Lieblingskuscheltiere, die Sofakissen, vielleicht noch die Decken, mit denen sie neulich eine Hütte gebaut haben… Ein Klacks also. Fünf oder sechs Waschmaschinen voll, mehr ganz bestimmt nicht. Dann noch die Köpfe behandeln. Beim Prinzchen mit seiner Mähne könnte es ein wenig dauern, Luise wird auch nicht ganz unproblematisch, dafür reicht es bei „Meinem“ vielleicht, wenn wir schnell mit dem Lauskamm drüber gehen. Ach ja, die Haarbürsten sollten wir vielleicht auch noch auswaschen, aber das Einfrieren von Kleinkuscheltieren lasse ich diesmal bleiben…

    Ich schätze, das sollten wir hinkriegen, so gegen Mitternacht sind wir voraussichtlich lausfrei. Wenn wir es nicht bereits sind… Aber eben, Vorsicht ist besser bla bla bla… Und so habe ich wenigstens etwas zu tun. Wüsste ja doch wieder nicht, was ich mit diesem Tag sonst anfangen sollte.  

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    Auch ich habe einen Preis

    Die können’s doch einfach nicht lassen. Vor ein paar Wochen hätte ich nach Zürich rennen sollen, um mit anderen Bloggerinnen Cupcakes zu verzieren, vorgestern hätte ich hier irgend ein Wellness-Weekend oder so verlosen sollen und heute drängt mich die Konkurrenz des angebissenen Apfels dazu, mich endlich anzumelden, damit ich mit ihr im Kochstudio Mezze zubereiten kann. Auch in Zürich. Wo denn sonst? 

    Himmel, wie stellen die sich das eigentlich vor? Soll ich alle paar Tage meine Familie hungrig am Tisch sitzen lassen, um in Zürich ein bisschen so zu tun, als würde ich kochen und putzen und dann meiner Leserschaft vorzuschwärmen, wie toll das doch war und wie unverzichtbar diese grossartigen Produkte doch sind? Nicht mit mir, vielen Dank.

    Nun ist es natürlich einfach, sich so unbestechlich zu geben, solange für mich nicht mehr herausschaut als eine etwas glanzvollere Version dessen, was ich ohnehin schon den ganzen Tag mache. Ich gestehe aber ganz offen, dass ich unter gewissen Umständen durchaus dazu bereit wäre, mich um den Finger wickeln zu lassen. Weil ich ein netter Mensch bin, nenne ich hier sogar meinen Preis, damit zukünftige potentielle Werbepartner wissen, wie sie mich kriegen können. Nämlich so:

    Schicken Sie mich und meine Brut eine oder zwei Wochen lang in ein anständiges Wellness-Hotel – zwei Wochen Stockholm wären auch okay – und sorgen Sie in der Zwischenzeit dafür, dass dieser Saustall mal endlich ausgemistet wird. Nicht nur so ein bisschen, sondern richtig, von oben bis unten, das volle Programm. Kaputte Haushaltgeräte auf Vordermann bringen, undichte Fensterritzen ausbessern, Wände neu streichen, Badezimmer renovieren, Fussböden abschleifen, Kleiderschränke ausmisten und dann jeden hintersten Winkel putzen. Danach das Gleiche im Keller, im Garten und in der Garage. Und wenn Sie mir eine ganz grosse Freude machen wollen, reissen Sie doch gleich diese elende Garage ab und stellen Sie mir stattdessen ein anständiges Gewächshaus, einen Geräteschuppen und ein paar Hochbeete auf. 

    Wenn Sie das tun, meine lieben potentiellen Werbepartner, dann verspreche ich Ihnen an dieser Stelle hoch und heilig, dass ich nicht nur über das Hotel und jedes einzelne verwendete Produkt einen sehr langen und sehr löblichen Artikel verfassen werde, ich werde Ihnen sogar äusserst werbewirksam die Füsse küssen. Wenn’s sein muss, komme ich dafür sogar eigens nach Zürich. 

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    Wer ist hier eigentlich der Teenager?

    Sonntagmorgen, Viertel vor acht, die Tür zu unserem Schlafzimmer wird aufgerissen.

    Teenager, sehr aufgebracht: „Ihr habt versprochen, dass wir heute in die Kirche gehen und jetzt bleibt ihr wieder einfach liegen.“

    Ich, sehr schlaftrunken: „Himmel, es ist Viertel vor acht, der Gottesdienst beginnt um halb zehn, also lass mich gefälligst noch etwas schlafen. Ich bin müde.“

    Teenager, etwas friedlicher: „Oh, okay, dann geh‘ ich zurück ins Bett. Aber wir gehen ganz bestimmt, versprochen?“

    Sonntagmorgen, 11 Uhr, der Gottesdienst ist soeben zu Ende, ich befinde mich im Landeanflug zurück auf die Erde, der Teenager kommt auf die Empore, wo ich sitze, weil wir mal wieder spät dran waren.

    Teenager, hoffnungsfroh: „Mama, essen wir hier?“

    Ich, bestimmt: „Nein, wir gehen nach Hause. Nach dem Fest gestern mag ich nicht schon wieder unter die Leute gehen.“

    Teenager, eingeschnappt: „Nie essen wir hier. Immer können alle anderen bleiben, nur wir gehen immer gleich nach Hause. Du bist soooooo unfair.“

    Ich, aufgebracht: „Nun keif mich nicht gleich so an. Du kannst ja bleiben und dann mit dem Bus nach Hause kommen.“

    Teenager, bockig: „Nein, ich komme jetzt nach Hause. Du verdirbst mir immer alles…“

    Ich: „Nun hab dich doch nicht so. Warum kannst du nicht mit den anderen Teenies essen und ich gehe nach Hause, um mich auszuruhen?“

    Teenager, noch immer bockig: „Und dann muss ich mein Essen selber bezahlen?“

    Ich, noch immer leicht entnervt: „Nein, natürlich nicht. Die sechs Franken gebe ich dir gerne. Aber müssen wir immer aus allem eine Staatsaffäre machen? Man könnte meinen, mit mir könne man nicht verhandeln. Dabei reicht es doch, wenn du mich anständig um etwas bi….“

    Ach, was rede ich mir noch den Mund fusselig? Der Teenager ist längst weg, um mit den anderen essen zu gehen und ich kann mit einer anderen Teengager-Mama darüber klönen, wie elend es doch ist, dass diese Halbwüchsigen immer Streit suchen, wo man doch selber gar nicht auf Streit aus ist und nur zu gerne zum Nachgeben bereit wäre, wenn sie begründen könnten, warum sie nicht wollen, wie ich will. 

    Und nein, ich habe diese Episode nicht geträumt. Es war wirklich so, dass der Teenager in die Kirche wollte und ich viel lieber liegen geblieben wäre.

    Aber ich verrate nicht, welcher Teenager es war, sonst geht das Gekeife schon wieder los. 

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    Himmel auf Erden

    „Ihr Armen, so ein Stress!“

    „Wollt ihr euch das wirklich antun?“

    „Ihr seid bestimmt ganz erschöpft.“

    „Ganz schön viel Arbeit.“

    „Können wir euch etwas abnehmen?“

    So viel Mitgefühl hat man „Meinem“ und mir seit Prinzchens Geburt nicht mehr entgegengebracht. Dabei haben wir doch gar nicht gejammert. Wir haben nur die Tatsache, dass wir fast gleichzeitig 40 geworden sind, zum Anlass genommen, an vier Tagen in diesem Monat richtig viele Menschen einzuladen. Nicht, weil wir uns dazu verpflichtet fühlen, sondern weil wir finden, dass etwas vom Grössten im Leben die Menschen sind, mit denen wir es teilen.

    Okay, natürlich müssen wir noch mehr putzen als sonst, wenn so viele Gäste ins Haus kommen und natürlich stehen wir länger als gewöhnlich in der Küche. Ich gebe sogar zu, dass wir ganz schön müde sind, wenn die Gäste gegangen sind und alles wieder aufgeräumt ist.

    Aber ist das Stress? Ich finde nicht. Es hat uns ja keiner dazu gezwungen, es zu tun. Und wenn sich um unseren Esstisch viele verschiedene Menschen versammeln um zusammen zu geniessen, was wir für sie vorbereitet haben, dann ist das in meinen Augen nicht Stress, sondern ein Stück Himmel auf Erden.

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    Was willst du mal werden?

    Bewerbungen schreibt er praktisch ohne elterliche Hilfe. Er hat in der Schule gelernt, wie das geht.

    Neulich war er schnuppern. Einen Tag nur, aber der Betrieb verlangte dennoch eine schriftliche Bewerbung. Danach gab’s eine Power Ponit-Präsentation in der Schule. Die Kids können das besser als mancher Erwachsene, der seinen Text mühsam von ein paar langweilig gestalteten Folien abliest und mit der Fernbedienung kämpft.

    Heute bewarb er sich für ein „Berufswahlpraktikum“. Vier Tage im Juli nächsten Jahres. Den Lebenslauf schüttelte er einfach so aus dem Ärmel. Auch in der Schule gelernt und zwar perfekt. 

    Im November wird er vierzehn, wie man sich beim Vorstellungsgespräch korrekt verhält, weiss er aber bereits jetzt. Was man besser nicht anzieht auch. Obschon er nach der obligatorischen Schulzeit gerne noch ein paar Schuljahre anhängen möchte und darum nicht so bald ein Vorstellungsgespräch haben wird. Und obschon er noch gar nicht so genau weiss, welchen Beruf er mal ausüben möchte. (Eine Lehrstelle wird er sich aber auf alle Fälle suchen, als Plan B.)

    Kein Zweifel, die Teenager von heute werden gut auf das Berufsleben vorbereitet. Sehr viel besser als wir damals. Nahezu perfekt. Was ich grundsätzlich gut finde. Ist ja auch eine äusserst wichtige Angelegenheit, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. 

    Nur manchmal fragt eine leise Stimme in mir, wann denn eigentlich die Teenagerjahre stattfinden sollen. Kurz vor der Pensionierung?

    (Okay, ich geb’s zu. Die Glucke in mir findet, so habe er wenigstens keine Zeit, auf dumme Gedanken zu kommen.)

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    Dialog im Treppenhaus oder wie man seinem Bruder sagt, dass man ihn liebt

    Das Prinzchen und der Zoowärter kollidieren im Treppenhaus miteinander.

    Zoowärter: „Au, pass doch auf!“

    Prinzchen: „Hab‘ ja aufgepasst, aber du bist im Weg.“

    Zoowärter: „Du hast gesagt, du hast mich gern, aber das stimmt gar nicht.“

    Prinzchen: „Doch, ich hab‘ dich gern.“

    Zoowärter: „Du bist ein kleiner Trotzkopf und hast mich überhaupt nicht gern.“

    Prinzchen (rasend vor Wut und laut brüllend): „Doch, hab‘ ich! Ich hab‘ dich gern!“

    Wie das Gespräch geendet hat, entzieht sich meiner Kenntnis, ich meine aber, aus dem oberen Stock eindeutige Kampfgeräusche gehört zu haben. Der Zoowärter wird es wohl nicht so bald wieder wagen, Prinzchens Liebe in Frage zu stellen.

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    Die gibt – und gab – es leider überall

    So langsam mag ich den Satz nicht mehr hören: „Als junge Frau bist du heute ja nirgendwo mehr sicher in unserem Land.“ Seit der leidigen Geschichte mit dem Eritreer wird er geradezu inflationär verwendet und allmählich habe ich ihn satt. Was heisst da „heute“? War es früher etwa besser? Ich meine nicht. Zumindest in den vierzig Jahren, in denen ich schon auf diesem Planeten lebe, habe ich mehr als genug Belästigungen und schlimmere Dinge erlebt und dies in einem Land, in dem Frauen weitaus sicherer leben als andernorts. Unbehelligt blieb wohl schon „zu meiner Zeit“ kaum eine, nur die Schwere der Übergriffe variierte. Herausgreifen möchte ich nur ein einziges Beispiel, alles andere ist mir zu persönlich und gehört nicht hierher. 

    Ich war wohl noch keine zwanzig, als ich an einem sonnigen Nachmittag zwischen vier und fünf mit dem Velo vom Gymnasium nach Hause fuhr. Es gab mir, der Bewegungsfaulen, ein gutes Gefühl, zweimal täglich diese zehn Kilometer abzustrampeln und dabei ein paar unglaublich wichtige Selbstgespräche zu führen. Auf einem Veloweg, etwa 500 Meter vor dem nächsten Dorf, schnitt mir ein Mofa-Fahrer, der schon eine Weile hinter mir gefahren war, den Weg ab und fing ohne Vorwarnung an, mich zu begrapschen. Ich schrie den Kerl an, wie ich noch kaum je einen Menschen angeschrien habe und erstaunlicherweise machte er sich aus dem Staub. Einen Moment lanf fühlte ich mich unglaublich stark und überlegen, dann erst kam das grosse Zittern. Was, wenn er durch meinen Wutausbruch erst recht angestachelt worden wäre? Was, wenn er einen Umweg genommen hat und mir weiter vorne wieder auflauert? Was, wenn er morgen wieder kommt? 

    Nie wieder fuhr ich mit dem Velo zur Schule; die Strecke, die ich so liebte, war mir nicht mehr sicher genug und eine andere gab es nicht. Ein wildfremder Mensch – so zumindest vermute ich, er trug einen Helm – hatte mir ein kleines, aber für mich sehr wichtiges Stück Freiheit geraubt. Einfach so, weil ich eine Frau bin. Weil dies bei Weitem nicht das einzige Erlebnis dieser Art war, nahm ich es als eine weitere unangenehme Erfahrung auf dem ganz normalen Lebensweg einer Frau zur Kenntnis, nachdem der erste Schreck vorbei war.

    Und weil ich bei Weitem nicht die einzige Frau meiner Generation bin, die solche Erfahrungen gemacht hat, stört mich das „heute“ in dem oben zitierten Satz so gewaltig. Dieses „heute“ suggeriert, früher sei es besser gewesen, die bösen Ausländer hätten Schuld, dass eine Frau sich nicht überall angstfrei bewegen kann. Aber es sind nicht die bösen Ausländer, es waren und sind Männer, die nicht den geringsten Respekt vor Frauen haben und darum glauben, mit ihnen tun zu dürfen, was immer ihnen beliebt. Solche Männer gibt – und gab – es leider überall und zu jeder Zeit. (Was übrigens nicht bedeutet, dass man damit aufhören sollte, Gewalt gegen Frauen aufs Schärfste zu verurteilen und rigoros zu bekämpfen. Im Gegenteil, man sollte endlich einmal damit anfangen, es in aller Deutlichkeit zu tun.)

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