Prinzchen-Logik

Der Kindergarten beginnt um Viertel nach acht, der Fussweg dorthin dauert gut fünf Minuten. Damit er genügend Zeit hat, um im neuen Tag anzukommen und sich einzurichten, wecken wir das Prinzchen etwa um sieben Uhr, manchmal auch erst um Viertel nach. Die Zeit sollte also reichen, um alles zu tun, was getan werden muss, damit ein Fünfjähriger aus dem Haus gehen kann. Auch dann, wenn man den Tag so gemächlich angehen lässt wie das Prinzchen. Prinzchens Morgenroutine sieht nämlich etwa so aus:

  • Erst einmal werden die Augenlider auf ihre Funktionstüchtigkeit getestet. Nur wenn er ganz sicher ist, dass sie sich einwandfrei öffnen und schliessen lassen, behält unser Jüngster die Augen offen. 
  • Nach der Augenlidkontrolle wird die Raumtemperatur gefühlt. Ist diese einigermassen erträglich, schafft es das Prinzchen durchaus, innerhalb von fünf Minuten aus dem Bett gekrochen zu kommen, natürlich nur, wenn er die Decke mitnehmen darf und seinen „Bä!“, der ihn noch immer begleitet. Ist es zu kalt im Zimmer, müssen Kleider her und zwar sofort. Und die richtige Auswahl. Und bitte schön unter die warme Decke geliefert, sonst müsste man am Ende noch einen grossen Zeh an die Luft strecken. 
  • Egal ob mit Decke oder bereits in den Kleidern, irgendwann wird es Zeit, sich an den Frühstückstisch zu begeben. Bis die richtige Sitzposition gefunden ist dauert es eine Weile, aber nur, weil diese unvernünftigen Eltern diese doofen Hocker angeschafft haben, auf denen man zusammen mit dem „Bä!“ nicht richtig sitzen kann. 
  • Natürlich dauert es auch eine Weile, bis drei oder vier Deziliter Kakao in einem Prinzchen-Magen verschwunden sind, vor allem, wenn Mama oder Papa das Zeug mal wieder zu heiss serviert haben, doch nach einer gefühlten Ewigkeit ist auch dieser Punkt abgehakt.
  • Alles, was nachher folgt, lässt sich nicht mehr so strukturiert nacherzählen, sondern nur noch in Stichworten andeuten: Zähne putzen; aufs WC gehen; dringend benötigte Spielsachen suchen; Kätzchen streicheln; Socken anziehen; Schuhe suchen; der Mama zeigen, wie gut man vom Spieltisch springen kann; mit dem Zoowärter spielen, oder es zumindest versuchen, was aber der Mama, dieser elenden Spielverderberin, nicht passt; über den Inhalt der Znüni-Tasche debattieren; Jacke anziehen; Mamas Ermahnungen, er solle sich bitte beeilen, geflissentlich überhören;  die Farbspuren zwischen den Augen wegwaschen (Farbspuren zwischen den Augen? Fragt lieber nicht.); noch eimal Mamas Ermahnungen überhören; das „Panini“-Album suchen und lauthals klagen, dass man sich von Luise dazu hat überreden lassen, ein gemeinsames Album zu füllen, weshalb das Eigene, das man gratis in der Bäckerei bekommen hat, noch leer ist; noch einmal aufs WC gehen; das Treppengeländer herunterrutschen; schon wieder Mamas Ermahnungen überhören; den Zoowärter anbrüllen; längst veraltete Elternbriefe abliefern…

Ein ziemlich volles Programm, ich geb’s ja zu. Dennoch beharre ich stur auf meiner Meinung, dass eine gute Stunde reichen sollte, um zumindest die wichtigsten Punkte auf der Liste abzuhaken. Zumal der Junge während der ganzen Zeit eine gestrenge Mama auf den Fersen hat, die ihn daran erinnert, welche Punkte in den frühen Morgenstunden Priorität haben und welche man getrost auf den Nachmittag verschieben kann. 

Warum also kommt unser Jüngster trotzdem regelmässig zu spät in den Kindergarten? Ist doch klar: Weil der Weg zum Kindergarten ein paar Schritte länger ist als derjenige zur Schule. Und darum soll ich ihn bitte schön mit dem Auto hinfahren.

Vergiss es, mein Lieber! 

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Söhne

Sie bringen es fertig, den Abfluss im Bad mit einem Messer zu verstopfen. Fragt mich bitte nicht, wie man es schafft, ein Messer so tief hineinzustecken, dass oben nichts mehr herausschaut, aber wenn man sich richtig bemüht, geht es. 

Sie setzen sich in die massgefertigten Schubladen, für die wir vor Jahren viel Geld ausgegeben haben und spielen, es sei ein… ja, was eigentlich? Keine Ahnung. Aber am Ende des Spiels ist die Schublade kaputt. 

Sie verstecken ihre schmutzige Wäsche im hintersten Winkel ihrer Zimmer, anstatt – wie vereinbart – einmal die Woche den Weg zur Waschküche unter die Füsse zu nehmen. Und dann heulen sie, weil sie keine sauberen Kleider haben.

Sie hüpfen bei strömendem Regen auf dem Trampolin und ziehen sich dazu nicht etwa Badehosen an, sondern behalten die letzte saubere Hose am Leib. Die nach dem Hüpfen natürlich nicht mehr sauber ist, was am nächsten Morgen erneut zu Tränen führt, weil jetzt gar keine sauberen Kleider mehr da sind. (Das ist dann meist der Moment, in dem ich auf der Suche nach der allerletzten sauberen Hose die versteckte Dreckwäsche aufspüre.)

Wo sie mal waren, hinterlassen sie ihre Spuren: Angebissene Tomaten (Ja, ich weiss, ich sollte mich glücklich schätzen, dass sie freiwillig Tomaten essen), ausgezogene Socken, Legoteilichen (Die ganz kleinen, die so richtig wehtun, wenn man auf sie tritt), Darvida-Verpackungen, die Papierfetzchen, die übrig bleiben, wenn man (für Mama) einen schönen Scherenschnitt geschnitten hat, Stecken, halb volle Gläser (Ihr seht, ich bin heute wirklich optimistisch drauf), die Überreste vom Bleistiftspitzen, in allerkleinste Teilchen gezupfte Radiergummis, Bananenschalen – oder einfach das, was übrig bleibt, wenn ein Geistesblitz, den man unbedingt gleich hat umsetzen müssen, sich so schnell wieder verflüchtigt, wie er gekommen ist. 

Im Zorn gehen sie mit so viel Aggressivität aufeinander los, dass mir Angst und Bang wird. (Sie umarmen sich dann aber auch wieder, wenn alles vorbei ist.)

Sie kommen später als vereinbart vom Fussballplatz zurück und behaupten dann, ich hätte ihnen nicht gesagt, wann ich sie zurück erwarte. 

Sie haben auch schon Tasten aus dem Klavier gebrochen (als sie noch sehr klein waren und unter der „Aufsicht“ einer Person, die bei dieser Gelegenheit den Beweis für ihre Inkompetenz erbrachte), Fensterscheiben eingeschlagen (natürlich ganz und gar unabsichtlich), die teure Tapete im Treppenhaus von der Wand gerissen (man muss doch mal schauen, wie es darunter aussieht), Wettpinkeln veranstaltet, volle Windeln aus dem Dachfenster geschmissen (das ist zum Glück schon seeeeehr lange her) und die Felgen des Autos mit wasserfestem Stift verziert (Zugegeben, es sah hübsch aus.). Noch heute, wo sie doch alle aus dem Gröbsten raus sein sollten, habe ich immer das Gefühl, sie seien mir mindestens anderthalb Nasenlängen voraus. Mein Gehirn ist gar nicht dazu in der Lage, sich die Dinge auszudenken, die für sie ganz selbstverständlich in die Kategorie „Ich wollte nur mal sehen, was passiert“ gehören. 

Manchmal könnten wir durchdrehen, „Meiner“ und ich. Doch dann erinnere ich mich wieder daran, was meine Brüder alles angestellt haben, als sie in dem Alter waren und dann sage ich zu „Meinem“: „Weisst du, so schlimm sind sie eigentlich gar nicht, unsere Söhne. Immerhin ist noch keiner in die Kläranlage gefallen.“

(Ach ja, ich weiss, Töchter haben auch ihre Macken, aber weil wir nur eine davon haben, bietet das, was sie anstellt,  eine angenehme Abwechslung.)

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So ist es gar nicht so schelcht

Gestern habe ich etwas ganz Verrücktes angestellt: Als die Kinder aus dem Haus waren, habe ich einfach meine Alltagsroutine links liegen gelassen und mir dieses Ding mit dem langen Schlauch geschnappt, das so fürchterlich Krach macht. Wie heisst es noch mal? Irgend etwas mit Dreck und saugen oder so. So ein hässliches graues Gerät, für das sie immer Werbung machen im Fernsehen. Ich hab‘ es mir also geschnappt und angefangen, damit in der Wohnung herumzurennen. Hat irgendwie Spass gemacht und darum griff ich gleich noch zu diesem besenartigen Gerät, das man anfeuchtet, bevor man es über die Fussböden zieht. Und weil auch das noch ganz amüsant war, zog ich zum Schluss ein paar bunte Stofffetzen aus dem Schrank, um mit ihrer Hilfe herauszufinden, wie es bei uns aussehen könnte.

Zwei Stunden lang tobte ich mich auf diese Weise aus, dann musste ich Schluss machen, weil die Kinder nach Hause kamen. Spielfelder, um mich weiter auszutoben, wären zwar noch ausreichend vorhanden gewesen, doch die Pflicht rief mich in meinen Alltag zurück. Obschon ich noch viel länger hätte spielen können, waren „Meiner“ und Luise tief beeindruckt von den Folgen meines kleinen Ausbruchs aus der Routine von Kochen, Tisch abräumen, Schreiben und Schadensbegrenzung. Es war fast wie früher, als ich noch regelmässig ganz alleine mit dem Saugding, den bunten Tüchern und dem besenartigen Ding spielte. Irgendwie lustig und zufriedenstellend. 

Es ist ja nicht so, dass ich heute nie mehr mit diesen Dingern spiele, die ich gestern aus dem Schrank gezerrt habe. Aber heute spiele ich nicht mehr alleine. Immer muss ich teilen, immer gibt es einen, der sich nicht an die Regeln halten will, immer tritt einer mit schmutzigen Füssen auf mein Spielfeld, immer steht einer schmollend am Rand und will nicht mitmachen.

Darum habe ich beschlossen, in Zukunft etwas egoistischer zu sein und wieder viel öfter ganz alleine durch die Wohnung zu toben. Macht einfach mehr Spass. Und für die anderen gibt es auch so noch mehr als genug zu tun. 

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Fashion-Police

„Meiner“ hat Stil, ziemlich viel davon sogar. So viel, dass er problemlos Komplimente dafür bekommt, obschon seine Kleider ein Mix aus Brocki, Ausverkauf und „seit fünfzehn Jahren in meinem Kleiderschrank“ sind. Nur hin und wieder verlässt ihn sein Sinn für Stil, meist dann, wenn er seiner Verzweiflung über unsere nicht immer rosige finanzielle Lage Ausdruck verleihen will. In einer solchen Phase kaufte er sich vor etwa fünf Jahren für fast nichts einen abscheulichen, anthrazitfarbenen Faserpelz in der „Landi“, den ich ihm seither auszutreiben versuche. Bis vor Kurzem hatte ich gedacht, der Tiefpunkt sei damit erreicht, doch er kann noch tiefer fallen, wenn er sich entsprechend fühlt.

Neulich bekam er von irgendwo eine Tasche voller gebrauchter Sneakers geschenkt. Richtig hässliche Dinger, wie sie die Teenager noch bis vor wenigen Jahren trugen. Klobig, vorne abgerundet, viel zu dickes Material und abartige Farbmuster. Gut, es war Markenware, doch das machte die Dinger nicht schöner und auch nicht weniger ausgelatscht. Er fand sie ebenso schrecklich wie ich und im Vertrauen auf den guten Geschmack meines Herrn Gemahl schenkte ich den Schuhen keine weitere Beachtung. Doch dann sah ich eines schlimmen Tages eines der Paare an seinen Füssen und mir war klar, dass ich dazu nicht schweigen kann.

„Die Schuhe sind scheusslich“, sagte ich zu ihm und glaubte, er hätte verstanden. Doch eine Stunde später hatte er sie noch immer an. „Diese Schuhe sind abscheulich. Du kannst sie nicht tragen“, sagte ich deshalb, doch auch das zeigte keine Wirkung, am nächsten Tag zog er sie wieder an. „Heutzutage trägt keiner mehr solche Schuhe. Du machst dich lächerlich“, insistierte ich. Wieder keine Wirkung, die Schuhe blieben an seinen Füssen. „Diese Schuhe sind ein Lusttöter“, sagte ich deshalb, in der Hoffnung, ihn endlich davon zu überzeugen, dass ich ihn nie wieder mit ihnen sehen will. Alles was ich damit bewirkte, war, dass er sich ein anderes Paar anzog. Eines, das noch viel hässlicher war. „Hör mal, ich weiss, dass du in Trauer bist über den Zustand unseres Budgets, aber für ein Paar anständige Schuhe würde das Geld allemal reichen“, redete ich ihm gut zu und dann griff ich zur schlimmsten aller Drohungen: „Wenn du die Dinger nicht endlich wegschmeisst, gehe ich in den Laden und kaufe dir Schuhe.“ Ich wusste, „Meiner“ würde lieber nackt durch die Strassen laufen, als sich von seiner Frau einkleiden zu lassen. Nicht, weil ich einen derart schlechten Geschmack hätte, sondern weil er es ganz schlimm findet, wenn Männer zu unselbständig sind, um sich selber um ihre Garderobe zu kümmern.

Erst jetzt erkannte ich den Ernst der Lage, denn „Meiner“ blieb auch von dieser Drohung vollkommen unbeeindruckt. Also gab es nur noch eins: Ab in den Müll mit den Dingern. Ich glaube, jetzt hat er endlich verstanden. Als er sie heute im Abfallsack liegen sah, meinte er nur: „Okay, das hast du jetzt deutlich gesagt.“ Als ob all das, was ich vorher gesagt habe, undeutlich gewesen wäre…

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Melassemorgen

Zugegeben, auch mir fiel es heute früh nicht leicht, aus dem Bett zu kommen, doch dies hatte einen Grund. Nach einem gemütlichen Sontag mit guten Freunden und üppigem Essen entsann sich mein Magen nämlich seiner Verstimmung von neulich und raubte mir damit den Schlaf. Ich hatte also einen guten Grund, das Bett nicht verlassen zu wollen, aber unsere Kinder? Luise zum Beispiel. Springt die etwa aus dem Bett und jubelt: „Hach, was bin ich doch glücklich. Ich darf in die Schule gehen und keiner kann mir sagen, ich müsse zu lernen aufhören, einen alten Sack heiraten und so bald als möglich Kinder kriegen.“? Nein, die bleibt liegen und raunzt mich an: „Welcher Idiot hat überhaupt die Schule erfunden?“ In diesem Ton geht es weiter: „Darf ich denn nie bei den Kätzchen sein?“, „Warum hast du mir nicht gesagt, wie spät es ist?“, „Wann bekomme ich denn endlich neue Schuhe?“ und schliesslich, als sie realisiert, wie spät es geworden ist: „Du hast mich viel zu spät geweckt und jetzt komme ich zu spät. Nur wegen dir.“

Okay, Töchterchen, wir könnten jetzt natürlich darüber reden, wie lange ich neben deinem Bett gestanden habe, um dich zum Aufstehen zu motivieren, wie oft ich dich ermahnt habe, dich zu beeilen und wie viel Zeit du damit vertan hast, deinen Bruder zusammenzustauchen. Aber ich muss mich jetzt leider um den FeuerwehrRitterRömerPiraten kümmern, dem heute auch nicht nach Schule ist. Das könnte in dem Krach, den Luise veranstaltet, leicht untergehen, denn der Widerstand unseres Dritten kommt auf sehr leisen Sohlen daher. Fünfzehn Minuten Schmollen hinter der Kakaotasse, eine schier endlose Dusche, anziehen im Zeitlupentempo, halbherzige Suche nach dem Schulsack und schliesslich, als mir der Kragen platzt, lautes Geheul, so als hätte ich ihm gesagt, er sei ein Nichtsnutz aus dem nie etwas werde. Dabei habe ich ihn nur darauf hingewiesen, dass er sich jetzt wirklich beeilen muss. 

Mit dem Abrauschen von Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ist der einfachere Teil der Montagmorgen-Routine abgeschlossen und die wahre Herausforderung beginnt: Das Prinzchen mit Bitten, Betteln und Zürnen dazu bringen, die Augen zu öffnen. Wenn die Augen endlich offen sind, dafür sorgen, dass er die dreissig Schritte von seinem Schlafzimmer in die Küche unter die Füsse nimmt. Am Küchentisch dann das Motivationsgeschwätz: „Trink deinen Kakao. Nimm doch noch etwas Granola dazu. Nein, der Kakao ist nicht zu heiss, der ist gerade richtig.“ Das ganze Anziehdrama erspare ich meiner Leserschaft und sage dazu nur: Hätte ich am frühen Morgen die Aussicht auf vier Stunden singen, spielen, Geschichten hören, basteln, etc. und das im schönsten Kindergarten der Welt, ich würde im Morgengrauen vor der verschlossenen Türe warten, bis sie mich ins Paradies einlassen. Nun, das Prinzchen ist ganz offensichtlich noch zu jung, um so etwas zu schätzen und kommt deshalb erst im Kindergarten an, als die Kindergärtnerin die Türe bereits wieder geschlossen hat, um den Spätankömmlingen zu zeigen, dass sie eigentlich schon längst hätten da sein müssen. 

Der Zoowärter, der sich zeitgleich mit dem Prinzchen bereit macht, muss zwar nicht motiviert werden, dafür wollen seine Kleider auf allen Etagen unserer dreistöckigen Wohnung – und in der Waschküche – zusammengesucht werden. Da der Zoowärter dazu neigt, aus allen Kleidungsstücken das Schmutzigste auszuwählen und anzuziehen, muss für jedes Stück, das er anzieht, ein sauberer Ersatz her und den muss ich besorgen, sonst zieht er sich einfach den nächsten befleckten Pulli über. Treppen steigen ist also angesagt, sehr viel Treppen steigen. Und zwischendurch dafür sorgen, dass der Zoowärter nicht einschläft beim Anziehen. 

Auf diese Weise bringen es vier meiner fünf Kinder fertig, zu spät zur Schule zu kommen und mir den letzten Nerv zu rauben. Einzig Karlsson ist schon längst weg, pünktlich wie fast immer, denn ihm käme es nie in den Sinn, den frühen Morgen mit Trödeln und Gejammer zu vergeuden. Zum Glück auch, ich fühle so schon, als wäre ich neunzig Minuten lang durch knietiefe Melasse gewatet.

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Markttag

Gipfeli gebacken
Stand betreut
Taschengeld ausgeteilt
Krimskrams gehütet, den unsere Kinder von anderen Kindern gekauft haben
Pasta, Zwieback, Gipfeli, Granola, Fotokarten, Pains au Chocolat, Setzlinge, Schälchen, Bilder, etc. verkauft
Mit Karlsson gequatscht
Einen ungeniessbaren Kaffee verschmäht und auf andere Art Koffein nachgeschüttet
Ein wenig Netzwerk geknüpft
Menschen kennen gelernt
Freunde getroffen
Geld gewechselt und gezählt
Mir die Beine in den Bauch gestanden
Stand abgebaut
Auf „Meinen“ gewartet
Das Gröbste weggeräumt
Schlapp gemacht und darum „The Infidel“ geschaut
Feierabend

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Beschäftigt

Heute keine Zeit zum Bloggen, denn morgen ist Markttag. Gipfeli, Pain au Chocolat, Granola, Bilder von „Meinem“, Pasta, Setzlinge, Fotokarten, etc. Kommt doch vorbei, wenn ihr zufällig im Raum Schönenwerd seid.

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Mama-Trotzphase

Die Szene wiederholt sich fast jeden Mittag: Ich stehe am Herd, die Horde kommt ausgehungert die Treppe hochgerannt und macht sich hinter den Vorratsschrank. Gelegentlich gelingt es mir, vor dem ersten Bissen lauthals „Stop!“ zu brüllen – was meine Kinder erstaunlicherweise unbeeindruckt lässt – , meistens aber bleibt mir nur noch ein frustriertes „Warum hast du dir das genommen? Du weisst doch, dass du das nicht darfst und du siehst auch, dass ich am Kochen bin.“ Die Sache treibt mich in den Wahnsinn.

Okay, ich weiss, es gäbe da ein ganz simples Mittel, um dem ärgerlichen Treiben ein Ende zu setzen. Kurz vor dem Eintreffen der Ausgehungerten ein paar Rüebli, Kohlrabi, Gurken  – oder was auch immer Saison hat – in Stängeli schneiden, auf den Küchentisch stellen und schon könnten sie knabbern, ohne sich den Appetit zu verderben. Und ohne mich auf die Palme zu treiben. Das ist es doch, was jede verständnisvolle, vernünftige Mama tun würde, nicht wahr?

Wenn ich doch bloss Lust hätte, verständnisvoll und vernünftig zu sein. Blöderweise befinde ich mich aber gerade in einer Art Mama-Trotzphase, die mich dazu treibt, meinen Kopf durchsetzten zu wollen. Und mein Kopf sagt mir derzeit, ich solle die verwöhnten Blagen dazu bringen, brav zu warten, bis Mama fertig gekocht hat. Klar, da ist die Stimme der Vernunft, die mir in Erinnerung ruft, wie ausgehungert ich jeweils war, als ich noch im Wachstum war. Sie sagt mir auch, es wäre doch ganz schlau, die Kinder über das frische Gemüse herfallen zu lassen, dann würde sich nämlich am Tisch die Salat-Diskussion erübrigen. Natürlich hat sie recht, die Stimme der Vernunft, aber ich will jetzt einfach nicht nachgeben. Noch nicht sofort, auf jeden Fall. Warum nicht? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich immer und immer wieder entgegenkomme und jetzt einfach mal eine Weile lang auf meinem Standpunkt verharren möchte, wohl wissend, dass es nicht wirklich sinnvoll ist.

So ist das eben, wenn man trotzt und warum sollte ich nicht auch mal trotzen dürfen? Nach all den Trotzphasen, die ich mit immer wieder neu erwachender Geduld über mich habe ergehen lassen, sollen die sich mal an meiner Sturheit die Zähne ausbeissen.

Aber nicht zu lange, sonst können sie keine Rüebli mehr knabbern, wenn ich dann endlich zur Vernunft zurückfinde. 

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So habe ich das nicht gemeint

Genau das, was ich nie hätte tun wollen, habe ich getan: Ich habe Kleinkind-Eltern entmutigt. Ich habe geschrieben, was sie jetzt durchmachten sei nichts im Vergleich zu dem, was später noch kommt. Gut, genau so habe ich das gar nicht gemeint, aber man kann meinen gestrigen Text sehr wohl so verstehen, wenn man mich nicht näher kennt.

Wie habe ich es doch gehasst, wenn man mir damals, als ich völlig übernächtigt und am Rande meiner Kräfte war, zu verstehen gab, dass das noch gar nichts sei. „Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, sagten gewisse Mütter mit vielsagendem Blick und ich konnte mich nur mit Mühe davon zurückhalten, ihnen an die Gurgel zu springen. Manchmal frage ich mich, weshalb ich es nicht getan habe, in meinem übernächtigten Zustand hätte ich vor Gericht bestimmt auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren können…

Nun, ich mag den Spruch heute noch nicht ausstehen, denn mir wird je länger je mehr bewusst, dass jeder Wegabschnitt, den wir mit unseren Kindern gehen, seine eigenen Herausforderungen, aber auch seine eigenen Freuden mit sich bringt. Darum möchte ich allen, die sich durch meinen gestrigen Text entmutigt gefühlt haben, sagen: Es wird weder besser noch schlimmer, es wird einfach anders und wenn ihr bis jetzt einen Weg gefunden habt, euer Elternleben zu meistern, dann werdet ihr ihn auch in der nächsten Phase wieder finden. Und in der übernächsten auch…

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Paarzeiten

Babies und Kleinkinder schaden dem Beziehungsleben, darüber sind sich so ziemlich alle einig, die keine Babies oder Kleinkinder haben. Mit wenig Schlaf, einem veränderten weiblichen Körper, einem rund um die Uhr zu versorgenden kleinen Menschlein und wenig Raum für Zweisamkeit muss eine Beziehung doch einfach zu kurz kommen, denkt man. Gut, vollkommen falsch ist das nicht. Es ist tatsächlich eine ziemlich grosse Umstellung vom Paar zur Familie, doch wenn die Kleinen erst mal einen gewissen Rhythmus gefunden haben, ist es gar nicht mehr so schwierig, auch wieder Paarzeiten einzuschalten. Zumindest, wenn man sich damit abfinden kann, dass die Knöpfe die sorgfältigste Planung zu jeder Zeit mit einem kleinen Virus oder einem überraschenden Armbruch zu Fall bringen können. 

Das alles ist nichts, im Vergleich zu dem, was kommt, wenn die Kleinen erst mal grösser sind. Abends um acht verschwinden sie nicht brav auf ihren Zimmern, nein, dann kommen sie erst aus ihren Löchern hervorgekrochen und wollen reden. Oder Hilfe bei den Hausaufgaben. Oder mit Mama einen Chick-Flick schauen. Oder streiten. Die Sache mit der Geheimsprache kannst du dir auch abschminken, wenn sie mal aufgeklärt genug sind, um zumindest erahnen zu können, was sich Mama und Papa zwischen Suppenschüssel und ausgeleerten Saftgläsern mitzuteilen versuchen. Zweisamkeit wird zum Fremdwort, weil immer einer von beiden jemanden irgendwohin chauffieren oder von dort wieder abholen muss. Vielleicht schaffst du es gerade noch, „Deinem“ im Vorbeigehen zwischen Tür und Angel zu sagen, dass du ihn vermisst und gerne mal wieder etwas Zeit mit ihm verbringen möchtest. Wenn du Glück hast, erinnert er sich daran, wer du bist und fragt sich nicht, wer diese mittelalterliche Tussi ist, die ihn da einfach so anbaggert. 

Sollte es dir dennoch einmal gelingen, ihn zu einem gemeinsamen Tässchen Tee zu verführen, kommt ganz bestimmt ein Teenager daher und will ebenfalls ein Tässchen haben. Und du kannst es ihm nicht mal verwehren, denn die Ausrede „Du kannst nicht schlafen, wenn du nachmittags um vier Schwarztee trinkst“, quittiert er mit einem Schulterzucken und „Muss ohnehin lange wach bleiben, weil ich noch für diesen Test üben muss. Hilfst du mir?“ Falls dann doch irgendwann vor Mitternacht Ruhe einkehrt, versuchst du verzweifelt, „Deinen“ aus dem Sofa-Tiefschlaf zu rütteln, damit ihr die Nacht immerhin –  mit Katze und  einem von der Angst geplagten Kind –  im gleichen Bett verbringt. 

Wie, ihr glaubt, ich würde übertreiben? Aber klar tue ich das. Wenn nicht gerade Schulferien sind haben „Meiner“ und ich ja jeden Freitagmittag fünfzig Minuten nur für uns. Zeit genug, um einander bei einem Sandwich zu versichern, dass wir alles in unserer Macht stehende unternehmen werden, um unsere Zweisamkeit durch die Teenagerjahre unserer Kinder hindurch zu retten. 

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