Ach, Höflichkeit, wo bist du bloss geblieben?

Keineswegs möchte ich behaupten, früher sei alles besser gewesen und eigentlich finde ich es ganz angenehm, dass man heutzutage im Alltag fast ganz ohne gekünstelte Höflichkeit auskommt. In gewissen Momenten wünschte ich mir trotzdem, man müsste sich im Gespräch mit flüchtigen Bekanntschaften an gewisse Anstandsregeln halten. Zum Beispiel neulich, als ich beim Einkauf eine Bekannte meiner Schwester traf…

Sie: „Hast du abgenommen?“ (Alleine schon diese Frage gehört meiner Meinung nach verboten. Was, wenn ich nicht mit Absicht abgenommen hätte, sondern weil ich an einer schlimmen Krankheit litte?)

Ich: „Na ja, ein bisschen wohl schon, aber ist gar nicht so einfach…“ (Warum lasse ich mich von solchen Fragen immer in die Ecke drängen?)

Sie: „Warst du schon immer eher etwas…“ (Glaub bloss nicht, ich würde dich ausreden lassen. Ich lasse mir kein Adjektiv anheften, das in den kommenden Wochen und Monaten über meinem Spiegelbild aufblinkt.)

Ich: „Spindeldürr war ich nie, aber ich habe eigentlich immer problemlos abgenommen, wenn es nötig war. Erst nach der letzten Geburt…“ (Himmel, Frau Venditti, fühlst du dich noch immer verpflichtet, solche Fragen zu beantworten?)

Sie: „Aber deine Schwestern sind alle schlank…“ (Mal wieder die uralte Schallplatte. Bekam ich schon als Teenager immer zu hören, damals einfach mit dem Adjektiv „hübscher“.)

Ich: „Tja, so ist das halt… ( Was hätte ich denn sonst sagen sollen?)

Sie: „Aber dein Mann liebt dich ja sicher auch so, wie du bist.“ (Jetzt bin ich aber echt baff. So offen hat mir noch keine gesagt, dass auch ich bestimmt ein paar liebenswerte Seiten habe, obschon ich offenbar hässlich bin wie die Nacht.)

Ich: „…“ (Tut mir Leid, aber dazu fällt mir jetzt wirklich nichts mehr ein. Eigentlich habe ich mich längst damit abgefunden, nicht dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, aber das ist jetzt doch ein bisschen viel.)

Versteht ihr, weshalb ich mich nach dieser Begegnung einen Moment lang in ein Zeitalter gewünscht habe, in dem die allgemeine Höflichkeit ein solches Gespräch verboten hätte?

IMG_1704.JPG

Das Dümmste, was mir heute begegnet ist

Werbeaufschrift auf einem Güterwaggon: „Schweizer Zucker. Weil aus der Schweiz“. – Der Spruch klingt ja schon in der (schweizerdeutschen) Fernsehwerbung saublöd, aber auf Schriftdeutsch und dann noch so gross gedruckt, dass man von weither lesen kann, wie beschränkt der Werbetexter war….

Schild bei einer Tankstelle: „Oil – tank & go“ – Wenn schon unbedingt Englisch, dann bitte (bitte, bitte, biiiiiiittttteeee!) korrekt – also mit einem angehängten „up“- , damit man nicht Panzer erwartet, wo Gott sei Dank keine sind. Okay, es könnten auch Aquarien sein, aber was haben die an einer Tankstelle zu suchen?

Das (Un)Wort „Laufbahnregelung“ im Einladungsbrief für den Elternabend der vierten Klasse. Ja genau, der Elternabend der Viertklässler, die jetzt gerade mal etwa zehn oder elf Jahre alt sind. 

Dieser wunderbare Abschnitt in dem Brief, den uns die Kirchen im Dorf haben zukommen lassen, weil zwei unserer Kinder den Religionsunterricht besuchen, obschon wir als konfessionslos angemeldet sind: „Nach Ablauf dieses Schuljahres werden Sie sich gemeinsam entscheiden müssen. Für den Fall, dass Ihre Kinder den ökumenischen Religionsunterricht nicht mehr besuchen möchte (sic!), wünschen wir weiterhin alles Gute. Sollten sie jedoch den ökumenischen Religionsunterricht weiterhin besuchen wollen, dann wird eine Kindermitgliedschaft in der jeweiligen Kirche notwendig sein…“ Und was, bitte sehr, wünschen die uns, falls unsere Kinder sich Ende Schuljahr dazu entscheiden, reformiert oder katholisch zu werden? Pest und Cholera, weil wir uns weigern, gemeinsam mit unseren Kindern in die Landeskirche einzutreten? 

Der Zeitungsartikel über den Bildungsdirektor unseres Kantons. Der gute Herr möchte durch Änderungen der „Selektions- und Leistungskriterien“ alles dran setzen, möglichst viele Schüler vom Gymnasium fern zu halten. Könnte ja am Ende noch einer auf die Idee kommen, Intelligenz, gute Noten und eine anständige Arbeitshaltung würden ausreichen, um in die heiligen Hallen der höheren Bildung eingelassen zu werden. 

98% des Sortiments und 73,5 % der Kundschaft in diesem schrecklichen Ami-Spielwarengeschäft, in dem ich heute war. Was ich dort zu suchen hatte? Na ja, sagen wir es so: Das Prinzchen hat am Donnerstag Geburtstag und ich war zufällig gerade in der Gegend, da hat es sich halt so ergeben. Immerhin weiss ich jetzt wieder, warum ich gewöhnlich unter gar keinen Umständen dort einkaufe. 

image18

 

 

Was willst du mal werden?

Bewerbungen schreibt er praktisch ohne elterliche Hilfe. Er hat in der Schule gelernt, wie das geht.

Neulich war er schnuppern. Einen Tag nur, aber der Betrieb verlangte dennoch eine schriftliche Bewerbung. Danach gab’s eine Power Ponit-Präsentation in der Schule. Die Kids können das besser als mancher Erwachsene, der seinen Text mühsam von ein paar langweilig gestalteten Folien abliest und mit der Fernbedienung kämpft.

Heute bewarb er sich für ein „Berufswahlpraktikum“. Vier Tage im Juli nächsten Jahres. Den Lebenslauf schüttelte er einfach so aus dem Ärmel. Auch in der Schule gelernt und zwar perfekt. 

Im November wird er vierzehn, wie man sich beim Vorstellungsgespräch korrekt verhält, weiss er aber bereits jetzt. Was man besser nicht anzieht auch. Obschon er nach der obligatorischen Schulzeit gerne noch ein paar Schuljahre anhängen möchte und darum nicht so bald ein Vorstellungsgespräch haben wird. Und obschon er noch gar nicht so genau weiss, welchen Beruf er mal ausüben möchte. (Eine Lehrstelle wird er sich aber auf alle Fälle suchen, als Plan B.)

Kein Zweifel, die Teenager von heute werden gut auf das Berufsleben vorbereitet. Sehr viel besser als wir damals. Nahezu perfekt. Was ich grundsätzlich gut finde. Ist ja auch eine äusserst wichtige Angelegenheit, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. 

Nur manchmal fragt eine leise Stimme in mir, wann denn eigentlich die Teenagerjahre stattfinden sollen. Kurz vor der Pensionierung?

(Okay, ich geb’s zu. Die Glucke in mir findet, so habe er wenigstens keine Zeit, auf dumme Gedanken zu kommen.)

image3

Die gibt – und gab – es leider überall

So langsam mag ich den Satz nicht mehr hören: „Als junge Frau bist du heute ja nirgendwo mehr sicher in unserem Land.“ Seit der leidigen Geschichte mit dem Eritreer wird er geradezu inflationär verwendet und allmählich habe ich ihn satt. Was heisst da „heute“? War es früher etwa besser? Ich meine nicht. Zumindest in den vierzig Jahren, in denen ich schon auf diesem Planeten lebe, habe ich mehr als genug Belästigungen und schlimmere Dinge erlebt und dies in einem Land, in dem Frauen weitaus sicherer leben als andernorts. Unbehelligt blieb wohl schon „zu meiner Zeit“ kaum eine, nur die Schwere der Übergriffe variierte. Herausgreifen möchte ich nur ein einziges Beispiel, alles andere ist mir zu persönlich und gehört nicht hierher. 

Ich war wohl noch keine zwanzig, als ich an einem sonnigen Nachmittag zwischen vier und fünf mit dem Velo vom Gymnasium nach Hause fuhr. Es gab mir, der Bewegungsfaulen, ein gutes Gefühl, zweimal täglich diese zehn Kilometer abzustrampeln und dabei ein paar unglaublich wichtige Selbstgespräche zu führen. Auf einem Veloweg, etwa 500 Meter vor dem nächsten Dorf, schnitt mir ein Mofa-Fahrer, der schon eine Weile hinter mir gefahren war, den Weg ab und fing ohne Vorwarnung an, mich zu begrapschen. Ich schrie den Kerl an, wie ich noch kaum je einen Menschen angeschrien habe und erstaunlicherweise machte er sich aus dem Staub. Einen Moment lanf fühlte ich mich unglaublich stark und überlegen, dann erst kam das grosse Zittern. Was, wenn er durch meinen Wutausbruch erst recht angestachelt worden wäre? Was, wenn er einen Umweg genommen hat und mir weiter vorne wieder auflauert? Was, wenn er morgen wieder kommt? 

Nie wieder fuhr ich mit dem Velo zur Schule; die Strecke, die ich so liebte, war mir nicht mehr sicher genug und eine andere gab es nicht. Ein wildfremder Mensch – so zumindest vermute ich, er trug einen Helm – hatte mir ein kleines, aber für mich sehr wichtiges Stück Freiheit geraubt. Einfach so, weil ich eine Frau bin. Weil dies bei Weitem nicht das einzige Erlebnis dieser Art war, nahm ich es als eine weitere unangenehme Erfahrung auf dem ganz normalen Lebensweg einer Frau zur Kenntnis, nachdem der erste Schreck vorbei war.

Und weil ich bei Weitem nicht die einzige Frau meiner Generation bin, die solche Erfahrungen gemacht hat, stört mich das „heute“ in dem oben zitierten Satz so gewaltig. Dieses „heute“ suggeriert, früher sei es besser gewesen, die bösen Ausländer hätten Schuld, dass eine Frau sich nicht überall angstfrei bewegen kann. Aber es sind nicht die bösen Ausländer, es waren und sind Männer, die nicht den geringsten Respekt vor Frauen haben und darum glauben, mit ihnen tun zu dürfen, was immer ihnen beliebt. Solche Männer gibt – und gab – es leider überall und zu jeder Zeit. (Was übrigens nicht bedeutet, dass man damit aufhören sollte, Gewalt gegen Frauen aufs Schärfste zu verurteilen und rigoros zu bekämpfen. Im Gegenteil, man sollte endlich einmal damit anfangen, es in aller Deutlichkeit zu tun.)

image

Frau Rickli mal wieder…

Nationalrätin Natalie Rickli hat eine neue Heldin: Die Aarauerin, die von einem Eritreer verprügelt worden ist und ihr übel zugerichtetes Gesicht im „Blick“ zeigt. Mutig sei das Opfer, schreibt die aufrechte Frau Rickli auf ihrer Facebook-Seite, denn das Bild mache sichtbar, was in der Asylpolitik schief läuft. 

Jeder, egal ob links oder rechts, wird mit mir einig gehen: Ja, das Opfer ist zu bedauern und es ist schrecklich, dass ihr dies passiert ist. Ja, es ist eine absolute Sauerei, dass eine Frau so zugerichtet wird. Ja, es kann nicht sein, dass eine Frau, die nachts unterwegs ist, sich vor Attacken fürchten muss. Ja, der Täter gehört bestraft. Und ja, Gewalt ist in jedem Fall zu verurteilen, egal, von wem und gegen wen sie ausgeübt wird. 

Wenn aber Frau Rickli behauptet, es brauche Mut, dazu zu stehen, dass man von einem Asylbewerber zusammengeschlagen worden ist, dann ist dies schlicht und ergreifend nicht wahr. So schwierig es für das Gewaltopfer auch sein mag, über das Erlebte zu reden, offen zu sagen, dass der Täter ein Asylbewerber war, kostet ganz bestimmt keinen Mut. Warum nicht? Darum:

  • Rechts der Mitte wartet man nur darauf, wieder mal einen „Beweis“ zu haben dafür, dass alle Asylsuchenden gefälligst aus der Schweiz verschwinden sollen. Endlich wieder mal ein Beispiel, mit dem sich Stimmung machen lässt in politischen Diskussionen. 
  • Links der Mitte wird niemand so verblendet sein, diese Geschichte schönzureden. Okay, einige von uns werden darauf hinweisen, dass unsere Freunde aus Eritrea diese Tat ebenso verurteilen wie wir, aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen. 
  • Dieses Opfer wird sich nicht anhören müssen, was andere Gewaltopfer oft zu hören bekommen: „Die hat die Geschichte sicher nur erfunden. Seit 25 Jahren sitze ich nun schon mit A. am Stammtisch, der würde nie so etwas tun, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“ Wie vielen Gewaltopfern glaubt man ihre Geschichte nicht, weil der Täter bestens in die Gesellschaft integriert und eine angesehene Person ist?
  • Die Konservativen, die einer Frau in einem solchen Fall gerne mal unterstellen, sie hätte den Angriff wohl durch ihr Verhalten provoziert, werden für einmal schön still bleiben. (Ich wünschte, sie wären in allen anderen Fällen von Gewalt gegen Frauen auch schön still, aber ich wünsche wohl vergeblich.)

Dass die aufrechte Frau Rickli das Schicksal des Opfers dazu verwendet, um die politische Stimmung aufzuheizen, finde ich ähnlich verwerflich wie die Tatsache, dass eine Frau in Aarau auf offener Strasse verprügelt wird. 

image2

 

Zuckersüss, rosarot und geblümt

Das Prinzchen will backen. So richtig tolle Sachen, wie sie momentan gerade im Trend sind. Darum wünscht er sich zum Geburtstag ganz viel Backzubehör. Nein, nicht das Baustellen- und Piratenschiff-Zeugs, das kleine Jungs angeblich so toll finden, sondern das Zuckersüsse, Rosarote, Geblümte. Mich freut das natürlich, zeigt es mir doch, dass das Prinzchen verstanden hat, dass seine Männlichkeit – die ihm sehr wichtig ist – durch seinen Hang zum Kitsch nicht in Frage gestellt wird. Mich freut es auch, weil ich endlich mal wieder so richtig viel Kitsch einkaufen darf. 

Weniger erfreut bin ich, wenn ich mir die Kinder-Backbücher ansehe. Die Botschaft der Verlage ist klar: Jungs mögen wohl backen, aber ganz bestimmt nicht zuckersüss, rosarot und geblümt. Vielleicht backen sie Brot über dem Lagerfeuer oder Pizza im Steinofen, aber sicher keine Cupcakes und Cake Pops. Solche Sachen gehören ins Revier von Hello Kitty und den Disney Prinzessinnen und in dieses Revier wird sich das Prinzchen nicht verirren, so sehr er auch für kitschige Törtchen zu begeistern ist. 

Keine Frage, ich werde so lange suchen, bis ich ein Prinzchen-verträgliches Backbuch finde. Der Gedanke, dass zuckersüss, rosarot und geblümt auch im Jahr 2014 nach Christus den Frauen vorbehalten sein soll, will trotzdem nicht so recht in meinen Kopf. 

10592885_720812867955545_9000875458845683994_n

Familienmesse

Eine Wiege, die auf Knopfdruck das Baby wiegt. 

Papas, die am Glücksrad kleine Kinder zur Seite schubsen, um möglichst bald selber dranzukommen. Was man nicht alles tut, um einen Schlüsselanhänger aus Plastik zu bekommen…

Klopapier in allen Farben des Regenbogens. Nein, nicht nur so leicht pastell, sondern richtig grell und bunt.

Kinderautos, die bis ins Detail den echten Autos nachempfunden sind und die so gebaut sind, dass der kleine Mensch sich auch garantiert kein bisschen bewegen muss, um mit dem Ding vorwärts zu kommen. 

Kleine Mädchen, die schon sehr genau wissen, wie lasziv sie sich beim Fotoshooting räkeln müssen, um beim Casting aus der Masse herauszuragen. 

Shows, die so ohrenbetäubend laut sind, dass sogar kleine Jungs die Halle fluchtartig verlassen, in der sie eigentlich nach Herzenslust Games testen dürften. 

Mamas, die den unvergesslichen Moment, in dem das Kind den 150. Luftballon in die Hand gedrückt bekommt, mit dem Smartphone festhalten. Ein paar Schritte weiter dann ein Bild am Basteltisch. Und dann natürlich ein Foto mit dem Messe-Maskottchen. 

Versicherungsvertreter, die nur die Leute mit Goodies beglücken, die auch ganz bestimmt zu ihrer Zielgruppe gehören. (Unsere Ausbeute war ziemlich mager…)

Plastik. Plastik. Plastik. Plastik. Plastik. Papier. Plastik. Papier. Plastik. Plastik. Plastik.

Ganz anständige Brezeln zum ganz und gar unanständigen Preis von vier Franken fünfzig pro Stück.

Babykram, die kein Baby je brauchen wird. Zu dumm, dass man das nur weiss, wenn man schon mal ein Baby grossgezogen hat. 

Unzählige Versuche, kindliche Bedürfnisse zu wecken, um den Eltern Geld aus der Tasche zu ziehen. 

Oh ja, natürlich, da gab es auch ein paar ganz tolle Spiele, die man in aller Ruhe testen konnte. Kinderfahrzeuge, die wirklich cool sind. Liebevoll gestaltete Puppenhäuser. Musikinstrumente, die man ausprobieren durfte. Doch wie soll man in dem ganzen Trubel noch die Geduld aufbringen, sich die Dinge anzusehen, die eigentlich ungeteilte Aufmerksamkeit verdient hätten?

Warum wir überhaupt hingefahren sind? Weil ich vier Gratis-Tickets hatte. Und weil man sich hin und wieder in Welten begeben sollte, die einem fremd sind, damit man nicht zu einseitig wird.

img_1057

Was soll dieser Blödsinn?

Ganz grundsätzlich finde ich Kulturimport eine spannende Sache. Wenn jeder, der hierher kommt, ein Stück seiner Kultur mitbringt und sie mit uns zusammen auslebt, ergibt das meiner Meinung nach eine Mischung, die weitaus schmackhafter ist, als wenn jede Volksgruppe für sich alleine ihr traditionelles Süppchen kocht. Dem Versprühen von Lebensfreude sollte man keine Grenzen setzen, finde ich. Na ja, fast keine Grenzen, müsste ich vielleicht der Ehrlichkeit halber sagen. Bei Weisswürsten, Dirndl, Bierhumpen und Wiesn-Lobhudeleien hört bei mir die Toleranz nämlich auf und zwar schlagartig. 

Versteht mich bitte nicht falsch, meine lieben Mitmenschen aus München. Es käme mir nicht im Traum in den Sinn, euer Oktoberfest zu kritisieren. Ist zwar nicht mein Stil, aber es zwingt mich ja keiner, zu euch zu kommen und mitzufeiern. Die billigen Oktoberfest-Kopien, die man hierzulande seit einigen Jahren veranstaltet, finde ich zwar peinlich, solange die Leute aber nicht vor meiner Haustüre saufen und schunkeln, kann mir auch das egal sein.

Wenn jetzt aber die Läden in der Schweiz plötzlich vollgestopft sind mit Wiesn-Kitsch aller Art, packt mich das nackte Grauen. Jede zweite Schaufensterpuppe steckt in einem grellen Dirndl, so weit das Auge reicht ist alles blau-weiss und jeder Weber glaubt, er sei witzig, wenn er irgend etwas mit „O’zapft is!“ zusammenschreibt.

Was soll dieser Blödsinn? München ist doch weiss Gott nahe genug, damit jeder, der sich unbedingt ein paar überteuerte Mass Bier in die Kehle schütten will, hinfahren kann. Zudem bin ich mir ziemlich sicher, dass nicht ein einziger heimwehkranker Zuwanderer aus Deutschland je in einem Schweizer Geschäft nach Wiesn-Kram gefragt hat. Das Argument „Der Kunde will das halt…“, das bei „Vegeta“-Würzmischung und türkischem Strudelteig  – und von mir aus auch bei Weisswürsten – durchaus angebracht ist, zieht also in diesem Fall nicht. 

Einen einzigen, klitzekleinen Vorteil sehe ich dennoch in der ganzen Sache: Solange die Regale vollgestopft sind mit Oktoberfest-Kitsch, hat’s dort keinen Platz für Halloween-Kitsch. 

image15

 

Schulsystemschmerz

Immer und immer wieder trabst du zum Elterngespräch an, lässt dir aufzählen, was dein Kind alles nicht so hinkriegt, wie es hingekriegt werden müsste. Tag für Tag bemühst du dich mit aller Kraft darum, dein Kind auf die Schiene zu schieben, auf die es irgendwann kommen muss, wenn es im Berufsleben bestehen will. Weil alles nichts bringt, ringst du dich irgendwann zu einem Besuch bei der Schulpsychologin durch. Zahlreiche Termine, die das Familienleben auf den Kopf stellen. Fragen, die dir das Gefühl geben, als wolle man zuerst mal herausfinden, ob du als Mutter überhaupt etwas taugst. Tests, die das Kind nicht so richtig versteht. Nach Monaten dann das Schlussresultat: Nichts Auffälliges. 

Das tägliche Schuldrama geht dennoch weiter, wird sogar immer schlimmer. Wieder zahlreiche Gespräche mit der Lehrerin, bei denen man sich gegenseitig versichert, wie wichtig man es findet, dass dem Kind geholfen wird. Irgendwann bist du mürbe genug, um beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst anzuklopfen. Zuerst ein endloser Fragebogen, bei dem du dich als Mutter fast bis auf die Knochen entblössen musst, gerade so, als läge es einzig und alleine an dir, dass bei deinem Kind nicht alles so läuft, wie das System es nun mal vorgibt. Auch über das Kind beantwortest du intimste Fragen und hoffst, dass du das Kreuz nicht am falschen Ort setzt und damit ein nicht widerrufbares Urteil über dein Kind fällst. Derweilen spielt die Psychologin mit deinem Kind, fragt, analysiert, stellt Testaufgaben. Dann kommen die vertieften Tests, natürlich immer schön über viele Monate hingezogen, so dass du sehr oft den Familienalltag um irgend einen quer im Kalender liegenden Termin herum büscheln darfst.

Es dauert lange, bis ein Zwischenresultat da ist, noch länger, bis am Ende klar ist: Ja, da gibt es ein paar Steine im Weg, die dem Kind verunmöglichen, genau so in der Spur zu laufen, wie das System es sich wünscht. Es sind keine Felsbrocken, die ihm den Weg ganz versperren, aber auch keine Kieselsteine, die sich mit dem richtigen Schuhwerk in den Griff bekommen lassen. Die Psychologin macht Hoffnung, mit spezieller Förderung liesse sich einiges machen. Auch das Verhalten deines Kindes lässt dich hoffen. So viele Dinge, mit denen du dich seit Jahren herumgeschlagen hast, sind wie weggeblasen, immer öfter hast du Anlass, es aus tiefstem Herzen für eine gelungene Sache zu loben.

Dann die Ernüchterung: In der Schule läuft es offenbar gleich wie bisher, die Lehrerin ist mit der Geduld am Ende. Du glaubst, das Resultat der Tests und Analysen würden dein Kind entlasten, doch das tun sie nicht. Wäre dein Kind schwächer, wäre das System bereit, ihm zu helfen. Aber so, wie es ist? Nicht schwach genug. Zu stark, um eine Berechtigung zu haben, sich beim Wegräumen der Steine helfen zu lassen, zu stark, um auf etwas Gnade hoffen zu dürfen. „Aber eben trotzdem zu schwach“, wendest du ein, doch das bewirkt nichts. Bereits im Frühjahr wurde festgelegt, wer Anspruch auf Hilfe hat, wer erst jetzt fertig analysiert ist, kommt zu spät. Und überhaupt: Der Grenzwert für jene, die Anrecht auf Hilfe haben, ist klar festgelegt und dein Kind liegt knapp darüber. 

Wie es weitergeht? Du weisst es nicht. Aber du ahnst, dass die Last, dem Kind durch dieses System hindurch zu helfen, einzig und alleine auf den Schultern der Eltern zu liegen kommt.

img_8125-small

 

Ist ja ganz nett, aber…

Das Home Office wird allmählich populär. Endlich. Man scheint zu begreifen, dass man gewisse Arbeiten auch zu Hause am Computer erledigen kann, anstatt erst lange im Stau zu stehen und sich danach im Grossraumbüro durch das Geschwätz der Mitarbeitenden ablenken zu lassen. Einige Chefs haben sogar endlich verstanden, dass Mitarbeitende Kinder haben und gerne Wege finden, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. 

Weil Home Office populär ist, gibt’s jetzt auch Werbung zum Thema. Da sieht man dann den Papa mit Augenklappe und Piratenkopftuch, wie er glücklich und zufrieden an seinem Laptop bei der Arbeit sitzt. Eben noch hat er mit seinen Jungs herumgealbert und jetzt wendet er sich für eine Weile seiner anderen Arbeit zu. Ein hübsches Bild, ich geb’s zu, aber leider eines, das nicht ganz der Realität entspricht.

Das Werbebild des fröhlich arbeitenden Piraten-Papa vermittelt den Eindruck, Home Office müsse man nicht so ganz ernst nehmen, das sei mehr Spass als Arbeit. Es sieht nach purem Vergnügen aus, nicht nach Arbeit, die ebenso seriös erledigt sein will, wie wenn wir mit unseren Kollegen im Büro sässen. Es sieht aus, als könnten wir ganz locker unseren Kindern volle Aufmerksamkeit schenken und zugleich beste Arbeit liefern. Dabei müssen auch wir, die wir zu Hause arbeiten, eine klare Trennung zwischen Familie und Arbeit hinkriegen, denn sonst kümmern wir uns am Ende dann um die Kinder, wenn wir eigentlich arbeiten müssten und dann um die Arbeit, wenn eigentlich die Kinder dran wären. 

„Ist ja bloss eine Werbung. Muss man nicht so ernst nehmen“, mag der eine oder andere einwenden, aber ganz so einfach ist es leider nicht. Wird Home Office nicht ebenso ernst genommen wie Arbeit ausser Hause, dann geschieht das, was ich immer und immer wieder erlebe: Die Lehrerin schickt das Kind wegen einer Bagatelle nach Hause, da „die Mama ja ohnehin da ist“. Bekannte platzen jederzeit zum Kaffee rein, weil man im Home Office ja auch später noch arbeiten kann.   Sogar die eigene Familie erwartet zuweilen stillschweigend, dass man den eigenen Arbeitsplan den Plänen der verschiedenen Familienmitglieder unterordnet, weil man ja flexibel ist. 

Klar, einer der grossen Vorteile von Home Office ist tatsächlich, dass wir umdisponieren können, wenn es mal wirklich brennt. An den anderen Tagen aber möchten auch wir ganz gerne möglichst geregelt unserer Arbeit nachgehen. Damit wir dann, wenn wir fertig sind, die Augenklappe montieren können, um das Schiff zu entern.

Na ja, ich würde mir wohl eher ein Lieder- oder Bilderbuch schnappen oder mit den Kindern in den Garten gehen. Wenn ich denn nicht andauernd in den Bildschirm starren müsste, weil die Arbeit wegen andauernder Unterbrechungen liegen geblieben ist.

img_2056