Herr H. und der Zucker

Herr H. leidet an Diabetes. Seit 20 Jahren schon, sagt er. Der Arzt habe es einfach erst jetzt herausgefunden. Doch man brauche sich nicht um ihn zu sorgen, die Krankheit sei kontrollierbar. Er hätte für seine Arbeit halt einfach zu oft zu- und wieder abnehmen müssen, das sei für seine Gesundheit wohl nicht gerade förderlich gewesen.

Überall können wir die Geschichte von Herrn H. in diesen Tagen lesen, mal in kürzerer, dann wieder in längerer Version. Mal hat Herr H. „gestanden“ an der Krankheit zu leiden, dann wieder hat er einfach „erzählt“, gerne garniert man das Ganze mit Ausrufezeichen, um der Sache einen dramatischen Touch zu verleihen. Damit wir nicht auf die Idee kommen, die Nachricht als banal abzutun, steht da manchmal noch die Warnung, unbehandelt könne Diabetes gravierende Folgen haben.

Himmel, was geht es uns denn an, dass Herr H. Diabetiker ist? Ich nehme nicht an, dass wir um seine medizinische Versorgung bangen müssten. Er wird ja wohl genug Geld angehäuft haben, um sich die besten Ärzte leisten zu können. Für Herrn H. wird es kein Problem sein, die beste Behandlung auf dem neuesten Stand der Forschung zu bekommen. Er wird mit seinem Leiden klarkommen, da mache ich mir keine Sorgen.

Mich beschäftigt eher die Frage, was mit den Menschen geschieht, die zwar das gleiche Leiden haben wie Herr H., nicht aber die gleiche medizinische Versorgung. Von diesen Menschen soll es weltweit immer mehr geben, aber die haben halt nie in einem Film mitgespielt und darum kümmert es uns auch einen Dreck, dass die Krankheit bei ihnen zu gravierenden Folgen führen wird, weil keiner da ist, der sie richtig behandelt.

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Was sind wir doch dumm!

Ihr Mann habe ein wenig Stress mit dem Chef, der Arbeitsweg sei lang und die Kinder würden ihm an den Nerven zerren, da habe er sich eben krank schreiben lassen, erzählte mir vor einiger Zeit eine zweifache Mutter. Man dürfe eben nichts riskieren, sonst käme es am Ende noch zu einem Burnout. Wie dumm „Meiner“ und ich doch immer waren. Wir glaubten allen Ernstes, man müsse zuerst ein Burnout vorweisen können, ehe man zähneknirschend einer Krankschreibung zustimmen müsse.

Gestern lud ich mir ein Buch einer erfolgreichen Autorin, von der ich schon diverse Bücher gelesen habe, aufs iPad. Kaum eine Seite des Oevres kommt ohne Fehler aus. Da wird fröhlich zwischen Präsens und Präteritum hin- und hergehüpft, aus Männlein wird innerhalb des gleichen Satzes Weiblein und manchmal fehlt auch einfach mitten im Satz ein Wort. Mir kommt es vor, als habe die Autorin fälschlicherweise den ersten Entwurf veröffentlicht. Und ich habe schlaflose Nächte, weil ich in „Füsse hoch!“ einen Kommafehler entdeckt habe…

Im Bus sitzen drei junge Männer, die einander gegenseitig dubios aussehende Beutelchen und Banknoten reichen. Jeder, der will, kann zuschauen, vielleicht bekäme man auch etwas, würde man nett danach fragen und gut bezahlen. Und wir ermahnen unsere Kinder, sich anständig aufzuführen Bus…

Seitdem wir Kinder haben, bin ich unzähligen Müttern begegnet. Mit vielen habe ich bereichernde Gespräche geführt, einige haben mich mit ihren Ansichten fast auf die Palme getrieben. Selten nur habe ich mir etwas anmerken lassen, wenn ich nicht einverstanden war. Ich habe brav genickt, wenn Einzelkindmütter allen Ernstes behaupteten, bei ihnen zu Hause ginge es gleich lebhaft zu wie bei uns. Ich habe mir geduldig Ratschläge angehört, von denen ich zum Vornherein wusste, dass ich sie nie befolgen würde. Ich habe versucht, zu verstehen, wenn ich nicht verstehen konnte. Muss ich verstehen, weshalb eine Mutter vorwurfsvoll auf ihre Armbanduhr tippt und „Hopp, Hopp!“ ruft, wenn ich mal wieder drei Minuten vor Kindergartenbeginn mit dem Prinzchen und seinem besten Freund antrabe?

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Diebstahl

Der FeuerwehrRitterRömerPirat sitzt manchmal zwei Stunden am Stück an seinen Hausaufgaben. 

Luise und ihre Schulkameradinnen treffen sich an zwei schulfreien Nachmittagen und am Samstag, um an einem gemeinsamen Vortrag zu arbeiten. Wie man überhaupt einen Vortrag macht, weiss niemand aus der Gruppe so genau. Die Matheblätter, die Luise auch noch zu lösen hat, müssen dann halt bis Sonntagabend warten. Zwischendurch musste sie noch für einen guten Zweck Schoggitaler verkaufen, wodurch zugleich die Klassenkasse aufgebessert wurde. Ach ja, sie hätte noch einen Aufsatz, den sie fertig schreiben müsste. Das wird sie wohl morgen erledigen, wenn wegen einer Lehrerkonferenz der ganze Tag schulfrei ist. 

Am Elternabend erfährt „Meiner“, dass Luise und ihre Mitschüler noch viel mehr Eigeninitiative an den Tag legen müssten.

Karlsson sucht oft vergeblich nach einem Freund, der nicht den ganzen schulfreien Nachmittag hinter den Büchern verbringen muss. Dann setzt er sich eben auch noch einmal hinter die Bücher, weil einem die Arbeit ja nie ausgeht.

Für vier Fehler im Diktat bekommt Luise eine knapp genügende Note. 

Offenbar haben die Schüler im ganzen Kanton bei einer Vergleichsprüfung katastrophal abgeschnitten. Darum muss man jetzt dringend die Schüler drillen. Und nicht etwa die Prüfung verändern. 

Ich habe das ungute Gefühl, dass von Jahr zu Jahr noch mehr Leistung aus den Kindern herausgepresst werden soll.

Es wäre wünschenswert gewesen, dass sich Luise zum freiwilligen Kurs in Tastaturschreiben anmeldet. Damit sie es bereits kann, wenn das Fach in zwei Jahren an der Oberstufe unterrichtet wird. 

Karlsson weiss inzwischen sehr genau, welche Noten er sich noch erlauben darf, wenn er sein Berufsziel erreichen will. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss demnächst wieder bei der Therapeutin antraben, weil er unter Bildung etwas anderes versteht als die Bildungsdirektoren. Immerhin hat er jetzt eine Lehrerin, die ihn versteht…

Luise lechzt geradezu nach Sprachunterricht und Naturkunde, verbringt aber den grössten Teil ihrer Schul- und Freizeit damit, Matheblätter zu lösen. 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Kinder trotz sehr viel Aufwand und grossem Fleiss sehr wenig lernen. 

In armen Ländern klaut man den Kindern die Kindheit, indem man sie daran hindert, zur Schule zu gehen und zu spielen. Stattdessen beutet man sie als billige Arbeitskräfte aus. So etwas käme uns nie in den Sinn. Wir versuchen, unseren Kindern jedes nur erdenkliche Rüstzeug mitzugeben, damit sie eines Tages einen guten Job bekommen. Um dies zu erreichen, wird das Schulsystem laufend angepasst und angeblich verbessert. Warum werde ich den Eindruck nicht mehr los, dass wir unseren Kindern mit jeder neuen Anforderung ein weiteres Stück Kindheit klauen?

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Beziehungskiste

Es hätte so etwas wie ein Abschiedsbesuch werden sollen. Vor einiger Zeit schon habe ich mich innerlich vom blau-gelben Möbelhaus zu lösen begonnen, fuhr nur noch hin, wenn es unbedingt sein musste und setzte mich vertieft mit kritischen Artikeln auseinander. Es fiel mir nicht leicht, mich von dem Geschäft zu distanzieren, das mich von frühester Kindheit, über schwierige Teenagerjahre zur ersten Wohnung bis hin zu den Kleinkinderjahren unserer Kinder begleitet hatte. Doch eine zunehmend konsumkritische Haltung, einige enttäuschende Beziehungen zu Möbelstücken, die mehr versprachen, als sie halten konnten und der wachsende Wunsch nach Möbeln, die eine Geschichte haben, trieben mich vermehrt in die Arme der Brockenstuben. Daran änderte auch unsere Schwedenreise nichts, obschon es im Möbelhaus auch ein paar Lebensmittel zu kaufen gibt, die ich seit unserer Rückkehr schmerzlich vermisse.

„Ein letzter Besuch muss sein“, sagte ich gestern, als mir bewusst wurde, dass unsere Küchenschränke ein rundum erneuertes Innenleben benötigen, wenn ich je so etwas wie Ordnung herstellen will. Ich weiss, man bekommt solche Dinge auch andernorts, aber „Meiner“ hat gerade eine Weiterbildung zu bezahlen und da liegt das blau-gelbe Möbelhaus am ehesten im Bereich des Bezahlbaren. 

Also fuhr ich heute Morgen mit meinem sehr schwedisch aussehenden  Prinzchen – die Michel aus Lönneberga-Verkleidung ist zu seiner zweiten Haut geworden – und einer langen Einkaufsliste los und das war eindeutig ein Fehler. Die Blau-Gelben haben nämlich ganz offensichtlich gespürt, dass ich mich von ihnen zu entfremden begann und mir scheint, dass sie so ziemlich alle Register gezogen haben, um mich zurückzugewinnen: Fröhlichere Farben, fantasievollere Muster, eine Rückbesinnung auf die småländischen Wurzeln, etwas weniger „Made in China“, Zusammenarbeit mit meinem bevorzugten Vegi-Restaurant, ein paar bestechende Aufbewahrungsideen und eine Lehrlingsarbeit, die ich am liebsten nachmachen würde, wäre ich handwerklich nicht vollkommen unbegabt.

Als wäre das alles nicht genug, mussten diese Angestellten, die gewöhnlich ziemlich schroff und distanziert sind, ein Riesentamtam um mein herziges kleines Prinzchen machen, das sie alle zum Anbeissen fanden. Wissen die denn nicht, dass es in der Schweiz streng verboten ist, fast fünfjährige Jungen süss zu finden? Spätestens im Alter von drei Jahren wechseln die  Jungen hierzulande in die Kategorie „unausstehliche Rotznase, der man nicht über den Weg trauen kann“, aber das kümmerte die Damen einen Dreck, sie bezirzten das Prinzchen, als wäre er gerade mal ein halbes Jahr alt. 

Ja, und jetzt bin ich voll im Clinch: Bleibe ich bei meinem Entschluss, diese Beziehung zu beenden? Lasse ich die ganze Sache auf Sparflamme köcheln, in der Hoffnung, dass das blau-gelbe Möbelhaus eines Tages zu einem Fair-Trade-Unternehmen erster Güte wird? Oder lasse ich mich durch die neue Farbenvielfalt zu einer neuen Liebesbeziehung verführen, wohl wissend, dass ich diese nie mehr mit reinem Gewissen werde geniessen können, weil ich bereits zu viel hinterfragt habe?

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Das Kind ist (nicht) immer im Recht

Gewöhnlich stehe ich ja auf der Seite der Eltern, wenn es irgendwo in der Öffentlichkeit zu einem Konflikt ums Kind kommt. Gewöhnlich ist es ja auch so, dass irgend ein Miesepeter die Lebhaftigkeit eines kleinen Menschen nicht ertragen kann. Heute aber musste ich mich für einmal schwer zusammenreissen, um nicht Partei zu ergreifen für eine Dame, die sich über ein Kleinkind beschwerte und das kam so:

Karlsson, das Prinzchen und ich sassen in einem dieser verrufenen Fast Food-„Restaurants“. Ja, ich weiss, als linksgerichtete, umweltbewusste Mutter hätten meine Kinder und ich dort nichts zu suchen, doch da „Meiner“ und ich ziemlich felsenfest davon überzeugt sind, dass ein absolutes Verbot kontraproduktiv ist, gehen wir eben doch hin und wieder hin. Da sassen wir also und unterhielten uns darüber, warum eine Karriere im Fast Food-Bereich nicht sonderlich erstrebenswert ist, als am Tisch hinter uns ein Mann und eine Frau ziemlich laut wurden. Was sich da abspielte, sah auf den ersten Blick nach der typischen „mittelalterliche, alleinstehende Frau möchte ausgerechnet neben der Kinderecke ihre Ruhe geniessen und staucht deswegen ein armes, unschuldiges Kind zusammen“-Situation aus. Dann aber hörte ich genauer hin.

„Es kann doch nicht sein, dass Ihr Kind sich hinter mir aufs Fensterbrett setzt und mich unablässig gegen den Kopf tritt“, sagte die Frau aufgebracht, aber dennoch um Fassung bemüht. „Sie können froh sein, dass Sie eine Frau sind. Wären Sie ein Mann, würde ich Ihnen eine reinhauen“, fuhr der wütende Vater die Frau an und machte keinerlei Anstalten, sein Kind vom Fenstersims herunterzuholen. Noch einmal versuchte die Frau, dem Vater klarzumachen, dass es nicht sonderlich angenehm sei, pausenlos getreten zu werden, doch es half nichts, sie bekam nur weitere Beleidigungen an den Kopf geworfen. Es kehrte erst wieder Ruhe ein, als der kleine Junge freiwillig von der Frau abliess, vom Fenstersims herunterkletterte und zielstrebig auf ein Baby in der Trageschale zusteuerte.

Wir warten nicht ab, ob es zu einem weiteren Zusammenstoss kommen würde, sondern räumten unseren Abfallberg weg. „Der grosse Bruder des Jungen hat mich auf dem Spielplatz einfach so gehauen. Immer wieder. Da habe ich ihn eben auch gehauen“, sagte das Prinzchen im Hinausgehen. Zum Glück hörte dies der Vater der zwei kleinen Nervensägen nicht. Keine Frage, was das Prinzchen dann zu hören bekommen hätte und glaubt mir, dann hätte dieser Herr Papa mich zu hören bekommen, worauf ich wohl das Gleiche zu hören bekommen hätte wie die Frau, die sich einfach nicht von einem unschuldigen, kleinen Jungen treten lassen wollte.

Bei gewissen Eltern sind die Kinder immer im Recht, auch dann, wenn sie ganz eindeutig im Unrecht sind.

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Vielleicht

Vielleicht hätte ich heute über meine Tomaten geschrieben, denen es vollkommen egal ist, dass ich mich nicht an alle Regeln der Gärtnerkunst gehalten habe und die nun reichlich Früchte tragen, auch wenn mein Tomatenbeet derzeit eher einem Urwald gleicht.

Vielleicht hätte ich auch darüber geschrieben, dass die fünf Kinder, die in kurzen Abständen in unser Leben gepurzelt sind, nun auch in kurzen Abständen immer selbständiger werden, so dass ich plötzlich das Gefühl habe, nicht mehr richtig ausgelaugt zu sein.

Vielleicht hätte ich auch über die Seniorinnen gewettert, die heute ohne jeden Grund unsere Kinder zurechtgewiesen haben, oder ich hätte von der Verkäuferin geschwärmt, die ganz begeistert war, weil „die Fünf ja alle ihrer Mama gleichen“.

Vielleicht hätte ich darüber geklagt, wie alt ich mich fühle, weil morgen mein Neffe, den ich doch eben noch zum hundertsten Mal mit Stofftier und Schoppenflasche ins Bett zurückgeschickt habe, Hochzeit feiert. 

Vielleicht hätte ich auch ganz aufgeregt davon berichtet, dass heute die zwei Bücher, an denen ich in den vergangenen Monaten gearbeitet habe, in Druck gehen.

Aber über all dies mag ich nicht berichten, denn ich ärgere mich so masslos über die peinlichen Versuche, die Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz herunterzuspielen und ich weiss genau, dass ich darüber schreiben müsste, wie widerlich und beschämend ich das alles finde, aber mir fehlen dazu momentan einfach die Worte. 

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Ohne Augenzwinkern

Ein Zitat, welches der Audioguide beim Besuch von Astrid Lindgrens Geburtshaus in mein Ohr sprach, geht mir nicht mehr aus dem Kopf: „Viele, die für Kinder schreiben, zwinkern über die Köpfe ihrer kindlichen Leser hinweg verschmitzt einem gedachten Leser zu, sie blinzeln Einverständnis mit den Erwachsenen und übergehen das Kind. Das ist eine Unverschämtheit dem Kind gegenüber.“

Damit bringt Astrid Lindgren genau das auf den Punkt, was mich als Kind schon immer beim Lesen gestört hat und was mich heute noch stört, wenn ich unseren Kindern vorlese. Diese Geschichten, die so verkrampf originell und anders sein wollen, die damit beeindrucken wollen, dass sie ein aussergewöhnliches Thema aufgreifen, mit dem sich die Kinder gefälligst einmal befassen sollen. Wie ich sie doch gehasst habe, diese Bücher! Wie unsere Kinder sie doch hassen, diese Bücher!

Ich konnte mich nicht lange darüber freuen, dass ich endlich einmal in Worte gefasst hörte, was ich schon so lange selber hätte sagen wollen. Mein nächster Gedanke war nämlich, ob ich nicht am Ende die gleiche Unverschämtheit begehe, wenn ich für Kinder schreibe. Obschon ich mir beim Schreiben in erster Linie meine eigenen Kinder, ihre Cousins, Cousinen und Freunde vorstelle, bin ich nicht davor gefeit, auch den Erwachsenen gefallen zu wollen, die das Buch gut genug finden sollen, um es ihren Kindern kaufen und vorlesen zu wollen. Mit diesem Spannungsfeld werde ich mich wohl noch eine ganze Weile auseinandersetzen müssen.

Doch das, was Astrid Lindgren beschreibt, geschieht nicht alleine beim Schreiben. Da gibt es Spielplätze mit Spielgeräten vom Designer, die vollkommen spieluntauglich sind. Die Städte, in denen sie stehen, bekommen Auszeichnungen für die gelungenen Anlagen, doch die Kinder stehen hilflos da und wissen nicht so recht, wie sie hier spielen sollen. Museumspädagogen planen Projekte, die in den Medien gerühmt werden und wenn sich ausnahmsweise mal ein Kind ins Museum verirrt, stellt sich heraus, dass die Pädagogen mit ihm nichts anzufangen wissen, weil es so gar nicht ins pädagogische Konzept passen, sondern einfach nur mit allen Sinnen entdecken will. Familienpolitiker werkeln an Programmen, die zum Vornherein zum Scheitern verurteilt sind, weil stets nur auf die erwachsenen Wähler geschielt wird, nicht aber auf die kleinen Menschen, die ja eigentlich im Zentrum jeder Familienpolitik stehen sollten. Ähnliches geschieht in der Schulpolitik, nur dass hier die Wirtschaftsbosse beeindruckt werden sollen. 

Überall zwinkern sie sich über den Köpfen der Kinder hinweg zu, diese Erwachsenen. Ich bin froh, dass Astrid Lindgren darauf aufmerksam gemacht hat, denn so kann ich zumindest daran arbeiten, es selber möglichst wenig zu tun. 

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Zu Hause?

Natürlich fällt es mir jedes Mal schwer, wenn die Ferien zu Ende gehen, doch wenn die Koffer gepackt sind und wir im Zug sitzen, freue ich mich dann doch darauf, wieder zu Hause zu sein. Vielleicht ist es bloss eine Joghurtsorte, die ich im Ausland vermisst habe, vielleicht ist es auch ein unbequemes Bett, das mir die Rückkehr nach Hause erleichtert. Irgend eine Kleinigkeit finde ich immer, auf die ich mich freuen kann.

Fast immer. Diesmal halfen nämlich weder die Vorfreude auf Katzen, Wachteln und Garten noch die Aussicht auf eine endlich wieder stabile Internetverbindung. „Soll doch mein Leben nach Schweden kommen, ich habe nicht die geringste Lust, jetzt schon zu ihm zurückzukehren“, grollte ich, als sich der Zug Richtung Süden in Bewegung setzte.  Natürlich liegt dies zum Teil daran, dass ich seit Jahren nicht mehr so entspannt war wie in diesen viereinhalb Wochen, doch die Wurzeln meines Widerwillens, nach Hause zurückzukehren, liegen tiefer: Ich liege im Clinch mit meinem Herkunftsland.

Ausgeprägter Patriotismus war noch nie mein Ding, zurzeit aber muss ich darum ringen, überhaupt noch Gutes zu sehen. Denke ich an die Schweiz, dann kommen mir die Menschen in unserem Quartier in den Sinn, die wegen jeder Bagatelle die Polizei rufen – nicht nur wegen der Fensterscheibe, die der FeuerwehrRitterRömerPirat zertrümmert hat, sondern auch wegen Auswärtigen, die einfach so ihr Auto auf öffentlichen Parkplätzen abstellen, wenn sie im Quartier zur Arbeit gehen. Ich denke an das Totschläger-Argument „Das könnte unserer Wirtschaft schaden“, mit dem alles, was irgendwie anders wäre, als man es bisher gemacht hat, im Keim erstickt wird. Ich denke an das hohle Geschwätz von unserer „hohen Lebensqualität“, einer Lebensqualität, welche die Menschen scharenweise in den Wahnsinn treibt, wie auch immer dieser Wahnsinn aussehen mag. Ich denke an das vergiftete Klima, in dem jeder das Gefühl hat, der andere könnte ihm etwas von seinem Überfluss nehmen. Ich denke an das übersteigerte Selbstbewusstsein, mit dem wir uns einreden, bei uns sei fast alles besser als andernorts.

Ja, ich weiss, ich müsste daran denken, dass wir nicht nur mehr als genug zu Essen haben, sondern auch sehr gute Qualität und viel Abwechslung. Ich müsste daran denken, dass wir  nahezu unbegrenzte Möglichkeiten haben. Ich müsste daran denken, dass bei uns vieles sehr gut funktioniert und ich denke ja auch viel daran, doch irgendwie reicht mir das nicht mehr, um mich darüber zu freuen, wieder in dem Land zu sein, das meine Heimat ist. Vor allem, weil ich wieder einmal mit eigenen Augen gesehen habe, dass im verrufenen europäischen Ausland nicht alles so schlecht ist, wie man uns gerne glauben macht. 

Nun, wir sind wieder hier und ich werde Wege finden müssen, wieder gerne hier zu leben. Und bis ich diesen Weg gefunden habe, freue ich mich, dass es hierzulande an den Bahnhöfen Gepäckwagen gibt und dass mein Gemüse bei dem hier herrschenden Klima ganz prächtig gedeiht. 

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Margerite

Es gibt ein einziges motorisiertes Gefährt, das mich zum Träumen verleitet, nämlich der „Döschwo„. Wann immer ich einen sehe, rufe ich: „Habt ihr gesehen, Kinder? Das war ein Döschwo. Sollte ich je Geld haben, das ich zum Fenster hinaus werfen kann, dann kaufe ich mir einen…“ Dann erzähle ich von dem Prachtstück in Bordeaux und Schwarz, in welches meine Eltern jeweils ihre drei jüngsten Kinder und den riesigen, kinderfeindlichen Köter quetschten und über Land tuckerten. Und wenn die Kinder dann wissen wollen, weshalb meine Eltern das Auto nicht behalten haben, erzähle ich von dem Dieb, der einmal, als mein Vater in Paris war, das Dach der armen, kleinen Ente aufschlitzte und die Kamera, die auf dem Sitz lag, entwendete. 

Neulich, als Luise und ich miteinander unterwegs waren, sahen wir ein ähnliches Prachtexemplar. Rabenschwarz, blank poliert und über und über mit Margeriten verziert. Wir zwei, die wir sonst keinem Auto Beachtung schenken, es sei denn, der Fahrer falle uns auf die Nerven, blieben stehen und sahen dabei zu, wie die Fahrerin versuchte, ihren Döschwo zwischen zwei Offroader zu zwängen. Die Frau war mir auf Anhieb sympathisch, nicht nur, weil sie das Gefährt meiner Träume fuhr, sondern auch, weil sie und ihre Ente sich durch die bedrohlichen Monster nicht im Geringsten beeindrucken liessen.

Ich stellte mir gerade vor, wie es wäre, wenn ich die Frau am Steuer wäre, als Luise mich fragte: „Mama, warum hat die Frau ihr Auto eigentlich mit dem ‚Implenia‘-Logo verziert?“ Schlagartig erwachte ich aus meinen Träumen. Was hänge ich auch alten Zeiten nach? Die Strasse gehört längst nicht mehr den Döschwos, sondern den Offroadern und die Margerite ist auch für kleine Mädchen zum Erkennungszeichen eines Baukonzerns geworden.

Und weil ich für diesen Baukonzern nicht werben will, gibt’s heute eben eine Mohnblume.

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Sogar noch viel altmodischer

Diesmal verstehen mich auch die Mütter nicht, die mich gewöhnlich bestens verstehen. Ich will nämlich nicht, dass Luise sich „Germany’s next Topmodel“ ansieht. Ja, ich weiss, das läuft jetzt gerade nicht, aber im Internet findet man bekanntlich alles und Luise bekommt meine Erlaubnis nicht, sich den Mist reinzuziehen. Vielleicht ausnahmsweise mal, wenn ich dabei bin und ihr erklären kann, warum sie sich die lebendigen Schaufensterpuppen nicht zum Vorbild nehmen soll, aber ansonsten bleibe ich vorerst hart und mit dieser Haltung stosse ich auf ziemlich viel Unverständnis.

Dann fange ich eben an zu erklären. Dass Luise gerade mal zehn Jahre alt ist und andere Dinge im Kopf haben sollte. Dass sie auch ohne Möchtegern-Model-Gezicke schon zickig genug ist und sie nicht noch weitere Anleitung dazu braucht. Dass sie nicht den Eindruck bekommen soll, dieser Frauen-Fleischmarkt sei eine tolle Sache. Und vor allem, dass die Mädchen in Luises Alter jetzt schon darum wetteifern, wer die Leichteste von allen ist und dass die Frage „Mama, findest du mich dick?“ für meinen Geschmack zu oft gestellt wird.

Oh ja, ich werde es ihr nicht ewig verbieten können und eines Tages, wenn sie das Ganze als lächerliches Getue abtun kann, werden wir zwei uns vermutlich vor dem Fernseher kringeln vor lauter Lachen. Diese Zeit aber ist noch nicht gekommen und darum bleibt die Sendung vorerst einmal verboten. Daran halte ich fest, auch wenn Luise das ganz und gar nicht toll findet und diesmal sogar gute Freundinnen ihre Köpfe über meine Ansichten schütteln.

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