Prinzchen-Logik

Der Kindergarten beginnt um Viertel nach acht, der Fussweg dorthin dauert gut fünf Minuten. Damit er genügend Zeit hat, um im neuen Tag anzukommen und sich einzurichten, wecken wir das Prinzchen etwa um sieben Uhr, manchmal auch erst um Viertel nach. Die Zeit sollte also reichen, um alles zu tun, was getan werden muss, damit ein Fünfjähriger aus dem Haus gehen kann. Auch dann, wenn man den Tag so gemächlich angehen lässt wie das Prinzchen. Prinzchens Morgenroutine sieht nämlich etwa so aus:

  • Erst einmal werden die Augenlider auf ihre Funktionstüchtigkeit getestet. Nur wenn er ganz sicher ist, dass sie sich einwandfrei öffnen und schliessen lassen, behält unser Jüngster die Augen offen. 
  • Nach der Augenlidkontrolle wird die Raumtemperatur gefühlt. Ist diese einigermassen erträglich, schafft es das Prinzchen durchaus, innerhalb von fünf Minuten aus dem Bett gekrochen zu kommen, natürlich nur, wenn er die Decke mitnehmen darf und seinen „Bä!“, der ihn noch immer begleitet. Ist es zu kalt im Zimmer, müssen Kleider her und zwar sofort. Und die richtige Auswahl. Und bitte schön unter die warme Decke geliefert, sonst müsste man am Ende noch einen grossen Zeh an die Luft strecken. 
  • Egal ob mit Decke oder bereits in den Kleidern, irgendwann wird es Zeit, sich an den Frühstückstisch zu begeben. Bis die richtige Sitzposition gefunden ist dauert es eine Weile, aber nur, weil diese unvernünftigen Eltern diese doofen Hocker angeschafft haben, auf denen man zusammen mit dem „Bä!“ nicht richtig sitzen kann. 
  • Natürlich dauert es auch eine Weile, bis drei oder vier Deziliter Kakao in einem Prinzchen-Magen verschwunden sind, vor allem, wenn Mama oder Papa das Zeug mal wieder zu heiss serviert haben, doch nach einer gefühlten Ewigkeit ist auch dieser Punkt abgehakt.
  • Alles, was nachher folgt, lässt sich nicht mehr so strukturiert nacherzählen, sondern nur noch in Stichworten andeuten: Zähne putzen; aufs WC gehen; dringend benötigte Spielsachen suchen; Kätzchen streicheln; Socken anziehen; Schuhe suchen; der Mama zeigen, wie gut man vom Spieltisch springen kann; mit dem Zoowärter spielen, oder es zumindest versuchen, was aber der Mama, dieser elenden Spielverderberin, nicht passt; über den Inhalt der Znüni-Tasche debattieren; Jacke anziehen; Mamas Ermahnungen, er solle sich bitte beeilen, geflissentlich überhören;  die Farbspuren zwischen den Augen wegwaschen (Farbspuren zwischen den Augen? Fragt lieber nicht.); noch eimal Mamas Ermahnungen überhören; das „Panini“-Album suchen und lauthals klagen, dass man sich von Luise dazu hat überreden lassen, ein gemeinsames Album zu füllen, weshalb das Eigene, das man gratis in der Bäckerei bekommen hat, noch leer ist; noch einmal aufs WC gehen; das Treppengeländer herunterrutschen; schon wieder Mamas Ermahnungen überhören; den Zoowärter anbrüllen; längst veraltete Elternbriefe abliefern…

Ein ziemlich volles Programm, ich geb’s ja zu. Dennoch beharre ich stur auf meiner Meinung, dass eine gute Stunde reichen sollte, um zumindest die wichtigsten Punkte auf der Liste abzuhaken. Zumal der Junge während der ganzen Zeit eine gestrenge Mama auf den Fersen hat, die ihn daran erinnert, welche Punkte in den frühen Morgenstunden Priorität haben und welche man getrost auf den Nachmittag verschieben kann. 

Warum also kommt unser Jüngster trotzdem regelmässig zu spät in den Kindergarten? Ist doch klar: Weil der Weg zum Kindergarten ein paar Schritte länger ist als derjenige zur Schule. Und darum soll ich ihn bitte schön mit dem Auto hinfahren.

Vergiss es, mein Lieber! 

20140509-075242.jpg

Schreiben (und putzen) nach dem Faulus-Prinzip

In letzter Zeit werde ich wieder vermehrt gefragt, wie ich es denn fertigbringe, neben Familie, Job, Haushalt, Haustieren und Garten auch noch zu bloggen. Nun, seitdem ich wieder selber putze und dies auch vermehrt wieder alleine tue, ist es ganz einfach: Ich halte mich strikte an das Faulus-Prinzip. Ihr wisst schon: „Nun, ich hab‘ die erste Hälfte der ersten Platte fertig. Ich verschnauf‘ ein wenig, dann feg‘ ich die zweite Hälfte der ersten…Ich verschnauf‘ ein wenig, dann kommt die erste Hälfte der zweiten…ich versch…“

Oder konkret in meinem Fall: Ich fege einen halben Fussboden, dann tippe ich ein paar Sätze, die mir beim Fegen in den Sinn gekommen sind, dann fege ich die zweite Hälfte des Fussbodens, ich schreib‘ wieder ein wenig, ich putze den Spiegel, die Toilette und die halbe Badewanne, dann schreibe ich wieder… und so weiter, bis die Wohnung sauber und der Blogpost fertig ist. Glaubt mir, nie produziert mein Gehirn mehr Sätze, als wenn ich mit Staubsauger, Lappen & Co. durch die Wohnung renne. Und wenn ich an einem Tag besonders ausgefeilte oder besonders viele Posts veröffentliche, könnt ihr sicher sein, dass bei Vendittis zu Hause alles blitzblank geputzt ist. Ein voller Erfolg also, dieses Faulus-Prinzip. Ich empfehle es jedem, der sich über zu viel Dreck oder zu wenig Produktivität beim Schreiben beklagt. 

Und sollte jemand jetzt überhaupt nicht verstehen, wovon ich schreibe, empfehle ich ihm ganz dringend die Lektüre von „Asterix und der Arvernerschild“. 

Schalut schuschammen!

th

 

Vergleicht doch nicht Äpfel mit Birnen

Man redet wieder vermehrt von der Grossfamilie. Nicht erst seit Federers zweitem Zwillingspaar, aber jetzt natürlich erst recht. Die Grossfamilie – also alles, was mehr als zwei Kinder hat – ist nämlich wieder auf dem Vormarsch und was tun meine gewöhnlich hoch geschätzten Journalistenkollegen, wenn ein neuer Trend feststellbar ist? Sie greifen sich Promis heraus, die mehr als die durchschnittlichen 1,5 Kinder haben – aktuell also Familie Federer – und schreiben darüber, wie der Alltag dieser Grossfamilie aussieht, oder wie er aussehen könnte, denn meistens schirmen die Promis ihre Kinder ja so gut als möglich von der Presse ab.

Ergänzend lassen die Journalisten dann irgend eine 08:15-Familie  zu Wort kommen, die zufällig eine ähnliche Familienkonstellation hat wie der Promi, um dessen Grossfamilienleben sich gerade alles dreht. Momentan sind es die wenigen Mehrfachzwillingsmütter, die der Presse gegenüber bestätigen dürfen, dass es wirklich ziemlich anstrengend ist, mehrere Zwillingspaare grosszuziehen. Sie dürfen sagen, wie wichtig es ist, darauf zu achten, als Mutter und Vater nicht zu kurz zu kommen und sie dürfen schliessen mit der Bemerkung, das Leben mit den vielen Zwillingen sei zwar wunderbar, es treibe einen aber ganz schön an die Grenzen der eigenen Kräfte. Mehr sollen die 08:15-Eltern bitte nicht erzählen, denn es geht hier nicht um sie, sondern um die Reichen und Schönen, die sich gerade sehr erfolgreich fortgepflanzt haben.

Nichts gegen Federers und die anderen Promi-Grossfamilien und erst recht nichts gegen die Mütter und Väter, denen man in diesem Zusammenhang mal gnädig ein Ohr leiht, aber eine solche Berichterstattung treibt mir die Galle hoch. Warum?

Weil Federer & Co. sich nie die Frage werden stellen müssen, weshalb sie trotz fleissiger Arbeit und anständigen Lohnes auf keinen grünen Zweig kommen. Weil sie sich nie werden fragen müssen, wie sie ihren Kindern den Instrumentalunterricht ermöglichen sollen. Weil dringend benötigte Ferien für sie nie unerschwinglich sein werden. Weil es an genügend und vor allem kinderfreundlichem Wohnraum für sie nie mangeln wird. Weil es sie nicht zu stören braucht, dass der Familienrabatt oft maximal zwei Kinder erlaubt. Weil sie sich nicht die Zähne ausbeissen müssen an einer Volksschule, die für Grossfamilien besonders schwer zu ertragen ist, wenn beim dritten Kind im gleichen Schulhaus noch immer die gleichen ungelösten Probleme das Familienleben belasten. Weil es für sie nie zu teuer sein wird, sich Entlastung ins Haus zu holen, wenn Entlastung dringend nötig ist. Weil Menschen mit viel Geld die Zusatzaufgaben wie vermehrtes Putzen, Futter anschleppen, Wäscheberge etc., welche für uns Normalsterblichen einfach dazugehören, leichter auslagern können. Weil es für sie um ein Vielfaches einfacher ist, das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu lösen. Weil man ihre Kinder im Zug nie  zusammenstauchen wird, bloss weil sie sich erfrechen ein ganzes Viererabteil in Anspruch nehmen.

Nein, ich will nicht über das Grossfamilienleben jammern, wir haben diese Lebensform bewusst und aus Überzeugung gewählt.  Zwar treibt es uns immer mal wieder an die Grenzen, etwas Schöneres könnte ich mir dennoch nicht wünschen. Ich bin nicht mal neidisch auf Federers & Co., denn ich bin mir sicher, dass sie in ihrem nach aussen hin glanzvollen Leben mit Problemen zu kämpfen haben, von denen ich ebenso wenig eine Ahnung habe, wie sie von meinen. Mich ärgert nur, dass gewisse Journalisten meinen, man könne das eine mit dem anderen vergleichen. Das kann man nicht, also hört bitte auf damit, meine lieben Journalistenkollegen.

Hört aber bitte nicht damit auf, über die Grossfamilien zu schreiben. Egal ob im Trend oder nicht, in Sachen Grossfamilien – ja, überhaupt in Sachen Familien – liesse sich in der Schweiz nämlich noch so Einiges verbessern. Fragt doch mal nach bei den 08:15-Grossfamilien, die ihr so gerne interviewt. Die wüssten euch bestimmt interessantere Fragen zu beantworten als diejenige, wie Mirka und Roger sich wohl derzeit fühlen mögen. 

img_5214

 

 

Der Elternbrief unter der Lupe

Meine verehrten Pädagogen der Fachhochschule Nordwestschweiz

Sie möchten sich gerne unsere Erst- und Zweitklässler etwas genauer anschauen, um herauszufinden, wie Sie verhaltensauffälligen Kindern besser helfen können. Natürlich tun Sie dies nur, wenn wir Eltern unser Einverständnis dazu geben und weil ich mich gewöhnlich ziemlich kooperativ verhalte, habe ich den Fackel unterschrieben. Im Gegenzug habe ich mir die Freiheit herausgenommen, Ihren Brief etwas genauer anzuschauen. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und erlaube mir, meinen Lesern zur allgemeinen Erheiterung ein wenig daraus zu zitieren. Gut, der Fairness halber hätte ich Sie vielleicht auch zuerst um Ihr Einverständnis bitten sollen, aber eigentlich sind Sie selber schuld, wenn Sie uns einen unkorrigierten Entwurf ins Haus schicken. Sie schreiben in dem Brief zum Beispiel…

„Die Lehrperson darf aber nur teilnehmen, wenn Sie, liebe Eltern, damit Einverstanden sind, dass…“ 

Ich weiss, dass sich in der Rechtschreibung einige Dinge geändert haben, seitdem ich die Schulbank gedrückt habe, aber meines Wissens gilt „einverstanden“ weiterhin als Adjektiv und Adjektive schreibt man wie? Ja, genau, die schreibt man klein!

Ein weiteres Beispiel gefällig?

„…die Lehrperson einen kurzen, anonymen Fragebogen zum verhalten des Kindes in der Klasse ausfüllt.“

Schauen wir uns doch mal das Wort „verhalten“ genauer an. Fällt Ihnen etwas auf? Jawohl, der Herr Duden kennt das Wort „verhalten“ sowohl als Adjektiv, als starkes Verb oder als Nomen. Aber was genau ist es in diesem Satz? Ein Nomen, genau. Und wie schreiben wir die Nomen? Sehr gut! Die Nomen, die schreiben wir GROSS. 

Jetzt, wo wir das geklärt haben, können wir zu einer etwas komplizierteren Sache übergehen, nämlich zur Kommasetzung. Sie schreiben:

„Nur so, können wir sagen, ob die Weiterbildung etwas bewirkt.“

Ich persönlich finde ja, der Satz gewinne durch diesen gewagten Einschub so etwas wie Pfiff, aber ich glaube nicht, dass der Herr Duden meine Meinung in diesem Punkt teilt. 

Kommen wir nun zum Thema Wiederholungen:

„Wir bitten Sie, die untenstehende Einverständniserklärung zu unterschreiben. Geben Sie bitte die Einverständniserklärung Ihrem Kind bis spätestens in einer Woche in die Schule mit. Die Teilnahme ist freiwillig, doch kann das Projekt nur gelingen, wenn möglichst alle Eltern Ihr Einverständnis zur Teilnahme an der Studie geben.“ (Die Hervorhebungen gehen auf meine Kappe.)

Eigentlich ist es ja eine beachtliche Leistung, die drei doch eher sperrigen Worte „Einverständniserklärung“, „Teilnahme“ und „Einverständnis“ in drei kurzen Sätzen in einer derartigen Häufung unterzubringen. Im Schulaufsatz hätte das trotzdem einige schöne rote Wellenlinien, wenn nicht gar eine schlechte Note gegeben. Ach ja, und dann ist Ihnen auch noch eine Höflichkeitsform reingerutscht, die da nicht hingehört, aber das haben wir im Unterricht noch nicht behandelt. Äääähm, ich meine, das fällt bestimmt niemandem auf. 

Bevor ich schliesse, hätte ich noch eine kleine Anmerkung zum Stil. Ihr Bemühen, die Sätze kurz und unkompliziert zu halten, ist grundsätzlich lobenswert. Dies zeigt, dass Sie beim Verfassen des Briefes daran gedacht haben, dass für einige Eltern Deutsch eine Fremdsprache ist. Verlieren Sie aber bitte darob nicht uns Deutschsprachigen aus den Augen. Einige von uns fühlen sich nämlich, als müssten sie einen Lesetext für die 2. Klasse durchackern, wenn sie Folgendes lesen:

„An der Pädagogischen Hochschule Solothurn haben wir den FOKUS-Ansatz entwickelt. Zu diesem Ansatz führen wir eine Studie durch. Diese Studie wird vom Bundesamt für Gesundheit finanziert.“ 

Ich hoffe doch sehr, Sie kennen sich mit verhaltensauffälligen Kindern besser aus als mit Rechtschreibung, Grammatik und Stil, sonst müsste man befürchten, das Bundesamt für Gesundheit schmeisse mit der Finanzierung Ihrer Studie einen ganzen Haufen Geld aus dem Fenster.

Na ja, ich fürchte, das tut es ohnehin. 

img_2084

 

Ich soll mal gesagt haben…

…kranke Kinder dürften bei uns immer einen Film schauen, an jedem Krankheitstag einen, wenn mehrere Kinder gleichzeitig krank seien, dürfe sich jedes einen aussuchen und das alles unabhängig von den Krankheitssymptomen. Also zum Beispiel auch bei schlimmster Migräne. 
Ach was, das habe ich nicht nur gesagt, das habe ich hoch und heilig beim Leben aller Stubenfliegen geschworen. Vermutlich gibt es auch irgendwo noch ein schriftliches Versprechen, unterschrieben mit meinem eigenen Blut. 

…bei Regenwetter gelte der gleiche Film-Automatismus wie beim Kranksein.

…die Mama von xyz sei eine blöde Kuh, ich könne sie nicht ausstehen. Und wenn ich sage, die Mama von xyz sei doch ganz in Ordnung, mit der würde ich gerne mal Kaffee trinken gehen, lachen mich alle aus. 

…als ich noch klein gewesen sei, hätte es noch keine Waschmaschinen, Geschirrspüler und Autos gegeben. Strassenlampen auch nicht, wenn ich mich recht erinnere.

…wenn einer „tschuldigung“ sage, müsse der andere „danke“ sagen. Die logische Schlussfolgerung, wenn der andere nicht umgehend „danke“ sagt: Man darf ihm eins überbraten. Mama hat’s ja erlaubt, so irgendwie.

…wir würden uns einen alten Wohnwagen kaufen und ihn als Spielhaus in den Garten stellen.

…wer älter als zehn sei, dürfe während der Schulzeit abends immer bis Viertel nach acht und während der Schulferien mehr oder weniger unbeschränkt bei uns unten bleiben und uns auf den Nerven herumtanzen. 

…an meinem Geburtstag bekomme jeder ein kleines Geschenk. Und zwei Tage später, am Geburtstag von „Meinem“, noch einmal. 

…die Franzosen seien alle doof und die Engländer alle perfekt.

…ich würde mal für den ersten August richtig viel Feuerwerk kaufen. Grosse, gefährliche Raketen, die grössten Vulkane, unzählige Knallkörper, Sonnen, bengalische Zündhölzer in rauen Mengen… einfach ein riesiges Feuerwerk. Und darum bin ich jedes Jahr eine ganz miese Verräterin, wenn ich wieder nur dieses mickrige „Wir können den Kindern den Spass ja nicht vollends verderben, also nehmen wir das günstigste Sonderangebot“-Feuerwerk kaufe. 

…ich hätte mal zu einer Frau namens Ruth „Tschüss Horror“ gesagt. 

Erkläre ich, sie hätten vielleicht falsch gehört oder falsch verstanden, weil sie damals, als ich all dies angeblich gesagt habe, noch ziemlich klein waren, dann insistieren sie, lachen mich aus und halten mir weitere Dinge vor, die ich gesagt haben soll. Als Beweis, dass ich falsch liege, fangen sie an zu erzählen: „Ich weiss noch genau, es hat ganz furchtbar geregnet an diesem Tag und uns war allen so langweilig und das Prinzchen wollte nicht aufhören zu weinen und der Zoowärter hatte sich erbrochen und Papa kam zu spät von der Arbeit nach Hause und du warst total genervt und dann hast du eben gesagt…“ Oder: „Wir waren in dieser riesigen Migros und es hatte ganz viele Leute und du hattest den Einkaufswagen übervoll geladen und der FeuerwehrRitterRömerPirat hatte gerade ein Joghurt fallen gelassen. Da habe ich dich gefragt und du hast ‚Ja, vielleicht, ein andermal‘ gesagt und jetzt ist ein andermal.“

Hmmmm, wenn ich mir das so anhöre, könnte es ja wirklich gewesen sein, dass ich einzelne dieser Dinge auf eine Art und Weise gesagt habe, dass man sie auch so hätte verstehen können, wie unsere Kinder sie verstanden haben. Dann aber ganz sicher nur in der verzweifelten Hoffnung, damit das Karussell endlich zum Stillstand zu bringen und ganz bestimmt nicht als ein auf immer und ewig festgeschriebenes Familiengesetz. Und schon gar nicht im Sinne eines Versprechens, das ich jemals einzulösen gedenke.

(Also das mit den Franzosen, dem Horror, dem Geburtstag, dem Geschirrspüler und den Strassenlampen habe ich garantiert nie im Leben gesagt. Die Überforderung mag zuweilen seltsame Worte über meine Lippen gebracht haben, aber vollkommen durchgeknallt war ich nie.) 

IMG_0888

Ihr könnt mich mal, ihr Eisheiligen!

Glaubt ihr wirklich, ich liesse mich von euch noch länger davon abhalten, endlich richtig loszulegen im Garten? Wie um alles in der Welt soll ich an einem Tag wie heute meinen Tomatenpflänzchen beibringen, dass sie noch länger im engen Gewächshaus ausharren müssen, weil ihr seit jeher den Ruf habt, besonders kalt zu sein? Wie soll ich die Kürbisse noch länger auf meinem Fensterbrett wuchern lassen, wo doch ihr Hügelbeet schon längst schön aufgewärmt ist von der Sonne? Was sollen die Melonen denken, wenn ich sie trotz bester Wetterprognose dazu zwinge, im Haus zu bleiben, weil das Gewächshaus noch von den Tomatensetzlingen in Beschlag genommen wird? Ihr müsst doch einsehen, dass ich das meinen lieben Pflänzchen nicht antun kann. 

Nein, seid jetzt bitte nicht eingeschnappt. In anderen Jahren erweise ich euch ja gerne die Ehre. Aber doch nicht jetzt, wo schon bald einmal die ersten Erbsen erntereif sind. Letztes Jahr genossen das Prinzchen und ich die ersten Erbsen am 15. Juni – ja, ich weiss das noch, ich habe es in meinem Blog dokumentiert – dieses Jahr wird dies spätestens am 15. Mai der Fall sein. Meine Fenchel, die schon seit Wochen draussen sind, sehen bedeutend schöner und kräftiger aus als das Zeug aus dem Gewächshaus, das sie einem in der Landi andrehen wollen. An unserer Südmauer, wo das wärmeliebende Gemüse wachsen soll, ist schon längst der Sommer eingekehrt. Und für den allerschlimmsten Notfall liegt ja noch das wärmende Vlies bereit. Da müsst ihr doch verstehen, dass ich jetzt einfach nicht mehr länger warten kann

Verzeiht mir also, wenn ich dieses eine Mal keine Rücksicht auf euch nehmen mag. Und bestraft mich gefälligst nicht mit einem schlimmen Temperatursturz. 

img_2070

 

 

Notfall-Date

Allzu romantisch war es nicht, unser Tête à Tête im Fast-Food-Tempel. Zu laute Musik, ungesundes „Essen“, unsympathische Gäste. Aber nachdem wir uns tagelang wegen Banalitäten in den Haaren gelegen hatten, musste es einfach sein. Wir mussten raus aus unseren vier Wänden. Raus aus der dicken Luft, die sich angestaut hatte. Raus aus den Rollen des strengen Papas und der besänftigenden Mama, diesen doofen Rollen, die wir immer dann einnehmen, wenn wir uns sogar im Bereich der Kindererziehung heftige Kämpfe liefern, weil wir einander so sehr auf die Nerven fallen. 

Wir mussten einfach wieder mal Paar sein, und sei es nur für diese eine Stunde am späten Abend. Einfach irgendwo hin, wo sie am Sonntagabend offen haben, an einen Ort, wo sie einen nach der Bestellung in Ruhe lassen, damit man mal wieder ein paar Worte wechseln kann. Nein, romantisch war es wirklich nicht, aber der kurze Szenenwechsel hat dennoch gut getan. Einfach quatschen – „Was hältst du vom Thema ‚Hochsensibilität‘? Nur wieder ein Modethema, oder ein echtes Problem?“ „Wie wollen wir eigentlich unseren Vierzigsten feiern?“ „Bundesrat Maurer war ja wieder mal voll peinlich.“ -, ein oder zwei Missverständnisse aus dem Weg räumen und unbeschwert sein.

Es hat gut getan, kurz wegzugehen. Es war beruhigend, zu merken, dass da kein Graben ist zwischen uns, sondern manchmal einfach zu viel Alltagskram, der uns daran hindert, einander zu verstehen. Auch wenn es nicht romantisch war, war es doch schön, wieder mal nur zu zweit zu sein.

img_8846

Big Mommy is watching you

Was ich noch sagen wollte: Hier könnt ihr meine aktuelle swissmom-Kolumne zum Thema „Big Mommy is watching you“ lesen. 

img_20111

Vorübergehend, vielleicht

Wir von der aktuellen Generation +/-40 sind ja schon irgendwie sonderbar. Wir träumen davon, einfach mal alles stehen und liegen lassen zu können, in den nächsten Zug (oder wenn’s denn unbedingt sein muss ins nächste Flugzeug) zu springen, um an einen Ort zu entschwinden, wo wir sorgenfreie Tage geniessen können. Wir wünschen uns, wir könnten es uns leisten, beruflich noch einmal ganz von vorne anzufangen, um etwas zu tun, was voll und ganz unseren Leidenschaften und Fähigkeiten entspricht. Einige von uns hegen den Wunsch, sich irgendwohin in die Abgeschiedenheit zurückzuziehen, wo niemand ihre Unterhaltungen mit den Tomatenstauden stört – ich, zum Beispiel -, andere würden lieber auf eine andere Art ausbrechen aus dem Alltag, den sie sich aufgebaut haben. Ich weiss gar von Menschen meiner Generation, die nichts lieber täten, als den ganzen Tag auf dem Golfplatz zu verbringen (Fragt mich bloss nicht, warum sie sich das wünschen. Meine eine Probelektion vor zig Jahren im Sportunterricht in den USA hat mir gereicht.). Natürlich gibt es unter uns auch bescheidenere Menschen, die einfach schon glücklich wären, wenn sie sich bei Tee und Scones ungestört einen Schmöker nach dem anderen reinziehen könnten. Bei mir rangiert dieser Traum ziemlich weit oben auf der Hitliste, unerreichbar bleibt er trotzdem noch für eine ganze Weile.

Genau dies ist das Problem mit dieser Art von Träumen: Man muss sie entweder leben, wenn man noch jung und ziemlich verantwortungsfrei ist, oder aber aufschieben aufs Alter, in der Hoffnung, dann noch fit genug zu sein dafür. Unser Problem aber ist, dass wir einerseits nicht mehr ganz jung und ganz bestimmt nicht verantwortungsfrei sind und andererseits auf gar keinen Fall alt werden wollen. Vielleicht sollten wir vorübergehend von Dingen träumen, die etwas näher an unserer Realität sind.

Aber wirklich nur vorübergehend.

20140503-143633.jpg

Söhne

Sie bringen es fertig, den Abfluss im Bad mit einem Messer zu verstopfen. Fragt mich bitte nicht, wie man es schafft, ein Messer so tief hineinzustecken, dass oben nichts mehr herausschaut, aber wenn man sich richtig bemüht, geht es. 

Sie setzen sich in die massgefertigten Schubladen, für die wir vor Jahren viel Geld ausgegeben haben und spielen, es sei ein… ja, was eigentlich? Keine Ahnung. Aber am Ende des Spiels ist die Schublade kaputt. 

Sie verstecken ihre schmutzige Wäsche im hintersten Winkel ihrer Zimmer, anstatt – wie vereinbart – einmal die Woche den Weg zur Waschküche unter die Füsse zu nehmen. Und dann heulen sie, weil sie keine sauberen Kleider haben.

Sie hüpfen bei strömendem Regen auf dem Trampolin und ziehen sich dazu nicht etwa Badehosen an, sondern behalten die letzte saubere Hose am Leib. Die nach dem Hüpfen natürlich nicht mehr sauber ist, was am nächsten Morgen erneut zu Tränen führt, weil jetzt gar keine sauberen Kleider mehr da sind. (Das ist dann meist der Moment, in dem ich auf der Suche nach der allerletzten sauberen Hose die versteckte Dreckwäsche aufspüre.)

Wo sie mal waren, hinterlassen sie ihre Spuren: Angebissene Tomaten (Ja, ich weiss, ich sollte mich glücklich schätzen, dass sie freiwillig Tomaten essen), ausgezogene Socken, Legoteilichen (Die ganz kleinen, die so richtig wehtun, wenn man auf sie tritt), Darvida-Verpackungen, die Papierfetzchen, die übrig bleiben, wenn man (für Mama) einen schönen Scherenschnitt geschnitten hat, Stecken, halb volle Gläser (Ihr seht, ich bin heute wirklich optimistisch drauf), die Überreste vom Bleistiftspitzen, in allerkleinste Teilchen gezupfte Radiergummis, Bananenschalen – oder einfach das, was übrig bleibt, wenn ein Geistesblitz, den man unbedingt gleich hat umsetzen müssen, sich so schnell wieder verflüchtigt, wie er gekommen ist. 

Im Zorn gehen sie mit so viel Aggressivität aufeinander los, dass mir Angst und Bang wird. (Sie umarmen sich dann aber auch wieder, wenn alles vorbei ist.)

Sie kommen später als vereinbart vom Fussballplatz zurück und behaupten dann, ich hätte ihnen nicht gesagt, wann ich sie zurück erwarte. 

Sie haben auch schon Tasten aus dem Klavier gebrochen (als sie noch sehr klein waren und unter der „Aufsicht“ einer Person, die bei dieser Gelegenheit den Beweis für ihre Inkompetenz erbrachte), Fensterscheiben eingeschlagen (natürlich ganz und gar unabsichtlich), die teure Tapete im Treppenhaus von der Wand gerissen (man muss doch mal schauen, wie es darunter aussieht), Wettpinkeln veranstaltet, volle Windeln aus dem Dachfenster geschmissen (das ist zum Glück schon seeeeehr lange her) und die Felgen des Autos mit wasserfestem Stift verziert (Zugegeben, es sah hübsch aus.). Noch heute, wo sie doch alle aus dem Gröbsten raus sein sollten, habe ich immer das Gefühl, sie seien mir mindestens anderthalb Nasenlängen voraus. Mein Gehirn ist gar nicht dazu in der Lage, sich die Dinge auszudenken, die für sie ganz selbstverständlich in die Kategorie „Ich wollte nur mal sehen, was passiert“ gehören. 

Manchmal könnten wir durchdrehen, „Meiner“ und ich. Doch dann erinnere ich mich wieder daran, was meine Brüder alles angestellt haben, als sie in dem Alter waren und dann sage ich zu „Meinem“: „Weisst du, so schlimm sind sie eigentlich gar nicht, unsere Söhne. Immerhin ist noch keiner in die Kläranlage gefallen.“

(Ach ja, ich weiss, Töchter haben auch ihre Macken, aber weil wir nur eine davon haben, bietet das, was sie anstellt,  eine angenehme Abwechslung.)

img_2051