Gerätevermehrung

Am Anfang war da nichts. Na ja, fast nichts. Die Überzeugung, dass wir auch ohne können, die war da, felsenfest. Irgendwann kamen dann doch die ersten Gehversuche, unfreiwillig noch, ziemlich mühsam obendrein, aber ein paar Vorteile liessen sich erahnen. Er blieb bei seinem klaren Nein, ich meinte, vielleicht, irgendwann, später einmal könnte das schon noch interessant werden. Zwei oder drei Jahre später der Einstieg ins Uni- und Berufsleben, bei mir verbunden mit der Pflicht, mich in die Sache einzuarbeiten, bei ihm blieb es freiwillig, also blieb auch seine Überzeugung, dass er es nicht braucht. Mir fing es derweilen an, Spass zu machen, die Empörung, als die Professorin verlangte, dass jeder Student sich eine E-Mail-Adresse zulegt, war dennoch riesig. In unsere erste Wohnung zog also auch ein Computer ein. Ein grosses Ding, mit klotzigem Monitor und schwerem Tower. Er blieb skeptisch, war dann aber auch der Meinung, ein Internetanschluss könnte vielleicht ganz praktisch sein. Der Computer war meine Domäne, er gab sich nur damit ab, wenn es sich nicht vermeiden liess. 

Zeitgleich stellte sich die Frage, ob man so ein Handy, das plötzlich alle hatten, braucht. Wir waren uns einig: Braucht man nicht. Wir blieben uns einig, bis sich Nachwuchs ankündigte und er erreichbar sein wollte, auch während der Schulstunden. Diesmal war ich skeptisch, doch eine Aktion bei der Migros – zwei für eins oder so – setzte meinem Widerstand ein Ende. 

Irgendwann zog Apple bei uns ein, die sperrigen Computerdinger mir Tower und Kabelsalat verschwanden, die durchwachten Nächte, während derer ich versuchte, Probleme zu lösen und Viren zu vertreiben, gehörten der Vergangenheit an. Jetzt fiel es auch ihm leichter, sich mit dem Zeug anzufreunden. Steuererklärungen, E-Banking und Pannen blieben aber ganz klar meine Aufgabe. Dann sah ich zum ersten Mal ein Tablet und war hin und weg, was ihn dazu bewog, mir eines zur Veröffentlichung des ersten Buches zu schenken. Das Gerät gehörte mir ganz alleine, wurde aber doch von allen Familienmitgliedern – inklusive dem Jüngsten, der damals gerade mal zwei war – eifrig genutzt, bis es den Geist aufgab. Ein Ersatz musste schnell her, wieder sollte er mir alleine gehören, denn die anderen hatten ja den neuen Computer, den Laptop und den alten Computer.

Als er sich trotzdem immer und immer wieder an meinem Tablet vergriff, schenkte ich ihm sein eigenes Mini-Tablet. Der Älteste hatte da schon sein erstes Smartphone, die Tochter einen iPod. Dann fing er an, Kurse zu erteilen, wollte nicht immer den Laptop mitschleppen, hatte auf dem Mini-Ding aber kein Platz für die benötigte Software. Er bekam ein grosses Tablet, das Mini-Ding wurde mit Lern-Apps für die Kinder vollgestopft, die Tochter bekam ein Smartphone, ich gewann beim Wettbewerb ein Fairphone und musste mir einen neuen Laptop anschaffen, der Dritte durfte den iPod des Cousins übernehmen, der Älteste ersteigerte sich mit seinem Geburtstagsgeld sein eigenes Tablet…

Plötzlich überall Geräte, Kabelsalat, weil jetzt jeder immer irgend etwas am Aufladen ist und manchmal die erstaunte Frage, ob wir wirklich mal im Ernst geglaubt hatten, wir könnten uns dieser Sache entziehen. 

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Es – Ja – Nein

„Meiner“ und ich sind jetzt in dem Alter, in dem Bekannte, die einander irgendwann zwischen achtzehn und fünfunddreissig gefunden haben, wieder auseinandergehen. Manchmal trifft einen eine solche Nachricht wie ein Schlag und man läuft tagelang mit einem schmerzenden Klumpen im Magen rum. Manchmal muss man sich ein „Eigentlich erstaunlich, dass es bei den zweien so lange gehalten hat“ verkneifen. Manchmal fragt man sich, ob es denn wirklich keinen anderen Weg gegeben hätte. Manchmal – nur selten, Gott sei Dank – denkt man, dass er oder sie gut daran getan hat, dieses als Ehe getarnte Machtspiel endlich zu beenden.

Was auch immer die Gründe für das Scheitern einer Beziehung sein mögen, „Meinem“ und mir drängen sich jedes Mal ein paar Fragen zu unserem eigenen Leben auf: Leben wir noch miteinander, oder funktionieren wir nur noch? Tragen die Stärken unserer Beziehung noch, oder nehmen die Schwächen überhand? Sind wir echt und ehrlich, oder machen wir einander und uns selber etwas vor? Wir sind froh, jedes Mal zum Schluss zu kommen, dass wir beide noch immer voll dabei sind. Nicht immer gleich motiviert, das müssen wir beide offen zugeben, denn wir sind ganz schön talentiert darin, einander auf die Nerven zu fallen und uns wie die Vollidioten zu benehmen, wenn der eine nicht so tut, wie der andere es gerne hätte. Aber am Grundsatz, dass wir beide zusammengehören und dass wir noch ziemlich viel miteinander vorhaben, rüttelt keiner von uns beiden. Das beruhigt uns, denn auch wir wissen, was alle, die unserer Generation angehören wissen: Die Garantie, dass es hält, hat niemand.

Beweise dafür gibt es mehr als genug, wir müssen uns nur mal ein wenig umschauen. Schmerzhafte Geschichten, soweit das Auge reicht und wohl keiner, der eine solche Geschichte erlebt hat, ist mal am Traualtar gestanden mit dem bewussten Ziel, irgendwann beim Scheidungsrichter anzutraben. Zu behaupten, es gäbe ein Rezept mit Gelinggarantie für eine funktionierende, lebenslange Beziehung, wäre ganz und gar vermessen. Dennoch stört mich dieses eine kleine Wörtchen in „Niemand hat die Garantie, dass es hält“ immer mehr. Dieses „Es“ suggeriert, dass man dem Lauf der Dinge voll und ganz ausgeliefert ist, dass „Es“ halt einfach passiert mit dem Auseinanderleben. 

Zugegeben, in so einem Leben zu zweit passieren sehr viele Dinge einfach so. Man gerät andauernd aneinander, weil der ganze Tag so grauenhaft war, dass man abends keinen mehr erträgt, der motzt, man hätte beim Wocheneinkauf zu viel Geld ausgegeben. Jeder ist so sehr mit seinen eigenen Lasten ausgelastet, dass der andere nur noch als derjenige wahrgenommen wird, der  nicht beim Tragen hilft. Manchmal schlägt das Schicksal so erbarmungslos zu, dass man sich dem Leben ohnehin nur noch ausgeliefert sieht. Und nicht mal den charmanten Arbeitskollegen, der so viel mehr Interesse an der neuen Frisur zeigt, sucht man sich aus… „Es“ passiert halt wirklich sehr viel einfach so und es liegt mir fern, Menschen zu verurteilen, die sich diesem „Es“ nicht gewachsen sehen.

Dennoch finde ich, dass in einer Beziehung auch noch ein anderes Wort eine entscheidende Rolle spielen sollte, nämlich das „Ja“. Ich meine jetzt nicht das „Ja“, das man sich bei irgend einer – meist ziemlich feierlichen – Gelegenheit mal im Rausch der schönen Gefühle gegeben hat. Ich meine das „Ja“ mitten im rauen, manchmal fast unerträglichen Leben. Das „Ja“ zu dem Menschen an meiner Seite, der alles andere als perfekt ist, der aber immerhin grosszügig genug ist, mich so zu nehmen, wie ich bin – nämlich auch nicht perfekt. Das „Ja“ zu dem Menschen, der der einzige Mensch auf diesem Planeten ist, der das Einzigartigste, was mir mein Leben schenken konnte – meine Kinder – mit ebenso viel Leidenschaft und Schmerz liebt wie ich. Das „Ja“ zu dem Menschen, der irgendwo, unter all dem, was das Leben mit ihm angestellt hat, noch immer derjenige ist, zu dem ich im Rausch der Gefühle vor langer Zeit ja gesagt habe. Dieses „Ja“, das begriffen hat, dass kein Mensch mir alles geben kann, was ich mir in meinem Leben wünsche und dass ich darum aufhören kann, von ihm zu erwarten, was ihm gar nicht möglich ist. Ein „Ja“, das sich dem „Es“ entgegenstellt, oder es zumindest versucht. 

Ich gebe es offen zu: Manchmal muss ich ziemlich lange suchen, bis ich dieses „Ja“ unter dem ganzen Alltagskram finden kann und ich bin mir sicher, dass es „Meinem“ gleich geht. Dass wir dieses „Ja“ bis anhin immer wieder gefunden haben, erachten wir beide als grosses Geschenk und nicht als Selbstverständlichkeit.

Ich kann auch verstehen, dass es Lebenssituationen gibt, in denen sich dieses „Ja“ nicht mehr finden lässt, egal, wie verzweifelt man danach sucht. Aber irgendwie würde ich mir wünschen, dass Beziehungen nicht am „Es“ scheitern, sondern weil sich das klare „Ja“ in eine klares „Nein“ verwandelt hat.

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Schuhkauf

Das Prinzchen braucht Grösse 30, findet aber einzig die Modelle cool, die es nur noch in den Grössen 26 und 27 gibt. Was ich schön finde, lehnt er grundsätzlich ab. Okay, das bunt gemusterte Paar, das mir ins Auge sticht, würde ihm auch noch gefallen, aber mein Portemonnaie weigert sich rundheraus, die 129 Franken dafür locker zu machen. Das Prinzchen schmollt, ich rede mir den Mund fusselig, dass sowas nun wirklich nicht geht und bemerke deshalb kaum, dass mich der Zoowärter sanft aber erfolgreich dazu drängt, ihm das „stark reduzierte“ Paar für 60 Franken zu kaufen. Jetzt schmollt nicht nur das Prinzchen, sondern auch auch mein Portemonnaie, also erkläre ich ihm geduldig, Zoowärters neue Schuhe seien wirklich von hervorragender Qualität, die hätten sogar zwei Jahre Garantie, also könne das Prinzchen sie nächstes oder übernächstes Jahr auch noch tragen. Mein Portemonnaie lacht höhnisch, das Prinzchen schmollt weiter und der FeuerwehrRitterRömerPirat zieht eine Schnute, weil ich seinen Wunsch nach Sportschuhen konsequent überhöre. Irgendwann geht das mit dem Überhören nicht mehr, also sage ich unserem Dritten, vielleicht würde es ja irgendwann doch schneien und dann stehe er mit kalten Füssen da in seinen Sportschuhen. „Das mit dem Schnee glaubst du wohl selber nicht“, schelte ich mich innerlich, aber was soll man denn sagen, wenn ein Kind, dessen Füsse bereits in knallbunten Sportschuhen stecken, noch ein weiteres Paar knallbunte Sportschuhe haben will? Ohne Ausflüchte ins Reich der Fabeln und Märchen kommt man da nicht weit. 

In Schuhgeschäft Nummer acht oder neun – der Zoowärter hat sich mit seinen Stiefeln längst ins Auto zurückgezogen – wird das Prinzchen endlich fündig und ist darob so überglücklich, dass er mir unablässig für seine neuen Schuhe dankt, was mich natürlich sofort auf Wolke sieben katapultiert. Auch mein Portemonnaie ist glücklich, denn es hat gesehen, dass es für Prinzchens Stiefel ursprünglich mal 150 Franken hätte ausspucken müssen, nun aber den Verkäufer mit läppischen 40 Franken hat zufrieden stellen können. Der FeuerwehrRitterRömerPirat mag sich nicht mit uns freuen, denn er ist noch immer ohne Winterschuhe. Ich plädiere für cool und bezahlbar, er aber beharrt auf hässlich und überteuert. Auch die Sache mit den knallbunten Sportschuhen hat er sich noch immer nicht ganz aus dem Kopf geschlagen, weshalb ich ihn irgendwann sehr deutlich mit der schmerzhaften Wahrheit konfrontieren muss: Knallbunte Sportschuhe gibt es im Frühling wieder, hässliche Winterschuhe gibt es nur, wenn sie nicht überteuert sind, wenn er sich nicht endlich entscheidet, schauen wir morgen weiter. Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist eingeschnappt, meine Geduld ist überstrapaziert, das Prinzchen liegt beinahe schlafend quer auf einer Bank mitten im Laden und der Zoowärter friert im Auto. 

Habe ich tatsächlich mal behauptet, Schuhe für meine Söhne zu kaufen, sei die einfachste Sache der Welt?

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Büffeln

Am Montag:
Englisch: Present Continuous
Sorten umwandeln
Schönschreiben
Schriftliche Addition

Am Dienstag:
Französische Gedichte, Wortschatz
Englisch: Der Unterschied zwischen „much“ und „many“
Noch einmal Französisch: Prüfungsvorbereitung
Geschichte: Absolutismus
Dreisätze
Deutsche Rechtschreibung

Heute:
Völkerwanderung, Prüfungsvorbereitung
Urgeschichte, Prüfungsvorbereitung
Textaufgaben
Nachdenken: „Was schreibe ich in einem Brief?“
Deutsche Rechtschreibung
Rechnen mit Hohlmassen
Diktatvorbereitung

Parallel dazu: Lernapps aufstöbern, ausprobieren, den Lehrer fragen, ob es eine Lizenz zum Hausgebrauch gibt.

Ich glaube, „Meiner“ und ich haben noch nie zuvor in unserem Leben so viel gebüffelt wie gerade jetzt. Und dabei haben wir doch schon längst keine Prüfungen mehr zu schreiben. 

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Mein lieber, kleiner Magen-Darm-Käfer

Wie sehr habe ich dich doch vermisst. Wie tief verletzt war ich, als ich mitansehen musste, wie du einer Familie nach der anderen deine Aufwartung machtest, nur mich, eine deiner treuesten und ältesten Freundinnen, liessest du links liegen. Als du dich endlich doch zu einem Besuch bei uns aufraffen konntest, hast du dich erst einmal nur um die Kinder gekümmert. Stunden-, ja tagelang hast du dich mit ihnen vergnügt, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Jetzt endlich findest du Zeit für mich, in meinem Magen breitet sich das altbekannte, wohlige Gefühl aus und im Spiegel blickt mir ein wunderbar blasses Antlitz entgegen.

Ach, mein lieber, kleiner Käfer, was bin ich doch glücklich, dass du mich nicht ganz vergessen hast. Unvorstellbar, wie meine Übelkeit ohne dich je ihr volles Potential entfalten könnte.

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Rezept für eine garantiert spannungsgeladene Adventszeit

Mir ist durchaus bewusst, dass jede Familie ihr ganz eigenes Rezept für genussvolles Zoffen in der Adventszeit hat, dennoch möchte ich meiner Leserschaft unsere ganz eigene Kreation nicht vorenthalten. Wer weiss, vielleicht inspiriere ich den einen oder anderen Leser dazu, seinem eigenen Gezänk noch ein wenig Würze zu verleihen. Hier also mein Rezept:

Man nehme

  • Eine dicke, nahezu undurchdringliche Hochnebeldecke
  • Ein Wohnzimmer voller verlockend aussehender Adventskalender
  • Diverse Anlässe, welche die übliche Schlafenszeit der Kinder in die späten Abendstunden verschieben
  • Eine sehr grosszügige Portion Hausaufgaben
  • Eine noch grössere Portion Prüfungen, die vor Weihnachten noch zu schreiben sind
  • Zwei oder drei Proben fürs Krippenspiel
  • Übermüdete Lehrkräfte, die sich mit übermüdeten Schülern herumplagen müssen und deshalb die eine oder andere Strafaufgabe verhängen
  • Eine grosse Portion Vorfreude auf den Samichlausbesuch
  • Eine noch grössere Portion Vorfreude auf Weihnachten
  • Einen Stapel Einladungszettel zu diversen Veranstaltungen, die sehr viel „Mama, Papa, können wir dorthin gehen?“ auslösen
  • Einen sich ankündigenden Vollmond

Diese Grundzutaten müssen gut vermengt werden, damit jede einzelne ihr volles Aroma entfalten kann. Eigentlich könnte man den Teig jetzt in den Ofen schieben, doch erst mit etwas zusätzlicher Würze wird er so richtig unverwechselbar. Wir nehmen dieses Jahr: 

  • Ein kleines, unscheinbares Käferchen, das sich sehr, sehr langsam an jeweils ein Familienmitglied heranschleicht, dieses mit aller Macht ins Bett zwingt und dort mehrere Tage festhält. (Erst wenn das erkrankte Familienmitglied wieder gesund und munter ist, pirscht sich dieses Käferchen langsam und vorsichtig ans nächste Familienmitglied heran, so dass immer einer krank im Bett liegt.)
  • Immer wieder aufflackernde Ohrenschmerzen bei diversen Familienmitgliedern
  • Eine Prise „Müssen wir wirklich zu Hause bleiben, wenn der Samichlaus kommt? Reicht es nicht, wenn er die Kleinen besucht?“
  • Eine Pubertierende, die wegen der bevorstehenden Übertrittsprüfungen unter Hochspannung steht
  • Eine Wohnung, die schon viel zu lange nur noch ein Minimum an Zuwendung erlebt hat
  • Eine Mama, die mit ihrem Home-Office-Pensum im Hintertreffen ist
  • Einen Kindergärtner, der den unbändigen Wunsch verspürt, das ganze Haus weihnächtlich zu dekorieren
  • Eine Mama, die es versäumt hat, diesem Kindergärtner bunt glänzendes Bastelmaterial zur Verfügung zu stellen
  • Einen Papa, der im Berufsleben zu den übermüdeten Lehrkräften gehört, die sich mit übermüdeten Schülern herumschlagen müssen und der nach Feierabend das zweifelhafte Vergnügen hat, mit seinen eigenen Kindern, die zugleich auch übermüdete Schüler sind, noch ein wenig Mathe zu büffeln
  • Eine Abfallmulde, die auf dem Parkplatz steht und darauf wartet, mit allem, was in Haus und Garten nicht mehr gebraucht wird, gefüllt zu werden
  • Zwei Teenager, die nicht wissen, was sie sich zu Weihnachten wünschen sollen
  • Drei Söhne, die sehr genau wissen, was sie sich zu Weihnachten wünschen, kombiniert mit einem Papa und einer Mama, die sehr genau wissen, dass sie alle diese Wünsche nie und nimmer zu erfüllen vermögen
  • Eine halbwüchsige Katze, die sich jedem ihrer Menschen todesmutig vor die Füsse wirft, wenn sie hungrig ist (was etwa alle fünf Minuten der Fall ist)
  • Kinderfinger, die an allem herumfingern, was irgendwie nach Dekoration aussehen sollte, bis es nicht mehr nach Dekoration, sondern nach „Himmel, wer hat diese Geschmacksverirrung verbrochen?“ aussieht
  • Eine Mama und einen Papa, die leicht abweichende Vorstellungen im Bezug auf die Gestaltung der Adventszeit haben, denen aber die Zeit fehlt, diese Differenzen zu bereinigen

Diese Zutaten werden kräftig in den Teig eingearbeitet. Nach dem Backen wird das Gebäck mit einer dicken Glasur von „Wir haben es so satt, den ganzen Tag im Haus zu sitzen, aber nach draussen gehen mag bei diesem Wetter ja auch keiner“ überzogen. Zu guter Letzt bestreue ich das Ganze gerne noch mit ein paar vertrockneten, kleingeschnittenen Mandarinenschalen, die ich aus Sofaritzen und verklemmten Schubladen herausklaube, aber das ist nicht jedermanns Sache. 

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Sechs Dinge, die mir zeigen, dass ich zum alten Eisen gehöre

  • Zweimal bis ein Uhr nachts Sachen für den Adventsmarkt fertigstellen, ein Tag am Marktstand, eine Gottesdienstmoderation und mein Körper spielt die beleidigte Leberwurst. Führt sich auf wie ein übellauniger Teenager, der den ganzen Tag nur noch schlafen, herumlümmeln und sich mit Koffein volllaufen lassen will. 
  • Ich muss mir von meinen Kindern erklären lassen, wie Android funktioniert. Apple ist ja sowas von altmodisch. Elternkram halt.
  • Die Hits, zu denen wir als Teenager getanzt haben, bekomme ich heute auf der Trompete vorgeblasen. 
  • Meine Ansichten kommen aus der Mode. Nein, sie haben sich nicht grundlegend geändert, sie sind einfach nicht mehr so gefragt. Wer in sein will, bekommt keine Gänsehaut, wenn er an den Fall des Eisernen Vorhangs denkt, sondern ärgert sich über die Herausforderungen, die das Ganze mit sich gebracht hat. Wer in sein will, sieht im Fremden auch keine Chance zur Horizonterweiterung, sondern einzig und allein eine Bedrohung. (Na ja, immerhin sind wir noch nicht so weit, dass Ecopop an der Abstimmungsurne eine Chance hatte…) 
  • Wenn mir junge Frauen erzählen, wie das heutzutage so läuft zwischen Männlein und Weiblein, überkommt mich ein unbändiger Drang, mich bei Alice Schwarzer auszuheulen. (Dabei bin ich nicht mal besonders feministisch, sondern vertrete noch immer die Ansicht, der Welt ginge es am besten, würden Frauen und Männer endlich zusammenspannen.)
  • Ich verstehe gewisse junge Mütter nicht mehr. (Laufgitter? Kinderleine? Anschnallen im Hochstuhl? Das kann doch nicht euer Ernst sein.)

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Unausstehlich

Heute war mal wieder so ein richtiger „mies gelaunte Mama“-Tag. So einer mit „Nun hört mal endlich auf, mir auf den Nerven rumzutanzen! Seht ihr denn nicht, dass mir heute alles krumm läuft?“, herumbrüllen und kurz angebundenen Antworten. Erst ein kurzer Schwatz mit einem lieben Menschen vermochte mich ein wenig aufzuheitern. „Mama, du hast ja plötzlich wieder gelacht“, bemerkte Luise erstaunt, als wir wieder alleine waren. „Ich weiss, ich bin heute unausstehlich“, sagte ich seufzend und schämte mich für meine miserable Mama-Performance an diesem miesen Tag. „Ach, mach dir nichts draus“, schaltete sich Karlsson ins Gespräch ein. „Ich bin manchmal auch mies drauf und ziehe mich in mein Zimmer zurück. Du kannst dich ja nie zurückziehen, wir nehmen dich immer in Beschlag.“

An einem gewöhnlichen Tag würde ich mich über meinen sozialkompetenten Sohn freuen, an einem „mies gelaunte Mama“-Tag aber denke ich nur: „Oh je, der Arme. Hat sich so lange mit einer aufbrausenden Mama herumschlagen müssen, dass er schon ganz genau weiss, was er sagen muss, um sie wieder auf den Boden zu holen.“

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Die Sache mit dem Winter

Obschon er nun schon sechs ist, befindet sich das Prinzchen noch voll im magischen Alter, was ich eigentlich gar nicht so schlecht finde. Der Junge hat noch mehr als genug Zeit, sich mit der harten Realität des Lebens auseinanderzusetzen. In letzter Zeit fange ich trotzdem an, mir Sorgen zu machen. Immer öfter schleichen sich die fantastischen Elemente nämlich auch in Zeichnungen ein, auf denen er ganz und gar realistische Dinge darstellt. Da kann es zum Beispiel sein, dass er auf einem Bild einen ganz gewöhnlichen Samichlaus von nebenan zeichnet, daneben ein Christkind, wie man es fast jeden Tag beim Einkauf oder im Büro antrifft und dann lässt er vom Himmel weisse Flocken fallen. Schnee sei das, sagt er und manchmal versteigt er sich in seiner Fantasie sogar so weit, einen Schneemann zu zeichnen. Neulich habe ich ihn dabei erwischt, wie er etwas, was wie Eiszapfen aussieht, aufs Papier brachte, dazu sang er irgend ein fantastisches Lied von Schlitten, Schneebällen und dergleichen. Als ich seine Zeichnung lobte, fragte er mich, wann es denn eigentlich schneien werde, er möchte so gerne mal einen Schneemann bauen.

In diesem Moment dämmerte mir, dass mein Jüngster die Sache mit der Kälte und dem Schnee wirklich glaubt. Er scheint fest davon überzeugt zu sein, dass das, was er zeichnet und singt, demnächst eintreffen wird. Das macht mir echt Sorgen. Ob ich ihm erklären soll, dass die Erwachsenen das ganze Wintertzeugs nur erfunden haben, um kleinen Kindern eine Freude zu machen? Ob ich ihm gestehen muss, dass man nicht so genau wissen kann, ob es in alten Zeiten wirklich Schnee gegeben hat, oder ob da nur die Fantasie mit dem Geschichtenerzähler durchgegangen ist?

Ob es überhaupt etwas bringen wird, ihm die Sache auszureden? Immerhin gibt es zahlreiche Erwachsene, die noch immer an Winter und Kälte glauben. Am Montag habe ich doch tatsächlich eine Erwachsene getroffen, die behauptet hat, es saukalt draussen. Eine Stunde später ist mir ein Schmetterling begegnet.

Was mich nicht weiter erstaunt hat. Immerhin haben wir Ende November und somit Hochsaison für Schmetterlinge. 

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Mein lieber Herr Hamchiti

Seit bald drei Jahren begleite ich Sie nun schon durch Ihr nicht immer einfaches Leben. Bei mir fragen die Leute nach, wenn Sie mal wieder nicht zum vereinbarten Arzttermin erschienen sind, ich bin die Erste, die es erfährt, wenn Ihre Frau die Ratenzahlungen für irgend ein unverzichtbares Haushaltgerät nicht rechtzeitig überwiesen hat, ich weiss auch Bescheid, wenn die Ärztekasse wieder mal vergeblich auf Ihre Einzahlung gewartet hat. Seitdem Sie vor fast drei Jahren so lieb waren, mir Ihre Telefonnummer zu überlassen, hatte ich auch schon das eine oder andere Mal Gelegenheit, Ihre Freunde und Verwandten aus dem Kosovo ein wenig kennen zu lernen. Wirklich nette Leute, mal abgesehen von der schwerhörigen Alten, die mir nicht glauben wollte, dass ich nicht weiss, wo Sie gerade stecken. Ihre Oma? Zu gerne möchte ich wissen, was Sie ausgefressen haben, um die Frau derart auf die Palme zu treiben.

Es war nicht immer einfach, mit Ihnen unterwegs zu sein, das gebe ich zu. Einem Menschen beizustehen, der überall, wo er durchgeht, einen Haufen unzufriedene Menschen hinter sich lässt, geht an die Substanz, das können Sie mir glauben. Manchmal empfand ich Wut, manchmal schämte ich mich für Sie, manchmal hatte ich auch Mitleid, denn wie ich inzwischen herausgefunden habe, trägt Ihre Frau nicht wenig zu Ihrer angespannten finanziellen Lage bei und es muss schwer sein, einer solchen Frau begreiflich zu machen, dass der neue Wischmopp nun einfach nicht drinliegt diesen Monat.

Wie gesagt, mein lieber Herr Hamchiti, Sie fallen mir zwar auf die Nerven, aber inzwischen sind Sie mir so vertraut, dass Sie irgendwie zu meinem Leben gehören. So etwas wie heute früh müssen Sie mir trotzdem nie mehr bieten. Wissen Sie eigentlich, wie ich mich fühle, wenn fünf Minuten nachdem meine Lieben das Haus verlassen haben, die Kantonspolizei anruft? Wissen Sie eigentlich, wie ähnlich die Namen „Herr Hamchiti“ und „Herr Venditti“ bei schlechtem Empfang klingen? Und wissen Sie eigentlich, wie lange es dauert, bis ich mein Herz wieder aus der Hose gefischt habe, nachdem ich vor meinem inneren Auge schon mindestens eines meiner zahlreichen Familienmitglieder als Opfer eines Unfalls gesehen habe?

Mein lieber Herr Hamchiti, es ist mir eigentlich egal, wie wenig Sie Ihr Leben im Griff haben, aber wenn die Polizei ruft, dann halten Sie beim nächsten Mal gefälligst Ihren Termin ein. Und seien Sie bitte pünktlich, denn sonst rufen die wieder mich an. Auch wenn ich den netten Polizisten darum gebeten habe, diese Nummer umgehend zu löschen.

So langsam fange ich nämlich an zu begreifen, dass Sie weiterhin fröhlich diese Nummer angeben, wenn Sie nach einem Festnetzanschluss gefragt werden. Auch wenn diese Nummer schon längst nicht mehr Ihnen gehört, sondern mir. 

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