Tussispiel

Angeblich studieren sie, doch davon bekommt man herzlich wenig mit, denn man kann sie stets nur dabei beobachten, wie sie sich in Pose werfen, von einem noch hübscheren Kleidchen träumen und das Smartphone zücken. Trotzdem bekommen sie regelmässig ein nettes Sümmchen ausbezahlt, wenn sie aufräumen, finden sie haufenweise Geld, Schmuck, Tablets und Kristallgläser, sogar ihre Kätzchen spüren in jedem Winkel des stets grösser werdenden Hauses Geld und Gold auf. Wenn ihr Angebeteter ihnen eine Rose überreicht gibt’s noch ein wenig Taschengeld dazu, doch einen Angebeteten bekommt man nur, wenn man sich richtig verhält: Er gibt das Thema vor, sie muss entsprechend antworten und erobert damit sein Herz. Antwortet sie falsch, verzieht er angewidert sein Gesicht und sie bricht in Tränen aus. Ach ja, natürlich sind sie alle gertenschlank, grossäugig und charmant.

Woher ich das alles weiss? Nun, nach unserem letzten Reinfall lasse ich Luise nicht mehr einfach so Spiele ab 12 spielen, ich will wissen, welches Frauenbild ihr dort vermittelt wird. Damit ich das weiss, muss ich stets eine Nasenlänge voraus sein. So kommt es, dass sie und ich nach dem Mittagessen auf dem Bett liegen und das Tussispiel spielen. Was zu erstaunlich tiefen Gesprächen führt, Gesprächen, die wir ohne das Spiel vielleicht nicht so ungezwungen führen würden.

Meist fängt es damit an, dass wir uns überlegen, welches Kleid in der endlosen Garderobe uns auch noch gefallen könnte. Was uns ganz natürlich zur Frage führt, wo der Unterschied zwischen chic und billig liegt, was wiederum das Thema aufkommen lässt, welcher Rock zu kurz ist, um noch als anständig durchzugehen. Damit  richten wir unseren Fokus auf die unnatürlich langen und dünnen Beine der Tussis, womit wir beim Thema „schön muss nicht schlank sein“ angelangt wären. Und plötzlich befinden wir uns nicht mehr in einem virtuellen Tussispiel, sondern in einem ganz realen, ziemlich fiesen Tussispiel, das sich tagtäglich auf dem Pausenhof abspielt: Wie schwer bist du? Und du? Und du? Wir sind bei den Lügen, die einige Mädchen erfinden, damit sie ihr wahres Gewicht nicht nennen müssen, bei der Frage, wie man dieses ungesunde Spiel endlich unterbinden könnte, ohne in den Augen aller anderen die blöde Kuh zu sein und schliesslich beim grossen Thema, wie Frau es schafft, sich ihrer Schönheit zu freuen, ohne dabei zu verdummen. 

Nein, natürlich ist dies nicht im Sinne der Erfinder des Tussispiels, dennoch bin ich ihnen dankbar, dass sie mir dabei helfen, Luise vor Augen zu führen, worum es im Leben einer Frau nicht geht. 

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Déja v(éc)u

Morgen gehen die Einladungen raus, Ende Woche muss ich die Schürze waschen, Mitte nächster Woche werden Fleischbällchen gedreht, bis sich mein an vegetarische Kost gewöhnter Magen umdreht, am Mittwochnachmittag schliesslich werde ich mir die karierte Schürze umbinden und mit der Holzkelle die kleinen Rotznasen vom Stehlen der Fleischbällchen abhalten. Kurz, ich werde die gehässige Hildur Bock geben.

Wieder einmal. Diese Rolle spielte ich jeweils an Karlssons Geburtstagsparties, beim ersten Mal freiwillig, danach auf Drängen von Karlssons Freunden, die mich schon Wochen vor der Party wissen liessen, dass sie fest mit Fräulein Bock rechnen. Also drehte ich Fleischbällchen, band mir die Schürze um und jagte die Kinder durch die Wohnung, auch dann noch, als Karlsson längst dem Karlsson vom Dach-Alter entwachsen war. 

Nun also wünscht der Zoowärter das gleiche Programm und ich freue mich darauf. Zum einen, weil wir uns für einmal nicht den Kopf darüber zerbrechen müssen, was wir mit der Rasselbande bloss wieder anstellen sollen. Zum anderen, weil Zoowärters Freunde ähnlich fantasievoll und begeisterungsfähig sind wie damals Karlssons Freunde – wir hatten auch schon Parties, bei denen trotz aller Bemühungen unsererseits keine Freude aufkommen wollte – und zum dritten, weil das endlich mal wieder eine Party wird, bei der auch ich meinen Spass haben werde. 

Eine einzige Frage nur raubt mir den Schlaf: Schaffe ich dieses ganze Herumgerenne überhaupt noch? Zwischen diesem und dem letzen Mal liegen immerhin einige Lebensjahre, zwei Schwangerschaften und ein paar zusätzliche Kilos auf den Rippen. 

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Vielleicht sollte ich es ihm mal erklären

Neulich entdeckte das Prinzchen in der Migros tiefgekühlte Schinkengipfel. Aufgeregt suchte er mich im Gedränge. „Mama, komm, schau dir diese Gipfeli an!“ Ich warf einen kurzen Blick auf die himmelblauen Riesenschachteln voller Tiefkühl-Apérogebäck und wollte mich Dingen zuwenden, die auf meiner Einkaufsliste standen, doch das Prinzchen hielt mich zurück. „Schau doch, Mama, die sehen aus wie die Gipfeli, die du manchmal bäckst.“ Ich lächelte milde. „Ja, so ähnlich sehen die aus, aber lass uns jetzt weitergehen.“ „Aber Mama, sieh doch, du könntest die Gipfeli auch kaufen, dann müsstest du sie nicht mehr selber machen.“ 

Ich glaube fast, mein Sohn versteht nicht ganz, dass ich nicht backen muss, sondern backen will

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Dauerverunsichert

Schwangere rennen wegen geringster Beschwerden zum Gynäkologen. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Die Notaufnahmen für Kinder sind heillos überlastet, weil Mütter und Väter bei jedem Wehwechen das Schlimmste befürchten und ins Spital fahren. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Man traut Kindern nicht mehr zu, den Schulweg alleine zu bewältigen, darum karrt man sie mit dem Elterntaxi hin. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Viele Lehrer klagen nicht über schwierige Schüler, sondern über aufsässige Eltern, die aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Sogar an den Hochschulen hat man es heute mit stänkernden Eltern zu tun. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Mütter und Väter lassen sich durch ihre Kinder tyrannisieren. Es gibt gar Eltern, die von ihren Kindern geschlagen werden. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Kaum ein Kind kommt heutzutage noch ohne Therapie durch die Kindheit. – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Manche Mütter holen erst die Meinungen von Fachleuten, Freunden und Verwandten ein, ehe sie die schwerwiegende Entscheidung treffen, ihrem fiebernden Kind ein Fieberzäpfchen zu verabreichen (oder es eben nicht zu verabreichen). – „Die heutigen Eltern sind eben verunsichert.“

Okay, wir Eltern werden tatsächlich mit Ratschlägen, Infobroschüren, Fachliteratur, Expertenmeinungen und vielem mehr eingedeckt, sobald der zweite Streifen auf dem Teststäbchen sichtbar geworden ist. Obendrein sind die Medien voll von beängstigenden Geschichten, die einem vor Augen führen, was alles schief gehen kann. Da ist es ganz natürlich, dass man sich immer mal wieder verunsichert fühlt. Aber auf die Dauer ist das doch kein Zustand. Wer will denn schon ein hilfloser Laie bleiben, der sich stets von anderen sagen lassen muss, was jetzt gerade gut ist für das Kind, was man besser bleiben lassen soll und mit welcher Methode der „Erfolg“ garantiert ist? Wer will denn schon abhängig bleiben vom Wissen und der Erfahrung anderer?

Natürlich braucht es Fachleute, die dann helfen, wenn etwas wirklich schief geht. Alltagssorgen, seien sie nun gesundheitlicher, pädagogischer oder praktischer Natur, sollten Mütter und Väter aber ohne Expertenhilfe meistern können, und darum ist es an ihnen, sich das nötige Grundwissen und damit auch eine gewisse Sicherheit anzueignen. Alles andere ist in meinen Augen verantwortungslos. Die Verantwortung für unsere Kinder haben nämlich in allererster Linie nicht die Ärzte, Lehrer, Therapeuten und Berater, sondern wir, die wir die kleinen Menschen gezeugt und geboren haben.

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Immer schön im Takt bleiben

In zwei Wochen müssen alle Schüler Franz Schuberts „Forelle“ auswendig vorsingen und zwar vor versammelter Klasse. Wer mehr als achtmal daneben trifft, bekommt eine Ungenügende.

Einen Monat später müssen alle ein Klezmer-Stück vorspielen. Für ihren Vortrag können sie zwischen Violine, Klarinette, Akkordeon und Hackbrett wählen. Bei der Benotung wird nicht berücksichtigt, ob jemand musikalische Vorkenntnisse hat, oder ein blutiger Anfänger ist.

Die Klezmer-Prüfung ist tüchtig in die Hose gegangen, kaum einer hat eine genügende Note erreicht. Vor versammelter Klasse liest der Lehrer Namen und Noten vor. Diese Klasse sei eine Zumutung, findet er. Wenn es nach ihm ginge, müssten die Klassen nach musikalischen Fähigkeiten eingeteilt werden, dann müsste er sich nicht mit solchen Dilettanten herumschlagen.

Der Frühling naht, von jeder Klasse werden die besten Musiker auserkoren, zum Schuljahresende findet vor versammelter Dorfbevölkerung das Wettmusizieren statt. Mit lauten Rufen und viel Applaus werden die Wettkämpfer angespornt. Die Besten jedes Jahrgangs bekommen eine Auszeichnung und kommen in der Zeitung. Die Schüler, die ebenfalls ihr Bestes gegeben haben und es trotzdem nicht in die Endausscheidung geschafft haben, stehen mit hängenden Köpfen da und schämen sich.

Am gleichen Wochenende findet eine Sportshow der Schüler, die den freiwilligen Sportunterricht besuchen, statt. Wer muss, weil eines seiner Kinder mitmacht, begibt sich widerwillig in die Turnhalle, um der Vorstellung beizuwohnen. Doch eigentlich interessiert keinen, was die Schüler einstudiert haben, man unterhält sich lieber mit den anderen Anwesenden und wirft nur ab und zu einen geistesabwesenden Blick auf die Sportler, die ihr Bestes geben.

Wer ein guter Musiker ist, wird von allen Seiten gerühmt, Absenzen für Konzerte und Übungsstunden werden diskussionslos gewährt. Die Allerbesten schaffen es vielleicht sogar ins Musikgymnasium, ja, Vereinzelte dürfen ihr Land dereinst an den internationalen Musikfestspieken, die alle vier Jahre mit grossem Pomp durchgeführt werden, vertreten. An höheren Schulen wird gerne auch mal der reguläre Unterricht zugunsten einer Direktübertragung eines musikalischen Wettkampfs abgesagt. Wie gebannt sitzen dann die musikbegeisterten Schüler vor dem Bildschirm, alle anderen machen derweil gute Miene zum für sie ziemlich langweiligen Spiel.

Wehe dem Schüler, der aus seiner Abneigung gegen die Musik keinen Hehl macht. Der Zorn seines Lehrers und der Spott seiner Mitschüler sind ihm sicher. Wenn einer einen Stimmumfang von weniger als zwei Oktaven hat, wird er von den anderen gehänselt, wer lediglich ein paar Töne auf der Blockflöte blasen kann, wird stets als Letzter ins Ensemble gewählt.

Hin und wieder wagen vereinzelte Querulanten, die Dominanz des Fachs Musik in Frage zu stellen. Musik sollte doch in erster Linie Freude bereiten, meckern sie. Es sei absolut unfair, vollkommen ungleich musikalisch begabte Menschen mit dem gleichen Massstab zu messen. In der Mathematik und im Französisch gelte auch für alle das Gleiche, kontern die Musiklehrer, wer nicht zu den Besten gehöre, müsse sich eben mehr anstrengen.

So ist das mit der Dominanz des Musikunterrichts an unseren Schulen, ja, in unserer gesamten Gesellschaft. Oder habe ich da vielleicht etwas durcheinander gebracht?

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Mama-Glucke und Papa-Glucke?

Man weiss, dass es so ist, denn diverse Untersuchungen und unzählige Aussagen von Eltern belegen es: Väter gehen anders mit ihren Kinder um, spielen ausgelassener, sind weniger ängstlich, trauen ihrem Nachwuchs mehr zu. Natürlich habe auch ich diese Beobachtungen gemacht, auch „Meiner“ beherrscht es meisterhaft, die Kleinen kurz vor dem Zubettgehen noch einmal richtig aufzuziehen, auch er sieht Vieles gelassener, die Ermahnungen „Sei vorsichtig!“, „Nicht so schnell!“, „Komm da wieder runter!“ kommen ihm weitaus seltener über die Lippen als mir. Bei kleineren Kindern ist er tatsächlich derjenige, der die Dinge gelassener angeht. 

Bei den Grösseren sieht dies ein wenig anders aus. Er sorgt sich darum, ob die Kinder auch genug machen für die Schule, ich plädiere für mehr Gelassenheit. Er lässt sich durch (vor)pubertäres Verhalten eher provozieren, ich versuche, das Absurde in der Situation zu sehen und  den Zoff in Gelächter umzuwandeln. Er  reibt sich viel mehr daran auf, dass die Sache mit der Ordnung nicht klappen will, ich setze mich für mehr Leichtigkeit und Spass ein. Natürlich habe ich das Gluckenhafte nicht abgelegt und auch mich treibt die Sorge um, ob die Fünf ihren Weg machen werden, aber mir scheint, als wäre ich diesmal diejenige, die sie eher mal machen lässt, anstatt sie immer gleich zurückzupfeifen. 

Mag sein, dass es bloss von meiner Warte aus so aussieht, als würde die Mama mit den Jahren gelassener und der Papa besorgter. Vielleicht wird auch nicht die Mama weniger gluckenhaft, sondern der Papa mehr. Vielleicht ist das nur bei uns so, vielleicht aber erleben andere Familien ähnliche Veränderungen. Zu gerne wüsste ich es. Hoffentlich stellt mal ein kluger Kopf eine Untersuchung.

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Was wir unsere Kinder zu lehren versuchen

Je lauter einer schreit „Ich kann’s!“, umso weniger kann er es wirklich.

Je lauter einer also schreit, umso weniger braucht man sich von ihm beeindrucken zu lassen.

Man braucht keine aufregenden Ferienerlebnisse zu erfinden, wenn man keine hatte. Es ist durchaus erlaubt, auch mal langweilige Ferien zu haben. Meines Wissens gibt es auch noch andere Familien, die das Jahr ohne viermal Dubai, zweimal St. Moritz, achtmal New York und einmal Mondflug überstehen müssen.

Die Füsse gehören nicht auf den Tisch, auch dann nicht, wenn man Prinzchen heisst.

Es ist ein Privileg, in die Schule gehen zu dürfen. Auch wenn man das zuweilen kaum glauben mag und auch wenn mich selber hin und wieder gewisse Zweifel beschleichen.

Es geht mich nichts an, wie alt die Mama irgend einer Schulkameradin war, als sie zum ersten Mal ihre Tage hatte. Zum Glück teilen unsere Kinder meine Meinung, sonst müsste ich fürchten, sie würden von mir auch Dinge herumerzählen, die keinen etwas angehen.

Messer rechts, Gabel links, Teller in der Mitte, Glas oben rechts. Und zwar ohne, dass ich sie vor jeder Mahlzeit dazu auffordern müsste.

Die Katze ist kein Spielzeug. Auch dann nicht, wenn sie sich wie eines aufführt.

Es reicht, dass die kleinen Geschwister bei ihren Kameraden hässliche Wörter aufschnappen, sie brauchen diese nicht vom grossen Bruder und der grossen Schwester gelehrt bekommen.

Bloss weil Papa als Secondo weniger Hemmungen bezüglich hässlicher Wörter hat, bedeutet dies noch lange nicht, dass ich sie toleriere. Die Sprache ist mein Revier, so wie das Visuelle seines ist und er duldet auch keine hässlichen Bilder an der Wand.

Wir meinen es immer gut mit euch. Selbst dann, wenn ihr euch das beim besten Willen nicht vorstellen könnt.

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Es ist wieder diese Zeit im Jahr…

…in der unsere kleineren Kinder die Sommerkleider aus dem Schrank zerren und halb nackt aus dem Haus rennen würden, wenn wir sie nicht rechtzeitig erwischten.

…in der ich Stunden damit verbringe, das Internet nach dem perfekten Ferienhaus an perfekter Lage abzusuchen und weil es noch eine halbe Ewigkeit dauert, bis der Sommer da ist, bilde ich mir ein, wir könnten vielleicht zwischendurch doch noch ein paar Tage irgendwohin…Halt! Erst mal den Kontostand wieder ins Lot bringen!

…in der wir fast jedes Wochenende Gäste haben oder eingeladen sind, weil man im alten Jahr alles aufs neue verschoben hat.

…in der Luise fragt, ob wir nicht wieder einmal, eventuell, wenn wir Eltern nichts dagegen hätten, Skifahren gehen könnten. Und wenn wir antworten, wir wüssten es nicht, schnappt sie sich den neuesten Kleiderkatalog und zeigt uns, was sie in ihrer Sommergarderobe alles haben möchte.

…in der ich mindestens einmal wöchentlich träume, ich hätte den richtigen Zeitpunkt zum Ansäen von Setzlingen verpasst und stünde zum Frühlingsbeginn ohne Pflänzchen da.

…in der man sich einbildet, es dauere noch ewig, bis die Nichte heiratet, bis Markttag sei, bis der runde Geburtstag da sei… und auf einmal steht man wieder völlig unvorbereitet da, weil die Zeit mal wieder schneller war als die Einbildung.

…in der ich den Frühling kaum erwarten kann.

Jedes Jahr im Winter ist es wieder so, auch dann, wenn der Winter sich nicht wie ein Winter aufführt.

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Geständnis

Schon mehrmals stand ich kurz davor, dieses Geständnis hier abzulegen, doch jedes Mal entschied ich mich nach reiflicher Überlegung dagegen. Es ist ja auch nicht ganz einfach, so etwas zu gestehen, aber der Moment ist gekommen, wo ich nicht mehr länger schweigen kann und darum schreibe ich mir die Sache jetzt einfach mal von der Seele. Hier also die ungeschminkte Wahrheit:

Ich hasse den Samstag. Ich verabscheue ihn zutiefst, diesen miesen Kerl, der so tut, als wäre er ein freier Tag, dabei ist er ein Sammelbecken für all den kleinen Mist, den du wochentags nicht erledigen kannst und sonntags nicht erledigen willst. Möbelpolitur und Teppichschaum kaufen, zum Beispiel, oder den Kühlschrank putzen, oder zu Hause die Stellung halten, damit „Deiner“ Sperrgut entsorgen gehen kann.

Weil der Samstag vorgibt, er sei ein freier Tag, bleibst du morgens länger liegen als die Kinder, was dem Chaos einen Vorsprung verschafft, den du den ganzen Tag nicht mehr wettmachen wirst. Das bedeutet, dass du erst frühstücken wirst, nachdem du die Kinder dazu verdonnert hast, ihre Kakaospuren und leeren Joghurtbecher zu beseitigen – oder aber, nachdem du das selber erledigt hast, weil du den Tag nicht mit Zoff anfangen willst. Wenn du dann endlich frühstücken kannst, werden sich deine Kinder unterdessen frisch und fröhlich hinter die Fingerfarben machen, oder sie werden mit sämtlichen Decken eine Hütte bauen, dabei hast du doch verkündigt, heute müsse aufgeräumt werden, weil morgen Gäste kommen.

Den Rest des Tages wirst du damit verbringen, Spuren zu beseitigen, den Sinn des Aufräumens für Gäste zu erläutern, Kleinkram zu erledigen und dich insgeheim zu ärgern, weil du von diesem Tag doch irgendwie mehr erwartest – mehr Zeit mit den Kindern, mehr Zeit mit „Deinem“, mehr Raum, nette Dinge zu tun, die Wochentags eben auch keinen Platz finden.

Vielleicht steht gegen Abend doch noch etwas Nettes auf dem Programm, eine Geburtstagseinladung zum Beispiel oder Gäste zum Kaffee, aber bis dieser Programmpunkt endlich da sein wird, ist dir schon längst die Decke auf den Kopf gekracht und dir ist jede Lust vergangen, dich jetzt noch einmal aufzuraffen und doch noch etwas Anständiges aus dem Tag zu machen.

So ist er, der Samstag, zumindest bei uns. Weder Werktag noch Sonntag, weder Pflicht noch Freiheit, nur so ein ärgerliches Zwischending, das sich nicht entscheiden kann, was es sein will. Manchmal wünschte ich mir, der Samstag wäre ein Werktag wie jeder andere. Dann wüsste man wenigstens, woran man bei ihm ist und würde von ihm nicht erwarten, was er nicht bieten kann.

Unknown

 

Käfer-Variationen

Als Familie kann man sich Käfer auf ganz unterschiedliche Varianten einfangen. Da gibt es zum Beispiel die komfortable Variante:

Papa hat Ferien, Mama hat Ferien, die Kinder haben Ferien und alle liegen krank im Bett. Keiner stört, um den Kindern Hausaufgaben vorbeizubringen, die Erwachsenen brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie ihre Arbeitskollegen hängen lassen und weil alle nur wie halbtote Fliegen herumliegen, braucht man sich höchstens mal aufzuraffen, um Tee oder Grießsuppe zu kochen. 

Auch nicht schlecht ist die folgende Kombination:

Wochenende, Mama (oder wahlweise Papa) ist krank, die Kinder haben Programm und die kranke Mama (oder der kranke Papa) kann sich umsorgen lassen.

Ebenfalls akzeptabel ist es, wenn ein Elternteil und ein paar Kinder krank sind. Dann können die Kranken fläzen und die Gesunden für alles Nötige sorgen. 

Ziemlich viel mühsamer wird es, wenn die folgende Situation eintritt:

Die Kinder haben Ferien, das Wetter ist saumässig, Papa muss arbeiten und Mama wird krank. 

Auch ziemlich blöd:

Papa und Mama müssen arbeiten, die Kinder werden krank und zwar schön einer nach dem anderen, damit man auch wirklich lange damit herausgefordert ist, alle Verpflichtungen irgendwie unter einen Hut zu bringen. 

Die dümmste aller Möglichkeiten aber ist diese hier:

Papa und Mama sind krank, Papa muss trotzdem arbeiten, weil er Praktikantinnen zu betreuen hat, der Haushalt bräuchte ganz dringend Zuwendung, ein Kind liegt ebenfalls im Bett, aber alle anderen sind a) quietschfidel und b) auf Chauffeurdienste, Hilfe bei den Hausaufgaben und warme Mahlzeiten angewiesen. 

„Meiner“ und ich haben uns heute für diese letzte Variante entschieden. Ein bisschen Spass hin und wieder muss doch einfach sein. 

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