Wie macht man das überhaupt?

Das ist mal wieder typisch für mich: Man bietet mir die Möglichkeit, eine Lesung abzuhalten, ich sage voller Freude zu, mache Werbung, verteile Flyers und plötzlich fällt mir glühend heiss ein, dass ich doch gar nicht weiss, was man an so einer Lesung macht. Klar, ich habe schon einige Lesungen besucht, damals, als ich noch jedes Wochenende für die Lokalzeitung unterwegs war. Aber das waren keine Kinderbuch-Lesungen, sondern Veranstaltungen, bei denen Autoren mit mehr oder minder bekannten Namen aus ihren Werken mit beeindruckenden Titeln tiefgründige Bandwurmsätze vorlasen, die keiner verstand. Meistens sassen die Autoren auf der Bühne eines schummrig beleuchteten Kleinkunst-Lokasl an einem wackeligen Tischchen, nippten zwischen  den Bandwurmsätzen gedankenverloren an ihrem Wasserglas und schauten hin und wieder über die randlose Brille forschend ins Publikum, um zu sehen, ob auch alle genügend beeindruckt waren. Das Ganze war äusserst Ehrfurcht gebietend und sehr sehr intellektuell. So intellektuell, dass ich danach kaum wagte, meinen Artikel zu schreiben, aus Angst, meine Sätze würden ob ihrer Einfachheit vom Autor nicht verstanden. Und wer, mit Ausnahme des Autors, liest denn schon Berichte über eine Lesung?

Dies also sind meine Erfahrungen mit Lesungen und somit weiss ich über meine Lesung nur, wie sie nicht sein wird.  Denn im Publikum werden wohl vorwiegend Kinder sitzen und die lassen sich gewöhnlich weder durch Bandwurmsätze noch durch gedankenverlorenes Nippen am Wasserglas beeindrucken. Kinder, das weiss ich nach Jahren des Vorlesens, lassen sich einzig und allein durch packendes Erzählen beeindrucken. Durch das Verstellen der Stimme, Augenrollen und hin und wieder eine witzige Randbemerkung. Also eine Vorlesestunde, wie wir sie fast jeden Abend mit unseren eigenen Kindern abhalten, vielleicht versüsst mit einer kleinen Leckerei. Klingt eigentlich ganz gemütlich und sollte auch nicht allzu schwierig werden, wo Geschichten erzählen doch meine absolute Lieblings-Mutterbeschäftigung ist.

Bloss eines ist mir nicht klar: Geht das dann als richtige Lesung durch, wenn ich mich aufführe wie auf dem heimischen Sofa? Oder muss ich mir vielleicht doch noch eine randlose Brille und ein wackeliges Tischchen besorgen?

Nachlese

– Zwei sehr grosse, sehr schwere und sehr stinkige Abfallsäcke die Treppe herunter geschleppt
– Ein sehr schmutziges und sehr trauriges Prinzchen getröstet, weil es nicht mitkommen durfte, um einen sehr sauberen und sehr fröhlichen Zoowärter in der Spielgruppe abzuliefern
– Gejubelt, weil der Ständerat die Einsicht hatte, dass Kinderkrippen auch in den kommenden Jahren vom Staat unterstützt werden sollen. Pläne geschmiedet, wie wir so rasch als möglich das Gesuch stellen können, damit unser Familienzentrum auch davon profitiert
– Dem Au-Pair einen Crash-Kurs im Risottokochen erteilt, obschon sie dies wahrscheinlich auch ohne Crash-Kurs geschafft hätte
– Ein sehr schmutziges und sehr trauriges Prinzchen getröstet, weil es nicht mitkommen durfte, um einen nicht mehr ganz so sauberen und sehr müden Zoowärter von der Spielgruppe abzuholen
– Den Auftrag erteilt, dass wir nächste Woche eine neue Heizung bekommen weil uns ja so langweilig ist und wir ganz dringend mal wieder ein wenig Action im Haus haben müssen
– Zur Kenntnis genommen, dass sowohl Karlsson als auch Luise der Meinung sind, dass das Menü bei Nachbars heute ansprechender ist als zu Hause, weshalb sie nicht mit uns essen werden
– Ein Mittagessen lang den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter davon abgehalten, einander die Köpfe einzuschlagen, weil sie einfach nicht damit klar kamen, dass wir ausnahmsweise nur zu viert am Tisch waren und deswegen die Auswahl an Streitpartnern arg eingeschränkt war
– 53 Viertklässler mit einem Vortrag zum Thema „Wie entsteht ein Buch?“und einem kurzen Werbespot für „Leone & Belladonna“ beglückt  und darüber gestaunt, wie wissbegierig diese Kinder doch sind
– Nach zwei sehr spannenden, erfrischenden Schulstunden  ein weiteres Mal gestaunt, weil man danach so ausgelaugt ist, als hätte man den Frühlings- und den Herbstputz an einem Stück erledigt
– Mich seeeeehr tief vor „Meinem“ verneigt, weil er es nicht nur schafft, seit zwölf Jahren ein engagierter Lehrer zu sein, sondern danach auch noch fast immer die Nerven hat, sich auf seine eigenen fünf Kinder einzulassen
– Vor einem riesigen Berg unerledigter Arbeit kapituliert, weil an einem unterbrochenen Bürotag einfach nichts mehr zu schaffen ist und weil das Telefon ohnehin alle drei Minuten klingelte
– Ausmalbilder ausgedruckt, weil Computer & Drucker sonst beleidigt gewesen wären, dass man sie an einem Bürotag einfach so links liegen lässt. Und natürlich auch, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat schon so lange darauf gewartet hat
– Mich auf dem Weg zu Luises Ballettstunde im Dorf, in dem ich seit elf Jahren lebe, so heillos verfahren, dass Luise beinahe zu spät gekommen wäre. Und das alles nur, weil ich so sehr in Gedanken vertieft war, dass ich die falsche Abzweigung erwischt habe
– Auf dem Heimweg von der Ballettstunde noch schnell mit Luise Käse in einer runden Schachtel gekauft, weil sie die Schachtel für den Werkunterricht braucht. Den Laden mit drei Käseschachteln verlassen, weil Luise nicht mehr wusste, wie gross sie sein muss. Wer den Münsterkäse essen wird, weiss ich nicht. Aber wir mussten ihn nehmen, weil Luise darauf bestand, dass seine Schachtel die perfekte Grösse hat.
– Den Monsterwocheneinkauf vom Lieferanten in Empfang genommen und mir angehört, wie erschöpft der Chauffeur nach einem langen Arbeitstag ist
– Auf der Treppe beinahe hingefallen, weil „Meiner“ mir mit einem Bier in der Hand entgegengerannt kam, als ich Taschen hochschleppen wollte.  Das Bier war übrigens für den übermüdeten Lieferanten, nicht für mich. Ich trinke kein Bier
– Dem Zoowärter „Is Muerters Stübeli“ gesungen
– Karlsson dazu bewegt, sich wieder einzukriegen, nachdem „Meiner“ so unverschämt gewesen war, ihn darum zu bitten, die Farbstifte im Garten zu holen
– Mich nach den Abendessen noch einmal aufgerafft, um zur Kleinguppe zu fahren
– In der Kleingruppe intensiv über meinen grossen frommen Schaden geredet und danach noch intensiver über unser aller grosse Frustration mit der Volksschule geklönt
– „Meinem“ eine gute Nacht gewünscht
– Eine Nachlese des Tages geschrieben und dabei gedacht „Wen interessiert das denn schon?“
– Den Post aus lauter Gewohnheit dennoch veröffentlicht

Gedankenkarussell

Gab es ein Leben davor? Und gibt es ein Leben danach? Also, ich meine vor dem Windeleimer. Und nach dem Windeleimer.

Warum sind dem FeuerwehrRitterRömerPiraten die Regeln der Kindergärtnerin heilig, die Regeln der Eltern aber ein zu ignorierendes Ärgernis?

Warum erfahre ich am Elternabend im Kindergarten nur, was mein Kind nicht tun darf, was wir Eltern bleiben lassen sollen und was der Lehrerin nicht passt? Wo sind sie bloss geblieben, die Zeiten als man zum Einstieg stimmungsvolle Bilder aus dem Kindergartenalltag anschauen durfte? Bilde ich es mir bloss ein, oder gab es da mal eine Zeit, als die Augen einer Kindergärtnerin noch leuchteten, wenn sie von ihren kleinen Schützlingen erzählte?

Geht es als Pause durch, wenn man während der Arbeitszeit zwanzig Minuten lang mit einer Freundin am Telefon Geschäftliches und Privates vermischt? Oder muss man sich danach trotzdem noch eine Pause gönnen?

Ist man durchgeknallt, wenn man sich fragt, ob man sich eine Pause gönnen muss?

Warum lassen sich kleine Jungs die Zähne erst dann widerstandslos putzen, wenn man ihnen diese doofe Geschichte von den Bakterienräubern erzählt hat?

Hat der FeuerwehrRitterRömerPirat tatsächlich seinen ersten Wackelzahn, oder bildet er sich dies bloss ein, weil er heute beim Schulzahnarzt war?

Gibt es eine Vereinbarkeit von Lesen und Schreiben? Oder muss man sich für das eine entscheiden und das andere lassen?

Warum schwirren die Wespen ausgerechnet dann herum, wenn das Jahr am schönsten ist? Können die nicht warten, bis ich mich wieder freiwillig in meine Höhle zurückziehe?

Und schliesslich noch meine Frage aller Fragen: Wäre ich auch ich, wenn ich nicht ich, sondern jemand anders wäre?

Mutterfreuden

Es ist da! Das lange herbeigesehnte und zig mal erwähnte jüngste Kind. Heute Nachmittag, nachdem ich von einem ziemlich ermüdenden Ausflug mit dem Zoowärter und dem Prinzchen nach Hause gekommen war, durfte ich es ganz überraschend in die Arme schliessen: Mein Buch! „Leone & Belladonna“ haben nämlich am Freitag ohne mein Wissen die Druckerei verlassen! Im Moment kann ich mein Glück noch nicht fassen, aber immerhin schwebe ich schon so sehr auf Wolke sieben, dass ich für einmal sogar ein sehr privates Bild zeige, eines von meinem jüngsten Baby & mir:

Ist schon bemerkenswert, wie viel frischer man nach der Geburt eines Buches in die Kamera blickt als nach der Geburt eines echten Babys….

Übrigens: Falls jemand mein Buch kaufen möchte dürft ihr euch gerne unter der Rubrik „Buch kaufen oder hier informieren.

Ich hab’s gesehen!

Es ist fast wie Kinderkriegen: Zuerst einmal liegt es in weiter Ferne, vielleicht wird man mal, vielleicht auch nicht. Dann, irgendwann, wird der Traum konkreter, man überlegt sich, ob man den Job aufgeben würde für ein Kind, wo man das Kinderzimmer einrichten würde, wie es heissen würde, wenn es ein Mädchen wäre, wie, wenn es ein Junge wäre. Und dann, eines Tages nimmt man allen Mut zusammen, geht das Risiko ein und wenn alles läuft, wie man sich das gemeinhin vorstellt, dann entsteht ein neues Menschlein. Anfangs ist das alles noch ziemlich irreal, man sieht nichts, spürt nichts, man hat nur einen Teststreifen mit zwei Linien drauf. Mit der Zeit dann wird die Sache konkret, der Bauch wölbt sich, man sieht erste Ultraschallbilder, spürt erste Bewegungen. Und dann, gegen Ende der Schwangerschaft, werden die Ultraschallaufnahmen immer klarer, man erkennt Gesichtszüge, kann sich vorstellen, wie das kleine Menschlein aussehen wird, wenn es erst mal aus dem Bauch kommt. Und plötzlich weiss man, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis man das Kind im Arm halten wird. Ein heiliger Moment.

Einen ähnlich heiligen Moment habe ich soeben erlebt: „Meiner“, Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter kamen von Karlssons Konzert nach Hause – ich werde dann morgen gehen und meinen Ältesten danach endlich wieder mit nach Hause nehmen – und brachten ein Programmheft mit. Was soll denn an einem Programmheft so besonders sein, mögt ihr euch fragen. Nun, für mich ist es ein ganz besonderes Programmheft, denn auf Seite 60 findet sich der Beweis, dass die Sache mit dem Kinderbuch nicht irgend ein Hirngespinst war, sondern dass es das Buch geben wird, ja, dass es nur noch wenige Tage dauern wird, bis ich es in den Händen halten werde. Das letzte Ultraschallbild, sozusagen. Das Bild, das mir bestätigt, dass der Traum, den ich schon als Kind geträumt habe, der Traum, den ich lange nicht in die Tat umzusetzen wagte, der Traum, bei dem es keine Garantie auf Erfüllung gab, der Traum, der mir neben dem Traum von einer gesunden Familie der Allerwichtigste ist, wahr wird. Nach Jahren des „Was wäre wenn…“, nach Monaten des „Trau‘ ich mich, oder lasse ich es bleiben?“, nach Wochen des „Ist mein Text gut genug? Machen die ein Buch draus?“ habe ich nun die Bestätigung: Ja, es ist ein Buch! Und eine CD dazu! Und der Name ist „Leone und Belladonna – Eine Adventsgeschichte in 24 Kapiteln“.

Und wie bei den Kindern die Sache erst richtig losgeht, wenn das Kind mal geboren ist, so fängt es auch bei einem Buch erst richtig an, wenn es gedruckt ist. Erst dann weiss man mit Sicherheit, ob das Kind gesund, das Buch gut genug ist. Erst dann weiss ich, ob Leone  und Belladonna den Weg von meinem Kopf in die Herzen der Leser finden werden.

Ist es eigentlich normal, dass ich in diesem Moment nicht nur beinahe platze vor lauter Freude, sondern auch beinahe zittere vor lauter Angst?

Die macht ja doch, was sie will

Da habe ich mir heute Nachmittag endlich wieder mal ein wenig Zeit genommen, mich der Hauptperson meiner neuen Geschichte zu widmen. Und was macht die Tante? Genau das Gegenteil von dem, was ich von ihr erwartet hätte. Da verbiete ich ihr ausdrücklich, sich zu verlieben und zwei Seiten später angelt sie sich den einzigen Mann, der in der Geschichte vorkommt. Eine halbe Seite später ist die verheiratet und noch zwei Zeilen weiter unten ist sie schwanger. Dabei hatte ich ihr doch gesagt, sie solle sich endlich mal mit ihrem verdrehten Weltbild auseinandersetzen, bevor sie nur daran denkt, sich fortzupflanzen. Ich will doch nicht, dass ihre Kinder genauso verdreht herauskommen wie sie. Aber was habe ich denn schon zu melden? Die Dame tut ohnehin, was ihr gefällt.

Die Sache macht mich ja schon ein wenig nachdenklich. Wenn ich es nicht einmal schaffe, eine fiktive Figur positiv zu beeinflussen, wie wird das dann erst mit meinen sehr realen Kindern werden? Was, wenn sie nach rechts abdriften, bloss weil ihre Mama links wählt? Was, wenn meine Tochter mit sechzehn Mama wird, bloss weil ich ihr sage, sie solle zuerst einen anständigen Beruf erlernen, bevor sie ans Kinderhaben denkt? Luise hat mir nämlich neulich eröffnet, dass sie von Beruf Mama werden will, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass Kinderhaben das grösste Glück auf Erden sei. Was, wenn meine Söhne zu Machos werden, bloss weil „Meiner“ und ich ihnen beizubringen versuchen, dass die Sache zwischen Mann und Frau am besten funktioniert, wenn die beiden auf Augenhöhe zueinander stehen.

Ich glaube, ich muss mich ganz dringend noch einmal hinter meine Geschichte machen. Um meine Überzeugungskraft ein wenig zu trainieren. Vielleicht schaffe ich es ja noch, dass die Hauptfigur mir gestattet, die letzten zwei Seiten zu löschen und so ungeschehen zu machen, was sie vermasselt hat. Ich fürchte aber, dass ich keinen Erfolg haben werde. Die Dame ist nämlich ganz schön verliebt und man weiss ja, was verliebte zu tun pflegen, wenn man sich ihrer grossen Liebe in den Weg stellt.

Harmoniesüchtig

So streitbar ich im realen Leben sein kann, wenn mir etwas oder jemand auf die Nerven fällt, so harmoniesüchtig bin ich, wenn ich Bücher lese. Egal, ob die Hauptfigur mit ihrer Mutter Zoff hat, ob Boyfriend Girlfriend auf dreckigste Art verlässt, ob Mama ihr Kind nicht liebt oder der Papa der Mama das Leben sauer macht, ich kann die Spannungen zwischen den Personen nicht ertragen und blättere über die Seiten, die mir so zu Herzen gehen. Oder ich lese kurz das Ende, um zu sehen, ob sich am Schluss alle wieder liebhaben und wenn dies nicht der Fall ist, lege ich mir am Ende einen alternativen Schluss zurecht, um mit der Disharmonie klarzukommen. Das geht sogar so bei Büchern, die ich schon in- und auswendig kenne. Von den unzähligen Malen, die ich „Pride & Prejudice“ gelesen habe, habe ich die Szene, wo Elizabeth den Heiratsantrag von Mister Darcy ablehnt vielleicht drei oder viermal gelesen. Ich kann es einfach nicht ertragen, dass dem armen Snob so viele ungerechtfertigte Vorwürfe an den Kopf geworfen werden.

Solange man nur liest, ist diese Harmoniesucht ja noch einigermassen erlaubt. Es kann einen ja niemand dazu zwingen, etwas zu lesen, was man nicht erträgt. Aber wenn man selber schreibt, dann wird die Harmoniesucht zum ernsthaften Problem: Da lasse ich meine Hauptfigur mit offenen Augen auf einen wüsten Konflikt zusteuern und im letzten Moment bekomme ich kalte Füsse und zwinge meine Hauptfigur dazu, jetzt ganz schnell für eine harmonische Lösung zu sorgen, weil ich sonst meine eigene Geschichte nicht ertragen kann. Meistens ist die Hauptfigur genauso harmoniesüchtig wie ich und dann ist sie so dankbar, dass ich sie vor dem Zoff gerettet habe, dass sie für viele viele Seiten schön brav tut, was ich von ihr will. Dann läuft das Schreiben wie geschmiert und die Geschichte wird immer langweiliger, bis am Ende sogar ich fast einschlafe. Manchmal aber ist die Hauptfigur gar nicht damit einverstanden, dass ich sie zu einer konfliktscheuen Marionette machen will und dann verweigert sie sich zuerst mal vollständig. Ich setze mich an den Computer und versuche zu schreiben, aber meine Hauptfigur schmollt und macht mir klar, dass sie erst dann wieder mitmachen wird, wenn ich ihr einen anständigen Konflikt biete. Weil ich auch Zoff mit meiner Hauptfigur schlecht ertragen kann, gebe ich irgendwann nach und was dann folgt, ist eine wilde Berg- und Talfahrt, während welcher die Figur sich einen Dreck schert um meine Bedenken und sich mit aller Welt anlegt. Dann gibt sie erst wieder auf, wenn sie jeden, der ihr über den Weg läuft, vor den Kopf gestossen hat. Und schliesslich, wenn sich die Hauptfigur genügend ausgetobt hat, dann lässt sie sich willig an der Hand nehmen und auf ein „happily ever after“  hinsteuern. Aber da mache ich nicht mehr mit. Denn wenn die Hauptfigur schon so eigenwillig Streit vom Zaun gebrochen hat, soll sie doch die Suppe auslöffeln, die sie sich eingebrockt hat. Die soll nicht glauben, ich würde ihr aus der Patsche helfen und alles wieder gerade biegen, was sie versaut hat.

Ätsch! Reingelegt!

Da erscheint auf beautifulvenditti wie gewohnt jeden Tag ein neuer Post mitsamt Bild von „Meinem“ und ihr alle glaubt, ich hätte über die Auffahrtstage nichts anderes zu tun als zu bloggen. Dabei bin ich mit Kind, Kegel und was man braucht, um Kind, Kegel und Eltern einigermassen zufrieden zu halten, also mit Schmusetierchen, Zahnbürsten, Duschgel und Handy, verreist. Aber als pflichtbewusste Bloggerin weiss ich natürlich, was ich meiner Leserschaft schuldig bin und deshalb habe ich „vorgebloggt“. Habe ich in meiner Zeit als Vollzeithausfrau gelernt: Wenn du keine Zeit zum Kochen hast, kochst du eben vor, wenn du keine Zeit zum Bloggen hast, bloggst du vor. Blog-Konserven, sozusagen.

Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende und ab morgen wird wieder frisch gekocht, ääähm.., ich meine gebloggt.

Mein kleines Jubiläum

Ob ich denn nicht bloggen möchte, fragte mich ein guter Freund vor etwas mehr als zwei Jahren, als ich jedesmal, wenn man mich fragte, wie es mir gehe, den Tränen nahe war. Was mich so unglücklich sein liess? Nun, es gab viele Gründe, aber einer der Hauptgründe war, dass in meinem Kopf so viele Sätze herumschwirrten, dass ich aber keine Möglichkeit sah, diese Sätze jemandem zugänglich zu machen. Dennoch war ich zuerst mal skeptisch, als der Vorschlag mit dem bloggen kam. Bloggen ist doch bloss etwas für Freaks, dachte ich. (Denke ich eigentlich noch immer, aber inzwischen habe ich feststellen müssen, dass ich selber ein Freak bin.) Etwas für Freaks, die ihre unwichtigen Gedanken ins Universum hinaus brüllen und vergeblich auf eine Antwort warten.

Weil ich mich nicht entscheiden konnte, schritt unser Freund zur Tat: „Was meinst du zum Namen ‚beautifulvenditti‘?“, fragte er mich ein paar Tage später und noch ehe ich mich entschieden hatte, ob ich mich auf das Abenteuer einlassen solle, war mein Blog eingerichtet und zwei Tage später mailte unser Freund: „Wann fängst du an zu schreiben? Ich warte auf deinen ersten Post“. Und so fing ich eben an, zögerlich zuerst und stets bereit, die Sache beim geringsten Widerstand wieder aufzugeben. Doch bald schon stellte ich fest, wie beruhigend es ist, wenn man sich in einer schlaflosen Nacht nicht mehr unruhig im Bett herumwälzen muss, sondern aufstehen und schreiben kann. Mit der Zeit kamen auch die ersten Kommentare und damit verschwand auch das Gefühl, dass ich ins Leere schreibe. Irgendwann schliesslich kam der Tag, an dem ich zum ersten Mal mehr als hundert Leser hatte. Ich weiss, das sind nicht besonders viele, aber gebt einem Schreiberling das Gefühl, seine Texte würden gelesen und er mutiert zum glücklichsten Menschen auf diesem Planeten. Und von da an hört er nicht mehr auf, diesen Planeten mit seinen Texten zu beglücken, auch wenn der Planet sich auch ohne das Geschreibsel fröhlich weiterdrehen würde.

Warum ich das alles ausgerechnet heute schreibe? Weil ich gestern diesen Planeten mit meinem 500. Post beglückt habe und mich das ein kleines bisschen sentimental stimmt.

Und weg damit!

Sie ist unterwegs, die Endfassung meines Buches. So, wie der Text ist, wird er auch bleiben, es sei denn, das Lektorat habe noch Änderungsvorschläge. Und wieder brauchte es einen Tritt in den Hintern, bevor ich das Ding endlich abgeschickt habe. Zwar nicht mehr einen so heftigen, wie beim ersten Mal, als ich den Mut aufbringen musste, den Text überhaupt fremden Augen zum Lesen zu geben. Aber auch heute hat es mich viel Überwindung gekostet, endlich auf „senden“ zu klicken. Immer wieder habe ich den Moment hinausgezögert, an dem ich mich definitiv von dem Text verabschieden muss. Der Tag, an dem es kein Zurück mehr gibt. Doch was ist, wenn ich etwas Wichtiges übersehen habe? Was, wenn mir im Nachhinein doch noch eine Schwachstelle auffällt, die ich hätte ausmerzen sollen? Was, wenn ich doch noch eine zündende Idee habe, die ich eigentlich noch hätte einbringen sollen, um die Geschichte abzurunden?

Kurz: Was, wenn die Sache nicht so perfekt ist, wie ich sie gerne hätte? Mir graut schon heute vor dem Tag, an dem ich mein Buch in den Händen halte und all die vermeidbaren Fehler entdecke, über die ich mich bei all den anderen Büchern, die mir in die Finger kommen, jeweils so aufrege. Und doch ist mir inzwischen klar geworden, dass es auch bei Büchern keine Perfektion gibt, dass es immer etwas gibt, das man verbessern könnte, dass jemand anders dieselbe Gesichte anders und vielleicht auch besser erzählt hätte. Und so muss ich es loslassen, mein erstes Buch, muss es auf die Reise schicken. Denn ohne Loslassen gibt’s keine Leser. Und ohne Leser ist jedes Schreiben im Grunde sinnlos. Zumindest für mich.