Abreisefertig

„Meiner“ ist schon unglaublich! Man schaue sich bloss das Bild an, das er gestern meinem Post hinzugefügt hat – ich habe ja weder Kamera noch Kabel mitgenommen – und man sieht, wie er mit dem Zaunpfahl winkt: Zeit, nach Hause zu kommen, Frau Venditti. Zurück zu Playmobil, Staubsauger, Steuererklärungen und dergleichen.

Aber „Meiner“ hätte nicht mit dem Zaunpfahl zu winken brauchen. Mir ist auch so mehr als bewusst, dass es heute Nachmittag vorbei ist mit dem süssen Nichtstun. Noch einmal Sauna, noch einmal einfach an den gedeckten Tisch sitzen und mich bedienen lassen, noch sechs Stunden in meiner eigenen kleinen Welt und dann geht’s wieder los.

Freue ich mich? Ich weiss es nicht. Es ist wohl beides: Ich kann es kaum erwarten, das Prinzchen an mich zu drücken, die witzigen Sprüche des Zoowärters zu hören, mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten über Cäsar zu fachsimpeln, mit Luise zu quatschen, mir von Karlsson seine neuesten Fortschritte am Computer zeigen zu lassen und mit „Meinem“ über die nächsten Schritte in unserem Leben auszutauschen. Ich freue mich, zu wissen, dass ich wieder soweit gesund bin, dass ich drei Tage alleine sein kann, ohne in ein tiefes Loch zu fallen und ich bin dankbar, dass ich mich einfach mal entspannen konnte, etwas, was ich zuerst mal habe lernen müssen. Aber jetzt kann ich es und zwar gut.

So gut, dass ich gerne noch länger bleiben würde. So gut, dass ich mich ein wenig fürchte vor dem, was mich zu Hause erwartet, dieses laute, unkontrollierbare Etwas, genannt Alltag. Aber bevor ich mich dem wieder stelle, verschwinde ich jetzt erst mal in der Sauna.

Geniessen

Es ist schon verrückt: Da sorge ich mich wochenlang, ob das auch wirklich möglich sei, dass ich für ein paar Tage verreise. Ich kämpfe mit den Tränen, wenn ich daran denke, meine Kinder zurückzulassen. Ich fürchte mich vor dem Alleinsein. Und kaum bin ich weg – ja, dann bin ich eben weg. Versunken in einer anderen Welt, alleine mit mir und meinen Gedanken, meinen Träumen, meinen Fragen, meinen Gebeten, meinen Geschichten.

Und ich bin glücklich.

Kein sehnsüchtiges Fragen, was meine Kinder wohl gerade jetzt in diesem Moment tun. Kein Sorgen, ob „Meiner“ daran denkt, dass er heute zum Mittagessen auf keinen Fall Pizza servieren darf, weil das Tageskind keine Pizza mag. Kein Brüten über dem, was in unserem Leben noch nicht so läuft, wie wir uns dies wünschen. Keine Tränen vor dem Einschalfen. Ich geniesse einfach, lebe in den Tag hinein. Schreibe, wenn mir nach Schreiben ist, entspanne mich in der Sauna, wenn ich Lust auf Wärme habe, stapfe durch den knietiefen Schnee, um endlich den Meditaionsweg zu finden, den ich letztes Jahr nicht suchen konnte, weil ich das Prinzchen, das damals dabei war, nicht dem Schneestrum aussetzen wollte.

Klar, mein Alltagsleben ist immer präsent, irgendwo im Hinterkopf. Und natürlich nütze ich jede Gelegenheit, um von meinen grossartigen Kindern zu erzählen. Das Verrückte dabei ist: Wenn ich von ihnen erzähle, wird mir mal wieder so richtig bewusst, dass sie wirklich grossartig sind. Das ist so viel einfacher zu sehen, wenn man dabei nicht den Geruch voller Windeln in der Nase und den Anblick der zerkritzelten Wände vor Augen hat. Und wenn dann noch ein zweiundachtzigjähriger Tischnachbar findet, der FeuerwehrRitterRömerPirat müsse ein wahres Genie sein, dann geht das natürlich runter wie Butter. Und wenn man sich nicht mit dem Unfug herumschlagen muss, den das „wahre Genie“ sich den lieben langen Tag ausdenkt, dann könnte man in Versuchung kommen, dem alten Herrn gar Recht zu geben.

Aus der Ferne besehen ist meine Familie einfach perfekt. Und ich schätze es ungemein, dass ich sie für einmal aus der Ferne besehen darf und nicht mitten im Chaos stecken muss. Es wird mir hoffentlich dabei helfen, auch mitten im Trubel wieder vermehrt das Schöne zu sehen.

Gastfreundschaft

Hach, wier ich das Ländli liebe! Da wird dir von A bis Z jeder Wunsch von den Augen abgelesen. Kleines Beispiel gefällig? Gestern Abend, als ich mich zum Abendessen an den mir zugewiesenen Tisch setzte, packte mich das Grauen. Mir gegenüber sass eine nette alte Dame, die zwar freundlich dreinschaute, jedoch kein Wort sagte und die beim Essen, nun sagen wir mal etwas Mühe hatte mit dem Kauen. Wofür ich durchaus Verständnis habe. Aber da ich zu Hause ja häufig genug sehr junge Menschen um mich herum habe, die Mühe haben mit dem Kauen, ist mein Bedürfnis klein, in meinen Ferien sehr alten Menschen dabei zuzusehen, wie sie mit dem gleichen  Problem kämpfen wie meine Kinder.

Zu meiner Rechten sass ein älteres Ehepaar. Er ein ziemlich ungeduldiger Herr, der verzweifelt nach einem Grund suchte, sich zu beklagen. Sie eine dominante Dame, die „Ihren“ unablässig auf kleine Fehlerchen aufmerksam machte und gleichzeitig die andere Tischnachbarin dazu zu zwingen versuchte, sich nach ihrer Heimkehr die Mahlzeiten vom Mahlzeitendienst nach Hause liefern zu lassen, obschon die Frau versichterte ihre Nachbarin werde für sie kochen.

Mich behandelte man wie Luft, was für mich eigentlich kein Problem gewesen wäre, hätte ich nicht irgendwann erfahren, dass meine netten Tischgenossen bis Donnerstag bleiben würden. Okay, dachte ich, den Rest deines Aufenthalts wirst du geniessen, aber die Mahlzeiten werden eine Qual bleiben. Als  ich „Meinem“ am Telefon mein Leid klagte, meinte er, ich solle sofort reklamieren.

Aber im Ländli musst du nicht reklamieren. Es genügt, wenn du am Morgen der Chefin des Restaurants einen belsutigten Blick zuwirfst, als der Tischnachbar sich darüber aufregt, dass seine Kaffeetasse nicht nullkommaplötzlich aufgefülllt wird. Und schon raunt dir die Restaurantchefin verschwörerisch zu: „Wollen Sie den Tisch wechseln? Wäre ja schade, wenn Sie die ganze Zeit hier sitzen müssten.“ Und das an einem durch und durch frommen Ort!

Kein Vorwurf im Sinne von „Hey, du bist Christ, also ertrage gefälligst deine Nächsten, wenn du diese schon partout nicht lieben willst.“ Sondern: „Du bist mein Gast. Ich will, dass du dich wohlfülst und dass du mal frei sein kannst von all den mühsamen Seiten des Lebens. Also vergiss die nervenden Tischnachbarn. Ich sorge dafür, dass du heute Mittag angenehmere Gesellschaft hast.“

Genau darum liebe ich das Ländli.

Dann eben nicht

Noch keine zehn Minuten aus dem Haus, und schon merke ich, dass ich etwas vergessen habe. Das erste Mal in meinem Leben bin ich kinderlos unterwegs zu einem Ort mit Wellness-Oase und was muss ich zu Hause vergessen? Das Badekleid natürlich. Ich hätte ja auch die Haarbürste vergessen können. Oder die Zahnpaste. Oder im schlimmsten Fall auch das Kuschelkissen. Aber doch nicht das Badekleid!

Was tun? Noch einmal nach Hause gehen, kommt nicht in Frage, denn bald kommt Luise von der Schule nach Hause. Es ist ja keineswegs so, dass ich Luise nicht liebend gerne sehe. Aber ich will ihr eine zweite Abschiedsszene ersparen, wo ihr  (und mir) doch die erste schon so sehr zu Herzen gegangen war. Also nehme ich wie geplant den Zug nach Zürich und mache mich dort auf die Suche nach einem Badekleid. Und das mitten im Winter. Nun ja, irgendwie muss man sich das Leben spannend gestalten.

Als Erstes probierte ich es im Sportgeschäft am Hauptbahnhof. Da gibt es, zwischen Skijacken und Schneeschuhen tatsächlich Badekleider. Und zwar Oma-Badekleider, das Stück für nur 179 Franken. Okay, so viel ist mir die Wellness-Oase dann auch wieder nicht Wert. Also auf in die Sadt zu C & A. Dort aber herrscht noch tiefster Winter. So irre ich schon bald durch die Sportabteilung von Manor. Fragen traue ich mich nicht. Ich will ja nicht, dass die mich in die psyhiatrische Klinik einliefern. In einem abgelegenen Winkel werde ich schliesslich fündig. Zwischen überteuerten Adidas-Schwimmanzügen und Speedo-Bikinis finde ich den hässlichsten Bikini, den man je gesehen hat, – braun mit gepolstertem BH und Plastikperlen am Träger, – für nur 14 Franken. Einen Bikini habe ich zum letzten Mal im zarten Alter von vier Jahren getragen. Es gibt sogar noch ein Bild davon. Als Beweis, dass ich schon damals fürchterlich aussah im Bikini.

Doch die Wellness-Oase lockt und deshalb erstehe ich das hässliche Ding. Für drei Tage werde ich wohl einen Bikini tragen können. Es kennt mich ja Keiner hier im Ländli. Und unter den vielen älteren Damen, die in dieser Jahreszeit das Hauptpublikum ausmachen, werde ich trotz meinen Speckröllchen noch jung und knackig aussehen. Besser als ein überteuerter Oma-Anzug oder gar nicht baden ist das hässliche Teil allemal.

So dachte ich, bis ich, kaum in meinem Zimmer angekommen, in das Ding schlüpfte und feststellte, dass das gar kein Bikini ist, sondern einer jener potthässlichen Anzüge, die zwischen Höschen und BH einen jener abscheulichen Streifen haben, die jede Frau, die nicht Topmodelmasse hat, wie einen gestrandeten Wal, der probiert, auf sexy zu machen, aussehen lässt.

Okay, dann bade ich eben doch nicht. Aber es gibt ja hier auch noch eine Sauna.

Der perfekte Hausmann schlägt zu

Noch bin ich nicht weg, da beginnt „Meiner“ schon, mir zu zeigen, wie man es schafft, nicht im Chaos zu landen. Hüpft morgens um Viertel nach sechs fröhlich aus dem Bett und steht Minuten später frisch geduscht und angezogen da und beginnt, Wäsche wegzuräumen – „Nachher habe ich ja keine Zeit mehr dazu“ – und die Waschmaschine zu entstopfen.

Alles, was ich dazu sagen kann: Streber!

Letzte Vorbereitungen

So langsam mache ich mich bereit, abzureisen. Die Tasche ist zwar noch nicht gepackt, aber immerhin habe ich mich inzwischen damit abgefunden, dass ich keine Ausrede habe, zu Hause zu bleiben. Nun, eigentlich will ich ja gar nicht zu Hause bleiben, ich freue mich ja auf die vier freien Tage. Irgendwie. Und irgendwie freue ich mich eben auch nicht. Aber bis jetzt haben einzig meine Mutter und eine Freundin, die selber Mutter von sechs Kindern ist, verstanden, weshalb meine Gefühle derart gespalten sind.

Nun, wie dem auch sei: Morgen reise ich ab. Vielleicht schon um Viertel nach zehn, vielleicht auch erst eine Stunde später. Oder vielleicht bleibe ich auch bis nach dem Mittagessen. Denn es zerreist mir fast das Herz, wenn ich Luise weinen höre, weil sie mich bereits im Voraus vermisst. Und dann kann ich „Meinen“ doch unmöglich im Montagmorgen-Chaos alleine lassen. Oder kann ich?

Vorbereitet habe ich ja alles. Am Küchenschrank hängt eine Liste mit allen wichtigen Dingen, die es in den nächsten Tagen zu beachten gibt. Wer zu welcher Zeit womit ausgerüstet an welchem Ort sein muss, welches Tageskind wann zum Mittagessen kommt und was diese auf keinen Fall essen, wann die leere Biokiste raus und die volle rein muss und dergleichen. Alles bis ins kleinste Detail aufgeschrieben. Und das alles hat Platz auf einer mickrigen A4-Seite.  Leiste ich wirklich so wenig, dass mein Alltag auf einer A4-Seite Platz hat? Die paar wenigen Fixpunkte am Tag kann sich jeder, der einigermassen zuverlässig ist, merken. Also muss es an dem, was zwischen den Fixpunkten sattfindet liegen, dass ich abends jeweils auf dem Zahnfleisch gehe. Das Unvorhersehbare, das Überraschende, das sich Überschneidende wird es also sein, was mich immer wieder dazu bringt, den Überblick zu verlieren und lauthals zu brüllen vor lauter Frust.

Oder bilde ich mir am Ende das alles bloss ein? Ist mein Alltag tatsächlich nicht komplizierter als er auf dem Papier aussieht? Bin vielleicht ich das Problem? Ich weiss es nicht. Noch nicht. In vier Tagen wird mir „Meiner“ sagen können, ob es für ihn auch so war, wie es für mich ist. Und somit habe ich eine neue Angst, die ich hegen und pflegen kann: Was, wenn „Meiner“ am Donnerstag findet, die vier Tage seien ein Spaziergang gewesen und er könne nicht verstehen, weshalb ich jeweils so laut jammere über mein Dasein als Hausfrau?

Ja, was dann? Na, ist doch klar: Dann kann er für die nächsten zehn Jahre den Laden schmeissen. Bloss wie ich ihn dazu bringe, in dieser Zeit auch noch fünfmal schwanger zu sein, weiss ich noch nicht. Denn ohne die Schwangerschaften erlebt er das wahre Hausfraundmutter-Feeling nie. Aber ich habe ja vier Tage Zeit zum darüber nachdenken…

Ätsch!

Eigentlich hatte ich gedacht, dass Schwiegermama sich jetzt endlich damit abgefunden hat, dass ihr einziger Sohn die falsche Frau geheiratet hat. Anfangs war sie nämlich gar nicht begeistert von seiner Wahl, weil ich a) viel zu klein, b) zu schweizerisch und c) zu wenig katholisch und zu sehr protestantisch war. Ich wiederum war entrüstet, dass sie die Tulpen, die meine Mutter mir mitgegeben hatte, achtlos liegen liess. An unserer Hochzeit schaute sie drein, als befinde sie sich auf einer Beerdigung und als sie das erste Mal  bei uns ass, rief sie nachher „Meinen“ an um ihm mitzuteilen, dass mein Risotto ungeniessbar gewesen sei. Als schliesslich Karlsson geboren wurde, wurde die Sache noch schwieriger. Sie wollte ihr erstes Enkelkind so oft wie möglich sehen, was ich mit allen Mitteln zu verhindern suchte, weil ich mich bei jedem Besuch fühlte wie Rapunzels Mutter, die ihr Kind nicht der bösen Hexe überlassen wollte. Nicht, dass meine Schwiegermama eine Hexe wäre, aber man weiss ja, wie Schwiegermamas und Schwiegertöchter zuweilen voneinander denken.

In letzter Zeit hat sich unsere Beziehung aber normalisiert und meistens habe  ich das Gefühl dass sie für mich eine Frau geworden ist wie jede andere. Bis heute Morgen „Meiner“ zwei Nachthemden anschleppte, die Schwiegermama noch nie getragen hat und die sie, weil sie ihr zu klein  sind, an mich weitergereicht hat. Was in Schwiegertochters Augen einer Kampfansage gleichkommt. Wie, ihr versteht nicht, warum das eine Kampfansage sein soll? Ja, wisst ihr denn nicht, was Schwiegermamas mit solchen Schachzügen bezwecken wollen? Es ist doch sonnenklar: Die Frau will, dass „Meiner“ aus dem Ehebett auszieht. Denn welcher Mann würde schon mit einer Frau im gleichen Bett schlafen wollen, wenn sie aussieht wie seine Mutter? Nun, ich lasse mich nicht auf das Spielchen ein. „Meiner“ bleibt im Ehebett und die Nachthemden wandern in die Verkleidungskiste. Ätsch!

Und plötzlich steckst du mittendrin

Ein gesellschaftlicher Missstand, der dich seit Jahren beschäftigt, ein paar tiefschürfende Gespräche mit Menschen, die sich ähnliche Gedanken machen wie du, ein paar gute Ideen und ein paar Einblicke ins Leben von Menschen, die es nicht so gut haben wie du. Das ist alles, was es braucht, um das Karussell deiner Gedanken in Gang zu setzen. Dann noch eine Sitzung, an der klar wird, dass aus den Träumen und Ideen ein handfestes Projekt werden könnte und schon steckst du mittendrin. Zerbrichst dir den Kopf, wie man die Sache angehen könnte, suchst nach geeigneten Leuten, die dir dabei helfen könnten, die Idee voranzutreiben, entwirfst erste Grobkonzepte.

Bald schon beginnt das Telefon permanent zu klingeln. Die Leute haben Fragen, weitere Ideen, Wünsche. Zwei, dreimal täglich hängst du am Draht wegen der Sache und dabei hast du offiziell noch gar nicht angefangen mit der Arbeit. In den Gesprächen wird dir klar, dass du da noch einige Wissenslücken hast, dass du dir Grundlagen erarbeiten musst, wenn du das Projekt voranbringen willst. Dass du ein paar Kniffe kennen musst, wenn das Ding nicht zum Vornherein zum Scheitern verurteilt sein soll. Und schon hast du dich für einen zwölfmonatigen Fernkurs eingeschrieben und überlegst dir gar, ob du die freien Tage im Ländli zum Lernen einsetzen sollst.

Die Sache macht dir unglaublich viel Spass. Endlich mal etwas anderes als Abfallsäcke die Treppe runter schleppen und volle Einkaufstaschen wieder hoch schleppen. Endlich mal etwas, was zumindest einen Hauch von Professionalität in dein sonst so chaotisches Leben bringt. Das alles gibt dir so viel Auftrieb, dass dir nicht bewusst wird, dass die gute Sache einen kleinen, aber bedeutenden Haken hat, dass du dabei bist, etwas zu tun, was du nie mehr hattest tun wollen. Erst als dir „Deiner“ in den Hintern tritt, Freundinnen und Freunde dir ins Gewissen reden, dein Kontostand dich zum Grübeln bringt, wird dir bewusst, was da falsch ist: Du arbeitest mal wieder gratis. Für deinen Job als Familienfrau wirst du ja auch nicht entschädigt und was hast du denn schon vorzuweisen, was sich mit Geld aufwiegen liesse? Als ob die Kinder vom Idealismus der Mama satt würden. Als ob sich die Bankzinsen mit der Befriedigung, die du aus der Arbeit ziehst, abzahlen liessen. Als ob du die Frühlingsschuhe für die Familie mit deiner Begeisterung bezahlen könntest.

Ach, du dumme Mama!

Nicht mein Tag

Eine Stunde zu früh erwachen, Pfütze im Bad aufwischen, die der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Duschen hinterlassen hat und mich dabei fragen, weshalb ich so blöd gewesen war, auf „Meinen“ zu hören, als er neulich in der Ikea behauptet hatte, wir bräuchten keinen zweiten Duschvorhang, wo ich doch ganz genau wusste, dass wir einen brauchen, weil meistens ich die Sauerei aufwische (bin ja auch mehr zu Hause), FeuwerwehrRitterRömerPirat aus dem Haus jagen, weil er sich weigert, ohne Zoff mit Mama das Haus zu verlassen, Prinzchen verteilt hundert  Strohhalme auf dem schmutzigen Fussboden, ein verschollener Winterstiefel ausgerechnet an dem einen Tag im Jahr, wo man beide gebraucht hätte, zu spät aus dem Haus in Mutters zu grossen Winterstiefeln, im Auto zwei übermüdete Jungs und ein überteuerter Blumenstrauss für Schwiegermama, die im Spital liegt, zehn Minuten warten vor der Zimmertür, weil die Ärzte nicht in Anwesenheit der Schwiegertochter mit Schwiegermama reden wollen, zwei inzwischen nicht bloss übermüdete, sondern auch überhitzte und überdrehte Jungs, die in Schwiegermamas Zimmer unbedingt jetzt sofort ein warmes und darum flüssiges Bananenjoghurt essen wollen, viel zu spät nach Hause, wo Mutter zum Glück schon Trüffelravioli (Trüffel? An einem Donnerstag?) gekocht hat, schnell noch Spaghetti kochen, weil das Tageskind keine Trüffel mag, Streit schlichten, weil der Zoowärter vier Mini-Cornets verdrückt hat, während alle anderen nur drei hatten, Streit schlichten, weil Tageskind 1 und Tageskind 2 aneinander geraten sind, Strohhalme endlich zusammenlesen, Küche wieder halbwegs sauber machen, damit die Kinder wieder genügend saubere Fläche haben, die sie mit Joghurt verschmieren können, erster Versuch, eine Pause einzulegen und zwar mangels ansprechender Lektüre mit irgend einem Schinken von Susan Wiggs, den ich von einer Fremden geschenkt bekommen habe, Versuch scheitert, weil Zoowärter und FeuerwehrRitterRämerPirat einen Kampf mit teuren Pfannendeckeln austragen, zehn Minuten bloggen und dabei hundertmal unterbrochen werden, erneuter Versuch, eine Pause einzulegen, wieder mit dieser unsäglichen Susan Wiggs, zweiter Versuch scheitert, weil Luise die Haare fürs Ballett zusammengebunden haben will, Luise einschärfen, dass sie nie, aber auch gar nie Vollzeithausfrau werden soll, Mutter, ja, aber nicht Vollzeithausfrau, verstanden?, ein letzter Versuch, eine Pause einzuschalten, wieder gescheitert, weil die Krankenkassen schon wieder auf Kundenfang sind, obschon wir noch keinen Monat bei der neuen Kasse versichert sind und weil unser Telefon mit Rufnummererkennung kaputt ist, war ich so blöd, den Anruf entgegenzunehmen (hätte ja etwas Wichtiges sein können, zum Beispiel eine Anfrage, ob ich die nächste Bundespräsidentin werden möchte oder so), Weissleim von Esstisch, Fussboden und Sitzbank entfernen und dazu Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten daran erinnern, dass wir immer eine Zeitung unterlegen beim Basteln (oder am liebsten gar nicht basteln), Schwarzwurzeln rüsten und zwar so, dass alle noch halbwegs sauberen Wände mit schwarzen Spritzern verziert sind, vier Söhne bei Mutter deponieren um eine Tochter inklusive Freundin vom Ballett abzuholen und zwar in offenen Stöckelschuhen durch den doch ziemlich tiefen Schnee, weil sich inzwischen auch noch der zweite Winterstiefel aus dem Staub gemacht hat, nach Hause die Schwarzwurzeln fertig rüsten und den Krautstiel dazu und dazwischen immer wieder Streit schlichten, aus voller Kehle „Ruhe!“ brüllen, bis der Hals kratzt, dazwischen ein paar Sätze Susan Wiggs, weil die Realität inzwischen noch anstrengender ist als das ewige Gesülze im Roman, „Meinen“ begrüssen und eine Diskussion vom Stapel reissen, einfach so, weil irgend einer ja den ganzen Frust des Tages abbekommen muss, essen und gleichzeitig verhindern, dass das Prinzchen die Küche in ein Schwarzwurzelfeld verwandelt – Dreck hätte es ja genug auf dem Boden, aber in gekochtem Zustand werden die Schwarzwurzeln ja wohl kaum Wurzeln schlagen, – den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten ermahnen, weil sie alle Playmobil-Gebäude, die gestern so liebevoll aufgestellt worden waren, wieder eingerissen h aben, die frisch aufgeschäumte Milch verschütten und den Kaffee dazu und danach natürlich alles wieder aufwischen, Prinzchen im Bett versorgen, Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat im Bett versorgen, die Küche mit dem Hockdruckreiniger reinigen (zumindest in Gedanken, in der Realität blieb es bei Besen und Mikrofaser-Lappen), Luise und Karlsson ins Bett schicken, fertig aufräumen, kollabieren.

Und das alles ohne eine einzige Pause.

Mitten im Hundertmorgenwald…

… scheinen wir seit Neuestem zu leben. Dies zumindest schliesse ich aus der Tatsache, dass Winnie the Pooh bei uns ein- und ausgeht als wäre es die selbstverständliche Sache der Welt. Mal sitzt er auf dem Sofa und schaut sich Bilderbücher an, mal sitzt er am Tisch und schmiert sich Honig auf die Pfoten, mal kommt er mit mir einkaufen oder auf Spitalbesuch zur Schwiegermama. Und nachts schläft er beim FeuerwehrRitterRömerPiraten im Bett. Ein ganz netter Kerl, dieser Winnie the Pooh. Fröhlich und freundlich, ganz wie man sich ihn vorstellt. Einzig dass er manchmal das Prinzchen plagt, befremdet mich ein wenig. So etwas hätte ich von ihm nicht erwartet. Von mir aus kann er dennoch gerne bleiben, er bereichert unsere Familie ungemein.

Nur einen Haken hat die Sache: Seit Winnie da ist, ist der Zoowärter spurlos verschwunden. Wo der Kleine bloss stecken mag?