Squeamish

War das wiedermal eine Szene. Ein Regenwurm, der sich im Wäschekorb verirrt hatte, – nein, bitte keine Fragen, wie der dahin gekommen ist, sonst werde ich wieder wütend – ein neugieriges Prinzchen, das den Wurm ohne Furcht in die Hand nimmt und eine Mama, die in den höchsten Tönen kreischt. „Nein, Prinzchen, schmeiss diesen schrecklichen Wurm weg! Bitte, weg damit!“ Natürlich stimmt das Prinzchen in das Gekreisch der Mama ein, weil er glaubt, er hätte etwas ganz Böses getan und so stehen wir zu zweit in der Waschküche, kreischend, das Prinzchen heulend, ich den Tränen nahe, das Prinzchen immer noch mit dem Wurm in der Hand. Ich will mich schon aufmachen, um die furchtlose Luise aus dem Bett zu holen, damit sie den Wurm in den Garten befördert, da naht die Rettung in Form meiner Mutter. Ich fühle mich wie eine Dreijährige: Mama muss kommen, um das Prinzchen und mich vor dem garstigen Wurm zu retten.

Nun ja, ich bin eben ein ganz kleines bisschen, ähm, wie soll ich bloss sagen,  ja, squeamish eben. Wer nicht weiss, was squeamish bedeutet, muss sich einfach vorstellen, wie ich kreischend in der Waschküche stehe, dann weiss er es. In der deutschen Übersetzung steckt für meine Ohren einfach zu wenig Gekreische drin…

Ach, mein Prinzchen….

Der heutige Tag begann mit einem dumpfen Gepolter, gefolgt von lautem Prinzchen-Gebrüll. Nachdem mein Jüngster sich von seiner abenteuerlichen Kletterpartie aus dem Gitterbett erholt hatte, döste ich weiter. „Meiner“ war ohnehin schon aus dem Bett und so dachte ich mir, ich könnte das Kerlchen ruhigen Gewissens ein wenig durch die Wohnung strolchen lassen. Leider hatte ich vergessen, dass gestern jemand bei uns ein paar diese Zuckerschaum-und-Milchschokolade-Dinger (politisch unkorrekt in der Schweiz nach wie vor „Mohrenköpfe“ genannt) bei uns deponiert hatte und so wurde ich beim nächsten Erwachen eines Zuckerschaum-und-Milchschokolade-verschmierten Prinzchens gewahr. Dieses war sein erster Streich…. aber ein wahres Prinzchen hat auch am frühen Morgen schon viel mehr in Petto. Zum Beispiel, auf den Trip Trap klettern und mit der grossen Schöpfkelle Kakao in die daneben stehende Pfanne zu schaufeln, während Mama Karlsson dabei hilft, zu üben, wie er der Lehrerin gestehen könnte, dass er vergessen hat, das Zeugnis abzugeben. Oder sich an den Bonbons gütlich zu tun, die eigentlich für Karlssons morgige Schulreise bestimmt gewesen wären. Gut, die Dinger waren zuckerfrei, aber das Prinzchen hat wohl nicht daran gedacht, dass auf der Schachtel steht, das Zeug könne „bei übermässigem Verzehr abführend wirken“. Zwischendurch schaffte es der Schlingel auch noch, sich einen Stock tiefer zur Grossmama abzusetzen, waghalsige physikalische Versuche mit einem – Gott sei Dank leeren – Trinkglas durchzuführen, zu testen, ob der Tonkrug auch nach dreissig Jahren, die er schon in Gebrauch ist, noch stabil ist, noch einmal zur Grossmama durchzubrennen, mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten um den „Bä!“ren zu streiten und dann noch ein paar Dinge mehr, die ich inzwischen vergessen habe, weil ich ja so ganz nebenbei noch Luises Rucksack für die Schulreise packen musste, dafür zu sorgen hatte, dass alle geputzt, gestriegelt und obendrein noch rechtzeitig aus dem Haus gehen und zwischendurch versuchen musste, ein paar Bissen Frühstück in mich hineinzubringen.

Das alles brachte unser Prinzchen in weniger als neunzig Minuten zustande und jetzt frage ich mich natürlich, ob die Zeit noch reicht, ein Baugesuch für einen Tischlerschuppen einzureichen, bevor unser Jüngster richtig loslegt. Denn ganz wie bei Michel aus Lönneberga scheint mir, dass beim Prinzchen Unfug einfach geschieht, ob er es nun will oder nicht. Ausserdem frage ich mich, ob dieser verrückte Start in einen sehr langen Donnerstag genügt, um das zu entschuldigen, was ich danach tat: Ich liess mich bei einem weiteren Zwischendurcheinkauf vom Zoowärter dazu erweichen a) fünf Schweizerfähnchen aus Plastik zu kaufen und b) für meine zwei Jüngsten je ein mit Mickey Mouse verziertes Fläschchen mit diesem abscheulichen überzuckerten Gesöff zu erstehen. Zwei mütterliche Todsünden in einem klitzekleinen Zwischendurcheinkauf, ist das nicht etwas viel? Gut, zu meiner Entlastung darf ich vielleicht anführen, dass der klitzekleine Zwischendurcheinkauf nötig wurde, weil unsere Kinder von gestern Mittag bis heute Morgen zwei Kilo Nektarinen und ein Kilo Aprikosen verdrückt hatten und ich die Früchteschale dringend wieder auffüllen musste. Aber ich weiss nicht so recht, ob die Plastikfähnchen und das Gesöff meine ehrenvolle Tat nicht gleich wieder zunichte machen. Mal ganz abgesehen davon, dass die Früchte aus Spanien kommen, was ja ethisch und ökologisch auch nicht unbedingt vertretbar ist, wenn man an die Schauergeschichten aus der Huelva denkt…

Ja, da sieht man, mit welchen Fragen man sich als Mutter und Hausfrau bereits am frühen Morgen herumschlagen muss. Gut, dass inzwischen wenigstens mein kleines, süsses Monstrum schläft. So kann ich wenigstens meine Gedanken ein wenig ordnen, bevor das Chaos weitergeht….

Diese elenden Banken…

Als ob die Banken in den letzen Jahren nicht schon genug Unheil angerichtet hätten: Jetzt müssen sie mir auch noch meinen Triumph versauen. Da bringe ich es für einmal fertig, meine zwei Jüngsten geputzt und gestriegelt zum Zwischendurch-Einkauf mitzunehmen. Ich versichere euch: Die Welt hat noch selten zwei derart saubere Venditti-Kinder gesehen. Kein Geschmier um den Mund, keine verklebten Haare, keine Filzstiftspuren an den Beinen. Und das Erstaunlichste an der Sache war, dass sogar ich sauber war. Wirklich, ich schwöre es. Keine Schokoladenspuren auf dem Rock, kein verkleckertes T-Shirt, einfach eine saubere Mama mit zwei sauberen Jungs. Wir sahen aus wie in der Werbung. Okay, ich weiss, in der Werbung haben die Mamas keine schwarzen Augenringe und man sieht ihnen auch nicht an, dass sie schon ein paar Kinder geboren haben, aber ihr wisst schon, was ich meine.

So machte ich mich also auf ins Dorf mit meinen wunderhübschen Söhnen, lächelte allen alten Damen zu, zeigte meinen Söhnen die Häschen, Spatzen und Kornblumen, wie man das als engagierte Mama eben tut. Fröhlich betrat ich die Schalterhalle der Bank. Allein die Tatsache, dass Ende Monat noch etwas Geld auf dem Konto war, stimmte mich ausserordentlich fröhlich, da hätte es gar kein schönes Wetter und keine sauberen Kinder dazu gebraucht. Das Unheil kam in Gestalt einer zuckersüss lächelnden Bankangestellten, die dem Prinzchen eine Schale mit Süssigkeiten entgegenhielt, einfach so, aus heiterem Himmel. Und noch bevor ich etwas sagen kann,  hält das Prinzchen einen Carambar-Stengel in den Fingern. Momente später ist der Zoowärter stolzer Besitzer eines Bonbons. Und noch einmal Momente später ist das Prinzchen von Kopf bis Fuss mit brauner Caramelschmiere bedeckt, der Zoowärter mit zwar unsichtbarer aber nicht weniger klebriger Bonbon-Spucke und meine Finger, der Kinderwagen, der Griff des Einkaufswagen und mein T-Shirt mit einer Mischung aus beidem versehen. Und natürlich weit und breit kein Brunnen, keine Feuchttücher – wieso vergesse ich die Dinger auch bei Kind Nummer 5 noch immer zu Hause? – und schon gar kein Badezimmer, wo wir uns alle waschen könnten. So kommen wir drei in der Migros an, immer noch fröhlich zwar, aber längst nicht mehr die perfekte Familie aus der Werbung. Oder allerhöchstens aus der Waschmittelwerbung, wo man zeigen will, wie viel Dreck das Wundermittel zu beseitigen schafft. Klebrig wie wir sind, quatschen wir mit all den netten Frauen, denen ich doch so gerne bewiesen hätte, dass auch Vendittis hin und wieder ganz sauber daherkommen können.

Und das alles nur wegen dieser blöden Bank. Wann wird diesem Treiben endlich ein Riegel geschoben?

Gelernt

Das Prinzchen beherrscht jetzt nicht bloss seine ersten Zweiwortsätze, diesen unglaublich schelmischen Blick und das Kritzeln mit der linken Hand,- wenn er so weitermacht, wird er Linkshänder Nummer 4 in unserer Familie -, nein, der liebe Kleine weiss seit gestern auch, wie man mit Schlafsack aus dem Gitterbett klettert. Was den Feierabend für „Meinen“ und mich um eine gute Stunde nach hinten verschoben hat, was bedeutet, dass wir eigentlich gar nicht mehr zu Bett gehen müssten, da wir ohnehin gleich wieder aufstehen müssen.

Der Zoowärter will sich natürlich nicht lumpen lassen, wenn der kleine Bruder Dampf macht und deshalb legt auch er einen Zacken zu. Nicht nur hat er sich zum Grossmeister der Tobsuchtanfälle gemausert – so laut wie er hat noch keiner geschrien im Hause Venditti -, er hat auch gelernt, dass man die Herzen der Erwachsenen im Sturm erobert, wenn man versucht, Französisch oder Englisch zu reden. Und darum sagt er jetzt tagein,  tagaus „Moo döö, matiöö!“, was soviel heissen soll wie „Mon Dieu, Mathieu!“, was sich an eines unserer aktivsten Familienmitglieder richtet, aber ich sage nicht, an welches….

Der FeuerwehrRitterRömerPirat scheint inzwischen erkannt zu haben, dass man bei Vendittis derzeit am besten aus der Reihe tanzen kann, wenn man still, nachdenklich und artig ist. Und aus der Reihe tanzen, das will er, unser Dritter. Und so macht er derzeit den Musterknaben, der sich ohne Widerstand anzieht, die Zähne putzt und den Teller abräumt. Würde er nicht wie eh und je jeden Morgen massiven Widerstand leisten, wenn er in den Kindergarten gehen muss, ich würde mir ernsthafte Sorgen machen um meinen Sohn.

Luise bringt nicht nur jeden Tag einen ganzen Rucksack voller Wissen mit nach Hause, sie hat inzwischen auch gelernt, dass irgendwer die Zicke machen muss. Ich vermute, dass sie in unbeobachteten Momenten vor sich hingrummelt: „Immer muss ich diejenige sein, die hier zickt, nie hilft mir einer. Aber wenn ich es nicht mache, dann tut es ja sonst keiner in diesem elenden Männerhaushalt…“ Zum Glück hat sie sich auch wieder auf eine ihrer ältesten Eigenarten besonnen und so verbringt sie die Zeit, in der sie nicht zickt, bei  Mama oder Papa auf dem Schoss und schnurrt wie ein zufriedenes Kätzchen.

Wo so viel gelernt wird, will natürlich auch Karlsson dabei sein. Seine neueste Errungenschaft ist das Ziehen von Grenzen. Leider grenzt er sich aber nicht gegen solche ab, die ihm frech kommen, nein, er verteidigt gnadenlos die Grenzen zu seinem Zimmer. Wer das Wegrecht erhalten will, um mal kurz durch sein Zimmer zu gehen, der muss ihn zuerst auf Knien anflehen, er möge doch bittebittebitte für drei Sekunden die Türe aufmachen. Hoffen wir mal, das heldenhafte Verteidigen seiner Privatsphäre führe dazu, dass er auch mutiger wird, wenn ihm andere zu nahe treten. Ach und ja, er hat neulich auch gelernt, uns zu glauben, wenn wir ihm sagen, dass wir ihn schon vom ersten Moment an geliebt haben. Bis vor Kurzem hat er nämlich noch behauptet, das könne doch gar nicht wahr sein.

Und sogar „Meiner“, der doch eigentlich gar nichts mehr lernen müsste, weil Lehrer ja ohnehin alles wissen und alles können, hat sich etwas Neues angeeignet: Er hat gelernt, dass er auch mal liegenbleiben darf, dass nicht immer alles an ihm hängen bleiben muss. Ach, was bin ich stolz auf ihn! Wenn da bloss jemand wäre, der während der Zeit, in der er liegenbleibt, die Arbeit erledigt, die er sonst getan hat. Nun ja, eigentlich wäre da schon jemand, aber die Person hat auch eben erst gelernt, die Dinge auch mal liegenzulassen….

Hilft denn keiner diesen armen Kindern?

Mehrstimmiges Wehklagen tönte heute um elf Uhr vormittags durch das Haus Venditti. Was war bloss geschehen? War vielleicht ein geliebtes Haustier verstorben? Nein, natürlich nicht. Abgesehen von Stubenfliegen, Ameisen und ein paar Marienkäferlarven gibt’s im Hause Venditti gar keine Haustiere. Waren die Kinder krank? Nein, auch nicht. Ausnahmsweise verzichten wir mal für ein paar Wochen auf den Austausch von krankmachenden Käfern. Man kann ja nicht immer Spass haben. Hatten sich die lieben Kinderlein denn so lange gestritten, bis alle am Heulen waren? Leider auch falsch, der wahre Grund für das Geheul war ein viel Schlimmerer: Mama und Papa Venditti hatten verkündet, dass heute die Zimmer aufgeräumt werden müssen. Einfach so, obschon das Leben doch auch schön ist, wenn man bei jedem zweiten Schritt in einen Legostein tritt oder sich die Knöchel verstaucht beim Versuch, über Kissen und Decken zu steigen, ohne sich dabei in Wollfäden, die sich durchs ganze Zimmer spannen, zu verheddern.

Ja, „Meiner“ und ich können ganz schön gemein sein. Ohne Vorwarnung – denn was sind schon die drei, vier auf die ganze Woche verteilten Ankündigungen, dass am Samstag aufgeräumt werde? – zu befehlen, dass jetzt Ordnung gemacht wird. Da kann man ja nicht anders, als zu heulen. Und das tat Luise lange und ausgiebig. So lange, bis die Aufräumaktion vorbei war. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat schluchzte zum Steinerweichen, und hätte ich nicht gewusst, was der Grund für das Schluchzen war, ich hätte das arme Kind sofort mit einer warmen Honigmilch und einem Fieberthermometer unter die Bettdecke gesteckt und den Arzt angerufen. Bei Karlsson flossen die Tränen nicht sofort, sondern erst, nachdem „Meiner“ ihn zur Rede gestellt hatte, weil er wieder das ganze Zimmer umstellte, anstatt endlich Ordnung zu machen. Warum der Zoowärter heulte, weiss ich eigentlich nicht so genau. Er dachte wohl einfach, dass das heute zum Tagesprogramm gehört. Und weil das Prinzchen überall dabei sein will, wo seine grossen Geschwister dabei sind, stimmte auch er mit ein. All das Geheule im Chor klang so grauenvoll, dass es mich erstaunt, dass noch keiner gekommen ist, um „Meinem“ und mir die Kinder wegzunehmen.

Irgendwann waren die Zimmer dann doch noch soweit aufgeräumt, dass man mit den vergossenen Tränen den Boden putzen konnte. Und jetzt endlich konnte ich den Kindern gestehen, dass ich so gut verstehen kann, wie elend ihnen ist. Denn gibt es etwas Schlimmeres, als am Samstag – oder an irgend einem Tag – aufräumen zu müssen?

Wo, um Himmels Willen, leben wir denn bloss?

Heute habe ich mal wieder guten Grund, daran zu zweifeln, dass von dem, was ein durchschnittlich intelligenter Schweizer Schüler während seiner 9 obligatorischen Schuljahre mitbekommt, irgend etwas hängen bleibt. So zum Beispiel am frühen Morgen, als eine junge Frau von mir wissen wollte, wie denn das Wetter in den nächsten Tagen sein werde. Da ich nicht auch noch Zeit habe, mich mit Meteorologie herumzuschlagen, verwies ich sie an die Tageszeitung. Bald darauf sass sie am Küchentisch, vor sich die Wetterkarte mit Sonnen und Wolken. Eine Weile lang sagte sie nichts, dann fragte sie mich: „Wo wohnen wir denn überhaupt, im Norden oder im Süden der Schweiz?“ Um die Brisanz dieser Frage zu verstehen, muss man vielleicht noch wissen, dass es in der Schweiz relativ einfach ist, sich zu merken, wo Norden und wo Süden ist. Süden ist dort, wo die Einheimischen Italienisch reden, dort, wo immer die Sonne scheint, ausser an den Feiertagen, wenn die halbe Schweiz nach Süden pilgert, um dort das schöne Wetter zu geniessen. Norden ist dort, wo  die Einheimischen Deutsch reden, dort, wo es immer regnet, ausser an den Feiertagen. Aber dieses schöne Wetter bekommt im Norden gar keiner mit, weil alle im Süden hocken und über den Regen jammern. Weil ich dachte, dieser Umstand sei jedem, der in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, klar,  schaute ich sie mit gerunzelter Stirne an. Ich war mir nicht sicher, ob sie Witze machte oder nicht, aber bald wurde mir klar, dass die Frage ihr bitterer Ernst war. Also klärte ich sie darüber auf, dass wir im Norden leben. Worauf sie die Küche verliess und vor sich hin murmelte: „Norden, Süden, Westen und dann gibt es sonst noch was, aber ich habe vergessen, was es war….“

Wenig später kam ich vollbeladen mit meinem Monsterwocheneinkauf, der heute 10% weniger gekostet hatte, nach Hause. Wie immer half mir die junge Frau beim Auspacken. Auf dem Tisch türmten sich Nektarinen, Joghurts, Käse, Windeln, Eier …. und ausserdem ein Sack voller Aprikosen. Die junge Frau deutete auf die Aprikosen  und fragte mich: „Wo soll ich diese Orangen hintun?“ Ich bat sie, die Orangen, die eigentlich Aprikosen heissen, in die Früchteschale zu legen. Während sie dies tat, sagte sie: „Ich hasse Aprikosen. Das Zeug kann ich nicht essen.“ Weshalb dies denn so sei, wollte ich wissen, denn ich liebe Aprikosen über alles. „Ja weisst du, ich finde das Fell so grässlich“, erklärte sie mir. Wir mussten beide lachen und als wir fertig gelacht hatten, meinte sie: „Also ich habe natürlich die Kruste gemeint.“

Gewonnen

Was ich heute Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr getan habe? Na, was wohl? Fussball geschaut habe ich. Was denn sonst? Und je länger das Spiel dauerte, umso nervöser wurde ich. Erfrechte sich eines der Kinder, sich so vor den Fernseher zu stellen, so dass ich nichts mehr sehen konnte, wurde ich laut. Kamen die Spanier dem Schweizerischen Tor zu nahe, zitterte ich.

Weshalb ich mir das angetan habe, wo ich mich doch gar nicht für Fussball interessiere? Na, warum wohl? Weil die Migros versprochen hat, dass es morgen zehn Prozent Rabatt gibt, wenn die Schweiz heute Spanien schlägt. Und weil ich als pflichtbewusste Hausfrau weiss, dass es nichts gratis gibt, musste ich mir eben die ganzen 90 Minuten inklusive Nachspielzeit ansehen. So kann mir morgen keine Kassierin kommen und behaupten, Spanien habe gewonnen, ich bekäme keinen Rabatt. Immerhin geht es um rund 35 Franken, die ich sparen kann. Und die fallen in der zweiten Monatshälfte ganz schön ins Gewicht. Deshalb bin ich für einmal überglücklich, dass die Schweizer heute ein Tor geschossen haben. Endlich sind diese Fussballer mal zu etwas nütze….

Gut, der schnöde Mammon war nicht der einzige Grund, weshalb ich mir das Spiel angeschaut habe. Meine beiden mittleren Söhne waren auch nicht ganz unschuldig daran. Während der Zoowärter verkündete, er wolle auch „Tschuttiballer“ werden, wenn er mal gross sei, erklärte mir der FeuerwehrRitterRömerPirat, mit welcher Taktik er dereinst die Spanier besiegen werde, wenn er für die Schweiz auf dem Rasen stehe. Und mutterliebend wie ich nun mal bin, habe ich meinem zukünftigen Fussballstar natürlich hoch und heilig versprochen, dass ich seine Spiele nicht bloss an der Glotze mitverfolgen werde. Da kann ich doch nur hoffen, dass unsere unsportlichen Gene dem Jungen einen Strich durch die Karriererechnung machen.

Wundermittel

Man gebe mir an einem Montagnachmittag die Gelegenheit, einfach mal ein, zwei Stunden zu schlafen und schon sieht die Welt wieder besser aus. Wenn dann auch noch einen Moment der Ruhe für einen Latte Macchiato und einen Blick in die Zeitung bleibt, dann sehe ich die Dinge schon bald wieder durch die rosarote Brille. Hätte ich jetzt noch Zeit, mir heute Abend mit „Meinem“ einen schnulzigen Film reinzuziehen, dann wäre die Welt perfekt.

Gut, dass ich heute Abend einen Termin habe, sonst würde ich  noch die Bodenhaftung verlieren….

Zuviel

Spätestens am Donnerstag hätte es eigentlich klar sein sollen, was abgeht. Die Brustentzündung aus heiterem Himmel war ein deutliches Zeichen: Genug gestresst, Zeit, eine Pause einzulegen. Aber wie denn? Wo doch das Au-Pair krank  – oder zumindest so ähnlich – war? Wie denn, wenn „Meiner“ am Samstag seine Arbeitskollegen zum Essen eingeladen hat, weil er sich nach zwölf Jahren aus dem Kollegium verabschiedet? Wie denn, wenn du ein Elterngespräch im Kindergarten hast? Wie denn, wenn der ganz banale Alltag schon genug Action bietet? Du kannst das Leben nicht anhalten, so sehr du dir dies zuweilen wünschen würdest. Und deshalb tust du so, als hättest du die Warnsignale, die dein Körper dir sendet, nicht bemerkt. Du machst weiter, weil du weisst, dass eine Pause nicht drinliegt. Jetzt noch nicht, du musst noch ein paar Wochen warten.

Und deshalb spulst du das Programm ab wie geplant. Du gibst dein Bestes für die Familie, du planst die Einladung in allen Details, du machst alles bereit, damit die Gäste sich wohlfühlen. Du spürst zwar, dass du es kaum mehr schaffst, die Schüsseln für das Buffet die Treppe hochzutragen. Du merkst, dass du immer reizbarer wirst. Du ahnst, dass die Kraft nachlässt. Aber du machst weiter, weil die Familie sich freut, weil die Gäste es verdient haben, dass man sie verwöhnt. Und dann, mitten in der Party, bricht der Damm. Du kannst nicht mehr, du bringst kein Lächeln mehr zustande, du schaffst es kaum mehr, einen zusammenhängenden Satz zu formulieren. Du ziehst dich zurück, denn du weisst, wenn du jetzt mit jemandem redest, dann wirst du verletzend sein, denn du siehst nur noch schwarz. Oder du wirst verletzt, denn deine Haut ist wiedermal so dünn, dass du in jedem Wort einen Vorwurf siehst. Du gehst den Gästen aus dem Weg, nicht, weil du sie nicht magst, sondern weil du weisst, dass du im Moment so ungeniessbar bist, dass du ihnen die Party verderben würdest. Also räumst du auf, damit du niemandem zur Last fällst. Und irgendwann, währenddem du Teller schleppst, leere Flaschen entsorgst, Speisereste in den Kühlschrank stellst, irgendwann, mittendrin, beginnen die Tränen zu fliessen. Du weisst nicht warum, es hat dir keiner etwas Böses getan und du schimpfst dich selbst eine dumme Kuh, die alles verdirbt. Aber die Tränen fliessen dennoch weiter.

Erst später, als die letzten Gäste gegangen sind, wird dir endlich bewusst, was los ist: Du hast einmal mehr die Grenze überschritten. Du hast vergessen, dass du noch nicht gesund bist, auch wenn es dir schon so viel besser geht als noch vor einem Jahr. Du hast übersehen, dass dein Energietank schon fast leer war, du hast die Signale deines Körpers nicht ernst genommen und du bist mal wieder zu verschwenderisch umgegangen mit deinen Kräften. Und deswegen  bist du einmal mehr im schwarzen Loch gelandet. Weil du keine Möglichkeit gesehen hast, dem Trubel eine Grenze zu setzen. Und wie so oft, wenn du im schwarzen Loch sitzt – was Gott sei Dank nur noch selten vorkommt -, schaffst du es nicht, einzuschlafen. Und deshalb bloggst du und hoffst, dass das, was du zu später Stunde in die Tasten haust, irgend einer überforderten Mutter auf diesem Planeten zeigt, dass sie nicht alleine im schwarzen Loch sitzt, sondern dass da mindestens noch eine andere ist, die es auch nicht immer schafft, das Leben mit Schwung und voller Freude zu meistern.

Wann sind wir endlich da?

Es gibt Zeiten, da befindet sich meine mütterliche Autorität im Keller. Tief im Keller, fast schon ganz unter der Erde. So eine Zeit erlebe ich gerade jetzt. Und dann kommt es zu folgenden Szenen:

Mama Venditti, freundlich aber bestimmt: „Nein, es gibt jetzt kein Eis. Zuerst räumt ihr euer schmutziges Geschirr vom Tisch.“
Kinder rennen zum Gefrierschrank, drängeln einander zur Seite und kämpfen um den vordersten Platz an der Eisschublade.
Mama Venditti, streng, aber noch nicht übermässig laut: „Habe ich nicht gesagt, ihr sollt zuerst den Tisch abräumen? Ihr schliesst jetzt sofort den Eisschrank und kommt hierher!“
Kinder scheren sich einen Dreck um Mama, kämpfen jetzt mit Ellbogeneinsatz darum, wer der Erste ist.
Mama Venditti, zornig und laut, aber offenbar nicht laut genug:
„Hallo! Ihr kommt jetzt hierher und räumt den Tisch auf. Sonst gibt es heute gar kein Eis!“
Kinder balgen weiter, vielleicht versucht Luise oder Karlsson, sich aus dem Knäuel zu befreien, um doch noch zu tun, was Mama gesagt hat, aber ohne Erfolg, also wird weiter um den ersten Platz am Eisschrank gestritten.
Mama Venditti, sehr zornig, sehr laut und sehr böse:  „
Jetzt reicht’s! Ihr kommt augenblicklich hierher, räumt euer Geschirr weg und dann verschwindet ihr für eine halbe Stunde in eure Zimmer!“
Kinder
stimmen unisono in ein lautes Geheul ein: „Mama, du bist soooooo unfair! Nie dürfen wir ein Eis haben. Immer schreist du uns an!“

Dann räumen sie sehr widerwillig ihr Geschirr weg und verziehen sich schluchzend in ihre Zimmer, wo sie wohl über ihre ganz ganz böse Mama herziehen, die ihnen nie eine Freude gönnt und die immer rumschreit.

Diese Szene wiederholt sich im Laufe des Tages mit unterschiedlichen Streitpunkten und zuweilen auch in etwas reduzierter Besetzung unzählige Male am Tag. Ob es nun darum geht, rechtzeitig für die Schule bereit zu sein, den Tisch abzuräumen, die Schuhe am richtigen Ort zu versorgen, die Zähne zu putzen, nach der spontanen Gartenparty, welche die Kinder mit elterlichem Segen ganz alleine bezahlt, organisiert und gefeiert haben, den Garten wieder aufzuräumen, ins Bett zu gehen oder wie die vielen überrissenen elterlichen Forderungen noch heissen mögen. Immer das gleiche Muster: Mama verlangt etwas Kleines, das eigentlich schon längst selbstverständlich sein sollte, Kinder tun so, als hätten sie nichts gehört und fordern stattdessen etwas Cooles, Mama ermahnt, Kinder überhören geflissentlich, Mama droht Konsequenzen an, Kinder tun noch immer so, als hätten sie Petersilie in den Ohren und hörten nichts, Mama schlägt mit der Faust auf den Tisch, gibt lautstark den Tarif durch und streicht sämtliche Privilegien, Kinder parieren gesenkten Hauptes und heulen dazu, als hätte man sie geschlagen. Manchmal, wenn Mama ganz viel Glück hat, kommt später eines der grösseren Kinder und entschuldigt sich. Manchmal aber auch nicht.

Bevor ihr jetzt denkt, das sei bei uns zu Hause immer so und ich sei eine pädagogische Niete, muss ich zu unser aller Verteidigung sagen, dass das nicht immer so läuft bei uns. Im Gegenteil: Wir alle können auch ganz anders. Aber zuweilen, wenn die Kinder schulmüde sind, wenn die Mama ein riesiges, für einmal nicht selbstverschuldetes, Schlafmanko mit sich herumschleppt, wenn das Wetter schön ist, die Sommerferien aber noch nicht da sind, wenn der Zoowärter eine ganz schlimme Rebellionsphase durchmacht und damit die Grossen ansteckt, wenn der Terminkalender aller Familienmitglieder zu voll ist, wenn zu wenig Zeit für Nähe und zu viel Zeit für Verpflichtungen da war, kurz: Wenn Mama und Kinder keine Zeit finden, immer wieder Momente des gemeinsamen Auftankens zu finden, dann laufen die Dinge aus dem Ruder.

Ich weiss, es wird wieder besser, ich weiss wir werden einander wieder finden, dann, wenn der ganze Frühsommerstress vorbei ist und wir endlich wieder Zeit finden, Familie zu sein. Alles, was wir brauchen, sind wiedermal ein paar Tage, an denen wir einfach Zeit haben zum Leben, zum Nachdenken, ein paar Tage, an denen nicht irgend einer oder vielleicht auch alle schon längst irgendwo sein müssten, ein paar Tage, die einfach Vendittis gehören und die wir mit niemandem teilen müssen.

Wann fangen endlich diese Sommerferien an…..