Dankbar

Als er sich vor sechs Jahren und neun Monaten anmeldete, konnten „Meiner“ und ich uns schlicht nicht vorstellen, wie wir das schaffen sollten. Woher sollten wir die Kraft nehmen für ein fünftes Kind, wo wir doch mit vier schon auf dem Zahnfleisch gingen? Natürlich freuten wir uns über ihn, aber würden wir in unserem gesundheitlich angeschlagenen Zustand in der Lage sein, ihm zu geben, was er brauchte?

Als das Herzchen seines Zwillings schon sehr früh in der Schwangerschaft zu schlagen aufhörte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Was, wenn er es auch nicht schaffen würde?

Als ich ihn heute vor sechs Jahren zum ersten Mal in die Arme schliessen durfte, staunte ich über seine Stärke. Keines unserer fünf Kinder hatte im Bauch einer derart gestressten und erschöpften Mama heranwachsen müssen und doch strotzte er vor Kraft. 

Als er noch ganz klein war, machte ich mir Vorwürfe, weil wir uns so viele Sorgen gemacht hatten. Man liest ja immer wieder, so etwas habe negative Auswirkungen auf das Baby.

Als er etwas grösser war, merkten wir bald einmal, dass wir mit einem ausserordentlich fröhlichen Kind gesegnet worden waren. An Selbstbewusstsein schien es ihm auch nicht zu mangeln. Und geliebt wurde er ohnehin von allen in der Familie. Sogar von Luise, die auf gar keinen Fall einen vierten Bruder hätte haben wollen. 

Als er etwa drei Jahre alt war, fing er an zu singen, immer und überall. Er tut es noch heute fast pausenlos.

Als wir heute früh ums Bett herum standen, um ihm sein Geburtstagsständchen zu bringen, überrollte mich eine Welle der Dankbarkeit. Nicht alleine, weil er da ist und unser Familienleben bereichert. Sondern auch, weil unsere Sorgen sich als vollkommen unbegründet erwiesen haben.

Als er heute von Mittag bis kurz vor Mitternacht mit Engelsgeduld an seiner Lego-Polizeistation baute, dachte ich: „Der kleine Kerl weiss genau, was er will und lässt sich durch nichts von seinem Ziel abbringen. Kein Wunder, dass er den ganzen Stress der Schwangerschaft so unbeschadet überstanden hat.“

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Ach, Höflichkeit, wo bist du bloss geblieben?

Keineswegs möchte ich behaupten, früher sei alles besser gewesen und eigentlich finde ich es ganz angenehm, dass man heutzutage im Alltag fast ganz ohne gekünstelte Höflichkeit auskommt. In gewissen Momenten wünschte ich mir trotzdem, man müsste sich im Gespräch mit flüchtigen Bekanntschaften an gewisse Anstandsregeln halten. Zum Beispiel neulich, als ich beim Einkauf eine Bekannte meiner Schwester traf…

Sie: „Hast du abgenommen?“ (Alleine schon diese Frage gehört meiner Meinung nach verboten. Was, wenn ich nicht mit Absicht abgenommen hätte, sondern weil ich an einer schlimmen Krankheit litte?)

Ich: „Na ja, ein bisschen wohl schon, aber ist gar nicht so einfach…“ (Warum lasse ich mich von solchen Fragen immer in die Ecke drängen?)

Sie: „Warst du schon immer eher etwas…“ (Glaub bloss nicht, ich würde dich ausreden lassen. Ich lasse mir kein Adjektiv anheften, das in den kommenden Wochen und Monaten über meinem Spiegelbild aufblinkt.)

Ich: „Spindeldürr war ich nie, aber ich habe eigentlich immer problemlos abgenommen, wenn es nötig war. Erst nach der letzten Geburt…“ (Himmel, Frau Venditti, fühlst du dich noch immer verpflichtet, solche Fragen zu beantworten?)

Sie: „Aber deine Schwestern sind alle schlank…“ (Mal wieder die uralte Schallplatte. Bekam ich schon als Teenager immer zu hören, damals einfach mit dem Adjektiv „hübscher“.)

Ich: „Tja, so ist das halt… ( Was hätte ich denn sonst sagen sollen?)

Sie: „Aber dein Mann liebt dich ja sicher auch so, wie du bist.“ (Jetzt bin ich aber echt baff. So offen hat mir noch keine gesagt, dass auch ich bestimmt ein paar liebenswerte Seiten habe, obschon ich offenbar hässlich bin wie die Nacht.)

Ich: „…“ (Tut mir Leid, aber dazu fällt mir jetzt wirklich nichts mehr ein. Eigentlich habe ich mich längst damit abgefunden, nicht dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, aber das ist jetzt doch ein bisschen viel.)

Versteht ihr, weshalb ich mich nach dieser Begegnung einen Moment lang in ein Zeitalter gewünscht habe, in dem die allgemeine Höflichkeit ein solches Gespräch verboten hätte?

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Gedankenschnipsel nach einer anstrengenden Woche

Es war viel los diese Woche. Zu viel, um die Gedanken, die in meinem Kopf herumschwirrten, zu ganzen Texten zu verarbeiten. Darum hier nur ein paar Schnipsel zum Ende der Woche:

  • Zugfahren hat eindeutig an Unterhaltungswert eingebüsst, seitdem 90% der Passagiere mit Stöpsel im Ohr unterwegs sind. Die einzigen, die noch miteinander reden sind rüstige Rentner, die sich über den Unterhalt ihrer Liegenschaften austauschen. Spätestens nach der fünften Erwähnung von Mietern, die ihre Badezimmer falsch lüften, wünschst du dir, du hättest selber ein Paar Stöpsel dabei, die du dir in die Ohren stopfen könntest. 
  • Ziehst du als Mutter quatschend und lachend mit deinem halbwüchsigen Sohn durch die Migros, um den Wocheneinkauf zu erledigen, wirst du von den anderen Kunden angeglotzt, als wärest du ein Wesen von einem anderen Stern. Teenager und ihre Mütter sollen sich gefälligst gegenseitig anschweigen. Oder streiten.
  • Wenn du aufhörst, an verschlossenen Türen zu rütteln, kann es sein, dass plötzlich Türen aufgehen, die du gar nicht zu öffnen versucht hast. Fragt sich nur, ob du dir zutraust, durch sie hindurch zu gehen, wo du doch gar nicht damit gerechnet hast, dass sie sich für dich öffnen würden. 
  • Schreib in deinem Blog nie über Läuse. Jeder, der dir danach begegnet, hat einen Tipp für dich. Oder er tut, als kenne er dich nicht, weil er fürchtet, die Viecher könnten alleine durch Grüssen übertragen werden.
  • Nur, weil ein Film in Schweden gedreht worden ist, heisst das noch lange nicht, dass er es Wert ist, gesehen zu werden. 
  • Auch wenn du einen ganz anständigen Jugendschutz eingerichtet hast, kann es dir passieren, dass sich auf deinem iPad plötzlich nackte Frauen tummeln, wenn du deinem Jüngsten eigentlich die Legos, di er sich wünscht, hast zeigen wollen. 

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  • Himmel auf Erden

    „Ihr Armen, so ein Stress!“

    „Wollt ihr euch das wirklich antun?“

    „Ihr seid bestimmt ganz erschöpft.“

    „Ganz schön viel Arbeit.“

    „Können wir euch etwas abnehmen?“

    So viel Mitgefühl hat man „Meinem“ und mir seit Prinzchens Geburt nicht mehr entgegengebracht. Dabei haben wir doch gar nicht gejammert. Wir haben nur die Tatsache, dass wir fast gleichzeitig 40 geworden sind, zum Anlass genommen, an vier Tagen in diesem Monat richtig viele Menschen einzuladen. Nicht, weil wir uns dazu verpflichtet fühlen, sondern weil wir finden, dass etwas vom Grössten im Leben die Menschen sind, mit denen wir es teilen.

    Okay, natürlich müssen wir noch mehr putzen als sonst, wenn so viele Gäste ins Haus kommen und natürlich stehen wir länger als gewöhnlich in der Küche. Ich gebe sogar zu, dass wir ganz schön müde sind, wenn die Gäste gegangen sind und alles wieder aufgeräumt ist.

    Aber ist das Stress? Ich finde nicht. Es hat uns ja keiner dazu gezwungen, es zu tun. Und wenn sich um unseren Esstisch viele verschiedene Menschen versammeln um zusammen zu geniessen, was wir für sie vorbereitet haben, dann ist das in meinen Augen nicht Stress, sondern ein Stück Himmel auf Erden.

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    Die gibt – und gab – es leider überall

    So langsam mag ich den Satz nicht mehr hören: „Als junge Frau bist du heute ja nirgendwo mehr sicher in unserem Land.“ Seit der leidigen Geschichte mit dem Eritreer wird er geradezu inflationär verwendet und allmählich habe ich ihn satt. Was heisst da „heute“? War es früher etwa besser? Ich meine nicht. Zumindest in den vierzig Jahren, in denen ich schon auf diesem Planeten lebe, habe ich mehr als genug Belästigungen und schlimmere Dinge erlebt und dies in einem Land, in dem Frauen weitaus sicherer leben als andernorts. Unbehelligt blieb wohl schon „zu meiner Zeit“ kaum eine, nur die Schwere der Übergriffe variierte. Herausgreifen möchte ich nur ein einziges Beispiel, alles andere ist mir zu persönlich und gehört nicht hierher. 

    Ich war wohl noch keine zwanzig, als ich an einem sonnigen Nachmittag zwischen vier und fünf mit dem Velo vom Gymnasium nach Hause fuhr. Es gab mir, der Bewegungsfaulen, ein gutes Gefühl, zweimal täglich diese zehn Kilometer abzustrampeln und dabei ein paar unglaublich wichtige Selbstgespräche zu führen. Auf einem Veloweg, etwa 500 Meter vor dem nächsten Dorf, schnitt mir ein Mofa-Fahrer, der schon eine Weile hinter mir gefahren war, den Weg ab und fing ohne Vorwarnung an, mich zu begrapschen. Ich schrie den Kerl an, wie ich noch kaum je einen Menschen angeschrien habe und erstaunlicherweise machte er sich aus dem Staub. Einen Moment lanf fühlte ich mich unglaublich stark und überlegen, dann erst kam das grosse Zittern. Was, wenn er durch meinen Wutausbruch erst recht angestachelt worden wäre? Was, wenn er einen Umweg genommen hat und mir weiter vorne wieder auflauert? Was, wenn er morgen wieder kommt? 

    Nie wieder fuhr ich mit dem Velo zur Schule; die Strecke, die ich so liebte, war mir nicht mehr sicher genug und eine andere gab es nicht. Ein wildfremder Mensch – so zumindest vermute ich, er trug einen Helm – hatte mir ein kleines, aber für mich sehr wichtiges Stück Freiheit geraubt. Einfach so, weil ich eine Frau bin. Weil dies bei Weitem nicht das einzige Erlebnis dieser Art war, nahm ich es als eine weitere unangenehme Erfahrung auf dem ganz normalen Lebensweg einer Frau zur Kenntnis, nachdem der erste Schreck vorbei war.

    Und weil ich bei Weitem nicht die einzige Frau meiner Generation bin, die solche Erfahrungen gemacht hat, stört mich das „heute“ in dem oben zitierten Satz so gewaltig. Dieses „heute“ suggeriert, früher sei es besser gewesen, die bösen Ausländer hätten Schuld, dass eine Frau sich nicht überall angstfrei bewegen kann. Aber es sind nicht die bösen Ausländer, es waren und sind Männer, die nicht den geringsten Respekt vor Frauen haben und darum glauben, mit ihnen tun zu dürfen, was immer ihnen beliebt. Solche Männer gibt – und gab – es leider überall und zu jeder Zeit. (Was übrigens nicht bedeutet, dass man damit aufhören sollte, Gewalt gegen Frauen aufs Schärfste zu verurteilen und rigoros zu bekämpfen. Im Gegenteil, man sollte endlich einmal damit anfangen, es in aller Deutlichkeit zu tun.)

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    Gewohnt ungewöhnlich

    Er ist gekommen, der Tag, an dem ich zur nicht ganz schmerzfreien Erkenntnis komme, dass es gewöhnliche Tage in meinem Leben ganz einfach nicht gibt. Ich meine diese Tage, an denen du abends zufrieden sagen kannst, dass du mehr oder weniger das erreicht hast, was du dir am Morgen vorgenommen hast. Tage, die so vollkommen frei waren von Drama, dass du abends nicht so recht weisst, was du bloggen sollst. Okay, manchmal schreibe ich abends wirklich nicht mehr, dann aber meistens, weil ich vollkommen durch den Wind bin, weil der Tag mal wieder gemacht hat, was er will.

    Dabei gibt es in meinem Leben inzwischen durchaus Tage, die das Potential dazu hätten, ganz vorhersehbar und langweilig zu werden. Heute zum Beispiel standen die Chancen so gut wie noch selten: Vier Kinder von acht bis halb drei auf Sternwanderung, „Meiner“ mit seiner Schulklasse ebenfalls irgendwo im Wald und Karlsson auf einer Betriebsbesichtigung im Medienhaus, weil er sich – unter gewissen Umständen, vielleicht, wenn nichts anderes interessanter ist – vorstellen könnte, irgendwann mal in Mamas journalistische Fussstapfen zu treten. Eine seltene Gelegenheit also, mal in aller Seelenruhe meine Zeitungskolumne zu schreiben, ein paar Interviewpartnerinnen anzurufen, einen Text fertig zu stellen und später vielleicht bei einem Waldspaziergang die Herbstsonne zu geniessen. Mit etwas Glück würde ich sogar noch ein wenig an meinem Nicht-Pflichtstoff weiter schreiben. Ein halbes Kapitel, vielleicht sogar ein ganzes…

    Natürlich kam es mal wieder anders: Ein Anruf der Kindergärtnerin aus dem Wald. Das Prinzchen habe sich am Kopf verletzt, ich müsse ihn holen kommen. Kein Problem, Frau Kindergärtnerin, ich lasse selbstverständlich alles stehen und liegen, teile der Redaktion mit, dass die Kolumne sich verspätet und dann sehe ich mal, wo ich ein Auto auftreiben kann, weil unseres gerade nicht zu Hause ist. Meine Schwester kann einspringen, allerdings nicht allzu lange, denn nachher muss ihr Mann zur Arbeit. Eine halbe Stunde lang kurven wir durch den Wald, finden zahlreiche Schulklassen, doch leider nicht die Kindergartenklasse des Prinzchens und weil die Leute aus dem Dorf leider auch nicht wissen, wo der gesuchte Weg ist, fahren wir zurück nach Hause, wo ich noch einmal die Kindergärtnerin anrufe (Nein, ich habe leider derzeit kein Handy und nein, ich will nicht erzählen, wie es dazu gekommen ist. Diese Geschichte ist schlicht zu langweilig.) Ich bekomme eine etwas exaktere Wegbeschreibung, der Nachbar ist so freundlich, mich diesmal in den Wald zu chauffieren. Wieder finden wir den gesuchten Weg nicht, wieder nach Hause, um die Kindergärtnerin um eine noch etwas genauere Wegbeschreibung zu bitten. Und ihr zu sagen, sie solle doch bitte, bitte, bitte, wenn es sich irgendwie machen liesse, an die Strasse runter kommen mit dem Prinzchen, damit wir ihn diesmal auch ganz sicher finden würden.

    Das klappt, fast zwei Stunden nach dem Anruf und damit auch deutlich nach dem Abgabetermin meiner Kolumne nehme ich ein ziemlich trauriges aber Gott sei Dank nur leicht verletztes Prinzchen in Empfang. Nach der Erstversorgung ist klar, dass es für einmal ohne Notarzt geht und so kann ich mich –  ohne mir vorwerfen zu müssen, eine Rabenmutter zu sein –  meinem Text zuwenden, bis die Mittagspause der Apotheke vorbei ist und ich Pflasterstreifen holen kann.

    Ist es unzerbrüchlicher Optimismus oder grenzenlose Naivität, dass ich mir am Ende des Schreibens und vor der Apotheke ein kurzes Bad gönnen will, um wenigstens noch einen Hauch von Freiheit zu geniessen? Egal, was von beidem es ist, nach dem dritten Anruf innerhalb von zehn Minuten ist klar, dass so etwas einfach nicht geht. Mama Venditti soll sich unterstehen, mitten in der Woche so zu tun, als hätte sie Anrecht auf eine kleine Verschnaufpause. 

    Tja, und dann, als Prinzchens Wunde endlich geklebt ist, sind auch schon wieder alle zu Hause und der Teil des Tages, der für einmal ganz langweilig und vorhersehbar mir hätte gehören sollen, ist in gewohnter Ungewöhnlichkeit an mir vorbeigegangen. 

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    Flussufer

    Wie viele Stunden wir wohl dort verbracht haben, die nackten Füsse im Wasser, die Velos am Waldrand parkiert, im Korb ein Picknick? Unzählige müssen es gewesen sein. Wir haben über alles geredet, was uns damals so durch die Köpfe schwirrte. Über die Frage, ob sich Bio lohnt, oder ob alles nur Geldmacherei sei. Über seine Mamma, die immer wieder neue Wege fand, uns im Wege zu stehen. Über mein letztes Kuchendesaster, bei dem der Teig durch die Küche geflogen war. Über die Vorzüge von Tee gegenüber Kaffee. Über gute und schlechte Noten. Über die Frage, was aus uns mal werden sollte, beruflich vor allem, aber auch privat. Über Gustav Klimt, unsere Lehrer, Bob Marley, Christoph Blocher, meine Neffen und Nichten… Und darüber, dass wir eines Tages einen Sohn namens Karlsson haben wollten. 

    Dieser Sohn namens Karlsson postet inzwischen auf Facebook schöne Bilder von genau der Stelle, wo wir jeweils unsere Füsse im Wasser haben baumeln lassen. Es sieht noch genau so aus wie damals, in der Abendsonne erscheint noch immer alles so lieblich. Mein Gefühl sagt mir, es sei erst gestern gewesen, als „Meiner“ und ich noch blutjung und vollkommen naiv unsere schier endlose freie Zeit miteinander am Flussufer verbrachten. Dann aber fange ich an zu rechnen und mir dämmert, dass Karlsson in drei Jahren so alt sein wird wie wir waren, als unsere grösste Sorge war, ob unsere Mütter uns eines Tages einen gemeinsamen Interrail-Trip erlauben würden. 

    Es waren schöne Zeiten, aber ich wünsche mir dennoch nicht, mit Karlsson tauschen zu können. So, wie es heute ist, ist es auch gut. Ich hoffe einfach, dass der Karlsson, von dem wir am Flussufer geträumt haben, auch solche Erinnerungen sammeln darf, ehe ihm das Erwachsenenleben die Musse raubt. 

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    Der böse (Un)bekannte

    Verstehen kann ich es natürlich schon. Welche Mutter – und welcher Vater – möchte denn schon, dass dem geliebten Kind etwas zustösst, dass es zum Opfer eines durch und durch gestörten Menschen wird? Absolut nachvollziehbar also, dass die Briefe, die von den Schulleitern nach Hause geschickt werden, um vor dem „bösen Unbekannten“ zu warnen, die Runde in den sozialen Medien machen. Hier ein Mann, der versucht hat, zwei Mädchen in sein Auto zu locken, dort einer, der einem kleinen Jungen hat weis machen wollen, die Mama sei im Spital und habe ihn gebeten, das Kind von der Schule abzuholen. Meistens enden die Briefe mit dem beruhigenden Hinweis, die Kinder hätten sich zu wehren gewusst, hätten nach dem mit den Eltern vereinbarten Passwort gefragt oder seien einfach davongerannt. Gut gemacht, Kinder.

    (Manchmal liest man dann zwei, drei Tage später in der Presse, der Vorfall habe sich gar nicht so, wie im Elternbrief beschrieben, ereignet. Der böse Unbekannte sei in Wirklichkeit der Fahrer eines Autos gewesen, der aus lauter Zufall an dieser Ecke angehalten habe. Aber beim Erscheinen dieser Pressemitteilungen hat sich die elterliche Angst bereits einem erneuten Fall zugewendet.)

    Wie gesagt, ich kann die Angst vor dem „bösen Unbekannten“ verstehen, auch mich packt sie hin und wieder. Dennoch frage ich mich, ob wir Eltern uns nicht in einer falschen Sicherheit wiegen, wenn wir die Kinder einzig auf die Begegnung mit ihm vorbereiten. Natürlich ist das wichtig. Wie oft aber kann der „böse Bekannte“ ganz ungehindert sein Unwesen treiben, weil wir Eltern wie gebannt auf den „bösen Unbekannten“ starren? Das verstehe ich offen gestanden nicht, denn während der „böse Unbekannte“ für die meisten von uns – Gott sei Dank – eine unfassbare Angst bleibt, hat der „böse Bekannte“ nicht wenigen von uns, die wir uns um unsere Kinder sorgen, im Laufe des Lebens Schaden zugefügt. Warum also bereiten wir unsere Kinder so wenig auf die Begegnung mit ihm vor? (Nein, es muss nicht unbedingt ein Verwandter oder der Sporttrainer sein, auch Lehrer, Nachbarn und sogar Mitschüler beherrschen das grausame Spiel ganz gut.) 

    Vielleicht gerade weil wir ihn kennen und ihm deshalb nicht zu nahe treten wollen, wenn er unsere Kinder zu verletzen droht? Vielleicht weil man sich vor dem, was man selber durchgemacht und überstanden hat, weniger fürchtet als vor dem, was man in den Medien liest? Vielleicht, weil hinsehen alte Wunden aufreissen würde? Vielleicht aber auch, weil die Scham zu gross ist, den Kindern offen von dem zu erzählen, was zutiefst verletzend war? 

    Ich geb’s ja zu, es ist nicht ganz einfach, mit den Kindern über den „bösen Bekannten“ zu reden. Bleiben lassen sollten wir es dennoch nicht. 

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    Expertengespür

    Von Anfang an hat die Kinderärztin es mir eingeschärft: „Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Kind nicht mehr zu kennen, dann sollten Sie zum Arzt gehen. Sie kennen Ihr Kind am allerbesten und spüren darum auch am besten, wenn etwas nicht mehr stimmt.“ Ein einleuchtender Grundsatz, und doch hat es viele Jahre gedauert, bis ich nicht nur verstand, was sie damit meinte, sondern auch entsprechend zu handeln lernte. Mir fehlte das Selbstbewusstsein, dass ich zwar keine Expertin in Sachen Medizin bin, sehr wohl aber eine Expertin in Sachen Karlsson, Luise, FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen. Zu gross war mein Respekt vor dem medizinischen Wissen, über das entsprechend ausgebildete Menschen verfügen, das mir aber mangels einer solchen Ausbildung fehlt. 

    Geändert hat sich dies erst, als ich mehrmals erlebte, wie ich mit meiner mütterlichen Intuition den Ärzten eine halbe Nasenlänge voraus war. So konnte man zum Beispiel Luises Blinddarmentzündung erst dann zweifelsfrei belegen, als der miese Kerl entfernt war, mir aber war bereits bei der Anmeldung auf der Notaufnahme klar, dass er es sein musste, der mein Töchterchen vor lauter Schmerzen schreien liess. Zwei oder drei ähnliche Begebenheiten führten mir endlich vor Augen, was ich in meinem Kopf bereits wusste: Als Mutter spürst du sehr genau, wann du deinem Kind selber helfen kannst und wann es medizinische Hilfe braucht.

    Zugegeben, dieses Gespür kommt nicht über Nacht. Erst einmal brauchst du ein paar Jahre, um herauszufinden, wie jedes deiner Kinder in Sachen Krankheit tickt. Die einen – Karlsson, zum Beispiel – machen wegen jeder Bagatelle ein Geschrei, werden dann aber plötzlich ganz still und schlucken ihren Schmerz tapfer hinunter, wenn es ernst ist. Andere wiederum – bei uns der FeuerwehrRitterRömerPirat – sind so meisterhaft im Vortäuschen von Beschwerden, dass du ziemlich viel Übung brauchst, um zu erkennen, wann sie wirklich krank sind. Am einfachsten in Sachen Krankheit sind wohl Kinder wie der Zoowärter: Fast nie krank, wenn aber, dann gleich richtig und dann können sie dir auch sehr genau sagen, wo und wie es wehtut. 

    Nicht nur das Verhalten der Kinder, auch der mütterliche Umgang mit diesem Gespür hat einen Einfluss darauf, wie wirksam es ist. Die leise innere Stimme lässt sich zum Beispiel ganz leicht mit Panikmache übertönen. Im Internet und im Gespräch mit der Schwiegermutter lässt sich ausreichend Material finden, mit dem man sich so richtig schön in eine Panikattacke hochschaukeln kann. Dann geschieht es, dass du heulend vor den Pforten der Notaufnahme stehst, obschon du tief in deinem Inneren wüsstest, dass du getrost noch abwarten könntest. Du kannst dir dieses Gespür auch klein reden lassen von irgend einem schnöseligen Assistenzarzt, der noch nicht begriffen hat, dass Eltern die besten Partner sind, wenn es um die Gesundheit eines Kindes geht und darum herablassend meint: „Woher wollen Sie denn wissen, dass es der Blinddarm ist?“ (Dies, meine Lieben, ist ein wortgetreues Zitat.) Natürlich kannst du dieses Gespür auch zur alleingültigen Wahrheit erheben. Schmerzhaft, wenn du dir irgendwann kleinlaut eingestehen musst, dass du dieses eine Mal vielleicht doch besser auf den Arzt gehört hättest. 

    Mir scheint, inzwischen hätten auch viele Ärzte gelernt, dem Gespür der Eltern ein gewisses Gewicht beizumessen. Immer öfter fallen auf der Visite Fragen wie „Wie erleben Sie ihr Kind? Haben Sie den Eindruck, es spreche gut an auf die Behandlung? Antwortet es verlangsamt, oder entspricht dies seiner Art?“ So allmählich scheint man zu begreifen, dass Kinder am besten gesund werden, wenn man sie selber und auch ihre Eltern in die Behandlung mit einbezieht.

    Auch ich fange endlich an, etwas zu begreifen und zwar dies: Im Spital pflegen sie dein Kind nur so lange, bis keine Gefahr mehr besteht und es gesund genug ist, um nach Hause zu gehen. Ob es auch gesund genug ist, den Alltag wieder in Angriff zu nehmen, liegt in meinem Ermessen, denn jetzt, wo die Experten getan haben, was ich nicht tun konnte, ist wieder meine Expertenwissen gefragt. Und dieses Wissen sagt mir, dass der Zoowärter noch längst nicht fit genug ist für Kopfarbeit. Darum ignoriere ich auch die Bemerkung der Lehrerin, der Zoowärter solle doch bitte übers Wochenende schon mal ein paar Hausaufgaben machen. 

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    Das Schreckgespenst gibt sich zahm

    Die Hirnhautentzündung ist ein Schreckgespenst, vor dem nicht nur ich grossen Respekt habe. Die meisten von uns bekommen ein mulmiges Gefühl, wenn wir davon hören und vor allem wir Eltern rennen lieber einmal zu viel zum Arzt, aus Angst vor dem, was es anrichten könnte. Inzwischen kann ich dieses Schreckgespenst bereits zum zweiten Mal aus nächster Nähe bei seiner furchterregenden Arbeit beobachten und allmählich dämmert mir, dass es ganz unterschiedlich kann.

    Bei „Meinem“ erzwang es mit furchterregend hohem Fieber, heftigen Gleichgewichts- und Sprachstörungen und extremer Schwäche einen längeren Berufsausfall und noch heute, fast zwei Jahre später, erinnert es uns mit Lärmempfindlichkeit und kleinen Gedächtnislücken daran, dass es ihn mal besucht hat. Und das Ganze war noch harmlos im Vergleich zu dem, was andere erleben.

    Beim Zoowärter hingegen gibt es sich ganz zahm. Okay, da sind die heftigen Kopfschmerzen, die ohne regelmässige Gabe von Schmerzmitteln nicht zu ertragen wären. Ansonsten aber tut das Gespenst so, als wäre es gar nicht da. Kein Fieber und auch sonst keine Beeintächtigungen, mal abgesehen von einer Appetitlosigkeit, die dem gut genährten Kind aber nicht schadet. Und weil es derzeit ganz danach aussieht, als sei das Gespenst auf ganz anderem Weg zum Zoowärter gekommen als zu „Meinem“, redet man bereits davon, dass der Junge das Spital morgen wieder verlassen kann, denn die Medikamente kann man ihm auch zu Hause verabreichen.

    Meinen Respekt vor dem Schreckgespenst habe ich durch diese zwei Begegnungen nicht verloren, aber immerhin habe ich das Gefühl, es jetzt ein wenig zu kennen. Und weil man mit Bekannten offener reden kann als mit Fremden, werde ich es höflich bitten, uns in Zukunft nicht mehr zu besuchen. Denn auch wenn es sich beim Zoowärter äusserst gesittet aufführt, so finde ich doch, wir hätten jetzt genug miteinander zu tun gehabt.

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