Nostalgiewelle

Weil Luise und ich nicht wollen, dass Karlsson unsere noch immer namenlose Katze Pamela nennt, suchen wir verzweifelt nach einem anständigen Namen. „La Luna“, schlug Luise heute vor und wie es sich gehört für eine, die in den Neunzigern ein Teenager war, machte ich unsere Kinder mit Belinda Carlisle vertraut, anstatt weiter nach Katzennamen zu suchen (obschon La Luna auch nicht viel besser ist als Pamela). Ob ich denn auch anständige Musik gehört hätte, als ich jung war, wollte eines der Kinder wissen und so kamen wir von Belinda zu Simply Red, von Simply Red zu Bob Marley, dann machten wir dem FeuerwehrRitterRömerPiraten zuliebe einen Umweg über Michael Jackson und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir früher oder später bei Peter Tosh gelandet wären, doch soweit kam es nicht mehr.

Mit seiner lautstarken Forderung, er wolle jetzt sofort sein Lieblingslied hören, setzte der Zoowärter meiner Nostalgiewelle ein abruptes Ende. Nach fast 3 Minuten „Hier ist alles super. Hier ist alles cool, denn du bist nicht allein…“, schäme ich mich keiner meiner musikalischen Jugendsünden mehr. So peinlich wie der Lego Movie-Titelsong waren nicht mal Milli Vanilli.

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40

Zugegeben, vor dieser Zahl habe ich mich ein wenig gefürchtet. Nicht sehr, aber genug, um den Tag nicht gerade herbeizusehnen. Jetzt, wo er da ist, finde ich es aber gar nicht mehr so schlimm. Ist ja nur eine Zahl. Und eigentlich ist es  gar nicht so schlecht, zu stehen, wo ich inzwischen angekommen bin.

Als Frau, die glaubt, sich selber gefunden zu haben und nur noch nach der Nische suchen muss, in der sich dieses Selbst austoben kann.

Als Glaubende, die mehr Fragen als in Stein gemeisselte Antworten hat. 

Als Mutter, die an guten Tagen ernten darf, was sie gesät hat. (An schlechten Tagen übrigens auch, aber davon reden wir heute nicht…)

Als Schreibende, die zwar noch immer jedes einzelne Wort dem unberechenbaren Alltag abtrotzen muss, die sich das Schreiben aber nicht mehr nehmen lässt. 

Als Partnerin, die immer noch denkt, dass sie das grosse Los gezogen hat. 

Als Mensch unter erstaunlich vielen liebenswerten Menschen. (Wenn man so die Zeitung liest, könnte man gar nicht meinen, dass es auf diesem elenden Planeten so viele nette Menschen gibt…)

Erwachsen? Na ja, dort, wo es unbedingt sein muss, schon. Ansonsten immer weniger. 

Zufrieden? An der Oberfläche nicht immer, aber tief drinnen, dort wo es wirklich zählt, wohl schon. Und im Grossen und Ganzen versöhnt mit den Dingen, die in den vergangenen 40 Jahren nicht ganz so schön waren wie im Bilderbuch.

Nur eine Sache macht mir wirklich zu schaffen: Da fragt mich heute meine Schwester, was ich mir zum Geburtstag wünsche. Ich sage: „Weltfrieden“ und sie sagt: „Das kann ich dir nicht geben.“ Himmel, wozu sind runde Geburtstage da, wenn man nicht mal bekommt, was man sich wünscht?

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Zuckersüss, rosarot und geblümt

Das Prinzchen will backen. So richtig tolle Sachen, wie sie momentan gerade im Trend sind. Darum wünscht er sich zum Geburtstag ganz viel Backzubehör. Nein, nicht das Baustellen- und Piratenschiff-Zeugs, das kleine Jungs angeblich so toll finden, sondern das Zuckersüsse, Rosarote, Geblümte. Mich freut das natürlich, zeigt es mir doch, dass das Prinzchen verstanden hat, dass seine Männlichkeit – die ihm sehr wichtig ist – durch seinen Hang zum Kitsch nicht in Frage gestellt wird. Mich freut es auch, weil ich endlich mal wieder so richtig viel Kitsch einkaufen darf. 

Weniger erfreut bin ich, wenn ich mir die Kinder-Backbücher ansehe. Die Botschaft der Verlage ist klar: Jungs mögen wohl backen, aber ganz bestimmt nicht zuckersüss, rosarot und geblümt. Vielleicht backen sie Brot über dem Lagerfeuer oder Pizza im Steinofen, aber sicher keine Cupcakes und Cake Pops. Solche Sachen gehören ins Revier von Hello Kitty und den Disney Prinzessinnen und in dieses Revier wird sich das Prinzchen nicht verirren, so sehr er auch für kitschige Törtchen zu begeistern ist. 

Keine Frage, ich werde so lange suchen, bis ich ein Prinzchen-verträgliches Backbuch finde. Der Gedanke, dass zuckersüss, rosarot und geblümt auch im Jahr 2014 nach Christus den Frauen vorbehalten sein soll, will trotzdem nicht so recht in meinen Kopf. 

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Familienmesse

Eine Wiege, die auf Knopfdruck das Baby wiegt. 

Papas, die am Glücksrad kleine Kinder zur Seite schubsen, um möglichst bald selber dranzukommen. Was man nicht alles tut, um einen Schlüsselanhänger aus Plastik zu bekommen…

Klopapier in allen Farben des Regenbogens. Nein, nicht nur so leicht pastell, sondern richtig grell und bunt.

Kinderautos, die bis ins Detail den echten Autos nachempfunden sind und die so gebaut sind, dass der kleine Mensch sich auch garantiert kein bisschen bewegen muss, um mit dem Ding vorwärts zu kommen. 

Kleine Mädchen, die schon sehr genau wissen, wie lasziv sie sich beim Fotoshooting räkeln müssen, um beim Casting aus der Masse herauszuragen. 

Shows, die so ohrenbetäubend laut sind, dass sogar kleine Jungs die Halle fluchtartig verlassen, in der sie eigentlich nach Herzenslust Games testen dürften. 

Mamas, die den unvergesslichen Moment, in dem das Kind den 150. Luftballon in die Hand gedrückt bekommt, mit dem Smartphone festhalten. Ein paar Schritte weiter dann ein Bild am Basteltisch. Und dann natürlich ein Foto mit dem Messe-Maskottchen. 

Versicherungsvertreter, die nur die Leute mit Goodies beglücken, die auch ganz bestimmt zu ihrer Zielgruppe gehören. (Unsere Ausbeute war ziemlich mager…)

Plastik. Plastik. Plastik. Plastik. Plastik. Papier. Plastik. Papier. Plastik. Plastik. Plastik.

Ganz anständige Brezeln zum ganz und gar unanständigen Preis von vier Franken fünfzig pro Stück.

Babykram, die kein Baby je brauchen wird. Zu dumm, dass man das nur weiss, wenn man schon mal ein Baby grossgezogen hat. 

Unzählige Versuche, kindliche Bedürfnisse zu wecken, um den Eltern Geld aus der Tasche zu ziehen. 

Oh ja, natürlich, da gab es auch ein paar ganz tolle Spiele, die man in aller Ruhe testen konnte. Kinderfahrzeuge, die wirklich cool sind. Liebevoll gestaltete Puppenhäuser. Musikinstrumente, die man ausprobieren durfte. Doch wie soll man in dem ganzen Trubel noch die Geduld aufbringen, sich die Dinge anzusehen, die eigentlich ungeteilte Aufmerksamkeit verdient hätten?

Warum wir überhaupt hingefahren sind? Weil ich vier Gratis-Tickets hatte. Und weil man sich hin und wieder in Welten begeben sollte, die einem fremd sind, damit man nicht zu einseitig wird.

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Wie viel Abenteuer liegt drin?

Lange haben wir nicht mal den Kindern viel davon erzählt, doch jetzt, wo das Projekt bewilligt ist und die Schuldispens der Kinder schriftlich vorliegt, dreht sich fast alles nur noch um diese zwei Monate, die wir im kommenden Frühling im Ausland verbringen werden. Die Reaktionen der Kinder reichen von „Ich weigere mich, zu packen und dann müsst ihr eben ohne mich gehen“ (Luise) über „Müssen dann alle anderen in den Kindergarten, nur ich nicht?“ (Prinzchen) bis zu „Wenn doch bloss schon April wäre…“ (Karlsson).

Die Reaktion von Freunden und Verwandten:

F & V: „Coooooool! Wohin geht ihr?“

Wir: „Südfrankreich.“

F & V: „Äääääh….“

Wir: „Die Kinder wollen auf gar keinen Fall in den Norden. Aber Südfrankreich ist ja auch toll. Und für unser Projekt ganz ideal…“

F & V: „Ääääääh….“

Ich kann die Reaktion durchaus verstehen. Mir ging’s anfangs ganz ähnlich. Da hat man einmal im Leben die Chance, mit der Familie zu verreisen und dann schafft man es nicht weiter als bis ins Nachbarland. Schon mal was von Südamerika gehört? Von Hawaii? Von Indien? Von Madagaskar? Oder von der Arktis?

Klar doch, ja, davon gehört haben wir auch schon und von der einen oder anderen Sache auch schon geträumt. Aber das alles ist uns…na ja, wie soll ich sagen?…ein wenig zu…also nur ein ganz kleines bisschen…zu…ääähm…abenteuerlich. Die Begegnungen mit fremden Kulturen fänden wir zwar durchaus reizvoll und auch vor einer langen, komplizierten Reise fürchten wir uns nicht –  Immerhin sind wir schon unversehrt der Deutschen Bahn entstiegen –  und nicht mal der Aufwand mit Visa, Impfungen und dergleichen würde uns abschrecken.

Die Sache, vor der wir uns fürchten, ist das eigene Familienchaos, das uns ganz bestimmt auch ins Ausland begleiten wird. Nur schon bei der Frage, ob Prinzchens Bä! eine Einreisebewilligung in die USA bekäme, wird’s kritisch. Oder nehmen wir mal an, eine ähnliche Geschichte wie diejenige mit Karlssons geplatztem Blinddarm würde sich in einem Land abspielen, dessen Sprache wir nicht mächtig sind… Allein schon beim Gedanken daran laufen mir kalte Schauer über den Rücken. Dann wären da noch der FeuerwehrRitterRömerPirat, der schon in Prag mit Reisedurchfall zu kämpfen hatte und  Zoowärters ausgeprägte Arachnophobie, die bereits im heimischen Garten zu einem echten Problem werden kann. Gewisse Reiseziele sind also zum Vornherein ausgeschlossen. Und was, wenn Luises Heimweh so schlimm wird, dass sie ganz dringend Besuch aus der Heimat braucht? Die Grossmama lässt sich bestimmt nicht nach Hong Kong einfliegen, aber über Südfrankreich liesse sie vielleicht mit sich reden, obschon sie Auslandreisen vor langer Zeit abgeschworen hat. Und dann wäre noch die Sache mit dem Homeschooling, die wir der Schule versprochen haben, damit sie unsere Kinder ziehen lassen. Das erste Protestgeschrei – „Nein, wir schreiben ganz bestimmt keinen Reiseblog! Wie doof ist denn das?!“ – lässt mich ahnen, dass in diesem Bereich mit Widerstand zu rechnen ist.

So schön es auch sein mag, Länder zu bereisen, die wir noch nie bereist haben, das Abenteuer, mit unserer Familie unterwegs zu sein, bietet mehr als genug Potential für Überraschungen. Da bleiben wir doch lieber in der Nähe, wo uns die Dinge mehr oder weniger vertraut sind.

Ach, herrje, wie klingt dieser letzte Satz doch kleinkariert!

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Gewohnt ungewöhnlich

Er ist gekommen, der Tag, an dem ich zur nicht ganz schmerzfreien Erkenntnis komme, dass es gewöhnliche Tage in meinem Leben ganz einfach nicht gibt. Ich meine diese Tage, an denen du abends zufrieden sagen kannst, dass du mehr oder weniger das erreicht hast, was du dir am Morgen vorgenommen hast. Tage, die so vollkommen frei waren von Drama, dass du abends nicht so recht weisst, was du bloggen sollst. Okay, manchmal schreibe ich abends wirklich nicht mehr, dann aber meistens, weil ich vollkommen durch den Wind bin, weil der Tag mal wieder gemacht hat, was er will.

Dabei gibt es in meinem Leben inzwischen durchaus Tage, die das Potential dazu hätten, ganz vorhersehbar und langweilig zu werden. Heute zum Beispiel standen die Chancen so gut wie noch selten: Vier Kinder von acht bis halb drei auf Sternwanderung, „Meiner“ mit seiner Schulklasse ebenfalls irgendwo im Wald und Karlsson auf einer Betriebsbesichtigung im Medienhaus, weil er sich – unter gewissen Umständen, vielleicht, wenn nichts anderes interessanter ist – vorstellen könnte, irgendwann mal in Mamas journalistische Fussstapfen zu treten. Eine seltene Gelegenheit also, mal in aller Seelenruhe meine Zeitungskolumne zu schreiben, ein paar Interviewpartnerinnen anzurufen, einen Text fertig zu stellen und später vielleicht bei einem Waldspaziergang die Herbstsonne zu geniessen. Mit etwas Glück würde ich sogar noch ein wenig an meinem Nicht-Pflichtstoff weiter schreiben. Ein halbes Kapitel, vielleicht sogar ein ganzes…

Natürlich kam es mal wieder anders: Ein Anruf der Kindergärtnerin aus dem Wald. Das Prinzchen habe sich am Kopf verletzt, ich müsse ihn holen kommen. Kein Problem, Frau Kindergärtnerin, ich lasse selbstverständlich alles stehen und liegen, teile der Redaktion mit, dass die Kolumne sich verspätet und dann sehe ich mal, wo ich ein Auto auftreiben kann, weil unseres gerade nicht zu Hause ist. Meine Schwester kann einspringen, allerdings nicht allzu lange, denn nachher muss ihr Mann zur Arbeit. Eine halbe Stunde lang kurven wir durch den Wald, finden zahlreiche Schulklassen, doch leider nicht die Kindergartenklasse des Prinzchens und weil die Leute aus dem Dorf leider auch nicht wissen, wo der gesuchte Weg ist, fahren wir zurück nach Hause, wo ich noch einmal die Kindergärtnerin anrufe (Nein, ich habe leider derzeit kein Handy und nein, ich will nicht erzählen, wie es dazu gekommen ist. Diese Geschichte ist schlicht zu langweilig.) Ich bekomme eine etwas exaktere Wegbeschreibung, der Nachbar ist so freundlich, mich diesmal in den Wald zu chauffieren. Wieder finden wir den gesuchten Weg nicht, wieder nach Hause, um die Kindergärtnerin um eine noch etwas genauere Wegbeschreibung zu bitten. Und ihr zu sagen, sie solle doch bitte, bitte, bitte, wenn es sich irgendwie machen liesse, an die Strasse runter kommen mit dem Prinzchen, damit wir ihn diesmal auch ganz sicher finden würden.

Das klappt, fast zwei Stunden nach dem Anruf und damit auch deutlich nach dem Abgabetermin meiner Kolumne nehme ich ein ziemlich trauriges aber Gott sei Dank nur leicht verletztes Prinzchen in Empfang. Nach der Erstversorgung ist klar, dass es für einmal ohne Notarzt geht und so kann ich mich –  ohne mir vorwerfen zu müssen, eine Rabenmutter zu sein –  meinem Text zuwenden, bis die Mittagspause der Apotheke vorbei ist und ich Pflasterstreifen holen kann.

Ist es unzerbrüchlicher Optimismus oder grenzenlose Naivität, dass ich mir am Ende des Schreibens und vor der Apotheke ein kurzes Bad gönnen will, um wenigstens noch einen Hauch von Freiheit zu geniessen? Egal, was von beidem es ist, nach dem dritten Anruf innerhalb von zehn Minuten ist klar, dass so etwas einfach nicht geht. Mama Venditti soll sich unterstehen, mitten in der Woche so zu tun, als hätte sie Anrecht auf eine kleine Verschnaufpause. 

Tja, und dann, als Prinzchens Wunde endlich geklebt ist, sind auch schon wieder alle zu Hause und der Teil des Tages, der für einmal ganz langweilig und vorhersehbar mir hätte gehören sollen, ist in gewohnter Ungewöhnlichkeit an mir vorbeigegangen. 

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Ist ja ganz nett, aber…

Das Home Office wird allmählich populär. Endlich. Man scheint zu begreifen, dass man gewisse Arbeiten auch zu Hause am Computer erledigen kann, anstatt erst lange im Stau zu stehen und sich danach im Grossraumbüro durch das Geschwätz der Mitarbeitenden ablenken zu lassen. Einige Chefs haben sogar endlich verstanden, dass Mitarbeitende Kinder haben und gerne Wege finden, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. 

Weil Home Office populär ist, gibt’s jetzt auch Werbung zum Thema. Da sieht man dann den Papa mit Augenklappe und Piratenkopftuch, wie er glücklich und zufrieden an seinem Laptop bei der Arbeit sitzt. Eben noch hat er mit seinen Jungs herumgealbert und jetzt wendet er sich für eine Weile seiner anderen Arbeit zu. Ein hübsches Bild, ich geb’s zu, aber leider eines, das nicht ganz der Realität entspricht.

Das Werbebild des fröhlich arbeitenden Piraten-Papa vermittelt den Eindruck, Home Office müsse man nicht so ganz ernst nehmen, das sei mehr Spass als Arbeit. Es sieht nach purem Vergnügen aus, nicht nach Arbeit, die ebenso seriös erledigt sein will, wie wenn wir mit unseren Kollegen im Büro sässen. Es sieht aus, als könnten wir ganz locker unseren Kindern volle Aufmerksamkeit schenken und zugleich beste Arbeit liefern. Dabei müssen auch wir, die wir zu Hause arbeiten, eine klare Trennung zwischen Familie und Arbeit hinkriegen, denn sonst kümmern wir uns am Ende dann um die Kinder, wenn wir eigentlich arbeiten müssten und dann um die Arbeit, wenn eigentlich die Kinder dran wären. 

„Ist ja bloss eine Werbung. Muss man nicht so ernst nehmen“, mag der eine oder andere einwenden, aber ganz so einfach ist es leider nicht. Wird Home Office nicht ebenso ernst genommen wie Arbeit ausser Hause, dann geschieht das, was ich immer und immer wieder erlebe: Die Lehrerin schickt das Kind wegen einer Bagatelle nach Hause, da „die Mama ja ohnehin da ist“. Bekannte platzen jederzeit zum Kaffee rein, weil man im Home Office ja auch später noch arbeiten kann.   Sogar die eigene Familie erwartet zuweilen stillschweigend, dass man den eigenen Arbeitsplan den Plänen der verschiedenen Familienmitglieder unterordnet, weil man ja flexibel ist. 

Klar, einer der grossen Vorteile von Home Office ist tatsächlich, dass wir umdisponieren können, wenn es mal wirklich brennt. An den anderen Tagen aber möchten auch wir ganz gerne möglichst geregelt unserer Arbeit nachgehen. Damit wir dann, wenn wir fertig sind, die Augenklappe montieren können, um das Schiff zu entern.

Na ja, ich würde mir wohl eher ein Lieder- oder Bilderbuch schnappen oder mit den Kindern in den Garten gehen. Wenn ich denn nicht andauernd in den Bildschirm starren müsste, weil die Arbeit wegen andauernder Unterbrechungen liegen geblieben ist.

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Flussufer

Wie viele Stunden wir wohl dort verbracht haben, die nackten Füsse im Wasser, die Velos am Waldrand parkiert, im Korb ein Picknick? Unzählige müssen es gewesen sein. Wir haben über alles geredet, was uns damals so durch die Köpfe schwirrte. Über die Frage, ob sich Bio lohnt, oder ob alles nur Geldmacherei sei. Über seine Mamma, die immer wieder neue Wege fand, uns im Wege zu stehen. Über mein letztes Kuchendesaster, bei dem der Teig durch die Küche geflogen war. Über die Vorzüge von Tee gegenüber Kaffee. Über gute und schlechte Noten. Über die Frage, was aus uns mal werden sollte, beruflich vor allem, aber auch privat. Über Gustav Klimt, unsere Lehrer, Bob Marley, Christoph Blocher, meine Neffen und Nichten… Und darüber, dass wir eines Tages einen Sohn namens Karlsson haben wollten. 

Dieser Sohn namens Karlsson postet inzwischen auf Facebook schöne Bilder von genau der Stelle, wo wir jeweils unsere Füsse im Wasser haben baumeln lassen. Es sieht noch genau so aus wie damals, in der Abendsonne erscheint noch immer alles so lieblich. Mein Gefühl sagt mir, es sei erst gestern gewesen, als „Meiner“ und ich noch blutjung und vollkommen naiv unsere schier endlose freie Zeit miteinander am Flussufer verbrachten. Dann aber fange ich an zu rechnen und mir dämmert, dass Karlsson in drei Jahren so alt sein wird wie wir waren, als unsere grösste Sorge war, ob unsere Mütter uns eines Tages einen gemeinsamen Interrail-Trip erlauben würden. 

Es waren schöne Zeiten, aber ich wünsche mir dennoch nicht, mit Karlsson tauschen zu können. So, wie es heute ist, ist es auch gut. Ich hoffe einfach, dass der Karlsson, von dem wir am Flussufer geträumt haben, auch solche Erinnerungen sammeln darf, ehe ihm das Erwachsenenleben die Musse raubt. 

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Der böse (Un)bekannte

Verstehen kann ich es natürlich schon. Welche Mutter – und welcher Vater – möchte denn schon, dass dem geliebten Kind etwas zustösst, dass es zum Opfer eines durch und durch gestörten Menschen wird? Absolut nachvollziehbar also, dass die Briefe, die von den Schulleitern nach Hause geschickt werden, um vor dem „bösen Unbekannten“ zu warnen, die Runde in den sozialen Medien machen. Hier ein Mann, der versucht hat, zwei Mädchen in sein Auto zu locken, dort einer, der einem kleinen Jungen hat weis machen wollen, die Mama sei im Spital und habe ihn gebeten, das Kind von der Schule abzuholen. Meistens enden die Briefe mit dem beruhigenden Hinweis, die Kinder hätten sich zu wehren gewusst, hätten nach dem mit den Eltern vereinbarten Passwort gefragt oder seien einfach davongerannt. Gut gemacht, Kinder.

(Manchmal liest man dann zwei, drei Tage später in der Presse, der Vorfall habe sich gar nicht so, wie im Elternbrief beschrieben, ereignet. Der böse Unbekannte sei in Wirklichkeit der Fahrer eines Autos gewesen, der aus lauter Zufall an dieser Ecke angehalten habe. Aber beim Erscheinen dieser Pressemitteilungen hat sich die elterliche Angst bereits einem erneuten Fall zugewendet.)

Wie gesagt, ich kann die Angst vor dem „bösen Unbekannten“ verstehen, auch mich packt sie hin und wieder. Dennoch frage ich mich, ob wir Eltern uns nicht in einer falschen Sicherheit wiegen, wenn wir die Kinder einzig auf die Begegnung mit ihm vorbereiten. Natürlich ist das wichtig. Wie oft aber kann der „böse Bekannte“ ganz ungehindert sein Unwesen treiben, weil wir Eltern wie gebannt auf den „bösen Unbekannten“ starren? Das verstehe ich offen gestanden nicht, denn während der „böse Unbekannte“ für die meisten von uns – Gott sei Dank – eine unfassbare Angst bleibt, hat der „böse Bekannte“ nicht wenigen von uns, die wir uns um unsere Kinder sorgen, im Laufe des Lebens Schaden zugefügt. Warum also bereiten wir unsere Kinder so wenig auf die Begegnung mit ihm vor? (Nein, es muss nicht unbedingt ein Verwandter oder der Sporttrainer sein, auch Lehrer, Nachbarn und sogar Mitschüler beherrschen das grausame Spiel ganz gut.) 

Vielleicht gerade weil wir ihn kennen und ihm deshalb nicht zu nahe treten wollen, wenn er unsere Kinder zu verletzen droht? Vielleicht weil man sich vor dem, was man selber durchgemacht und überstanden hat, weniger fürchtet als vor dem, was man in den Medien liest? Vielleicht, weil hinsehen alte Wunden aufreissen würde? Vielleicht aber auch, weil die Scham zu gross ist, den Kindern offen von dem zu erzählen, was zutiefst verletzend war? 

Ich geb’s ja zu, es ist nicht ganz einfach, mit den Kindern über den „bösen Bekannten“ zu reden. Bleiben lassen sollten wir es dennoch nicht. 

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Gurkenrezept

Ob ich hier vielleicht mal mein Rezept für Essiggurken bringen würde, fragte shadowlessphoenix, als ich vor einiger Zeit darüber berichtete, wie unmöglich es ist, in Aarau eine anständige Gewürzmischung aufzutreiben. Ich versprach, dies zu tun, sobald ich die Gurken zum Verzehr freigegeben hätte und ich wüsste, ob etwas daraus geworden ist. Nun, offiziell müssten die Dinger noch immer schön brav im Regal stehen, bis das Aroma der Gewürze sich so richtig entfaltet hat, doch Luise und „Meiner“ mochten mal wieder nicht so lange warten und weil sie a) nach dem verbotenen Verzehr noch gesund und munter wirken und b) der Meinung sind, die Gurken seien ganz gut herausgekommen, bringe ich das Rezept eben heute schon. Bitte nehmt es mir nicht krumm, wenn ich keine von diesen perfekten „Seht mal her, wie toll ich gleichzeitig kochen, fotografieren und witzig schreiben kann“-Fotoreportage abliefere. Sowas liegt mir nicht. Wenn ich koche, koche ich und das sieht man meiner Küche auch an. Wenn ich schreibe, dann schreibe ich und dann ist mir die Küche egal. Und Essbares in Szene setzen zum Fotografieren kann ich schon gar nicht, wie man dem unterstehenden Bild auf den ersten Blick ansieht. Das Fotografieren müsste also „Meiner“ für mich übernehmen und der nervt nur beim Einmachen, weil er mir andauernd die Gurken wegschnappt.

Jetzt, wo dies alles geklärt ist, kommen wir endlich zum Rezept. Zuerst einmal schleppt man so viele Einmachgurken wie möglich vom Markt an. Einmachgurken? Also Cornichons, Miniature White, Cocktailgurken… – so kleines Zeugs halt, das gut ins Glas passt. Ich schätze, bei mir waren es etwa vier Kilo. Wäre übrigens nett gewesen, ich hätte die Gurken aus meinem eigenen Garten nehmen können, aber der Ertrag lässt in diesem Jahr leider zu wünschen übrig. 

Zum Würzen habe ich getrocknete Dillspitzen, Estragon, rosa Pfeffer, Pimentkörner, gelbe Senfsaat, Koriandersamen und Lorbeerblätter genommen, für die scharfe Version noch eingelegte Pipi Piri-Schoten. Alles bio, natürlich. Dazu zwei Liter stinkbilligen weissen Tafelessig (leider nicht bio) und zwei Liter nicht ganz so billigen weissen Gewürzessig.

Zu Hause kamen dann erst mal die grossen Einmachgläser – ich schwöre auf Weck – zum Sterilisieren  in den Einkochtopf, der Essig mit ca. zwei Liter Wasser und einer grossen Handvoll Gewürze in eine grosse Pfanne zum Aufkochen auf den Herd. Wie, kein Zucker? Nein, kein Zucker. Wir sind hier nicht in Deutschland und schmeissen überall Zucker rein. Ach ja, gewisse Menschen hätten jetzt auch noch die Gurken mit Salz bestreut und über Nacht stehen lassen, aber sowas liegt mir nicht. Solange das Resultat stimmt, verzichte ich gerne auf überflüssige Arbeitsschritte. Ich begnüge mich damit, die Gurken gut zu waschen und diejenigen, die zu gross sind fürs Glas, in Scheiben oder Streifen zu schneiden. 

Wenn die Gläser sterilisiert sind, kommen die Gurken ins Glas, wo sie mit dem Gewürzessig übergossen werden. Immer schön brav ins Glas und nicht über den Rand, wenn ich bitten darf, obschon ein bisschen Essig auf dem Rand angeblich nichts ausmachen soll. Die Piri Piri lasse ich übrigens bei der Hälfte der Gläser weg, weil bekanntlich nicht alle scharf darauf sind. Wenn die Gläser verschlossen sind, kommen sie nochmals für vierzig Minuten in den Einkochtopf und dann an einen dunklen Ort, wo die Gurken schön lange ziehen können, mindestens zwei Wochen, länger schadet auch nicht. Am besten hoch oben im Vorratsschrank lagern, damit Menschen wie Luise, die nicht warten können, nicht rankommen. „Meiner“ gibt sich ja unschuldig und behauptet standhaft, Luise hätte die Gläser jeweils aufgemacht und einer hätte das Zeug danach halt aufessen müssen.

 

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